01.01.1996

Am Rande des Abgrunds

Die nahende Jahrtausendwende löst Endzeitgefühle aus. Kriege und Umweltängste verschaffen den Propheten des Weltuntergangs wieder Gehör, Kritiker beklagen schon das "apokalyptische Geschwafel". Wiederholt sich nur die Fin-de-siecle-Stimmung des letzten Jahrhunderts? Oder ist wirklich das "Ende der Geschichte" angebrochen?

Berlin, um das Jahr 1895. In den Kneipen und Destillen vor den Toren der großen Fabriken, nach der Schicht bei Borsig und Siemens, reden sich die Arbeiter die Köpfe heiß: Wie wird er aussehen, der "Zukunftsstaat", von dem die Sozialdemokraten schwärmen? Stimmt es überhaupt, was der August Bebel sagt? Vor ein paar Jahren schon, auf dem Erfurter Parteitag, hat er doch behauptet, daß die "bürgerliche Gesellschaft so kräftig auf ihren eigenen Untergang" losarbeite, "daß wir nur den Moment abzuwarten brauchen". Aber wann kommt er denn nun endlich, der große "Kladderadatsch"?

Ein paar Straßen weiter, in den etwas feineren Bierstuben und Lokalen, treffen sich zur selben Zeit Lehrer und Professoren - bürgerliche Intellektuelle, die nicht ungeduldig, sondern ängstlich in die Zukunft blicken. Sie diskutieren über die Rückkehr der Arbeiter aufs Land, über eine Bodenreform, die die Macht der Junker brechen und die Proleten von ihren Umsturzplänen abbringen soll. Das Wachstum der großen Städte, so erklärt einer von ihnen, führe zu "Siechtum und Verfall" der ganzen Gesellschaft.

Berlin, um das Jahr 1895. Auf den Bühnen der Stadt prangern die Naturalisten ihre dekadente Gegenwart an. Gerhart Hauptmann schildert in seinen Dramen den Niedergang des Bürgertums und das Elend der kleinen Leute: Prasserei, Trunksucht und Hochmut zerstören die Familien. Als das Deutsche Theater Hauptmanns "Weber" ins Programm nimmt, kündigt Kaiser Wilhelm II. wegen der "demoralisierenden Tendenz" des Stücks seine Loge.

Dem Kaiser gefallen eher deutschnationale Moralpredigten wie die des Julius Langbehn. Der populäre Schriftsteller, eine Art Uli Wickert des 19. Jahrhunderts, wittert den großen Werteverlust und versichert seiner konservativen Leserschaft, daß sich "das geistige Leben des deutschen Volkes in einem Zustande des langsamen Verfalls" befinde. Max Nordau, ein anderer Bestsellerautor der Zeit, vergleicht die "Degeneration" _(* Gemälde "Die Toteninsel" von ) _(Arnold Böcklin (1885/86). )

des wilhelminischen Reichs gar mit der "Epoche des Todeskampfes der antiken Welt".

Stimmen aus dem Fin de siecle. Künstler und Schriftsteller, Arbeiter, Bürger und Aristokraten teilten dieses Endzeitgefühl. Sie alle ahnten die Heraufkunft eines neuen Zeitalters, und das schon Jahrzehnte vor dem Zusammenbruch der Monarchie im Ersten Weltkrieg.

Doch ist das Fin de siecle wirklich Geschichte? Ängste und Stimmungen des späten 19. Jahrhunderts sind auch im späten 20. noch erstaunlich lebendig.

Berlin, um das Jahr 1995. Alexander Demandt, 58, debattiert mit den Studenten seines Oberseminars an der Freien Universität über Epochen des Verfalls. "Unsere Situation", meint der Professor für Alte Geschichte, "erinnert an das spätantike Rom." Auch damals seien in Gestalt der Westgoten und Vandalen "immer mehr Ausländer hereingelassen" worden, "bis diese dann nach langen Bürgerkriegen einen Schlußstrich unter die marode antike Kultur" gezogen hätten.

Ähnliche Schreckensvisionen plagen den Schriftsteller Botho Strauß, 51, in seiner Charlottenburger Dichterklause. Es zögen "Konflikte herauf, die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen", weissagt der Autor des "Anschwellenden Bocksgesangs". Strauß will bereits die "seismischen Vorzeichen einer größeren Bedrängnis" spüren. Daß es irgendwo in der Fremde Völker gebe, die noch zu "Blutopfern" bereit seien und die ihre "Überlegenheit" auch beweisen würden - daran hat der Autor keinen Zweifel: Früher oder später werde "es Krieg geben".

Berlin, um das Jahr 1995. Heiner Müller, 66, Direktor des Berliner Ensembles, betrachtet die Gegenwart nur noch mit Spott und Zynismus. Auf die Bühne bringt er seit dem Untergang der DDR allein seine Vergangenheit, seine längst zu Klassikern gewordenen Stücke über Germanias Schuld und Niedergang. "Wozu lebt man?" klagt er im Interview. Es gebe "keine Vorstellung von Zukunft mehr. Nur noch massenhaft Szenarien von möglichen Katastrophen: ökologischen, ökonomischen, kriegerischen".

Solche Visionen sind die Spezialität von Rudolf Bahro, 60. Nachdem der ehemalige Reformsozialist ("Die Alternative") einst die Krise des Kommunismus überwinden wollte, versucht er sich nun an der "ökologischen Krise". Seinen Studenten an der Ost-Berliner Humboldt-Universität predigt der Philosoph mit der Inbrunst eines Missionars von der drohenden "Selbstausrottung" des Menschen. Vor der nahenden "Apokalypse", glaubt Bahro, schütze nur eine "spirituelle Mutation" unseres Bewußtseins.

Stimmen aus der Gegenwart. Doch nicht nur in Berlin: Im ganzen Land, ja in der gesamten westlichen Welt macht sich wieder Endzeitstimmung breit.

Der französische Politologe Alain Minc prophezeit das Ende jeglichen Fortschritts und eine "Rückkehr des Mittelalters". Sein amerikanischer Kollege Samuel P. Huntington erwartet einen "Clash of Civilizations", den großen Zusammenprall der Kulturen in West und Ost. Und Hans Magnus Enzensberger glaubt gar an eine "neue Weltordnung unter dem Signum des Bürgerkrieges". Das wahre Ziel des schrecklichen Treibens, so der Münchner Schriftsteller, _(* Oben: Filmszene aus "Waterworld" ) _(von Kevin Costner (1995); unten: ) _(Belagerung Roms durch die Ostgoten im ) _(Jahre 537 (Holzstich um 1880). )

sei die "kollektive Selbstverstümmelung".

Nach Bosnien und Ruanda, nach Solingen, Mölln und Tschernobyl scheint jegliche Hoffnung auf rosige Zeiten und das Gute im Menschen perdu. Soziologen beobachten plötzlich eine "Renaissance des Bösen", Historiker schreiben über die "Geschichte der Hölle", Theologen widmen ihre Wissenschaft dem "Teufel".

Weltweit warten Hunderte von Sekten inbrünstig auf den Weltuntergang und damit auf die Erlösung vom irdischen Elend. Mitunter versuchen selbsternannte Propheten sogar, das große Finale zu beschleunigen wie im März beim Giftgas-Attentat der Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn.

Hierzulande verbreitet der Buchmarkt das Rumoren der Apokalyptiker. Mit immer neuen Titeln wird die "Endzeit" beklagt, die "Endzeit-Stimmung" oder gleich "Das Ende" an und für sich. Kulturkritiker entdecken die "Endzeit-Architektur", das "Ende der Kunstgeschichte" oder "Die Gesellschaft des Verschwindens". Gleich "Fünf Hypothesen zum Untergang der Welt" erscheinen jetzt im Taschenbuch pünktlich zum Jahresende.

Solche Visionen sind weit mehr als nur intellektuelle Gedankenspiele. Vor allem Öko-Apokalypsen haben sich im allgemeinen Bewußtsein so festgesetzt, daß schon Hollywood auf diese Ängste spekuliert: In Kevin Costners Science-fiction-Film "Waterworld" vegetieren die Menschen nach dem Abschmelzen der Polkappen nur noch auf künstlichen Inseln. Und in Kathryn Bigelows Thriller "Strange Days" - demnächst in deutschen Kinos - erlebt ein völlig verdrecktes, anarchisches Los Angeles die letzten beiden Tage des Jahres 1999.

Aber wann soll er eintreten, der Showdown der Weltgeschichte? Auf ein Datum lassen sich die Untergangspropheten des ausgehenden 20. Jahrhunderts in der Regel nicht festlegen. Der französische Philosoph Paul Virilio, 63, ist immerhin leichtsinnig genug, das auszusprechen, was viele fürchten: "Zur Jahrtausendwende wird es einen ungeheuren Kollaps der Politik geben." Und was genau wird geschehen? "Wir müssen durchs Feuer. Zukunft gibt es nur nach der Zerstörung."

Über die Präzision der Angaben Virilios mögen die Apokalyptiker streiten. Fest steht, daß es das Jahr 2000 selbst ist, was Endzeitgefühle heraufbeschwört. Die schlichte Magie der runden Zahl weckt Aberglauben und Hysterie. "Das ist ja nicht irgendein Jahr", schwärmte kürzlich Helmut Kohl. Bei der letzten Jahrtausendwende, so weiß der Kanzler aus alten Büchern, seien die Menschen in hellen Scharen bei Augsburg auf die Felder gezogen, "weil sie den Weltuntergang erwarteten".

Manche Historiker meinen zwar, daß solche Episoden nichts als neuzeitliche Legenden sind. Und doch zeigt die Verbreitung dieser Phantasien, wie angstbesetzt das Jahr 2000 ist. Seit Jahrzehnten dient es als Fixpunkt nahezu jeder Orientierung auf kommende Zeiten, nicht selten steht es als Metapher für Zukunft schlechthin.

Unter dem Titel "Global 2000" publizierten US-Professoren 1980 eine Studie über die Gefahren des schonungslosen Umgangs mit den irdischen Ressourcen. Seither wird fast jede Schreckensbotschaft mit dem Ende des Jahrtausends in Verbindung gebracht, sei es der Anstieg der Weltmeere, das Wachsen des Ozonlochs oder das Artensterben.

Da verkündet ein Experte: "Im Jahr 2000 wird der Storch bei uns ausgestorben sein." Eine Nachrichtenagentur meldet, daß die Bevölkerungszahl Chinas bis zum Jahr 2000 um 100 Millionen steigen werde. Und ein Zirkusdirektor behauptet: "Im Jahr 2000 wird es keinen Zirkus mehr geben." Nur der Startenor Luciano Pavarotti sieht dem Jubeljahr mit Freude entgegen: "Dann wird der Mensch vielleicht auf den Mond gehen, und ich werde dort ein Konzert geben."

Je näher das vielzitierte Datum rückt, desto seltener werden solche zwar naiven, aber immerhin zukunftsfrohen Hoffnungen. Computer-Suchprogramme weisen für jede große Tageszeitung inzwischen täglich mindestens zwei Nennungen der Symbolzahl nach. Und allzuoft steht sie für finstere Perspektiven.

"Im Countdown zum Jahrtausendende mag die Zunahme apokalyptischen Denkens unvermeidlich sein", meint die amerikanische Kulturkritikerin Susan Sontag, 62. Zugleich aber offenbare die westliche Welt auch ein merkwürdiges "Bedürfnis" für derartige "Untergangsphantasien".

Tatsächlich zeigt sich hier eine besondere Schizophrenie der politischen Kultur: Während der Glaube an Wachstum und Fortschritt immer noch Berge versetzen kann, während technische und nicht zuletzt medizinische Innovationen mit Macht und Kapital vorangetrieben werden, trübt sich der Blick auf Gegenwart und Zukunft; berechtigte Sorgen und dubiose Ängste beherrschen das Bewußtsein.

"Daß die Apokalypse Konjunktur hat", bestätigt auch der Germanist Klaus Vondung, 54. Der Siegener Philologe hat jene Mechanismen untersucht, die bei der Entstehung solcher Schreckensbilder wirksam werden. Demnach gehorchen die Endzeitvisionen seit Jahrtausenden den immer wieder gleichen Regeln:

Die Apokalypse (griechisch; übersetzt: Offenbarung) ist dualistisch aufgebaut. Unheilspredigt und Heilserwartung, Hysterie und Hoffnung gehören zusammen. Stets muß die alte, abgelebte, verdorbene Welt in Blut und Feuer vergehen, damit sich aus ihrer Asche das künftige Gottesreich erheben kann.

Vondung entdeckte eine in all diesen Visionen wiederkehrende Spannung _(* Gemälde "Johannes erblickt die ) _(vier apokalyptischen Reiter" von Palma ) _(il Giovane, um 1600. )

zwischen zwei gegensätzlichen Polen, zwischen "Mangel" und "Fülle". Auf der einen Seite steht also ein Gefühl, das allen Menschen vertraut sein dürfte: das Unbehagen darüber, daß die Verhältnisse nicht so sind, wie sie sein sollten.

Auf der anderen Seite findet sich die Sehnsucht nach dem Vollkommenen. Wird nun die Spannung zwischen beiden Polen zu stark, wird der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wunschbild unerträglich, so schieben sich plötzlich apokalyptische Szenarien ins menschliche Hirn.

Offen bleibt freilich die Frage, warum ganze Völker in ihrem Elend ausgerechnet den Traum von der totalen Zerstörung träumen. Womöglich werden solche Bilder in dem, was der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung als das "kollektive Unbewußte" beschrieb, wie in einem Keller gelagert und jeweils bei Bedarf ans Licht geholt. Nur muß sie irgendwann einmal irgend jemand in ebendiesen Keller gebracht haben.

Einige Archäologen und Soziologen spekulieren denn auch, daß die Apokalypse längst stattgefunden habe. Vor ein paar tausend Jahren seien kosmische Katastrophen über die Menschheit hereingebrochen. Damals schon, also in vorgeschichtlicher Zeit, hätten sich die schrecklichen Bilder von Feuersbrünsten und Sintfluten unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben.

Als Beweis wird auch die Johannes-Offenbarung in der Bibel zitiert. Dieser Urtext aller modernen Apokalypsen beschwört in der Tat Bilder herauf, die an einen Meteoriteneinschlag erinnern könnten:
" Und es fuhr wie ein großer Berg mit Feuer brennend "
" ins Meer, und der dritte Teil des Meeres ward Blut, und "
" der dritte Teil der lebendigen Kreaturen im Meer starb, "
" und der dritte Teil der Schiffe ging zugrunde . . . Und "
" es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine "
" Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und "
" über die Wasserbrunnen . . . und viele Menschen starben "
" von den Wassern, denn sie waren bitter geworden. "

Bibelforscher halten die Johannes-Apokalypse allerdings weniger für ein Echo ferner Katastrophen als vielmehr für eine politische Botschaft: Der um 100 nach Christus entstandene Text sollte die sieben verfolgten Christen-Gemeinden in der römischen Provinz Kleinasien moralisch aufrüsten. Das blumig beschriebene Desaster versprach den Anfang vom Ende der Unterdrückung durch die heidnischen Despoten und schließlich das Himmelreich auf Erden.

Seither, von der Spätantike bis in die frühe Neuzeit hinein, haben christliche Sekten und Mönchsorden jede größere Naturkatastrophe, jede Hungersnot und Pestepidemie als Zeichen des anbrechenden Infernos gedeutet. Einigen Fanatikern konnte es allerdings schon damals nicht schnell genug gehen: Die Taboriten zum Beispiel führten im 15. Jahrhundert wahre Vernichtungsfeldzüge gegen alle Feinde Gottes. Und die Wiedertäufer errichteten 1534 in Münster den ersten christlichen Terrorstaat. Andersgläubige wurden kurzerhand umgebracht.

Die gelehrten Theologen hingegen warteten ab und rätselten über den Termin der Zeitenwende. Um 1190 etwa brachte Joachim von Fiore den folgenschweren Begriff vom "Dritten Reich" ins Spiel, das in genau sieben Jahrzehnten anbrechen werde. Nach den Reichen Gottvaters und des Sohnes müsse nun das des Heiligen Geists anfangen. Tausend schöne Jahre solle es währen.

Offizielle kirchliche Lehrmeinung war das allerdings nie. Dem Vatikan paßten solche Vorstellungen, die ja auch seine Macht als endlich und begrenzt erscheinen ließen, überhaupt nicht ins Konzept. Gerade deswegen nutzte Martin Luther gern die Gelegenheit, um der Menschheit im allgemeinen und der heruntergekommenen Papstkirche im besonderen mit dem Weltuntergang zu drohen: Von den - nach seiner Schätzung - 5500 Jahren, die der Welt gewährt worden seien, blieben nur noch zwei Jahrhunderte übrig. Gott, so erklärte der Reformator um 1545, "werde bald mit dem rechten Effect kommen und mit dem jüngsten Tage drein schlagen".

Erst im 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung, lösten sich die Endzeitvisionen von ihren religiösen Wurzeln. Im Paris des Jahres 1789 brach eine neue Epoche rein weltlicher Heilslehren an, die den Menschen der Alten und Neuen Welt genau zwei Jahrhunderte lang, bis zum Jahre 1989, eine Katastrophe nach der anderen bescherte.

Die Jakobiner inszenierten sich die Apokalypse noch mit der Guillotine. Diese Hinrichtungen allerdings waren geradezu symbolische Handlungen im Vergleich zu jenen Blutbädern, mit denen später Nationalsozialisten und Kommunisten ihre goldenen Zeitalter herbeizwingen wollten.

Dabei zählte Karl Marx durchaus zu den optimistischen Apokalyptikern. Der von ihm als naturnotwendig prophezeite Untergang der bürgerlichen Gesellschaft sollte keineswegs in allgemeiner Zerstörung enden. Marx war davon überzeugt, daß die materiellen Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters im irdischen Paradies des Kommunismus überleben würden.

Den Genossen im wilhelminischen Kaiserreich wurde freilich bald klar, daß dies eine Illusion sein mußte. Um 1880 schon diskutierten sie zum Beispiel die "Ernährungsweise" im "Zukunftsstaat". Und stießen bald auf schier unlösbare Widersprüche: "Wenn dann jeder wählen kann, was seinem Appetite entspricht", warnte ein Sozialdemokrat, "wird selbstverständlich niemand Kartoffeln essen wollen. Und der Champagner-Wein, den heute nur die Reichen trinken, reicht dann auch nicht aus."

So nebulös die genauen Umstände des Übergangs in den "Zukunftsstaat" auch sein mochten, so revolutionär gebärdeten sich doch die politischen Führer der Sozialdemokratie - eine riskante Strategie: Zwar band das Versprechen irdischer Glückseligkeit die Massen an die Partei - um 1890 hatte sie schon rund 240 000 Mitglieder -, zugleich aber löste die Umsturz-Rhetorik extreme Existenzängste im bürgerlichen Lager aus.

Und genau diese Ungewißheit, die durch eine Kette von Wirtschaftskrisen in den siebziger und achtziger Jahren noch forcierte Furcht vor dem sozialen Abstieg - diese Ängste also prägten jenen Lebensstil, den schon die Zeitgenossen "Fin de siecle" nannten.

Der Begriff tauchte Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Frankreich auf und wurde bereits 1894 im Brockhaus notiert: "das Allermodernste in Tracht und Sitten, Sprache und Kunst, gewöhnlich mit dem Nebenbegriff des Blasierten und Verkommenen, wie es der Überkultur und Decadence unserer am Ausgange des Jahrhunderts stehenden Zeit entspricht".

Doch die düsteren Todes-Bilder Arnold Böcklins und Max Klingers, die von Weltekel erfüllten Verse Stefan Georges und Hugo von Hofmannsthals, die prachtvoll überladenen Salons und Boudoirs - all diese Symptome von Dekadenz und Verfall waren zugleich auch Anzeichen eines tiefen Widerwillens gegen die Technik, gegen die kräftig voranschreitende Industrialisierung und den sozialen Fortschritt (siehe Kasten Seite 134).

Die Snobs und Dandys in Berlin und London, die Flaneure auf den Boulevards in Paris und Rom mochten ihren Ekel über diese schnöde, zur puren Zweckmäßigkeit strebende Welt noch so kunstvoll zelebrieren - im Innersten zitterten sie vor den vermeintlich dunklen Mächten der Gesellschaft.

"Tobt der Pöbel in den Gassen, ei, mein Kind, so laß ihn schrei''n", dichtete Hofmannsthal 1890 über eine Mai-Demonstration in Wien. Doch die Gelassenheit war nur Fassade, der Dichter hatte längst resigniert: "Während sie uns Zeit noch lassen, wollen wir uns Schönerm weih''n."

"Noch" also war die Zeit nicht abgelaufen, aber das Ende schien unausweichlich. 1893 wurde das Buch "Müde Seelen" des Norwegers Arne Garborg ins Deutsche übersetzt und schnell zu einem Schlüsselroman der Epoche. Den Helden Gabriel Gram quält ein gar schrecklicher Alptraum aus Paris:
" Schwarzfäustige Proletarier stürzen die Vendomesäule, "
" verbrennen Notre-Dame, brechen im Louvre ein und "
" verwandeln mit flinkem Hammer die Venus von Milo in "
" Pochgestein . . . An allen Straßenecken arbeitet die "
" Guillotine wie ein Stampfwerk. Denn alle müssen sterben, "
" deren Hände weiß und deren Nasen zu fein sind für den "
" Duft von Petroleum, Fusel und den Schweiß des Volkes. "

Arroganz und Furcht mischten sich im Bewußtsein der Intellektuellen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Nicht wenige Schriftsteller und Künstler zählten sich zu den letzten Heroen einer verbrauchten, gescheiterten Zivilisation.

"Unsere ganze europäische Cultur", notierte Friedrich Nietzsche um 1888, "bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der ans Ende will."

Doch Nietzsche sah, anders als Marx und dessen Epigonen, keinen Sinn im apokalyptischen Weltgeschehen. Daß die Menschheit "irgend einem Ziel entgegenlaufe", schien ihm eine "sehr unklare und willkürliche Vorstellung".

Dennoch wurde Nietzsche zu einem prominenten Helden des Fin de siecle. Ästheten und Literaten imponierte seine eloquente Kulturkritik - ein Mißverständnis. Denn diese Kritik richtete sich nicht gegen die Industrialisierung und deren Folgen, sondern fundamental gegen die christliche Ethik, die er als "Sklavenmoral" des schlechten Gewissens brandmarkte. Nietzsche propagierte die "Umwertung aller Werte" und stellte dem "Decadent" seiner Zeit den "Übermenschen" als "Antidecadent" entgegen.

Eine weitere Leitfigur der Zeit, der Schriftsteller und Orientalist Paul de Lagarde, zielte mit seinen "Deutschen Schriften" auf ein kleinbürgerliches Publikum. Lagarde polemisierte gegen den Liberalismus und für eine "nationale Religion", gegen den "Materialismus" und für eine neue "völkische Gemeinschaft".

Und vor allem war er ein klassischer Kulturpessimist: "Wir stehen vor dem Bankerotte", schrieb er bereits 1878, ja es sei schon eine "Strafe, das Absterben der Nation mitanzusehen". Der Publizist wollte angeblich sogar "lieber Holz hacken, als dies nichtswürdige civilisierte und gebildete Leben weiter leben".

Lagarde prägte einen ganz neuen völkischen Nationalismus. Der Kapitalismus, so seine Botschaft, ruiniere das Gewachsene, die heile deutsche Welt. Und nur ein gewaltiges Aufbäumen gegen die bösen Mächte der Zerstörung, gegen Juden, Proleten und Liberale, könne den Untergang noch aufhalten.

Das Echo dieser antimodernen Philippika hallte noch bis weit ins 20. Jahrhundert, bis in den Nationalsozialismus hinein. Bauern und kleine Beamte, Handwerker und Angestellte - all jene also, die zu den Verlierern des Fortschritts zählten oder zählen konnten, sahen in Lagarde den Propheten einer neuen, glücklichen Zeit.

Nach der Jahrhundertwende besserte sich die Lage für den wilhelminischen Untertan zunächst. Die Konjunktur hatte Tritt gefaßt und blieb bis zum Ersten Weltkrieg nahezu stabil, der allgemeine Lebensstandard stieg beträchtlich. Und Kaiser Wilhelm II. versetzte weite Kreise der Bevölkerung mit seiner Kolonial- und Flottenpolitik in Aufbruchstimmung. Visionen einer strahlenden Zukunft fanden plötzlich Verbreitung (siehe Kasten Seite 126).

Der Affekt gegen die Moderne blieb freilich bestehen. In Teilen der Arbeiterschaft und des Bildungsbürgertums kamen neue zivilisationsfeindliche Bewegungen auf. Heimatbündler, Lebensreformer und Naturfreunde, Nudisten und die Anhänger des Wandervogels strebten zurück in eine vorindustrielle, ländliche Gesellschaft.

Ludwig Klages, ein Sympathisant der Jugendbewegung, sah schon 1913 eine erste Öko-Apokalypse heraufziehen: Die "giftigen Abwässer der Fabriken verjauchen das lautere Naß der Erde", empörte sich Klages, und der schöne deutsche Wald müsse "Wäldern von Schloten" weichen.

Der Psychologe, der später die Nazis schwer beeindruckte, fühlte bereits "dumpf den Zusammenbruch": Eine "Verwüstungsorgie ohnegleichen" habe "die Menschheit ergriffen", die Zivilisation trage "Züge entfesselter Mordlust".

In den letzten Vorkriegsjahren ließ sich auch die junge Generation expressionistischer Poeten von den Endzeitvisionen des Fin de siecle anstecken. "Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig", klagte der Lyriker Georg Heym um 1910. Also verherrlichte er den "Krieg" als grausigschönes Abenteuer, und sein Kollege Jakob van Hoddis bedichtete das "Weltende" als skurrile Kette von Katastrophen.

Als der große Krieg dann tatsächlich ausbrach, herrschte Begeisterung unter den Intellektuellen. Egoismus, Trübsal und Zwietracht schienen wie weggeblasen. Die Apokalypse war endlich eingetreten - als "reinigendes Gewitter", wie viele im August 1914 noch glaubten. "Es war Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung", erinnerte sich Thomas Mann. Und: "Wir hatten im tiefsten Herzen gefühlt, daß es so mit der Welt, mit unserer Welt nicht mehr weiter gehe."

Das Glück war allerdings nur von kurzer Dauer. Aus dem fröhlichen Schlachten _(* Karikatur aus Vanity Fair von ) _(Carlo Pellegrini. )

wurde ein langer, blutiger Stellungskrieg.

Mit seinem 1918 veröffentlichten Buch über den "Untergang des Abendlandes" traf Oswald Spengler den Geist der Zeit: "Die Geschichte des Menschen im Ganzen ist tragisch", bilanzierte der Nietzsche-Schüler. Kulturelle Großtaten oder gar ein weltumspannendes Reich glücklicher Eintracht seien von der "faustischen Kultur" des Westens nicht mehr zu erwarten.

Dieser Pessimismus prägte viele Intellektuelle der Weimarer Republik, machte sie aber auch anfällig für die Erlösungsversprechen des Faschismus. Nur eine Minderheit verschrieb sich der kommunistischen Heilslehre, darunter auch jener Johannes R. Becher, der 1912 noch in expressionistischen Versen den "großen Weltkrieg" herbeigewünscht hatte.

Der Fall Becher zeigt, wie eng solche apokalyptischen Visionen mit den Utopien des 20. Jahrhunderts verwandt waren: Aus dem Bohemien, der von Stahlgewittern träumte, wurde in den fünfziger Jahren der erste Kulturminister der DDR.

Vier Jahrzehnte später, nach dem Ende des Kommunismus in Osteuropa, werden die Endzeitvisionen auf neue Ziele ausgerichtet. Vor allem im protestantischen Milieu der Kirchentage und Umweltaktiven ist der apokalyptische Sound inzwischen unüberhörbar. Die Gesellschaft stehe "am Rande des Abgrunds", meint etwa der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer, 51. Der Friedenspreisträger des Jahres 1993 erwartet _(* In Geesthacht bei Hamburg 1986. )

"ökologische Katastrophen" in bisher unbekannter Dimension. "Tagtäglich schlägt uns so viel Sinnlosigkeit entgegen, daß wir an der Menschheit zu verzweifeln beginnen."

Längst hat solcherlei Lamento tiefe Spuren hinterlassen. Selbst Kinder, so zeigt eine 1992 erschienene Studie, sind von der Endzeitstimmung infiziert. Halbwüchsige wie der 15jährige Gregor vertreiben sich schon mit Modellrechnungen die Zeit, um herauszufinden, "wann die Welt untergeht". Gregor: "Ich bin auf ungefähr noch höchstens 450 Jahre gekommen."

So notwendig die Warnungen vor Umweltfreveln und die Appelle an ein neues ökologisches Bewußtsein auch sind: Das apokalyptische Tremolo der Öko-Propheten wirkt eher kontraproduktiv, ja gefährlich. Wenn denn wirklich schon alles zu spät ist - und genau so lautet ihre geheime Botschaft -, dann sind alle Anstrengungen, alle Reformen überflüssig.

Herbert Gruhl hat sich immerhin offen zu dieser Botschaft bekannt. "Der Satz vom ökologischen Umbau der Industriegesellschaft ist dummes Geschwätz", meinte der 1993 verstorbene Umweltpolitiker noch kurz vor seinem Tod. Das Wachstum der Weltbevölkerung lasse den notwendigen Ausstieg aus der Industriegesellschaft nicht zu, also würden die neuen Plagen der Zivilisation, die Atomenergie, eine schrankenlose Gentechnik, und neue Seuchen wie Aids zur "Selbstvernichtung" führen.

"Heute gleicht die Menschheit einem mächtigen Stau loser Stämme auf einem breiten Strom", schrieb Gruhl in seinem Buch "Himmelfahrt ins Nichts", aber sie befinde sich schon "kurz vor dem senkrechten Absturz". "Von schroffen Klippen" würden die Stämme "noch einige Momente aufgehalten, um dann plötzlich in die Tiefe zu donnern".

Gruhls Fatalismus entstammt derselben Tradition wie der Optimismus von Hegel und Marx: Der Weltgeschichte wird eine verborgene Kraft - sei es der Strom, sei es der Weltgeist - unterstellt, die, je nach Gusto, ins Reich des Fortschritts oder in das des Todes drängt.

Zudem wappnen sich die Apokalyptiker stets mit Prognosen, die aus der schlichten Hochrechnung des Status quo gewonnen werden. Nach den Voraussagen des Club of Rome aus dem Jahre 1972 zum Beispiel sollten bereits zur Jahrtausendwende die wichtigsten Rohstoffe - Erdöl, Kohle und Uran - erschöpft sein. Davon ist heute keine Rede mehr.

Auch das atomare Inferno schien vielen Intellektuellen in den Jahren des Kalten Krieges unausweichlich. Nach 1982 erklärte der Philosoph Günther Anders, man habe nunmehr "den Tod der Welt oder der Geschichte selbst" ins Auge zu fassen. Das gigantische Arsenal von Atomwaffen lasse keinen Zweifel daran, "daß wir in der Zeit des Endes leben". Möglich ist die atomare Apokalypse noch heute - aber allzu wahrscheinlich ist sie seit 1989 nicht. Der Berliner Historiker Demandt hält sie gar für "ausgeschlossen" (siehe Interview Seite 132).

Schließlich würde auch Enzensberger seinen dramatischen Essay "Ausblicke auf den Bürgerkrieg" (SPIEGEL 25/1993) sicher heute so nicht wieder schreiben. Das Abflauen des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien sowie die Abnahme neonazistischer Gewalt in Deutschland machen sein Schreckensbild nicht falsch, aber doch zumindest inaktuell. Jede Apokalypse ist auch ihrer Zeit verhaftet.

Einige Endzeitvisionen knüpfen jedoch an Motive an, die Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte alt sind. Das gilt besonders für die Technikfeindlichkeit und den tiefen Widerwillen gegen die Moderne, die schon das Fin de siecle kennzeichneten.

Nach dieser Masche versetzt etwa Eugen Drewermann, 55, sein Publikum in Angst und Schrecken: "Das Individuum ist tot", erklärt der Kirchenkritiker pathetisch. An dessen Stelle stehe nun "ein universell vernetztes System der Vermehrung von Geld mit Hilfe von Geld", der böse Kapitalismus also. "Es scheint gegen diese Hydra kein Kraut gewachsen." Hilfe verspreche allenfalls die Besinnung auf den "einzelnen" - also auf jenes Individuum, dessen Tod der katholische Theologe eben noch festgestellt hat.

Drewermanns Verfahren erinnert an das Verhalten jener Selbstmordkandidaten, die den Suizid andeuten, ihn letztlich aber nicht ausführen. Sie inszenieren den Freitod als Hilferuf an ihre Mitwelt. Drewermann spricht von der Katastrophe, nennt jedoch zugleich den vermeintlichen Ausweg: zurück zum Ich.

Im übrigen arbeitet er mit dem jüngsten Schreckensbild der Endzeitapostel, dem "vernetzten System", sprich: der Computer-Gesellschaft. Wer den Rechner zum Teufelszeug erklärt, spekuliert in der Regel nicht auf den großen Knall, sondern auf eine schleichende Apokalypse, auf die Zerstörung abendländischer Werte wie Freiheit und Demokratie.

Der französische Diplomat und Politologe Jean-Marie Guehenno, 46, hat diese Vision in seinem Buch "Das Ende der Demokratie" beschrieben: Weltweit operierende Konzerne vernichten demnach die inneren Bindungskräfte der Nationen und damit die Basis demokratischer Willensbildung. Gefragt ist nur noch das anpassungsfähige, nicht selten korrupte Einzelwesen, das seine Heimat nicht mehr in Städten oder Regionen findet, sondern nur noch im Netz.

Bald schon werden die Menschen vergessen, so Guehennos Prognose, was einmal Freiheit hieß: "Sie sind in tiefen Schlaf versunken, und ihre Lage erinnert an Gulliver in Liliput: gefangen nicht in schweren Ketten, sondern in tausend feinsten, fast unsichtbaren Fäden."

Für Guehennos stille Apokalypse spricht immerhin, daß er nicht die Technik selbst schuldig spricht, sondern den Menschen, der sich ihr blind unterwirft. Viele Denker neigen freilich dazu, dem Computer geradezu dämonische Fähigkeiten zuzuweisen.

So macht der Amerikaner Barry Sanders, 57, ein Anhänger Neil Postmans, den Rechner in seinem jüngsten Buch "Der Verlust der Sprachkultur" für den grassierenden Analphabetismus verantwortlich. Und da die Beweisführung einigermaßen schwierig ist - schließlich läßt sich kein Computer ohne das Studium dickleibiger Benutzerhandbücher bedienen -, muß das Böse in den Maschinen selbst verborgen sein. Selbst wenn sie abgeschaltet seien, argumentiert Sanders, sei nämlich "ein kaum hörbares Summen" erkennbar, "ein Vibrieren im tiefsten Inneren der Maschinen, das mit vorgetäuschtem Leben lockt und fasziniert".

Wer sich von dieser Faszination blenden läßt, behauptet nun Sanders, wird der edlen Bücherwelt auf immer untreu. Selbst das banale Wechselstrom-Brummen eines Netzgerätes führt also schon zum Untergang des Abendlandes.

Dabei wird der Computer die Menschheit womöglich eher vor dem Rückfall in den Analphabetismus früherer Jahrhunderte bewahren als die schönsten Romane für die Upper class - ein Gedanke, der den konservativen Kulturkritikern dieser Schicht naturgemäß fernliegt.

Die versteifen sich lieber auf die Symptome des Verfalls, sei es die angeblich degenerierte Popmusik, die postmoderne Architektur oder seien es die Werke von Andy Warh ol oder Joseph Beuys, die als Indiz für die "Endzeit" der Kunst betrachtet werden.

Wenn freilich etwas apokalyptisch ist an der zeitgenössischen Kunst, dann nicht gleich die ganze Gattung, sondern ihr Inhalt. Gewalt und Tod dringen in die neuen Bilderwelten vor - auch das erinnert an die Kunst des Fin de siecle, nur wird das Morbide heute nicht mehr so stilvoll verklärt wie früher bei den Symbolisten, wie bei Alfred Kubin oder Fernand Khnopff.

Die Kunst-Stars des späten 20. Jahrhunderts liefern absolut düstere Arrangements: Wenn Cindy Sherman medizinische Lehrpuppen zu grotesken Symbolen einer jeder Erotik beraubten Zivilisation _(* Links: Gemälde "Das Seegespenst" ) _(von Alfred Kubin (um 1905); rechts: ) _(Fotoarbeit "Untitled A 314E" von Cindy ) _(Sherman (1994). )

zusammenstellt oder wenn Kiki Smith Wachsfiguren mit Folternarben und Brandwunden versieht - dann ist der Kunst tatsächlich jede Hoffnung abhanden gekommen.

Hier findet sich ein wesentlicher Unterschied zu den Endzeitängsten vergangener Jahrhunderte: Die Untergangsstimmung der Gegenwart kennt nur die "kupierte", also unvollendete Apokalypse, wie der Sprachforscher Klaus Vondung erkannt hat. Die Zeitgenossen leiden an der Vision von einer von Krieg und Katastrophen zerstörten Welt, aber es fehlt ihnen die religiöse oder politische Gewißheit früherer Generationen, daß nach dem großen Schrecken ein goldenes Zeitalter anbricht.

Das dualistische Prinzip der Apokalypse - nach dem Schrecken folgt immer die Erlösung - hat den Menschen über Jahrtausende hinweg die Furcht vor der Zukunft erträglich gemacht. Wer dagegen heute die Katastrophe in Wort und Bild heraufbeschwört, versetzt seine Mitwelt in bisher unbekannte, ja bisweilen lähmende Existenzängste.

Ein Grund mehr also, mit dem "apokalyptischen Geschwätz" (Susan Sontag) möglichst sparsam umzugehen. Zu empfehlen wäre vielmehr Gelassenheit, etwa nach dem Vorbild des amerikanischen Schriftstellers Richard Ford. Nach seiner Meinung zur bevorstehenden Jahrtausendwende befragt, antwortete der Autor lakonisch: "Irgendwann wird 1999 vorbei sein, am nächsten Tag beginnt das Jahr 2000. Na und?" Y

* Gemälde "Die Toteninsel" von Arnold Böcklin (1885/86). * Oben: Filmszene aus "Waterworld" von Kevin Costner (1995); unten: Belagerung Roms durch die Ostgoten im Jahre 537 (Holzstich um 1880). * Gemälde "Johannes erblickt die vier apokalyptischen Reiter" von Palma il Giovane, um 1600. * Karikatur aus Vanity Fair von Carlo Pellegrini. * In Geesthacht bei Hamburg 1986. * Links: Gemälde "Das Seegespenst" von Alfred Kubin (um 1905); rechts: Fotoarbeit "Untitled A 314E" von Cindy Sherman (1994).

DER SPIEGEL 1/1996
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