24.09.2012

Mein RTL

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Wie ein österreichischer Rentner zu einem „DSDS“-Auftritt kam
Als Herbert P., ehemaliger Zahntechniker und mittlerweile Rentner, zu den Malediven aufbrach, neuneinhalb Flugstunden von Wien entfernt, erwartete ihn, das wusste er, Unbekanntes und Exotisches. Eine fremde Kultur, 30 Grad warmes Wasser, bunte Fische.
Und ein Fernsehteam des Senders RTL, aber das wusste er natürlich noch nicht.
Herbert P. ist lungenkrank, der Arzt hatte ihm deshalb Meerluft empfohlen. Bei einem Reiseunternehmen hatte P. ein Sonderangebot entdeckt, 14 Tage Malediven. Seine Lebensgefährtin, die ihn auf der Reise begleitete, lud ihn ein. An der Spitze einer Koralleninsel bezogen sie einen Bungalow, direkt am Strand.
Herbert P. neigt zur Korpulenz. Wegen seiner Krankheit nahm er damals Cortison, das Medikament hatte ihn zusätzlich aufgeschwemmt. Jeden Tag ging er deshalb schwimmen, das Wasser trug seinen schweren Körper. Bald entdeckte er, dass es vor der Spitze der Insel eine Strömung gab: Er ging vor dem Bungalow ins Wasser, schwamm ein wenig und ließ sich dann an die andere Seite der Insel treiben, wo er an Land stieg und zurücklief zum Bungalow.
Am Ende der ersten Woche bemerkte er, dass sich am Strand etwas tat. Sand wurde aufgeschüttet, eine Palme in den Sand gesteckt. RTL, der größte Fernsehsender Europas, dreht auf den Malediven regelmäßig für die Castingshow "Deutschland sucht den Superstar", kurz "DSDS". Die Fernsehleute bereiteten gerade den "Recall" vor, die zweite Runde. Herbert P. kannte "DSDS" nicht. Er wusste nicht, dass junge Menschen sich von einem ehemaligen Schlagersänger beschimpfen lassen, weil sie berühmt werden wollen. P. interessiert sich für Naturfilme und Eisenbahnen, er schaut, wenn überhaupt, ORF 2.
Bald nach seiner Rückkehr sprach ihn die Nichte seiner Lebensgefährtin an. "Du bist im Fernsehen", sagte sie. Auf der RTL-Homepage fand P. tatsächlich einen Film, der ihn zeigte. Er starrte auf den Titel: "Das Monster aus der Tiefe". Es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass er dieses Monster sein sollte.
Der Film beginnt mit Schrifttafeln. Grausam. Gefährlich. Gefräßig. Dazu Musik wie aus einem Horrorfilm.
P. sah sich selbst, wie er im flachen Wasser herumstand und dann an Land ging. Im Vordergrund ist die Jury zu sehen, der Sänger Patrick Nuo, in der Mitte Fernanda Brandao, daneben Dieter Bohlen. Offenbar hatten sie gerade Drehpause. Offenbar hatte er sie nicht bemerkt.
Fernanda Brandao ist gelernte Aerobic-Trainerin, außerdem nahm sie Gesangsunterricht. Die deutschen Leser des Männermagazins "FHM" wählten sie zur "Sexiest Woman in the World 2011".
Bohlen ist 58 Jahre alt und die bekanntere Hälfte von Modern Talking. Fast alles, was er erlebt, teilt er mit dem Boulevard: seine Ehen, das Scheitern seiner Ehen, den Einbruch in sein Haus, einen schmerzhaften Penisbruch. In einer ZDF-Umfrage wurde er 2003 auf Platz 30 der "größten Deutschen" gewählt.
"Und jetzt, zum ersten Mal im deutschen Fernsehen", sagte der Sprecher. "Es ist grausam, es ist gefährlich, es ist gefräßig, und es ist unberechenbar - das Monster aus der Tiefe. Jetzt geht es an Land und ... ups, es will nicht erkannt werden."
Die Fernsehleute hatten P. einen schwarzen Augenbalken verpasst, das sollte seine Persönlichkeitsrechte schützen; gleichzeitig machten sie sich darüber lustig.
"Der sieht aus wie 'ne Flasche Bier", sagt Bohlen.
"Ja", antwortete Fernanda Brandao, "aber das finden kleine Mädels toll, der wird sich noch entwickeln."
Wenig später ruft sie: "Wäh, guck mal, und der ist auch noch behaart."
Nach der Ausstrahlung sprachen Bekannte Herbert P. auf seinen Auftritt an. Wenn man bei Google "DSDS Mon" eingab, bot der Algorithmus automatisch "Monster aus der Tiefe" an.
Die Zuschauer lieben es, wenn Bohlen Schwächere lächerlich macht, das wusste Herbert P. nicht. Sie lachen darüber, wenn er einen Jungen demütigt, weil der einen Fleck auf der Hose hat. Sie lachen sogar über seine Furz-Witze.
Damit die Kandidaten gegen die Demütigungen nicht klagen können, müssen sie Verträge unterschreiben. Herbert P. hat nichts unterschrieben. Er wusste nicht, dass man seine Würde verlieren kann, wenn man zufällig einem RTL-Team vor die Kamera gerät.
9000 Euro hat ihm die RTL interactive GmbH angeboten, freiwillig, wie deren Anwälte betonen, um einen Rechtsstreit zu vermeiden. Die Summe sei steuerfrei und "äußerst großzügig bemessen".
"Wie komme ich dazu, mich so verhöhnen zu lassen?", sagt P. Er fordert zusätzlich 21 000 Euro Schmerzensgeld von RTL. Am 8. November wird das Landesgericht Korneuburg darüber entscheiden. Weil der Vorgang, auch für RTL, unstrittig ist, muss Dieter Bohlen nicht als Zeuge erscheinen.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 39/2012
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