24.09.2012

ZEITGESCHICHTESchlafwandelnd in die Schlacht

Die Deutschen tragen Schuld am Ersten Weltkrieg - aber nicht mehr als andere. Von Holger Afflerbach
Bewaffnete Offiziere stürmten in der Nacht den Königspalast in Belgrad. Sie sprengten mit Dynamit die Eingangstür zu den königlichen Gemächern, aber das Bett war leer. König Alexander und seine Frau Draga hielten sich, notdürftig bekleidet, in einem Bügelzimmer versteckt. Erst nach zwei Stunden fanden die Verschwörer das Paar. Alexander und seine Frau wurden erschossen, mit Säbeln, Äxten und Bajonetten zerhackt, ihre Leichen in den Garten geworfen. Die Mordnacht von Belgrad beendete am 11. Juni 1903 die Dynastie Obrenović in Serbien. Der König war ein merkwürdiger Mann gewesen, der sich seinen Untertanen durch autokratische und willkürliche Entscheidungen sowie durch eine nicht standesgemäße Hochzeit mit einer lebenslustigen Hofdame entfremdet hatte. Die Trauer über seine Ermordung hielt sich im Land in engen Grenzen, während manche Mächte aus Protest gegen die Gewalttat ihre Diplomaten abzogen. Doch ausgerechnet die österreichisch-ungarische Regierung erkannte den neuen Monarchen Peter aus dem Hause Karadjordjević schnell an.
Das Problem des neuen Königs wie der serbischen Regierungen ab diesem Zeitpunkt war die Nähe zu den Putschisten, denen sie ihre Macht verdankten. Zunehmend steuerte Serbien einen antiösterreichischen Kurs, in einer Mischung aus ideologischer Nähe und faktischer Abhängigkeit von jener Gruppe terroristischer Nationalisten, die im Juni 1914 mit dem Attentat auf Erzherzog Ferdinand und dessen Frau in Sarajevo den Anlass für den Ersten Weltkrieg liefern sollten. Der Historiker Christopher Clark, Professor an der Universität von Cambridge, weist in seinem fulminanten neuen Buch auf die Aktualität des Geschehens hin: Die Ereignisse in jenem Sommer sind nicht ein fernliegendes Kostümdrama mit Monarchen in exotischen Uniformen und Politikern mit Zylindern, sondern haben Parallelen zur Gegenwart(**). Der Erzherzog und seine Frau wurden von einer Gruppe von Selbstmordattentätern getötet, die mit Bomben und Pistolen ausgerüstet waren; sie hatten Gift dabei, um sich nach vollbrachter Tat selbst zu töten; und sie gehörten einer terroristischen Organisation an, die einem Kult von Rache, Tod und Selbstopfer verpflichtet war.
Tatsächlich ist uns jene fern scheinende Zeit in den vergangenen Jahren nähergerückt. Die Bipolarität des Kalten Kriegs hat sich aufgelöst, die Welt hat sich in ein multipolares System verwandelt - wie vor 1914, wenn auch nicht mehr europazentriert. In Europa, den USA und Australien arbeiten Scharen von Historikern derzeit an neuen Büchern und Konferenzen zum Ersten Weltkrieg, rechtzeitig zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs. Clarks Werk ragt, das ist jetzt schon erkennbar, aus dieser Masse heraus. Der Australier, Autor einer preisgekrönten Geschichte Preußens und einer Biografie Kaiser Wilhelms II., hat erneut ein komplexes und gleichzeitig verständliches und packendes Buch geschrieben - und liefert eine neue Deutung der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Die meisten Historiker gehen von einer Hauptverantwortlichkeit Deutschlands für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus. Sie werden sich nun fragen müssen, ob diese Fixierung auf die Rolle Deutschlands nicht grundsätzlich überdacht werden muss. Clark zeigt die vielfältigen Verantwortlichkeiten für die Katastrophe auf: in Deutschland, aber eben auch in den vielen anderen Staaten. Durch den Blick auf die anderen - Clark wertet Literatur in sechs Sprachen aus, auch in Serbisch und Russisch, und beweist genaue Kenntnis der Quellen und der endlosen Literatur zum Thema - gelingt es ihm, die Perspektive auf das Geschehen zu verändern.
Clark bewegt sich also auf deutlich anderen Bahnen als die klassische Kriegsursachendebatte, die sich seit Versailles 1919 auf die Frage nach der deutschen Schuld konzentrierte - egal ob diese dann bejaht oder verneint wurde. Die Forschung der Gegenwart folgt normalerweise den Thesen, die Luigi Albertini in den vierziger Jahren aufgestellt hatte und die später von dem Hamburger Historiker Fritz Fischer aufgegriffen und zugespitzt wurden. Daraus entwickelte sich eine der bedeutendsten historischen Debatten in der Bundesrepublik, die Fischer-Kontroverse. Gängig ist inzwischen eine gemäßigte Version der Thesen von Albertini/Fischer, von Insidern als "Fischer light" bezeichnet. Die aggressive Politik des deutschen Kaiserreichs steht dabei im Zentrum aller Erklärungen des Kriegsausbruchs, der Gegensatz zwischen Österreich und Serbien verblasst.
Clark hingegen verweist auf den Balkankonflikt und bietet außerdem, was die europäische Großmachtpolitik angeht, eine vielschichtigere und weniger deterministische Erklärung des Kriegsausbruchs an. In den letzten Jahren vor 1914 erkennt er vielfache Ansätze für eine Verbesserung der internationalen Beziehungen; diese Ansätze seien infolge des Kriegsausbruchs nicht mehr zum Tragen gekommen, hätten aber die europäische Allianzpolitik weitgehend umgestalten können. In Europa gab es vor 1914 viele voneinander unabhängige Entscheidungszentren, und die Bündnispolitik sorgte dafür, dass durch
unklare und geheime Vernetzungen die Abläufe komplexer und nahezu undurchschaubar wurden. Sechs europäische Großmächte und Serbien berieten im Juli 1914 über Krieg und Frieden. Clark spricht die deutsche und die österreichisch-ungarische Außenpolitik nicht von zahlreichen Fehlern und Absonderlichkeiten frei. Aber er sieht die Politik der anderen Staaten ebenso kritisch. Diese sei nicht minder erratisch und provokant gewesen.
Es ist deshalb kein Zufall, dass Clark sein Buch in Serbien beginnen lässt, mit der Mordnacht von Belgrad. Ebenso programmatisch für seine Argumentation ist die Tatsache, dass er nach der Schilderung der serbischen Politik jener Zeit nicht die Entwicklungen in Deutschland betrachtet, sondern zunächst die Lage Österreich-Ungarns analysiert. Er diskutiert die inneren Probleme des Vielvölkerstaats, unterstreicht aber auch dessen positive Seiten. Die erbitterten Nationalitätenkämpfe innerhalb des Reichs deutet er als einen Streit der Völkergruppen um die Herrschaft innerhalb der Monarchie, aber nicht als Versuch, diese aufzulösen oder abzuschaffen. Erzherzog Franz Ferdinand, das Opfer von Sarajevo, ist in Clarks Darstellung ein starker Befürworter des Friedens. Üblicherweise wegen seiner cholerischen und herrschsüchtigen Art negativ dargestellt, wird er von Clark als energischer Reformer des Vielvölkerreichs und als Gegengewicht zum kriegstreiberischen Generalstabschef Conrad von Hötzendorf gezeichnet. Und wer weiß, ob der Erzherzog im Juni 1914 hätte sterben müssen, wenn sich der damalige serbische Gesandte in Wien nur klarer ausgedrückt hätte: Laut Clarks Indizienbeweis war Serbiens Ministerpräsident Pašić über die Verschwörung im Bilde und ließ eine - wenn auch nebulöse - Warnung nach Wien weitergeben, dass der Erzherzog nicht an jenem Tag nach Sarajevo reisen solle. Diese Nachricht sei aber vom serbischen Gesandten in Wien so verklausuliert vorgebracht worden, dass der Adressat, der österreichisch-ungarische Finanzminister, sie für ein verbales Einschüchterungsmanöver gehalten und nicht weitergegeben habe.
Der Erste Weltkrieg brach wegen einer österreichisch-serbischen Streitfrage aus. Clark sieht darin keinen beliebigen, auswechselbaren Anlass, der das europäische Pulverfass zur Explosion brachte. Allerdings gehörte vieles andere dazu, damit der österreichisch-serbische Konflikt zu einem Weltkrieg werden konnte. Clark verwendet viel Sorgfalt darauf, die widersprüchlichen Tendenzen jener Zeit herauszuarbeiten, in der politische Spannungen mit dem Wunsch nach Frieden koexistierten. Er stellt die scheinbare und oft behauptete Konsequenz der tödlichen Antagonismen zwischen den Großmächten in Frage - und damit auch die unterstellte Zwangsläufigkeit der Entwicklung.
Kritisch beleuchtet er die französische Politik, die sich auf die Eindämmung Deutschlands versteift habe. So wird der französische Präsident Raymond Poincaré als überzeugter und unnachgiebiger Nationalist charakterisiert, der glaubte, dass Deutschland nur "die Sprache der Stärke" verstehe und immer zurückweichen werde, wenn es auf Entschlossenheit stoße. Das französische Verhalten in beiden Marokko-Krisen 1905 und 1911 wird von Clark als Vertragsbruch und unnötige Provokation dargestellt. Der neuesten Literatur folgend, zeichnet er ein Bild, in dem Frankreich provoziert und das Deutsche Reich vor allem reagiert. Diese Sichtweise unterscheidet sich deutlich von der Lesart unserer Schulbücher, denen zufolge der Staats-
besuch Wilhelms II. in Tanger 1905 beziehungsweise der "Panthersprung nach Agadir" die schweren Krisen auslösten.
Auch die britische Politik wird von Clark kritisch examiniert. Mit maliziöser Genauigkeit porträtiert er etwa den britischen Außenminister Sir Edward Grey als unehrgeizigen Studenten, der sein Jura-Studium mit der Mindestnote abschloss und eher in Sport glänzte; der wenig gereist war, keine Fremdsprache lernte und lieber fischen ging oder Vögel beobachtete. Grey arbeitete mit einer Gruppe von Diplomaten des Foreign Office zusammen. Ihnen ging es darum, die Existenz des weltumspannenden Empire durch Absprachen zu sichern. Die Freundschaft mit Russland, das Indien bedrohte, und mit Frankreich, das überall auf der Welt als kolonialer Mitbewerber auftrat, hielten Grey und seine Freunde für wichtig. Dem Deutschen Reich hingegen maßen sie untergeordnete Bedeutung bei, da sie es für lästig, aber nicht wirklich gefährlich hielten. Im Foreign Office wehte ein antideutscher Wind, und in London wurde, ebenso wie in Paris, eine Politik betrieben, die man im Kalten Krieg als "containment" beschrieben hätte. Clark spricht nicht von der Einkreisung, aber er argumentiert in diese Richtung. Auch die russische Politik verschont Clark nicht mit Kritik, insbesondere die Mobilmachung im Juli 1914. Die habe die Militärs in Berlin entfesselt, als Reaktion auf das russische Vorgehen, und damit die Automatik des Schlieffenplans in Gang gesetzt, also auch die Invasion Belgiens.
Und Deutschland? Beim Blick auf die Tage nach dem Attentat zeigt Clark, dass die Dinge in Berlin lange ruhig blieben. Die Militärs waren im Urlaub - und zwar nicht in erster Linie, um das Ausland zu täuschen, sondern weil Reichskanzler und Diplomaten lange davon ausgingen, dass ein serbisch-österreichischer Krieg lokal bleiben und nicht eskalieren würde. Zudem war die deutsche Regierung von der Legitimität und der Notwendigkeit des österreichischen Vorgehens gegen Serbien überzeugt. Wilhelm II., dem üblichen Verdächtigen der Darstellungen zur Kriegsschuldfrage, attestiert Clark zwar das Benehmen eines "aufgeregten Teenagers", gleichzeitig aber eine grundsätzliche Friedensliebe.
Warum nennt Clark sein Buch "Die Schlafwandler"? Die Verantwortlichen von 1914 hätten die Realität der Katastrophe, auf die sie zusteuerten, nicht erkannt, sondern ihre Umgebung wie Schlafwandler wahrgenommen: unvollständig, fragmentarisch, unklar. Clark schildert einen Krieg, den niemand wollte und den niemand verhinderte. Die Politiker hätten grob verkannt, welch immense Gewalt dieser moderne Krieg entfesseln und wie viele Jahre er dauern würde. Sie hätten sich an zweitrangigen Prioritäten der Bündnispolitik orientiert, statt alles zu versuchen, diesen Weltkrieg zu vermeiden. Das klingt nach dem "Hineinschlittern" der Mächte in den Krieg, von dem der einstige britische Premier Lloyd George gesprochen hatte. Geht Clark in dieselbe Richtung? Den einen Schuldigen für die Katastrophe zu finden, wie es das Bestreben der Kriegsschuldliteratur sei, führe jedenfalls in die Irre, schreibt Clark. Die Julikrise sei kein Krimi von Agatha Christie, an dessen Ende der Übeltäter mit einer rauchenden Pistole in der Hand ertappt wird. Im Sommer 1914 gab es nicht einen Schuldigen mit einer rauchenden Pistole in der Hand - alle hatten eine.
Der deutsche Historiker Holger Afflerbach, 52, lehrt als Professor an der University of Leeds. Er ist Spezialist für die Zeit des Kaiserreichs.
(**) Christopher Clark: "The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914". Penguin, London; 696 Seiten; 30 Pfund.
Von Afflerbach, Holger

DER SPIEGEL 39/2012
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