05.02.1996

GetränkeSchlank und leicht

Eine badische Agraringenieurin produziert „Lesbenwein“ - garantiert unberührt von Männerhand.
Das Etikett ist schwarz-violett und zeigt die doppelklingige Streitaxt, ein Symbol der Lesbenbewegung. Der Inhalt der Flasche heißt "Corange", ist ein leichter, spritziger Sommerwein - und eine neue Rarität auf dem Getränkemarkt: Frauen haben die Trauben gelesen und in die Kellerei gekarrt, Frauen haben den Wein gekeltert, gelagert und in Flaschen abgefüllt. Der trockene Weiße ist Deutschlands erster Lesbenwein.
"Corange" ist die französische Umschreibung für "Engelhorn", den Nachnamen der Erzeugerin. Elke Engelhorn, 36, war die Idee vor drei Jahren "wie ein Blitz ins Hirn" gefahren. Damals beschloß die Agraringenieurin aus dem badischen Weindorf Wagenstadt, einen stimulierenden Sorgenbrecher für homosexuelle Frauen herzustellen. Von der Lese bis zum Verkorken sollte alles in Lesbenhand liegen. Michael Schaudt, 52, Chef des Weinguts, auf dem Elke Engelhorn arbeitet, stellte 20 Ar Rebland zur Verfügung. Bei der Arbeit durfte er aber nicht helfen.
Produkte von Homosexuellen für Homosexuelle gab es bisher vor allem für Männer. Schwule können Schwulen-Bettwäsche, Schwulen-Socken, Schwulen-Bügelbretter und Schwulen-Comics kaufen. Und damit sie künftig auch noch Schwulen-Wein bechern können, ziehen die Männer nun nach. Horst Mohr, 30, will nach dem Vorbild von "Corange" Rebensaft für Männer produzieren. 200 Liter Spätburgunder, zunächst nur für den Einsatz im Freundeskreis, hat der Kaiserstuhl-Winzer bereits gelagert.
"Lazarus", so heißt der rote Homo-Tropfen, soll zwar vorwiegend schwulen Genießern zur Verfügung stehen. Er dürfe aber auch von Frauen berührt und getrunken werden, gestattet Mohr, "sonst hat das so einen koscheren Charakter". Streng getrenntgeschlechtlicher Wein, formuliert Mohr politisch korrekt, sei "auch eine Art von Ausgrenzung". Überdies sehe er seinen "Lazarus" eher als Wein denn als Vermarktungsidee.
Auch Winzerin Engelhorn will ihre Kreation nicht nur als Gag-Genußmittel verstanden wissen, sondern "als ein Stück Lesbenpolitik". "Corange" transportiere auch eine simple Botschaft, die sie so formuliert: "Daß es jetzt Lesbenwein gibt, zeigt, wie wichtig das Thema Homosexualität ist, und daß niemand Angst haben muß, sich auch am Arbeitsplatz zu outen." Der badische Tropfen, assistierte das Fachblatt Vinum, sei ein Produkt, das "nachdenklich stimmen kann, Fronten schafft und vielleicht so manches Gemüt erhitzt".
Oder auch nicht. Die Winzer in Wagenstadt blieben ganz locker, als sie von Engelhorns Frauen-Flaschen hörten. Sie schmunzelten und machten sich am Stammtisch nur verhalten über den _(* Bei der Probe eines Weines, der ) _(ausschließlich von Frauen hergestellt ) _(wurde. )
"Leschbewie" lustig. Und als der Ortsvorsteher von dem neuartigen Getränk hörte, besuchte er die junge Winzerin gleich, um den Sappho-Saft zu testen. Sein Urteil: "Eher herb."
Auch wenn Großwinzer die neuen Zielgruppen-Weine nicht gerade als bedrohliche Konkurrenzprodukte empfinden - einen Markt scheint es dafür offenbar zu geben. Der Rebensaft für Lesben, den Erzeugerin Engelhorn so beredt politisch begründet, bewährt sich als umsatzfördernde Geschäftsidee.
So bot Engelhorn, die sich in der Freiburger Homo-Szene engagiert, in einem schwul-lesbischen Chor singt und regelmäßig einschlägige Treffs in Karlsruhe, Stuttgart oder München besucht, die Früchte ihrer ersten Ernte bei einem der größten Homo-Märkte, dem Heidelberger "Lesbenfrühling", an. Die Trinkerinnen waren begeistert von der Idee - und griffen kräftig zu.
Knapp 1000 Flaschen Frauen-Wein verkaufte die Agraringenieurin im vergangenen Jahr. Eine Weinhändlerin in Karlsruhe und ein Geschäft in Stuttgart nahmen "Corange" in ihr Sortiment auf.
Demnächst wollen Baden-Württembergs Grüne das politisch bemäntelte Gesöff bei einer Weinprobe in Stuttgart im großen Stil verkosten. Dann könnte es mit dem 94er Corange, von dem nur noch ein paar Dutzend Flaschen in Wagenstadt liegen, "langsam knapp werden" (Engelhorn). Der 95er, genug für fast 2000 Flaschen, lagert noch in einem Stahltank in Wagenstadt.
Dieses Jahr will die Winzerin zusätzlich ein Stück Land mit Müller-Thurgau-Reben pachten. Nach der Weinlese 1996 - natürlich wieder Frauenhandarbeit - wird sie den Müller-Thurgau mit Hefe versetzen und neun Monate lang gären lassen, um anschließend ihr Sortiment um Deutschlands ersten "Lesbensekt" zu erweitern.
Das Geschäft mit dem Homo-Traubensaft läuft nicht schlecht, aber Weinkenner, deren sexuelle Ausrichtung im dunkeln liegt, urteilen zurückhaltend. Der 93er Kerner "war nicht das Gelbe vom Ei", nörgelte das Fachmagazin Vinum, und der 94er "brachte es nur auf 78 Grad Öchsle und entspricht im Typ seiner Schöpferin: schlank, leicht, mit etwas Säurebetonung". Und die unparteiische Önologin Dagmar Ehrlich urteilte im Feinschmecker nüchtern: "Kernig, kurz und sauer - für den Gaumen einer herben Weiblichkeit." Y
"Der 94er entspricht im Typ seiner Schöpferin"
* Bei der Probe eines Weines, der ausschließlich von Frauen hergestellt wurde.

DER SPIEGEL 6/1996
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