24.09.2012

„Ich kenne seine Schwächen“

Der Journalist Heribert Schwan, 67, über die Arbeit als Ghostwriter für Helmut Kohl und eigene Publikationspläne
SPIEGEL: Herr Schwan, Sie haben acht Jahre lang mit Helmut Kohl an seinen Memoiren gearbeitet. Sie hatten in dieser Zeit Zugang zu allen Unterlagen, die Sie sehen wollten, Sie haben über 630 Stunden Gespräche auf Tonband. Wie umfangreich ist das Material, das sich heute in Ihrem Besitz befindet?
Schwan: Ich habe sehr viele Exzerpte, die ich zwischendurch angefertigt habe, ich habe einiges kopiert. Ich habe natürlich auch nach den Gesprächen mit Helmut Kohl noch einmal Aufzeichnungen für mich privat gemacht, zusätzlich zu den 105 Tagen, an denen wir zusammensaßen und an denen die ganze Zeit das Bandgerät lief. 10 Prozent dieses Materials ist in die Memoiren eingeflossen, 90 Prozent sind bislang unveröffentlicht geblieben.
SPIEGEL: Was wollen Sie mit diesem Stoff anfangen?
Schwan: Man muss sehen, dass vor allem die Tonaufzeichnungen von Helmut Kohl nach seinem Sturz im Jahr 2008 eine ganz andere Bedeutung bekommen haben. Seitdem ist er ja wegen seiner Sprachschwierigkeiten kaum noch in der Lage, größere Auskunft zu geben. Wir wissen, dass Professor Hans-Peter Schwarz, der die neueste Biografie über Helmut Kohl vorgelegt hat, nur zweimal mit ihm zusammengekommen ist, im Februar und Herbst 2011. Ich habe also einen Schatz, der wirklich einmalig ist und auf den ich auch sehr stolz bin. Ich werde diesen Schatz irgendwann heben.
SPIEGEL: Sie denken an eine Veröffentlichung?
Schwan: Es wird zum 90. Geburtstag von Helmut Kohl eine neue Biografie aus meiner Feder erscheinen. Ich werde mich dabei daran orientieren, was bislang unbekannt ist. Es geht mir auch ein bisschen um die Deutungshoheit. Ich habe acht Jahre lang mit Helmut Kohl zusammengearbeitet, ich habe alle Akten einsehen dürfen. Sie können vielleicht nachvollziehen, was das für einen Journalisten und Zeithistoriker bedeutet, diese Dokumente zu heben, die für andere 30 Jahre verschlossen sind.
SPIEGEL: Was meinen Sie mit Deutungshoheit?
Schwan: Viele Menschen reden jetzt über Helmut Kohl, sein Erbe, seine Ära, und behaupten Dinge, gegen die er sich nicht mehr wehren kann. Mir ist wichtig, dass man diesem Mann gerecht wird. Mich stört, dass heute vieles verfälscht dargestellt wird, nur weil er nicht mehr widersprechen kann. Ich kenne alle seine Schwächen, aber es war für mich immer offensichtlich, dass es ihm nicht darum ging, im Nachhinein recht zu behalten, wie so viele heute meinen.
SPIEGEL: Sie hatten eine Ausnahmestellung im Hause Kohl. Was war die Absprache zwischen Ihnen beiden? Gab es nie einen Vertrag, der Sie zur Verschwiegenheit verpflichtet?
Schwan: Nein, so etwas hätte ich auch niemals unterschrieben. Helmut Kohl hat manchmal gesagt: "Das können wir jetzt aber net schreiben." Oder: "Das können Sie mal schreiben, wenn ich nicht mehr lebe." Aber das war auch alles.
SPIEGEL: Der Altkanzler hat Ihnen vertraut wie niemandem sonst. Sie konnten sogar seine Stasi-Akte einsehen. Weiß er, dass Sie das Material jetzt zu eigenen Zwecken verwenden wollen?
Schwan: Vielleicht liest er das ja in Ihrem Magazin zum ersten Mal, auch wenn er vorgibt, es nicht zu lesen. Aber die neue Frau an seiner Seite wird da schon aufpassen und unter Umständen die Rechtsanwälte in Bewegung setzen.
SPIEGEL: Es gab nie den Versuch, das von Ihnen aus dem Haus geschaffte Material wieder zurückzuholen?
Schwan: Als wir auseinandergingen, hat der Altkanzler über Anwälte versucht, die Dokumente zurückzubekommen, die ich besitze. Aber ich habe damals ganz klar gesagt: Das sind meine eigenen Exzerpte, darin steckt meine geistige Leistung. Die kann man mir nicht einfach nehmen, schon gar nicht auf juristischem Wege.
SPIEGEL: Die Familie empfand bereits Ihr erstes Buch über Hannelore Kohl als Vertrauensbruch. Sie würde vermutlich ein weiteres Buch als noch größeren Vertrauensbruch empfinden.
Schwan: Das glaube ich nicht. Helmut Kohl hat oft zu mir gesagt: "Also, wenn ich mal tot bin, können Sie das veröffentlichen." Das habe ich sicherlich auch auf Band. Wenn er die Chance hätte, fünf Minuten lang mit mir allein zu sprechen, würde sich das alte Vertrauen sofort wieder einstellen. Er würde sagen: "Schreiben Sie das, was intellektuell redlich ist, so wie Sie immer geschrieben haben, ohne irgendwelche ideologischen Verblendungen und Vorurteile."
SPIEGEL: Das heißt, Sie fürchten keine rechtlichen Probleme? Ihr Buch über die Mutter hatte einen bis heute andauernden Rechtsstreit mit den Söhnen zur Folge, auch der Altkanzler hat zeitweilig erwogen, gegen Sie juristisch vorzugehen.
Schwan: Ich bin mir sicher, dass Helmut Kohl mein Buch über Hannelore Kohl als ein wunderbares Denkmal der Lebensleistung seiner ersten Frau empfindet. Das würde er auch so sagen, wenn er sich noch äußern könnte. Was er kritisieren würde, ist das letzte Kapitel. Das hätte ich aus seiner Sicht sicher weglassen können, also die Seiten, auf denen ich auf die eheliche Untreue, wie sie Hannelore Kohl empfunden hat, zu sprechen komme. Aber auch hier gilt: Es war nichts falsch.
SPIEGEL: Ihre Zusammenarbeit endete im Frühjahr 2009. Hat es seitdem noch einmal einen Kontakt zum Altkanzler gegeben?
Schwan: Nein, leider nicht. Ich habe allerdings auch nicht versucht, noch einmal einen Kontakt anzubahnen. Sie kommen ja überhaupt nicht mehr an ihn heran. Das geht alles über sein Berliner Büro, das ist furchtbar kompliziert.
SPIEGEL: Es gab also keinen Versuch mehr, den vierten Band der "Erinnerungen" noch irgendwie fertigzustellen?
Schwan: Dass Helmut Kohl zugelassen hat, dass der vierte Band nicht erscheint, habe ich nicht verstanden. Ich hatte diesen Band schon bis zur Hälfte geschrieben, der Altkanzler hat die Zusammenarbeit dann aufgekündigt. Dahinter steckte die neue Frau an seiner Seite, davon bin ich fest überzeugt. Ich weiß nicht genau, wie Helmut Kohls Gesundheitszustand ist, aber ich höre, dass er im Kopf völlig klar sei. Wenn dem so ist, bin ich auch selber tief enttäuscht von diesem Mann, der mir so lange Zeit voll vertraute und der von mir auch erheblich profitiert hat. Dass diese Beziehung zerstört ist, das kann ich nicht nachvollziehen. Das tut mir weh.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 39/2012
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