Von Osang, Alexander
Es gibt viele Versuche, die Weltwirtschaftskrise zu erklären. Manche beginnen beim Reihenhauskauf in der amerikanischen Provinz und arbeiten sich in die Penthäuser der Banker hinauf, andere gehen den umgekehrten Weg. Letztlich aber erzählen alle dieselbe alte Geschichte. Die Geschichte der Gier. Gordon Gekko hat im Film "Wall Street" alles gesagt, was es zum Thema Finanzkrise zu sagen gibt: Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier klärt die Dinge. Gier hat den Menschen zu dem gemacht, was er ist.
Gier ist eine der Todsünden. Die Krise kam wie eine biblische Plage über die Welt.
Das ist der Ansatz des grauhaarigen Mannes, der vor dem Frankfurter Dom in der Sonne steht. Es ist Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson und er arbeitet, wenn man so will, als Exorzist des Finanzkapitals.
Kardinal Turkson ist Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden und kommt direkt aus dem Vatikan. Aus der Brusttasche seines Jacketts lugt der Abriss seiner Lufthansa-Bordkarte vom Flug Rom-Frankfurt am Main. Über der Schulter trägt er einen blauen Leinenbeutel, in dem sich eine Schrift befindet, die nach Auffassung des Vatikans künftige Weltwirtschaftskrisen verhindern kann. Sie heißt "Zum Unternehmer berufen!" und ist eine "Ermutigung für Führungskräfte in der Wirtschaft". Diese Schrift will Kardinal Turkson heute in Deutschland vorstellen.
Es sind 87 Gebote eines moralisch integren Unternehmers, der das Gemeinwohl vor den Eigennutz stellt. Zusammengetragen wurden sie von Wissenschaftlern katholischer Universitäten aus aller Welt. Die englische Fassung wurde in diesem Jahr in Dayton, Ohio, vorgestellt, die französische in Lyon, die spanische wird im Oktober in Honduras präsentiert, die chinesische ist in Vorbereitung. Der Vatikan wendet sich an die Manager der ganzen Welt. Gier ist ein globales Problem.
Im ersten Gebot heißt es: "Führungspersönlichkeiten in der Wirtschaft haben Zugriff auf umfangreiche Ressourcen. Der Herr fordert sie auf, Großes damit zu tun. Dies ist ihre Berufung."
Kardinal Turkson ist 63 Jahre alt. Er wurde in Ghana geboren, studierte in New York und erwarb sein Lizentiat am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom. Aber hat er auch einen ökonomischen Hintergrund? "Mein Hintergrund ist die Bibel", sagt der Kardinal. "Es gibt zwei wesentliche Ursachen für die Weltfinanzkrise. Moralische und technische. Ich beschäftige mich eher mit dem Menschen, der menschlichen Seele."
Dann winkt er Stephan Ackermann zu, Bischof von Trier, der am Frankfurter Domplatz aus einem großen schwarzen Auto steigt. Gemeinsam begeben sich die beiden Geistlichen in den vierten Stock des Hauses am Dom, um den moralischen Ratgeber vorzustellen. Dort sitzt bereits, als Beispiel eines christlichen Managers: Michael Bommers, Chef der Firma "La mer", die in Cuxhaven Kosmetik mit Wirkstoffen aus Nordseeschlick herstellt. Sie wollten eigentlich Claus Hipp haben, aber der hatte einen anderen Termin.
Kardinal Turkson richtet die Grüße des Vatikans aus und erklärt, dass am Beginn ihrer Überlegungen die Sozialenzyklika des Papstes liege, in der Benedikt XVI. die "Logik des Schenkens" auch für das normale Geschäftsleben einforderte. Der Unternehmer, so sagt der Kardinal, sei für die katholische Kirche zuallererst eine positive Figur, ein Innovator, jemand, der "am fortschreitenden Schöpfungshandeln Gottes" teilhabe.
Die wirtschaftlichen Führungskräfte dürften "auf die Herausforderungen der Welt nicht mit Angst oder Zynismus reagieren, sondern mit den Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe", sagt Kardinal Turkson. Die Runde nickt. Draußen schlagen die Glocken des Frankfurter Doms drei Uhr. Man sieht keine Bankentürme von hier, nur Kirchtürme. Wie wollen sie ihre Botschaft zu den Gordon Gekkos der Welt bringen? Männer, deren wichtigste Empfehlung zum Thema Zuneigung lautet: "Wenn du einen Freund brauchst, kauf dir einen Hund."
Bischof Ackermann sagt, dass er heute Abend zu den Baden-Badener Unternehmer Gesprächen fahre. Da werde er 40 Broschüren verteilen. "Nehmen Sie so viel mit, wie Sie wollen", sagt der Vize-Chef des Bundes Katholischer Unternehmer. "Wir sind auf einer ,missionary road'."
Kardinal Turkson lächelt. Er glaubt, dass die Welt keine andere Chance hat, der Krise zu entfliehen, als den sozialethischen Prinzipien seiner Kirche zu folgen. In Afrika, sagt er, bauen Bergwerksbetreiber eine Schule, wenn sie ihre Grube schließen. Sie empfinden keine wirkliche Verantwortung, sie verwischen ihre Spuren. Sie wollen keine Erlösung, sie wollen ihre Ruhe haben. Er aber will die Seele der Unternehmer.
Am Abend liest Kardinal Turkson eine Messe im Frankfurter Kaiserdom. Und morgen wird er in den Räumen der Bundesbank darüber reden, dass das internationale Finanzsystem bei seiner Reform eine globale Autorität brauche. Es werden Spitzenvertreter vieler deutscher Großbanken dabei sein. Diese Veranstaltung wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.
Nur Gott und die Banker.
DER SPIEGEL 39/2012
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