05.02.1996

Stalins Wunderwaffe

Viktor Suworow ist - angeblich - 1947 geboren und kam - angeblich - mit elf Jahren zur Sowjetarmee. Er besuchte - angeblich - die Suworow-Offiziersschule in Kalinin, 150 Kilometer nordwestlich von Moskau an der oberen Wolga. Leibhaftig kam er 1978 nach England, wo er um politisches Asyl bat. Bekannt wurde er 1989 durch das Buch "Der Eisbrecher", in dem er nachzuweisen suchte, daß Stalin den Krieg gegen Hitler indirekt begonnen habe. Dieses Buch wurde - angeblich - in 18 Sprachen übersetzt. Professor Dr. Dr. Günther Gillessen von der Frankfurter Allgemeinen hält ihn ja für durchaus seriös.

In seinem neuen Buch "Der Tag M" ("M" steht für Mobilmachung) widmet Wladimir Bogdanowitsch Resun - dies sein wirklicher Name - sich wieder seinem Lieblingsthema: dem von Stalin beschlossenen, aber von Hitler vereitelten Angriff der Roten Armee. Um 14 Tage kam der unwissende Hitler dem kriegslüsternen Stalin zuvor. Welch ein Glück!

Suworow bringt einen neuen Beweis. Stalin sei nämlich seit 1936 im Besitz einer Wunderwaffe gewesen, die den Krieg vielleicht sogar hätte verhindern können. Das war der TB-7 (Tjaschelny Bombardirowschtschik), ein schweres, schnelles Bombenflugzeug mit damals unerhörter Reichweite. Diese Maschine hätte eine stattliche Nutzlast, knapp fünf Tonnen Bomben, in bis zu zehn Kilometer Höhe transportieren können - angeblich, so Suworow, von keinem Flakgeschütz und von keinem Jagdflugzeug der damaligen Zeit erreichbar.

Das Wunderflugzeug hatte eine größere Reichweite als die amerikanische Fliegende Festung B-17. 1942 flog Stalins Stellvertreter, der notorisch flugscheue Wjatscheslaw Molotow, an Bord eines TB-7-Bombers durch den von den Deutschen beherrschten Luftraum nach Schottland und dann weiter mit zwei Zwischenlandungen nach Washington. Über Neufundland flog er mit dem Piloten Endel Puusepp (einem späteren Vize-Staatsoberhaupt Estlands) in die Sowjetunion zurück. Wollte Stalin seinen wichtigsten Mitarbeiter, der an Bord des Bombers eine Sauerstoffmaske tragen mußte, auf raffinierte Weise loswerden? Nichts da, er brauchte ihn.

Laut Suworow hatte man lange vor dem Krieg den Befehl zur Auslieferung von tausend Maschinen des Typs TB-7 bis zum November 1940 vorbereitet - angeblich. Stalin aber hat ihn nicht unterschrieben.

Warum nicht, fragt Suworow, und weiß auch die Antwort. Die Maschinen trafen recht ungenau; wollte man Potsdam bombardieren, fiel die tödliche Last vielleicht auf Berlin oder umgekehrt. Stalin wollte aber in Deutschland und Westeuropa nicht die ganze Infrastruktur wiederaufbauen müssen, wenn er den Atlantik erreicht haben würde.

Geringe Zielgenauigkeit also, aber hier kommt der erste Denkfehler: Das konnte man durch wiederholte Angriffe wettmachen oder durch den Einsatz von mehr Flugzeugen. Konnten die etwa genauer bomben?

Wir befinden uns bereits im Atomzeitalter. Man fliegt mit den tausend Bombern vier Einsätze und wirft damit bis zu 20 Kilotonnen, das entspricht einer größeren Vernichtungskraft, als sie in der Bombe von Hiroschima gespeichert war.

Viermal soll Stalin laut Suworow den Befehl zur Serienfertigung gegeben, viermal ihn wiederaufgehoben haben - angeblich. Warum wurden im ganzen Verlauf des Rußland-Krieges keine hundert TB-7 fertiggestellt? Warum kam von acht Maschinen, die in der Nacht vom 10. zum 11. August 1941 auf Befehl des Allerhöchsten Berlin bombardieren sollten, nur eine halbwegs heil zum Abflugsort Puschkin zurück?

Die Antwort ist einfach. Stalin war 1937/38 mit seinen Säuberungen beschäftigt. Sogar der Chefkonstrukteur Andrej Tupolew und der eigentliche Bomberkonstrukteur Wladimir Petljakow wurden vom Schreibtisch weg verhaftet und ins Lager gesteckt. Zweifellos, sie waren Spione und Saboteure. Aber 1940 kam Petljakow wieder frei und 1941 auch Tupolew.

Petljakow hatte die geniale Idee entwickelt, der Vier-Propeller-Maschine einen fünften Turbolader-Motor einzubauen. Auf dem Flug nach Moskau ist der Konstrukteur bei Kasan, wo der TB-7-Bomber gebaut wurde, "tragisch" abgestürzt - angeblich.

Stalin hatte sich einen neuen Chef der Luftstreitkräfte geholt, den 29jährigen General Pawel Rytschagow. 18 Maschinen verließen bis Ende 1940 das neue Flugwerk 124 in Kasan. Wie die Menschen wurden auch die Triebwerke ausgetauscht. Den Chef der strategischen Luftstreitkräfte, Generalleutnant der Flieger Iwan Proskurow, ließ Stalin foltern und im Oktober 1941 liquidieren.

Auch der junge General konnte den alten russischen Schlendrian nicht ändern. Die Industrie war mit der Serienfertigung des komplizierten strategischen Bombers überfordert, die Logistik mit seinem Einsatz. Es fehlte an qualifizierten Technikern und an Kommandeuren, die zu koordinieren verstanden. Zwar gab es dieses Führungspersonal, aber es saß im Gulag. Etliche waren schon tot. Man kann sicher sein, daß hier "Volksschädlinge" rechtzeitig ausgeschaltet worden waren.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung ging sowenig auf wie in Peenemünde bei den V-2-Konstrukteuren Wernher von Brauns. 1944 waren durchschnittlich nur 30 der Großbomber einsatzbereit, die nach dem Absturz Petljakows in Pe-8 umbenannt worden waren. Sie wiesen eine mittlere Einsatzfähigkeit von 65 Prozent auf, die aus den USA gelieferten zweimotorigen B-25 hingegen 90 Prozent.

Bis 1944 rollten 91 Pe-8 vom Band. Wegen der Reichweite wurde das Flugzeug als Lufttaxi für Molotow benutzt. Einige Maschinen griffen im Sommer 1943 während der Panzerschlacht von Kursk deutsche Truppenkonzentrationen an.

Als der Krieg zu Ende ging, waren noch 37 Pe-8 im Bestand der Roten Armee. 2 taten nach der erforderlichen Umrüstung noch bis in die fünfziger Jahre hinein Dienst als Polarflugzeuge. Der fünfte Motor wurde nicht mehr gebraucht.

Aber Stalins Luftwaffe erwarb sich noch unsterblichen Ruhm im Kampf gegen das am Boden liegende Japan. Auch hier brauchte er Punktziele und keine Wüstenei.

Die Wunderwaffe des Wunderknaben Viktor Suworow gab es nicht. Aber wahr ist, daß ohne die von Stalin eingeführten unmenschlichen Methoden seiner Industrialisierung kein anderer Sowjetmensch Hitler die Stirn hätte bieten können, jedenfalls ist das eine diskutable These. Aber das Land mußte Stalins Menschenfeindlichkeit mit Hekatomben an Opfern bezahlen.


DER SPIEGEL 6/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 6/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Stalins Wunderwaffe