24.09.2012

Der Gefangene

Helmut Kohl kann kaum noch reden. Nun reden andere für ihn und beanspruchen Einfluss: die Familie, Gefährten und ein Journalist, der über einen wertvollen Schatz verfügt. Von Jan Fleischhauer und Dirk Kurbjuweit
Jetzt sitzt er da, immer noch massig, aber nicht mehr furchteinflößend, weit zurückgelehnt, der Kopf hängt etwas schief, dunkler Anzug, Krawatte. Der Saal ist voll, die Leute klatschen. Helmut Kohl nimmt das reglos hin, Kameras, ein Wirbel wie früher, als er noch Kanzler war. Ein Helfer dreht den Rollstuhl um, schiebt ihn in die erste Reihe des Bundestags, aber nicht des neuen in Berlin, sondern des alten in Bonn.
Hier war er der Herrscher, nun wird er dafür von der Konrad-Adenauer-Stiftung gefeiert. Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hält die Laudatio. Neben Kohl sitzt seine Frau Maike Kohl-Richter, 48 Jahre alt, heller Anzug. Manchmal beugt sie sich zu ihrem Mann, sagt etwas, er nickt. Sie legt ihre Hand auf seine, streichelt den Handrücken. Als sie vom Redner erwähnt wird, klatscht Kohl, und sie versucht lächelnd, ihn davon abzuhalten.
Er hört, welche großen Taten er vollbracht habe. Manchmal nimmt er mit der linken Hand ein Taschentuch aus seinem Anzug und tupft sich über den Mund.
Was man sieht, ist ein Mann, der ein Schicksal hat. Kohl war im richtigen Augenblick Kanzler und wurde zum Vater der deutschen Einheit und zu einem der Väter des Euro. Als Pensionär ist er schwer gestürzt und kann seitdem weder gehen noch richtig reden. Diese Verbindung, die politische Geschichte und die Gebrechlichkeit des einst machtvollen Mannes, macht sein spätes Leben zu einer Tragödie, die Deutschland immer wieder beschäftigt.
Diese Tage sind besonders rege. Am 1. Oktober jährt sich der Beginn seiner Kanzlerschaft zum 30. Mal. Die CDU wird ihn daher in dieser Woche groß feiern. Die Bundestagsfraktion wird antreten, um sich vor ihm zu verneigen, die Kanzlerin wird sprechen. Der Historiker Hans-Peter Schwarz hat pünktlich zum Jubiläum eine große Biografie vorgelegt, sie sprang sofort in die Bestseller-Liste.
Mit dem Namen Kohl lässt sich immer noch viel anfangen. Man kann mit ihm Geld verdienen, man kann ihn für seine politischen Ziele benutzen. In dieser Woche steht der Altkanzler im Rampenlicht, aber natürlich geht es jenseits des Lobs auch immer um diejenigen, die ihn loben. Neben ihm werden selbst die noch ein Stück wichtiger, die schon wichtig sind.
Kohl ist als Monument der Geschichte inzwischen so groß, dass auch jedes Detail aus seinem Privatleben Wichtigkeit erlangt. Es gibt schon lange keine klare Trennung mehr zwischen dem Privaten und dem Politischen, und es sind in seinem Fall nicht die Medien, sondern die Menschen in seinem engsten Umfeld, die dafür gesorgt haben, dass die Grenze verschwimmt.
Hinter den Kulissen ist ein wütender Kampf entbrannt um Nähe und Zugang. Es wird mit Gerüchten und Verdächtigungen gearbeitet; es gibt wilde Spekulationen über seinen Gesundheitszustand, die Verhältnisse bei ihm zu Hause.
Die "Süddeutsche Zeitung" hat im Juli einen Artikel veröffentlicht, durch den der Eindruck entsteht, Maike Kohl-Richter, die zweite Ehefrau im Leben des Altkanzlers, sperre ihren Mann mehr oder weniger weg. Der Journalist Heribert Schwan, einst ein Vertrauter der Familie Kohl, richtete auf RTL einen dramatischen Appell an die alten Freunde, sich zusammenzutun und Kohl "zu befreien".
Ist der Altkanzler ein Gefangener, eingesperrt von seiner eigenen Frau?
Tag für Tag sitzt er in seinem Bungalow in Ludwigshafen-Oggersheim, rund um die Uhr bewacht und an den Rollstuhl gefesselt. Wie die Insassen einer Burg hocken er und seine Frau da, und die Zugbrücke ist meistens oben.
Das ist traurig genug. Noch trauriger ist die Sprachlosigkeit. Kohl kann kaum noch reden. Der Mann, der durch seine Worte Geschichte gestaltet hat, ist weitgehend verstummt. Das Sprechen fällt ihm schwer, er kann in die Debatte kaum noch eingreifen, kann nicht einmal über sein eigenes Wirken reden. Seine Euro-Politik wird derzeit stark kritisiert, man spricht ihm die Schuld an den Fehlern des Jahrhundertprojekts zu, und Kohl wehrt sich nicht, weil er nicht kann.
Auch das ist noch nicht die ganze Tragödie. Weil Kohl sich kaum noch bewegen und kaum noch reden kann, ist er abhängig von seiner Frau. Sie ist die Hüterin der Zugbrücke, sie ist die Hüterin seiner Worte. Maike Kohl-Richter entscheidet darüber, wer hineinkommt und was herausdringt.
Insofern ist Kohl ein Gefangener, aber vor allem ein Gefangener seines eigenen Körpers, der ihn nahezu wehrlos macht.
Nun muss er mitansehen, wie im eigenen Hofstaat ein Kampf tobt, ein Kampf um Kohl. Ein Teil der Familie und ein Teil der Gefährten wollen nicht, dass die neue Ehefrau so viel Macht hat. Es geht bei diesem Kampf um große Geschichte, und das macht alle so kirre. An Kohl klebt Ewigkeit. Das gilt nicht für viele deutsche Politiker, in den vergangenen 150 Jahren nur für Konrad Adenauer und seine Politik der Westbindung, für den Reichsgründer Bismarck sowie den Reichs- und Weltenvernichter Hitler.
Es geht also um sehr viel, und das macht den Kampf so erbittert. In seinem Zentrum steht Maike Kohl-Richter, die Neue, die plötzlich eindrang in einen Hofstaat, in dem alle Plätze verteilt schienen. Sie hat den Hof durcheinandergewirbelt und wird dafür betrachtet wie eine Lady Macbeth von Oggersheim: die böse Frau, die einen bedeutenden Mann kontrolliert.
Dessen Welt ist nun eingeteilt in Zugelassene und Ausgesperrte. Sie kämpfen gegeneinander, untereinander und gegen Maike Kohl-Richter um ihren Anteil an der großen Geschichte. Es ist ein Verteilungskampf um Bedeutung, der so nur denkbar ist, weil Kohl keine Machtworte mehr sprechen kann. Noch zu Lebzeiten muss er vom Rollstuhl aus hilflos mitansehen, wie seine Geschichte gefleddert wird. Bei anderen passiert das erst, wenn sie tot sind.
Kohl-Richters stärkster Widersacher ist der Journalist Heribert Schwan. Er hat schon eine Biografie über Kohls erste Frau Hannelore geschrieben. Nun plant er den ganz großen Scoop. Es ist ihm gelungen, an einen Großteil von Kohls Akten zu kommen, sogar an dessen Stasi-Akte. Damit will Schwan seine eigene Geschichte von Helmut Kohl erzählen. Der Hofstaat ist schon aufgebracht.
Für den SPIEGEL ist es nicht ganz leicht, in diesem Milieu zu recherchieren. Helmut Kohl hatte das Magazin mit einem Bann belegt. Er las es angeblich nicht, und er gab keine Interviews. An diesen Bann hält sich ein Teil des Hofstaats bis heute. Nun ist es gelungen, einen Zugang zum inneren Zirkel zu finden. Einige Leute haben geredet, streng vertraulich, aber so wurde ein Blick hinter die Mauern möglich, ohne in der Burg gewesen zu sein. Nebenbei war so auch zu erfahren, dass Kohl den SPIEGEL zwar nicht persönlich las, sich aber schon am Sonntagnachmittag von einem seiner Leute im Kanzleramt ausführlich aus dem Heft vorlesen ließ.
Die Tragödie, die sich gerade entfaltet, begann mit einem Unfall. Bis heute ist nicht ganz klar, was genau am 23. Februar 2008 geschah. Der Fahrer Eckhard Seeber hatte den Altkanzler am späten Abend auf dem Kachelboden der Küche in dessen Haus gefunden, den Kopf in einer Blutlache. So wie es aussah, war Kohl ungebremst nach vorn gefallen, möglicherweise Folge eines Schlaganfalls. Die Ärzte diagnostizierten später ein schweres Schädel-Hirn-Trauma.
Es folgten Monate in der Klinik und in Rehabilitationszentren. Im Juli konnte Kohl endlich nach Hause zurückkehren, aber es war schnell klar, dass er sein Leben lang ein Pflegefall bleiben würde. Zwischendurch hieß es, sein Zustand habe sich stabilisiert. Besucher berichteten, er sei im Kopf völlig klar und könne allem folgen. Aber die meisten waren erschrocken, wie mitgenommen er wirkte.
Im Februar dieses Jahres folgte eine Operation am Herzen. Ein enger Freund erklärte nach einem Besuch im April, dass man sich auf das Schlimmste einstellen müsse.
Je weniger Menschen Kohl sehen können, desto mehr wird erzählt. So blühen die Gerüchte und Verdächtigungen. Auch wenn vieles vage ist, sich aus Dritte-Hand-Wissen speist, fügen sich die Teile doch zu einem klaren Bild, und zwar dem eines kranken Mannes, der ganz der Frau ausgeliefert ist, die sich um ihn sorgt. Nach diesen Gerüchten ist Kohl die Geisel von Oggersheim.
Einer vom Hofstaat hat kürzlich mit dem Leibarzt gesprochen, dem Iraner Djawad Moschiry, der Kohl seit vielen Jahren betreut. Sorgenvoll habe der Arzt den Kopf gewiegt, heißt es unter den ehemaligen Vertrauten, die Vereinsamung setze dem Kanzler zu. Ein anderer will in Erfahrung gebracht haben, dass Kohl ganze Tage in seinem Rollstuhl verdämmere, weil seine Frau nicht einmal mehr die Pflegekräfte ins Haus lasse. Auch von endlosen Umbauarbeiten ist die Rede: Ständig würden Wände eingerissen oder verschoben, was den Altkanzler mit Lärm und Dreck belästige. So weit die Geschichten.
Was passiert wirklich in der Burg? Nach den Berichten von Leuten, die in letzter Zeit mit Kohl gesprochen haben, kann er wieder besser reden. Aus dem großen Schweigen sei er heraus, aber viel rede er nicht. Viel rede Maike Kohl-Richter. Wer den Altkanzler besucht, bekommt ihn nicht allein. Seine Frau ist fast immer dabei, und sie gehört nicht mehr zu den Menschen, die vor allem zuhören.
Er sitzt im Rollstuhl, sie daneben, und wenn der Gast Kohl fragt, antwortet Kohl-Richter. Oder Kohl antwortet kurz, Kohl-Richter lang. Sie antwortet so, als wisse sie, was Kohl denkt, meint, will. Ein Besucher schildert ihren Vortrag als energisch, dezidiert, sie habe klare Meinungen, "vor allem zu Leuten".
Auf der schwarzen Liste: Norbert Blüm, der ehemalige Arbeitsminister, lange ein Getreuer, aber dann angeblich illoyal, als die Parteispendenaffäre aufflog. Auf der weißen Liste: Heiner Geißler, erst ein Getreuer, dann ein Kritiker Kohls, wird jetzt für seine Geradlinigkeit geschätzt. Von Kohl? Von Kohl-Richter? Von beiden? So ganz klar ist das nicht zu unterscheiden.
Manchmal sagt ein Gast, er wolle zu einem Thema jetzt aber wirklich Kohl selbst hören. Kohl grinst, so wie viele Männer dieser Generation grinsen, wenn es um verschwatzte Gattinnen geht, und nun redet er, und Kohl-Richter schweigt. Aber das geht nicht lange so.
An guten Tagen reicht seine Kraft für insgesamt zehn, fünfzehn Minuten Reden, und selbst dann kommen die Sätze meist nur verschwommen über die Lippen. Oft begnügt sich Kohl mit Ein-Wort-Sätzen. Er sagt "Zucker", wenn ihm der Kaffee nicht süß genug ist, oder "Kuchen". Fällt der Name Biedenkopf, brummt er: "der Sachse". Kurt Biedenkopf war sächsischer Ministerpräsident. Kohls Umgebung hat sich auf diese Kurzkommunikation eingestellt; wenn er müde ist, genügt ein Kopfnicken, damit er bekommt, was er braucht.
Maike Kohl-Richters vieles Reden nervt einige der Besucher. Sie sind das anders gewohnt. Als Kohl noch gesund war, redeten die älteren Herren untereinander. Die Gattin saß stumm und duldsam mit am Tisch. Das war ihre Rolle. Ihr wird das kaum gefallen haben, und nun erwartet sie Duldsamkeit von den Besuchern.
Im Moment hat sie die stärkste Deutungsmacht über Kohl, über Gegenwart und Vergangenheit. Sie lebt mit ihm, sie weiß besser als alle anderen, was er jetzt über sein Leben und andere Leute denkt. Sie lebt in einem Haus, das voll ist mit Akten aus Kohls Zeit als Bundeskanzler. Das gestattet ihr einen tiefen Blick in die Vergangenheit. Noch ist nicht klar, wie sie ihre Macht nutzen wird. Man weiß nicht, wie sie zur Europapolitik von Angela Merkel oder der Sozialdemokratisierung der CDU steht. Aber wenn sie will, kann sie sich immer auf ihren Mann berufen. Sie wird diejenige sein, die seine letzten Worte hört.
Es gab das schon einmal. Spät hat der Altkanzler Willy Brandt die Historikerin Brigitte Seebacher geheiratet. Wenn Seebacher-Brandt nach dem Tod ihres Mannes eine Deutung nicht passte, berief sie sich auf die Gespräche, die sie mit ihm geführt hatte. Viele in der SPD bezweifelten, dass sie Brandt richtig wiedergab, als sie ihn nach rechts rückte, weg von den Überzeugungen der Anfangszeit, aber es fiel schwer, ihr zu widersprechen. Unter den Kohl-Getreuen glauben die meisten, dass die Frau ihres Idols nicht anders handeln wird. Die Macht einer Witwe ist groß.
Maike Richter stammt aus Siegen. Sie war Mitglied der Jungen Union und ist Mitglied der CDU. Sie hat Volkswirtschaft in München studiert, dann promoviert. Von 1994 bis 1998 arbeitete sie als Referentin in der Wirtschaftsabteilung des Kanzleramts. 2005 hat Kohl sie als "neue Lebenspartnerin" präsentiert.
Sie hat sich das wahrscheinlich auch anders vorgestellt. Sie hat sich in einen Mann verliebt, der 34 Jahre älter ist, aber als sie sich verliebte, war dieser Mann vital, kraftvoll, ein Mann, der den Kanzler der Einheit, den Geschichtslenker immer noch ausstrahlte. Jetzt lebt sie mit einem Pflegefall. Einer der Ausgesperrten wünscht sich, dass Kohl noch dreißig Jahre lang durchhält. Als Strafe für Kohl-Richter. So tief gehen die Verletzungen.
Dabei sagen die Zugelassenen, dass Kohl-Richter diesen Pflegejob sehr gut mache, aufmerksam, aufopferungsvoll. Sie sagen, dass Kohl ohne diese Frau nicht mehr leben würde, und das hat Kohl auch schon gesagt. Sie hat das Haus für ihn umbauen lassen. Ein Fahrstuhl an der Außenwand führt nun von der ersten Etage, wo Kohls Schlafzimmer liegt, bis ins Souterrain, wo er sein Arbeitszimmer hat. Das Schwimmbad wurde so verändert, dass er es ohne Hilfen nutzen kann. An andere Bauarbeiten können sich Besucher nicht erinnern.
Kohl schwimmt jeden Tag. Jeden Tag sitzt er in seinem Arbeitszimmer, in seinem Wohnzimmer, er lässt sich vorlesen oder schreibt mit seiner Frau an Briefen, von denen die Empfänger rätseln, ob sie mehr von Kohl oder mehr von Kohl-Richter stammen. Die Unterschrift ist etwas krakelig. Kohl? Kohl-Richter? Die Deutungen gehen in Richtung Kohl.
Manchmal, immer seltener, fahren sie in den "Deidesheimer Hof" zum Essen. Kohl hat dort Staatsgästen aus aller Welt Saumagen servieren lassen, obwohl Saumagen nicht sein Lieblingsessen war, wie sein ehemaliger Fahrer nun enthüllt hat. Da müssen wohl einige Geschichtsbücher umgeschrieben werden.
Es ist ein stilles, einsames Leben zu zweit, in einem Haus, in dem Kohl über Jahrzehnte mit seiner Frau Hannelore gewohnt hat. Hier nahm sie sich das Leben. Diesen Geist im Haus muss Maike Kohl-Richter aushalten. Es ist aber nicht so, dass sie häufig die Kleider ihrer Vorgängerin trägt, wie behauptet wird. Das soll nur einmal vorgekommen sein.
Besucher bringen manchmal Abwechslung in dieses weitgehend abgeschottete Leben, und das Besuchsregime ist derzeit das Thema, das die Kohl-Welt am meisten empört.
Zu den Zugelassenen gehören: Kai Diekmann, Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Philipp Mißfelder, Vorsitzender der Jungen Union, Horst Teltschik, ehemals außenpolitischer Berater von Kohl, Stephan Holthoff-Pförtner, Kohls Anwalt, Anton Pfeifer, langjähriger Staatsminister im Kanzleramt. Das ist nur ein Ausschnitt, vor kurzem war Klaus Kinkel in der Burg.
Ausgesperrte sind: Peter und Walter Kohl, die Söhne, Eckhard und Hilde Seeber, ehemals Fahrer und Haushälterin, Juliane Weber, früher Kohls Büroleiterin und Vertraute.
Jede Aussperrung hat individuelle Gründe, aber es gibt zwei Gründe, die das Besuchsregime insgesamt prägen. Es geht dabei um Intimität und Paranoia.
Kohl-Richter musste bald merken, dass es schwer ist, mit ihrem Mann allein zu sein. Ein Mann der großen Geschichte wird vergemeinschaftet, er gehört mehr oder weniger allen. Der Kanzler der Einheit war umschwärmt, viele sahen es als Auszeichnung, Kontakt mit ihm zu pflegen.
Einer war sowieso immer da. Das war Eckhard Seeber, 46 Jahre lang Kohls Fahrer und eine Art Leibdiener. Er hat den Rasen von Kohls Haus gemäht, er hat kleine Reparaturen gemacht. Er ging mit dem Kanzler in die Sauna und war für den Aufguss zuständig, er hat den Kanzler zugedeckt, wenn er sich im Flugzeug die Decken weggestrampelt hatte. Er war immer zuständig, er war ein Teil von Helmut Kohl. Kein Problem für dessen Frau Hannelore, aber ein Problem für dessen junge Frau Maike.
Am Tag nach Kohls Sturz besuchte Seeber seinen Chef in der Klinik. "Mir wurde aber bedeutet, dass ich mich nicht mehr um Helmut Kohl kümmern müsse. Ungefähr drei Wochen später habe ich ihn dann zum ersten Mal in der Reha-Klinik gesehen, konnte aber nicht mit ihm sprechen. Maike Richter sagte mir - nicht im Beisein von Helmut Kohl, sondern draußen auf dem Parkplatz -, dass ich das Auto in die Garage stellen und die Schlüssel ins Haus legen solle. Das habe ich getan, und das war's dann." Seeber hat das einem Reporter der Zeitschrift "Bunte" erzählt. "Will sie ihn ganz für sich allein?", war die Geschichte überschrieben.
Auf jeden Fall will sie mehr Intimität, mehr Alleinsein mit ihrem Mann.
Maike Kohl-Richter musste zudem bald merken, dass es einen Markt gibt für Informationen aus dem Hause Kohl. Es wurde getratscht und getuschelt, und manches fand sich dann in Zeitungen und Büchern wieder. So entstand eine Paranoia, eine Angst vor dem Verfolgtwerden zum Zwecke der Informationsbeschaffung und -weitergabe.
Diese Paranoia ist nicht unbegründet. Wer eine Geschichte über Kohl zu erzählen hat, kennt eine Geschichte aus der großen Geschichte. Manche schmücken sich damit, werten sich auf. Es gibt sogar einen Markt für medizinische Informationen. Es ist möglich zu erfahren, was Kohl in Krankenhäusern oder Reha-Einrichtungen erlebt hat, bis hin zu diversen Krankheitszuständen.
Die Paranoia führt so weit, dass Maike Kohl-Richter auf eine umfassende Pflegehilfe verzichtet. Sie hat Angst, dass die Pfleger abends in den Oggersheimer Kneipen vom Zustand ihres Mannes berichten. Nach dem Sturz waren ständig zwei Nonnen im Haus, nun kommen gelegentlich Pfleger. Das meiste macht Kohl-Richter, die aber überfordert ist, wenn Kohl, was schon vorkam, aus seinem Rollstuhl rutscht. Ein hoher Preis für eine Paranoia, auch wenn sie begründet ist.
Da Kohl nicht viel sagt, wird besonders aufmerksam gelesen, was er schreibt. Aber schreibt er wirklich? Oder schreibt Kohl-Richter? Fünfmal hat sich Kohl in den vergangenen anderthalb Jahren in der Presse zu Wort gemeldet, mehr Äußerungen gibt es nicht. Im März 2011, kurz nach dem Reaktorunglück in Fukushima, brachte "Bild" ein Plädoyer des Altkanzlers für die Kernenergie. Im Juli erschien ein persönlicher Nachruf auf seinen Freund Leo Kirch; im August folgte ein Interview für die Zeitschrift "Internationale Politik und Gesellschaft", die ihn um die schriftliche Antwort auf eine Reihe von Fragen zur Außenpolitik gebeten hatte. Danach gab es nur noch ein Gespräch über Politik und Größe und einen Beitrag zur Zukunft Europas, beides wieder in "Bild".
Die meistbeachtete Wortmeldung war allerdings eine Erklärung, in der sich der Altkanzler im Sommer 2011 gegen die "öffentliche Zurschaustellung und Vermarktung" seines Privatlebens wandte. Anlass war, neben der Hannelore-Kohl-Biografie von Schwan, das Erinnerungsbuch seines Sohnes Walter mit dem vielsagenden Titel "Leben oder gelebt werden".
Helmut Kohl ließ über sein Berliner Büro der Presse mitteilen, dass er die "Grenzen von Geschmack und Anstand" durch die Publikationen überschritten sehe. Zwei Tage später saß der Sohn im Fernsehstudio bei "Markus Lanz" und sagte: "Es kann nur einer die Presseerklärung überarbeitet haben, und das ist die Maike." Sein Vater sei jetzt in einer Situation, "in der er nicht mehr so kann, wie er früher konnte", dafür müsse man Verständnis aufbringen. "Da muss jemand Hand angelegt haben, und die Liste ist sehr kurz."
Auch Autor Schwan gibt sich inzwischen überzeugt, dass Kohl nicht mehr wisse, was in seinem Namen an Stellungnahmen hinausgehe - oder diese, wenn er sie denn vorher zur Kenntnis erhalte, nicht mehr verhindern könne. Zum Beleg verweist er auf den "Bild"-Artikel zur Kernenergie. Das sei nicht die Position des Altkanzlers, sagt Schwan. Hinter allem stecke die neue Frau, die sich anmaße, für ihren Mann zu sprechen. Je gebrechlicher Kohl in der Außenwahrnehmung wirkt, desto dämonischer erscheint manchen Gefährten die Beziehung.
Aber vielleicht geht es vor allem um Verzweiflung. Denn es gibt noch einen zweiten Geist in dieser Burg, einen Menschen aus Fleisch und Blut, der in Hamburg lebt, der aber in Oggersheim große Wirkung hat. Das ist Helmut Schmidt, der andere Altkanzlergreis. Der sitzt zwar auch im Rollstuhl, aber er kann reden, und er redet viel, so viel, wie er schreibt. Schmidt ist einer der großen Geschichts- und Gegenwartsdeuter in Deutschland, obwohl er selbst nicht große Geschichte gestaltet hat. Das wurmt die Kohls. Und das soll ein Grund dafür sein, dass Maike Kohl-Richter so viel redet an ihres Mannes statt, dass sie mit ihm zusammen Briefe entwirft. Kohls Stimme soll nicht ganz untergehen neben der Stimmgewalt Helmut Schmidts.
Die Zugelassenen sind sich einig, dass auch Kohl-Richter nach Einfluss und Macht strebt. Sie tue das in einer Mischung aus Ehrgeiz und Fürsorge, sie tue es für sich und für Helmut Kohl. Die Zugelassenen finden ihren Umgang mit Eckhard Seeber zu hart, sie sei "ungeschickt im Umgang mit Menschen", sagt einer von ihnen, sie mache dabei "alle Fehler, die man machen kann". Aber sie sei gut für Helmut Kohl.
Der denkt jedenfalls nicht daran, sich zugunsten der einstigen Gefährten ein Stück weit von dieser Frau zu lösen. Er lässt ihr das Sprachrohr. Deshalb erheben nun auch einige der Gefährten ihre Stimme und reden und schreiben gegen Maike Kohl-Richter an.
Aber erst einmal redet der Altkanzler selbst. Auf dem Tisch eines Restaurants in Köln steht ein Bandgerät. Man hört die Stimme von Kohl. Man hört, wie er über den Publizisten Georg Gafron erzählt, einen engen Vertrauten Leo Kirchs, der jeden Morgen sein Büro mit dem Satz betrete: "Und wieder ein guter Tag für Deutschland." Man hört Kohl kichern. Dann sagt der Journalist Schwan, dass Gafron als Chefredakteur der Berliner Boulevardzeitung "B. Z." gerade seine beiden Stellvertreter entlassen habe. "Man kann gar nicht genug Leute entlassen", sagt Kohl. Das Tonband gehört Heribert Schwan. Er hat 630 Stunden solcher Gespräche mit Helmut Kohl aufgezeichnet. Das ist sein Schatz. Damit kann er reich und berühmt werden.
Schwan ist der letzte Mensch, mit dem Kohl ausführlich über sein Leben als Kanzler gesprochen hat, als er noch sprechen konnte. Nun sitzt Schwan in einem Lokal in Köln und ärgert sich. Wenige Tage zuvor hat der Historiker Hans-Peter Schwarz in Berlin sein Mammutwerk über Helmut Kohl vorgestellt, die "erste umfassende politische Biografie", wie der Verlag das Buch bewirbt. "Total aufgebauscht", sagt Schwan. "Wie oft hat Schwarz mit Kohl gesprochen? Zweimal in seinem Leben? Ich habe 105 Tage mit Helmut Kohl geredet, fünf bis sechs Stunden am Tag. Was ich an Wissen über ihn habe, das hat niemand sonst auf der Welt."
Schwan spielt in dem Kampf um Kohl eine wichtige Rolle. Lange gehörte er zu den Personen, die dem Kanzler nahe waren, ohne dass man von ihnen wusste. Acht Jahre hat er ihm als Ghostwriter für seine Memoiren gedient. 2520 Seiten hat er in dieser Zeit geschrieben, nahezu alles, was die Erinnerungen ausmacht, stammt aus seiner Feder. Aber den Namen Schwan sucht man in den drei Bänden, die bislang erschienen sind, vergebens. Die Aufgabe des Ghostwriters ist es, sich unsichtbar zu machen, das ist der Deal.
Vor einem Jahr ist Schwan aus dem Schatten herausgetreten, mit seiner Biografie von Hannelore Kohl. Da hat er zum ersten Mal das Schweigegebot verletzt. Das Buch wurde ein großer Erfolg, es stand 28 Wochen lang ohne Unterbrechung auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Schwan bekam viele Einladungen in Talkshows, er ist jetzt so etwas wie der Familienexperte der Kohls.
Aber das reicht ihm nicht. Er will mehr sein als der Interpret der Kanzlergattin; das ist nur der Rand der großen Geschichte. Schwan will in die erste Reihe, dorthin, wo darüber befunden wird, wie der Kanzler der Einheit und Mitbegründer der Währungsunion zu sehen und zu bewerten ist. Deshalb plant er jetzt den zweiten Vertrauensbruch.
Niemand außerhalb der Familie hatte über so lange Zeit einen so umfassenden Zugang zum Einheitskanzler wie der WDR-Journalist, das ist sein Kapital. Weil Kohl ein lesefauler Mensch ist, überließ er seinem Mitarbeiter die Aufgabe, noch einmal alles in Augenschein zu nehmen, was für die Erinnerungen bedeutsam sein könnte.
Monatelang saß Schwan im Souterrain des Hauses in Oggersheim und sichtete vertrauliche Unterlagen: Gesprächsprotokolle von Kohls Unterhaltungen mit den Großen der Welt, persönliche Briefe von und an den Kanzler, das ganze Material, das im Kanzleramt unter Verschluss liegt und für das Frank-Walter Steinmeier als Chef des Kanzleramts die Freigabe erteilte. Selbst die 13 Bände Stasi-Akten, die Kohl in einem langen juristischen Gefecht hatte sperren lassen, wurden auf Kohls Wunsch als Kopie in den Bungalow gebracht.
Diese Akten enthalten vor allem Spitzelberichte aus der Umgebung des Kanzlers, aber auch, und das macht sie so brisant, eine Reihe wörtlicher Mitschriften von Telefonaten. Wann immer Juliane Weber im Vorzimmer den Hörer abnahm, sprang irgendwo in Ost-Berlin ein Tonband an. Vieles ist im Chaos der Wendezeit verlorengegangen, an manchen Stellen klaffen in den Beständen große zeitliche Lücken. Dann kommen Abschnitte, in denen der Kanzler seitenweise im O-Ton auftaucht.
Es gibt wunderbare Passagen, wie jene, als Kohl mit Eberhard Diepgen telefoniert. "Na, Meister in Berlin", beginnt Kohl und klagt ihm sein Leid über die "Schweinehunde" von der Presse. Oder er macht sich in pfälzischer Spottlust über einen Kontrahenten lustig. Irgendwo in den 13 Bänden steckt auch der Anruf eines Arztes, der mit Kohl eine sehr persönliche Angelegenheit zu erörtern hat. Die Stasi war besonders an kompromittierendem Material interessiert, deshalb war Kohl auch so erpicht darauf, dass die Unterlagen unter Verschluss blieben. Er selbst hat sich nie die Mühe gemacht, alles durchzusehen, so weit ging sein Interesse an den Stasi-Protokollen nicht. Nur Schwan kennt den gesamten Inhalt.
Eigentlich war der als Mitarbeiter eine eher ungewöhnliche Wahl: ausgerechnet jemand vom WDR, dem Rotfunk, der an dem schwarzen Riesen kein gutes Haar ließ. Aber Schwan war Kohl vorteilhaft mit einem Film aufgefallen, der sehr wohlwollend über den Kanzler urteilte. Auch eine Biografie, die aus dem Filmporträt hervorging, hob sich aus Sicht des CDU-Patriarchen angenehm von dem ab, was er sonst über sich lesen musste. Schwan kann gewinnend auftreten, das ist eine Stärke, die ihm auch bei seiner Arbeit als Filmemacher von Nutzen war. Man fasst schnell Vertrauen zu ihm.
So wie Schwan es darstellt, war die Arbeit an der Autobiografie eine einseitige Angelegenheit. Er las und schrieb. Wenn hundert Seiten fertig waren, setzten sich der Autor und der Kanzler an den Esstisch, jeder ein Manuskript in der Hand, und gingen es gemeinsam durch. Kohl wollte
wenig ändern, sagt Schwan. Hin und wieder bat er um eine Ergänzung oder die Änderung einer Passage, aber das war schon alles.
Aus dieser Zeit stammt auch der Kontakt zu Hannelore Kohl. Oft saßen die beiden zusammen, wenn der Altkanzler unterwegs war, und plauderten über einer Tasse Kaffee. Als es Hannelore Kohl immer schlechter ging und sie wegen einer Lichtallergie nur noch in der Dunkelheit das Haus verlassen konnte, begleitete Schwan sie öfter auf ihren nächtlichen Spaziergängen. Dabei vertraute sie ihm Dinge an, die sie noch nie einem Journalisten erzählt hatte. Es war ein Teil des Schatzes, den Schwan zusammentrug, lauter kleine Geheimnisse, die sonst nur enge Freunde kannten.
Der andere, noch viel wertvollere Teil sind die Abschriften, die er in den vielen Stunden im Keller angefertigt hat von Dokumenten, die er in Kohls Auftrag beschaffte und einsah. Und natürlich die Tonbänder der Gespräche, die er in Vorbereitung der Erinnerungsarbeit mit dem Kanzler führte, 630 Stunden auf Tonband in sendefähiger Qualität. Es ist ein ungeheurer Berg an Informationen, Anekdoten, aber auch kurzen, zupackenden Psychogrammen, wie man sie als Historiker nur erträumen kann.
Vieles von dem, was die beiden an diesen 105 Tagen besprochen haben, findet sich in den Memoiren wieder. Aber oft kam der Kanzler einfach ins Erzählen, fügte seinen Ausführungen scharfe Urteile über Konkurrenten, Weggefährten oder andere Staatsführer an, die dann in den "Erinnerungen" abgemildert auftauchen oder ganz unter den Tisch fielen.
"Ich habe acht Jahre geopfert für die Memoiren", sagt Schwan. Er findet, dass es nun an der Zeit ist, den angemessenen Preis zu verlangen. Noch ist sich Schwan nicht ganz sicher, was er mit seinem Schatz anstellen soll. Sein Verlag drängt ihn, den "wahren Kohl" zu zeigen, das wäre auch ein möglicher Buchtitel, findet Schwan. Aber er ist sich unsicher, was den Zeitpunkt angeht. Deshalb hat er sich entschlossen, der anderen Seite jetzt erst einmal eine Art Warnschuss zu verpassen. Ein bisschen Rache ist auch dabei.
Drei Bände der Memoiren sind abgeschlossen, und eigentlich sollte Schwan auch den vierten Band schreiben, mit dem Abschied aus dem Kanzleramt und der dramatischen Zeit der Spendenaffäre. So war es mit Kohl und dem Droemer Verlag verabredet.
Die ersten 300 Seiten legte Schwan vor, aber dann kam ein Streit mit Maike Kohl-Richter über einen Sammelband dazwischen, für den Schwan die Freigabe einiger Kohl-Zitate brauchte. Danach war der Ghostwriter raus. Statt eines klärenden Gesprächs, in dem man die Differenzen hätte beilegen können, erhielt er ein Anwaltsschreiben, dass der Kanzler das Arbeitsverhältnis als beendet ansehe. Für Schwan ist seitdem klar, dass er das erste Opfer in einer langen Reihe von Säuberungen war, mit denen die neue Frau an Kohls Seite ihre Stellung zu festigen suchte.
So wie die Familie Kohl es sieht, hat Schwan seine Vertrauensstellung in Oggersheim schon mit seinem Buch über die Mutter ausgenutzt. Schwan rechtfertigte seine Indiskretion damit, dass die Kanzlergattin genau gewusst habe, dass ein Journalist immer ans Schreiben denke. Aber für die anderen steht außer Frage, dass Hannelore Kohl niemals gewollt hätte, dass die Öffentlichkeit Details aus ihrer Krankenakte erfährt oder gar über ihre Vergewaltigung als junges Mädchen durch russische Soldaten unterrichtet wird. In diesem Punkt sind sich Vater und Söhne einig.
Wenn man Schwan fragt, ob er nicht dem ersten Vertrauensbruch nun einen zweiten, noch größeren hinzufüge, verweist er auf die historische Wahrheit, der er sich verpflichtet fühle. Das ist der Schutz, hinter dem er Deckung sucht. Nur wenige Menschen können ohne Selbstrechtfertigung leben. Was gibt es für ein besseres Motiv, als das Andenken des Mannes bewahren zu wollen, der sich gegen die Familie nicht mehr wehren kann?
Der Mann, den Heribert Schwan als Konkurrenten sieht, sitzt im Haus der Deutschen Bank in Berlin und hört zu, wie er gelobt wird. Die Alfred Herrhausen Gesellschaft hat eingeladen, ein voller Saal, gedämpfte Stimmen, ein bisschen Feierlichkeit. Der Historiker Hans-Peter Schwarz stellt seine Biografie über Helmut Kohl vor.
Bernhard Vogel hält die Laudatio. Er war lange Kohls Vertrauter und hat noch Zugang, obwohl er schon ein wenig in Ungnade gefallen sein soll, wie aus der Burg zu hören ist.
Vogel sagt sofort, dass er Schwarz auf die Idee gebracht habe, dieses Buch zu schreiben. Damit ist seine Bedeutung geklärt. Schwarz hat schon eine große Biografie von Konrad Adenauer vorgelegt, er ist als Erzähler von Geschichte ein Teil der Geschichte der Bundesrepublik geworden. Zur Deutung von Kohl leistet er einen wesentlichen Beitrag, indem er nachweisen kann, wie nachlässig Kohl die Währungsunion installiert hat.
Aus heutiger Sicht lesen sich die Seiten, die den Vertrag von Maastricht behandeln, wie ein Debakel deutscher Politik. Kohl drängte nicht darauf, den Euro durch eine politische Union absichern zu lassen. Er stimmte dem französischen Präsidenten François Mitterrand zu, den Weg zum Euro von einem bestimmten Punkt an "irreversibel" zu machen. Damit war den Ländern der Druck genommen, die ökonomischen Konvergenzkriterien zu erfüllen. An beiden Mängeln des Vertrags von Maastricht krankt heute der Euro.
Kohl wurde immer als einer der Väter Europas gerühmt, nun ist er auch ein Vater der Probleme. Geschichte ist etwas Flüssiges. Man kann ihr keine feste Form geben, sie entwickelt sich mit den Ereignissen und der Forschung. Das macht den Kampf um die Deutungshoheit so interessant. Er hört nie auf, man hat immer eine Chance, einen Beitrag zu leisten, für die Menschheit und für sich.
Was taugen heute noch die Biografien, die vor Kohls Parteispendenaffäre geschrieben wurden? Das Bild des Kanzlers war danach überschattet, seine Geschichte musste neu erzählt werden.
Bei einem Frühstück in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin sagt Bernhard Vogel, dass er von Helmut Kohl "viel an Hilfe erfahren, aber auch viel unter ihm gelitten" habe. Er war ein treuer Gefolgsmann, schon als Kohl Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz war, dann in den Gremien der CDU. Immer hat er seinen langen Vorträgen zugehört, seine Selbstherrlichkeit ertragen, fast immer hat er das gemacht, was Kohl von ihm wollte. Kohl war ein großer Teil seines Lebens, und nun ist da Maike Kohl-Richter und lebt mit Kohl und den Akten von dessen Kanzlerschaft. Sie hat jetzt den Zugriff, sie ist jetzt dabei, immer. Wahrscheinlich erzählt ihr Kohl seine Sicht auf die flüssige Geschichte, und sie kann damit nach Kohls Tod machen, was sie will. Sie könnte auch ihre Sicht als seine verkaufen.
Bernhard Vogel treibt das um. Er redet nicht schlecht über Maike Kohl-Richter. Auch er sagt den Satz, dass Kohl noch lebe, weil es diese Frau gibt. Was aber die Geschichte betrifft, da geht er auf Distanz. Kohl-Richter war nicht dabei, als Kohl Geschichte gemacht hat - das ist der Satz, mit dem die Dabeigewesenen ihre Bedeutung verteidigen. Sie sind in großer Sorge, dass Kohl-Richter den vierten Band der "Erinnerungen" vollendet oder eigene Geschichtsbücher zu Kohl vorlegt.
Insofern könnte man Vogels Drängen auf eine Biografie von Schwarz auch als Versuch deuten, dieser Frau zuvorzukommen. Denn Schwarz hat Kohl befragt, die Dabeigewesenen befragt, die Akten befragt. Kohl-Richter spielte kaum eine Rolle bei der Entstehung dieser Biografie.
Anfrage bei Walter Kohl, ob er mit dem SPIEGEL über seinen Vater reden wolle. Er ruft prompt zurück, spricht sanft, freundlich. Aber ausführlich mit dem SPIEGEL reden? Er findet, dass dieses Magazin immer noch ungerecht mit seinem Vater sei. Er findet, dass dieses Magazin sein eigenes Buch ungerecht behandelt habe. So redet er zehn Minuten lang darüber, warum er nicht reden will, immer sanft, immer freundlich. Schon gar nicht wolle er Teil eines Medienhypes zum Regierungsjubiläum seines Vaters sein. Danach vielleicht, mal sehen.
Der Bann gegen den SPIEGEL gilt für die ganze Familie, obwohl es seit langem keinen Kontakt zwischen Helmut Kohl und seinen beiden Söhnen gibt. Einmal noch hat Walter mit seinem Vater nach Jahren des Schweigens ein paar Worte am Telefon gewechselt, das war im Juni vor einem Jahr, kurz nachdem sein Buch erschienen war. Zu mehr ist es nicht gekommen, alle weiteren Kontaktversuche verliefen im Sande. Aber das heißt nicht, dass Walter und sein Bruder Peter im Kampf um den Kanzler Zuschauer wären.
Das politische Erbe ist den Söhnen egal. Sie haben sich, zum Leidwesen des Vaters, nie etwas aus Politik gemacht. Auf diesem Gebiet streben sie nicht nach Deutungshoheit. Ihr Gebiet ist das Private, der Mensch Kohl, in ihren Augen zum großen Teil ein Unmensch. Sie können etwas über Kohl als Familienegoisten erzählen, die schwierige Kindheit in Oggersheim, das private Leben hinter der Fassade der heilen CDU-Familie. Das sichert ihnen die Aufmerksamkeit, die ihnen zu Hause gefehlt hat.
Man tut den beiden Brüdern kein Unrecht, wenn man zu dem Schluss kommt, dass ihr Leben hinter den Erwartungen zurückblieb. Beide haben gute Universitäten besucht und dank der Fürsprache des berühmten Vaters auch beim Berufseinstieg Hilfe erfahren, die andere Kinder so nie bekommen würden. Aber es hat sich daran kein Erfolg angeschlossen, der die Söhne aus dem Schatten des großen Namens hätte heraustreten lassen.
Sie sind nicht zugelassen in der Burg. In der "Süddeutschen" konnte man lesen, wie die Söhne bei einem Besuch von der Polizei des Grundstücks verwiesen wurden, ohne dass sie Gelegenheit hatten, mit ihrem Vater zu sprechen. Es war eine
hässliche Geschichte, die sich nahtlos einfügt in das Bild der Familienzerstörerin, das auch Schwan von Maike Kohl-Richter zeichnet.
Lässt man sich die Begebenheit allerdings von jemandem erzählen, der im Haus war, als Walter und Peter Kohl vor der Tür standen, klingt sie ganz anders. Danach tauchten die beiden unangemeldet in der Marbacher Straße auf, und als niemand öffnete, fingen sie an, laut zu rufen und gegen die Tür zu schlagen. Einer der Brüder habe mehrfach so stark gegen das Türblatt getreten, dass es durchs ganze Haus hallte. Einige Minuten sei das so gegangen, bis schließlich die Beamten des Sicherheitskommandos eingriffen und die Söhne baten, abzulassen. Es ist schwer zu beurteilen, welche Version stimmt. Aber wer einmal erlebt hat, wie herrisch und aufbrausend beide Söhne sein können, hält die Darstellung aus der Burg für nicht ganz unplausibel.
Der Kampf der Söhne hat sich verschoben. Jetzt geht es nicht mehr gegen den Vater, dem man Vernachlässigung vorhält, sondern gegen die zweite Frau, die an die Stelle der Mutter getreten ist. Der Vater nimmt in dieser Neufassung des Familiendramas die Rolle des wehrlosen Greises ein, dem die Kraft fehlt, sich gegen die Stiefmutter durchzusetzen, die jede Annäherung unterbindet. Bereitwillig stellen sich die Brüder als Kronzeugen zur Verfügung, wenn es darum geht, den unheilvollen Einfluss der neuen Ehefrau zu beschreiben.
Walter Kohls Buch über den Vater war ein großer Verkaufserfolg. Er hat sich mit einer privaten Erzählung an die große Geschichte gehängt und damit viel Geld verdient. Helmut Kohl, der in seinem Leben sicherlich viele Menschen benutzt hat, wird nun so benutzt wie kein anderer Politiker aus Deutschland. Diesem Hofstaat könnte wohl nur noch ein Mediator helfen.
So weit ist es noch nicht, und doch tut sich etwas. Die Burg ist nicht hermetisch. Was draußen passiert, dringt hinein. Maike Kohl-Richter ist sich offenkundig unsicher, ob sie so weitermachen kann.
Sie ist erschrocken über das Interview, das Eckhard Seeber der "Bunten" gegeben hat. Der innere Zirkel redet nicht, das war bislang ein Gesetz. Nun hat Seeber geredet, weil er es nicht mehr aushält ohne Helmut Kohl. Nichts lässt dessen Frau so monströs aussehen wie die Klage eines Mannes, der Kohl sein ganzes Leben gewidmet hat und den Chef nun nicht einmal besuchen darf. Kohl-Richter hat genug davon, so oft als Monster dazustehen.
Der Bericht in der "Süddeutschen Zeitung" hatte wohl schon Folgen. Helmut Kohl soll ihn gelesen haben, erzählt ein Zugelassener. Er soll seine Frau gefragt haben, ob die ihn wirklich so stark abschotte.
Am schlimmsten ist für Kohl-Richter, dass der "Bild"-Chefredakteur Diekmann nach Amerika gezogen ist. Er ist für Kohl eine Art Ersatzsohn und für Kohl-Richter ein Berater, der ihr beim Navigieren durch die Untiefen des Mediengeschäfts half. Sie hat oft mit ihm telefoniert, hat Texte mit ihm abgestimmt. Seit er weg ist, können sich die Kohls ihres Zugangs zur "Bild" nicht mehr sicher sein. Am vergangenen Donnerstag tauchte neben einer Geschichte ein Bild des Altkanzlers in Strickjacke auf, das hätte es unter Diekmann nicht gegeben.
Aus all diesen Gründen will Maike Kohl-Richter etwas tun. Sie überlegt, ob sie die Hand ausstrecken und sich mit einigen Gefährten ihres Mannes aussöhnen sollte. Ein Zugelassener berichtet, dass sich etwas tue an der Zugbrücke. Sie soll sich hin und wieder öffnen.
(*1) Bei der Verleihung des Henry-Kissinger-Preises in der American Academy in Berlin mit Bill Clinton (r.) am 16. Mai 2011.
(*2) Im Wahlkampf in Erfurt am 20. Februar 1990.
Von Jan Fleischhauer und Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 39/2012
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