01.01.1996

FernsehenDie Schattenfrau

Am 1. Januar 1996 um 19.30 Uhr werden ungefähr zehn Millionen Fernsehzuschauer ZDF gucken. Das ist immer so, wenn ein Film von Dieter Wedel läuft. Den Namen dieses Mannes werden die meisten Leute nicht kennen, es sei denn, sie lesen Bild und haben sich gemerkt, daß er mal mit Ingrid Steeger was hatte und mit Hannelore Elsner und daß er im Ruf steht, seinen Hauptdarstellerinnen und natürlich allen seinen Nebendarstellerinnen nachzustellen.
Die meisten Leute werden das Gerät eingeschaltet haben, weil Mario Adorf die Hauptrolle spielt, und vielleicht auch, weil die Fernsehzeitschriften geschrieben haben, daß wieder ein Film läuft von dem Regisseur, der den "Großen Bellheim" gedreht hat.
Gegen 20.35 Uhr werden die Leute sehen, wie Mario Adorf den Nachtklub betritt, der ihm gehört; im Schlepptau einen Drogenboß aus Miami und den Polizeipräsidenten von Frankfurt und den Leiter vom Bauamt, und ihnen wird dämmern: Das ist ein Fernsehfilm darüber, wie in Deutschland Unterwelt und Oberwelt Geschäfte miteinander machen.
Und mitten in diesem Gestrüpp aus Politik und Verbrechen, aus Müll und Kokain wird eine Blondine sitzen, von Wedel so schön in den Nachtklub gesetzt, daß sich Zuschauer fragen werden, woher kenn' ich diese Blonde: aus "Derrick", aus "Der Alte", aus "Wolffs Revier"?
Auch ein gutaussehender Polizist ist auf sie scharf, ein getarnter Ermittler, der im Film und im Nachtklub als Geldschieber Karl von Hellberg herumläuft, um Adorf zur Strecke zu bringen. Er zeigt mit den Augen auf sie und murmelt seinem Kollegen zu: "Vielleicht schaffen wir's, über sie an ihn ranzukommen."
Er streift sie mit Blicken, bis sie spürt, daß sie Zielscheibe ist; sie sucht Schutz hinter ihrem Champagnerglas, hebt die Augenlider, einmal, zweimal. Sie lehnt den Kopf an die Schulter ihres Herrn, dessen Eifersucht und Macht ausreichen, den Aufdringlichen auszulöschen bei seinem nächsten Gang zum Klo.
Natürlich gibt der Mann nicht auf, und natürlich sitzt sie irgendwann in seiner Marmorwohnung, noch im Mantel, und zieht ihn am Jackett auf die Couch und schaut so, wie man schaut, wenn man geküßt werden will, und natürlich ist er so blöd, sie küssen zu wollen, und natürlich dreht sie den Kopf weg und sagt ein wenig traurig: "Ich spiele gern, aber es bedeutet gar nichts."
Wie eine Schlange bewegt sich die Blonde durch die fünfteilige Mafia-Story, ist mal da und wieder weg, und wenn Zuschauer im zweiten Teil am 3. Januar hinüberzappen zu Pro Sieben, können sie die Mafia-Geliebte als Staatsanwältin in "Die Straßen von Berlin" Verbrecher jagen sehen.
Auf dem anderen Kanal spielt Jennifer Nitsch die Genaue, die Unerbittliche, die Strenge, die den fünf Männern ihrer Sonderkommission beibringt, daß da, wo sie geht, steht und liegt, "zotenfreie Zone" ist. Für solche Dressuren braucht die 29jährige keine hochgezogenen Augenbrauen und keine Stirnfalten, da reicht ihre Stimme: so hart, rauh, kalt und leise, als sei sie in einem sibirischen Straflager zur Welt gekommen.
Mit dieser Stimme hat sie in Söhnke Wortmanns Kinoerfolg "Allein unter Frauen" den einzigen Mann in der Wohngemeinschaft zum Kochen, zum Kotzen und zum Glühen gebracht; und mit dieser Stimme hat sie in dem ZDF-Fünfteiler "Nur eine kleine Affäre" drei Männer so lange zu Entscheidungen getrieben, bis ihr der Bayerische Fernsehpreis und der Adolf-Grimme-Preis zugesprochen wurden.
Die eine Jury lobte die Ironie, mit der sie spiele, und den Funken Besonderheit, den niemand lehren könne; die andere Jury sah sie ungekünstelt und "meilenweit aus dem Serien-Sumpf des deutschen Fernsehens herausragen". Auf dem einen Fest drückte sie Edmund Stoiber fest die Hand und flüsterte ihm zu, sie freue sich besonders deshalb über die 25 000 Mark, weil sie ihn nie wähle; und auf der anderen Verleihung pappte sie sich Sekunden vor ihrem Auftritt Klebeband unter ihre hohen Schuhe, weil sie nicht diejenige sein wollte, die die schwarze Showtreppe hinunterfällt. Es flog Sabine Christiansen.
Filmbälle mag sie nicht, weil sie ihr Dekollete nicht fotogen genug findet und weil dort Reporter Fragen stellen nach der Lage des deutschen Films. Bis heute denkt sie über die Antwort auf jene Frage nach, die ihr 1991 ein ZDF-Interviewer bei der Premierenfeier von "Allein unter Frauen" gestellt hatte: "Frau Nitsch, was halten Sie vom neuen Mann im deutschen Mann?"
Nicht einmal den Erfolg dieses einen Films kann sie bis heute erklären, geschweige denn den Erfolg der anderen deutschen Komödien, die dem Wortmann-Film folgten. "Kleine Haie" hat sie gemocht, weil er tatsächlich eine Geschichte erzählt, eine Geschichte von drei Jungen, die auf die Schauspielschule wollen, und weil diese drei sich nicht so aufführten, als seien sie einem Werbespot für Komödien entsprungen.
Kann sein, daß ihr diese Geschichte auch deshalb gefiel, weil sie nie auf einer richtigen Schauspielschule war, nicht einmal in einer Theater AG. Ihr mimisches Talent schulte sie im Alltag eines dieser Internate, die man mit 18 Jahren als Wrack verläßt oder als Musiker, Schriftsteller, Schauspieler.
Weil ihre Eltern sich scheiden ließen, als sie zwei Jahre alt war, hat sie sich früh in ihre eigene Welt zurückgezogen, aus der heraus sie die Menschen beobachtete und sie nachspielte. Ihre Lieblingsrolle: Tür auf, "Tschüs, bis morgen", Tür zu. Ihre Lieblingsfilme: "Frühstück bei Tiffany" und "Aktenzeichen: XY . . . ungelöst". Ihr Lieblingsdialog: "Vielen Dank, Peter Nidetzky in Wien. Wir schalten um zu Konrad Toenz nach Zürich."
Internatsabsolventen glaubt sie noch heute an den Augen zu erkennen, und auch sie hat ihn schon mit acht Jahren gehabt, diesen Blick einer 40jährigen, der sagt: So, du willst dich also von mir scheiden lassen. "Paß auf dein Gesicht auf", riet ihr die Mutter, wenn sie sie mal sah. Mit diesen Schicksalskratzern unter den Augen konnte Jennifer Nitsch schon als 20jährige die Mutter von zwei Kindern spielen, die Straßenhure, die Waschfrau und die Wasserleiche.
Da hatte sie bereits eine Lehre als Kostümbildnerin hinter sich und war es leid, auf dem Film-Set herumzustehen, um darauf zu warten, ob Horst Frank in der nächsten Szene die rote oder die grüne Krawatte tragen wollte.
Ihre erste Rolle: im "Forsthaus Falkenau" einem Jungen eine Ohrfeige geben, der sie sitzengelassen hatte. Ihre zweite Rolle: "Derrick". Ihre beste Idee: durch Deutschland fahren, von Produktionsbüro zu Produktionsbüro, und sich vorstellen. In Hamburg stand sie im Vorzimmer der NDF, ein Regisseur kam heraus: Was stehen Sie hier herum? So wurde sie die TV-Tochter von Christiane Hörbiger.
Bald war sie mittendrin in diesem Roulette, das jeder Schauspieler spielen muß, um irgendwann an Hauptrollen zu kommen, dieses Vabanquespiel von Rollen ablehnen und annehmen, dieses Abwägen, wie klein die Rolle sein darf und wie gut, damit die Karriere nach oben weist und nicht nach unten.
Und wie viele Schauspieler wird sie abhängig von diesem Drehgefühl, von diesem Arbeitsrausch am Set, der sie nach Hause schweben läßt wie einst John Travolta nach jeder durchtanzten Samstagnacht, der sie zu Hause den Staub übersehen läßt und die dreckige Wäsche und den schlechtgelaunten Freund.
Die Guten in dieser Branche, in der man sich selbst schnell aus den Augen verlieren kann, erlebt sie als große Flüchtlinge; und sie beginnt zu verstehen, warum es nach hundert Rollen schwierig werden kann, noch zu wissen, wer man ist. Wann immer sie ein Bürogebäude betritt, fällt sie wieder in diesen selbstbewußten, schlendernden Gang der Bankerin, die sie für einige Wochen war, und das ist schlecht, wenn man gerade als Einbrecherin unterwegs ist.
Wenn sie zu Hause heult und streitet und schreit, hört sie immer öfter, ach, du spielst ja wieder. Aber so was macht sie nur, wenn sie in eine Polizeikontrolle gerät.
Sie ist keine, die sich um 21.30 Uhr mit Gurkenscheiben auf dem Gesicht unter die Rheumadecke legt. Sie will erleben, was sie irgendwann mal spielen soll, und darum gurren bald die schönsten Gerüchte durch die Münchner "Schumann's"-Gesellschaft: Sie sei unglücklich verliebt, immer wieder; sie ziehe Koks rein wie Schnupftabak; sie strippe in Biergärten, ohne Slip.
An diese Nebengeräusche des kleinen Ruhms gewöhnt sie sich schneller als an die kleinen und großen Verrückten: das hysterische Mädchen auf dem Frankfurter Flughafen, das unbedingt ein Autogramm von ihr will, "von Katja Riemann oder so"; der Paparazzo, der sie barbusig abschießt und als "Betthäschen" verkauft; der Vergewaltiger, der sie in eine Toreinfahrt zerrt, weil er es mit ihrer letzten Filmfigur treiben will.
In dem RTL-Movie "Das ist dein Ende" soll sie, die Brokerin einer Frankfurter Bank, von ihrem Abteilungsleiter sexuell verfolgt werden, aber sie ist schlauer und männlicher als Michael Douglas in "Disclosure": Sie setzt sich (breitbeinig) auf seinen Schreibtisch, sie schiebt (sanft) ihren Fuß zwischen seine Beine, sie schaltet (unbemerkt) die Gegensprechanlage ein, sie läßt ihn (laut) schweinisches Zeug reden, sie tritt (sehr fest) zu und stürzt mit offener Bluse ins Vorzimmer - sie ist das Opfer und kriegt seinen Sessel.
Nie in diesem Film, selbst dann nicht, wenn der Verfolger auf einer Geschäftsreise in ihrem Hotelzimmer steht und kalt sagt: "Zieh dich aus", läßt sie die Frau zum Opfer werden. In ihrem Gesicht ist diese Spur von Trotz, mit der sie schlecht eine Verliererin mimen kann.
Sie will den Frauen, die sie spielt, zwei Gesichter geben; sie will der Karrieristin auch etwas Zauderndes geben, der Staatsanwältin auch etwas Verruchtes, der Emanze auch etwas Laszives. Als Schattenbraut in Wedels Mafia-Thriller kann sie verführerisch sein wie eine junge Katze und zickig wie eine Kellnerin, die Feierabend machen möchte. In dem Film "Diebinnen", der im nächsten Jahr in die Kinos kommt, schafft sie es, sich in 90 Minuten vom Blaumann-Mädchen zum Glamourgirl zu wandeln.
In den "Straßen von Berlin", wo sie als Staatsanwältin den Bösen nachstellte, sagte ihr Gefühl nach dem dritten Abenteuer: Nichts wie weg hier. Die Drehbücher waren nicht fertig, die Drehzeiten knapp, die Proben kurz, und wenn sie "Abführen" brüllte, kam sie sich vor wie Thekla Carola Wied.
Wochen ohne Drehtage sind hart wie eine Entziehungskur, aber ein Film, der vor dem ersten Drehtag stirbt, ist wie eine Abtreibung. Eine Junkie-Braut sollte sie im August spielen, an der Seite des "Piraten"; die Haare waren schon süchtig kurz und die Fixer-Uniform hing schon im Schrank, da legte sich der Regisseur ins Krankenbett.
Ihre Künstleragentur schickte ihr zwar jeden zweiten Tag ein neues Drehbuch, damit sie Trost finde in neuen Rollen, aber das waren nur Frauen, die sie nicht interessierten. Weil deren Geschichte langweilte, weil sie am Ende blieben, was sie am Anfang waren, oder weil sie nicht mehr waren als die Geliebte des Klavierlehrers ihres Sohnes.
Dreimal mehr Drehbücher als vor fünf Jahren werfen die Produktionsfirmen unter die Schauspieler, und da braucht man gute Nerven, um ein guter Neinsager zu werden, auch wenn man sich mal faul fühlt, mal eingebildet, mal übergeschnappt.
Von Drehbüchern träumt sie dann, in denen sie Tank Girl ist oder eine Politikerin, die sich vollkommen verrennt, so eine wie Angela Merkel. Oder sie spielt mit Freunden "Wer bin ich": Sprechen mit der Hand, wie es Robert De Niro macht, nesteln am Hals wie Meryl Streep, Kaugummi kauen wie Michelle Pfeiffer. Oder sie wechselt die Wohnung, weil ihr Freund sie zu Kleinholz gemacht hat.
Mittendrin in dieser nutzlosen Zeit wagte ein Conferencier sie zu fragen, wie sie sich nun fühle, jetzt, wo sie aufgestiegen sei von der Regionalliga in die Bundesliga. Sie war ihm nicht besonders böse, weil er es nach der Vorpremiere von Dieter Wedels "Der Schattenmann" fragte, und da hatte sie gerade gesehen, wie schön sie dasitzt in Mario Adorfs Nachtklub und wie fein das Spiel ihrer Augen ist, wenn dieser Karl von Hellberg sie anstarrt.
Die Kopfbewegung allerdings kommt ihr zu stark vor, jetzt, wo sie sich beim Flirten zuschaut. Was damals in ihrem Gesicht passiert ist, kann sie erst jetzt kontrollieren, das kann man nicht spielen, das spielt sich ab.
Neben ihr im Premierenkino sitzt Adorf; sie hat gemerkt, wie sich auch sein Körper spannte vor Aufregung, als er auf der Leinwand erschien, und das hat sie beruhigt. Er murmelt ihr Nettes zu, als sie den Schattenmann auf die Couch zieht, und auch Wedel drückt ihr anerkennend den Arm.
Von einer Reifeprüfung hatte ihre Agentin vor den Dreharbeiten gesprochen und sie vor diesem Besessenen gewarnt, der wird dich anbrüllen, du wirst vier Monate lang nur weinen, aber du wirst einen guten Film machen. Und Kollegen hatten sie damals angeschaut, als müsse sie auf Großwildsafari gehen.
Gebrüllt hat Wedel viel, aber nicht mit ihr, er hat sie begeistert, und per Sie sind sie auch noch. Sie sei nie theatralisch, schwärmt er, sie spiele, was zwischen den Zeilen steht. Sie habe alles, was ein Star braucht, alles, auch die Gier, von Rolle zu Rolle zu stürzen. Y
Mal faul fühlen, mal eingebildet, mal übergeschnappt
Von Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 1/1996
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