24.09.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH

Unseren Hähnchen geht es gut

Von Tuma, Thomas und Amann, Susanne

Lebensmittelindustrie und Verbraucher haben sich einander entfremdet. Peter Wesjohann, Chef des umstrittenen Geflügelimperiums Wiesenhof, kämpft an vielen Fronten um Verständnis - bei Politik, Tierschützern und Kunden.

Wesjohann, 43, ist Chef des größten und zugleich umstrittensten Geflügelkonzerns der Republik: PHW hat die industrielle Massentierhaltung in Deutschland groß gemacht und ist als Marktführer immer wieder ins Visier von Tierschützern und Umweltverbänden, Politikern und Medien geraten. Die ganze Branche kommt nicht aus den Schlagzeilen: Mal geht es um Tierquälerei, mal um Hygiene, mal um Antibiotika-Missbrauch oder einfach um die Grundsatzfrage, ob Massentierhaltung der richtige Weg ist, Lebensmittel herzustellen.

PHW beschäftigt über 5300 Mitarbeiter und setzt rund 2,2 Milliarden Euro jährlich um. Kern und wichtigster Umsatzbringer sind die Marke Wiesenhof und das Geschäft mit Geflügelfleisch. Der Konzern kontrolliert die gesamte Kette - von den Brütereien über die Futtermittelproduktion bis zu den Schlachtereien. Die Mast überlässt das Familienunternehmen rund 800 selbständigen Betrieben, die jedes Jahr allein rund 240 Millionen Hähnchen produzieren. Rein rechnerisch werden im PHW-Imperium also in jeder Stunde über 27 000 Hühner geschlachtet.

SPIEGEL: Herr Wesjohann, können Sie sich erinnern, wann Sie als Kind das erste Mal gesehen haben, wie das Geflügel in Ihren Betrieben lebt - und vor allem stirbt?

Wesjohann: Wie alt ich selbst war, weiß ich nicht mehr. Aber mein eigener Sohn war acht, als er vergangenes Jahr von meinem Vater durch einige unserer Betriebe geführt wurde, auch einen Schlachthof. Das sind alles tophygienische Betriebe, latest State of the Art. Und wenn Sie darauf abzielen: Der Junge ist dadurch nicht zum Vegetarier geworden. Im Gegenteil, er war begeistert.

SPIEGEL: Vom Schlüpfen bis zum Teller bleiben modernen Hühnern mitunter nur noch 30 Tage. Für Leute wie Sie muss so ein Tier von Beginn seines kurzen Lebens an eigentlich nur ein Fleischlieferant auf zwei Beinen sein, eine Ware.

Wesjohann: Nein, eben nicht, um Gottes willen! Das Tier liegt uns von Grund auf am Herzen. Und wir wollen, dass auch unsere Landwirte es vernünftig behandeln, sonst könnten wir so ein Unternehmen auch nicht 80 Jahre lang erfolgreich führen. Weder wir noch die Landwirte haben etwas davon, wenn die Tiere nicht ordentlich gehalten werden.

SPIEGEL: Kurz vor der Schlachtung stehen auf jedem Quadratmeter der Ställe im Schnitt 15 schwere Vögel herum ...

Wesjohann: ... und das sind deutsche Grenzwerte, die europäischen sind weitaus laxer. Wir sind hierzulande besser als die meisten anderen EU-Länder. Für den Tierschutz ist das segensreich, die wirtschaftlichen Auswirkungen können dagegen durchaus problematisch werden.

SPIEGEL: Sie meinen, je mehr Hühner man auf engstem Raum zusammenpferchen darf, umso billiger wird das Fleisch?

Wesjohann: Natürlich gibt's da Grenzen. Aber viele ausländische Wettbewerber können günstiger produzieren. Das ist einfach so.

SPIEGEL: Sie verkaufen jedes Küken für rund 30 Cent an Ihre Bauern - und nehmen es ihnen an Ende für knapp 1,70 Euro wieder ab. Von der Differenz müssen die Landwirte den computergesteuerten Stall finanzieren, das Futter, Personal, Tierarzt. Da bleiben nur Cent-Beträge.

Wesjohann: 20 bis 50 Cent pro Tier. Das hängt von der Marktsituation ab. In den vergangenen Jahrzehnten hatten die meisten damit kontinuierlich ihr Auskommen.

SPIEGEL: Seit zehn Jahren bieten Sie auch Bio-Hühnchen an, die etwas mehr Platz haben und vor allem Öko-Futter bekommen. Ein Erfolg wurde das nicht.

Wesjohann: Das Geschäft ist tatsächlich schwierig. Wir vermarkten die Bio-Hähnchen weiter, aber da reden wir nur noch über rund 2000 Tiere pro Woche.

SPIEGEL: Bio lohnt sich für Sie nicht?

Wesjohann: Es gibt eine kleine Klientel, die Bio nachfragt. Aber es ist ein Nischenprodukt geblieben - und dreimal so teuer wie normales Geflügel.

SPIEGEL: Wir bezweifeln, dass das nur ein Luxus-Nischenprodukt sein muss. Viele Bio-Supermärkte können die Nachfrage doch kaum noch befriedigen. Womöglich wollen die einfach nicht mit Ihnen, dem bösen Marktführer, kooperieren.

Wesjohann: Also, ich würde gern an die Bio-Supermärkte verkaufen und kann nur jeden einladen, sich bei uns zu melden. Unsere Bio-Hühner wurden nach EU-Zertifizierung großgezogen. Daran kann's nicht liegen.

SPIEGEL: Demnach wäre das eigentliche Problem der Kunde, der zwar von glücklichen Hühnern träumt, aber am Ende nur Tiefstpreise will.

Wesjohann: So einfach ist das nicht. Obwohl zum Beispiel die Euro-Krise erst langsam Deutschland erreicht, muss man doch sehen, dass viele Menschen einfach wenig Geld haben. Und jene, die sich teureres Fleisch leisten könnten, setzen oft andere Prioritäten. Franzosen zum Beispiel geben deutlich mehr von ihrem Einkommen für Essen aus als Deutsche. Dafür fahren sie kleinere Autos.

SPIEGEL: Als Marktführer einer gigantischen Industrie erziehen Sie uns Kunden mit dazu, dass wir billig denken. Sie hätten die Macht, uns zu verändern.

Wesjohann: Ich kann den Leuten verschiedene Angebote machen. Das tue ich ja auch. Aber Sie überschätzen unseren Einfluss dann doch. Unsere Aufgabe ist es nicht, irgendjemanden zu erziehen, sondern bestehenden Bedarf zu decken. Den gibt es auch im Bereich Bio ...

SPIEGEL: ... und Sie decken ihn da mit einer neuen Produktlinie namens "Privathof". Das sind keine Bio-Hühner, aber die Tiere haben mehr Platz in den Ställen, sie wachsen langsamer, bekommen Picksteine, Sitzstangen und Strohballen in die Ställe. Es geht also ...

Wesjohann: ... und ich hoffe, dass sich das weiterentwickelt. Wir haben das Konzept gemeinsam mit dem Deutschen Tierschutzbund entwickelt und jetzt von 12 auf 27 Höfe erweitert. Das sind bislang 100 000 Tiere pro Woche, die allerdings etwa 40 Prozent teurer sind. Ich wäre stolz und froh, wenn wir damit irgendwann zwei bis fünf Prozent des Gesamtmarkts erreichen könnten.

SPIEGEL: Damit erkennen Sie doch an, dass es Ihren "normalen" Tieren bessergehen könnte.

Wesjohann: Noch mal: Wir haben in Deutschland generell hohe Standards - auch was den Tierschutz angeht. Bio-Haltung akzentuiert ein Mehr an Tierwohl, hat aber auch Nachteile. Zum Beispiel braucht es deutlich mehr Futter.

SPIEGEL: Mit "Privathof" verkaufen Sie auch ein bisschen gutes Gewissen?

Wesjohann: Wenn der Kunde das so sähe, müsste es mich jedenfalls nicht stören, oder?

SPIEGEL: Warum beäugen sich Kunden und Industrie heute so misstrauisch? Beide Seiten scheinen sich nicht mehr zu verstehen.

Wesjohann: Man muss da ein bisschen zurückgehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einerseits noch großen Hunger, andererseits eine große ländliche Bevölkerung. Die Städter mussten sich ihr Essen auf dem Land selbst besorgen und verstanden noch, wie das produziert wird. Mit dem Wegfall des Hungers schwand auch das Interesse an der Produktion. Zugleich hat sich die allmählich industrialisierende Landwirtschaft auch zu wenig darum gekümmert, wie sie sich ihren Kunden verständlich machen kann. Beide Entwicklungen haben tatsächlich zu einer Entfremdung geführt.

SPIEGEL: Die ganze Lebensmittelindustrie gaukelt den Kunden seit Jahrzehnten eine Idylle vor, mit glücklichen Kühen und Hühnern. Das alles hat mit der Realität nichts mehr zu tun.

Wesjohann: Wir bedienen dieses Bild schon lange nicht mehr, sondern zeigen auch auf unserer Homepage, wie die Ställe aussehen.

SPIEGEL: Unter anderem deshalb haben Sie ein Imageproblem ...

Wesjohann: ... das sehen wir anders. Aber wir geben als Marktführer natürlich die größte Zielscheibe ab. Und wir sind eben die einzige echte Fleischmarke in Deutschland.

SPIEGEL: Die Schar Ihrer Kritiker ist vielfältig. Ihre schärfsten Gegner sind die Tierschützer von Peta. Reden Sie mit denen?

Wesjohann: Wir reden grundsätzlich mit allen Organisationen und Parteien, die Interesse an unserer Arbeit haben. Zum Beispiel haben wir es gemeinsam mit Vier Pfoten geschafft, bei unserem Joint Venture in Ungarn das Lebendrupfen und Stopfen von Enten und Gänsen abzuschaffen. Wenn Peta-Vertreter sich melden, würde ich mich gern auch mit denen an einen Tisch setzen oder ihnen unsere Anlagen zeigen.

SPIEGEL: Die Peta-Enthüllungen zu Wiesenhof waren brutal: Mal ging es um Ekelbilder aus Ställen, mal um Räumtrupps, die die Tiere mit Füßen treten.

Wesjohann: Solche Bilder sind nicht zu tolerieren, und wir bedauern die sehr. Das bleiben aber Einzelfälle. Obwohl wir die gesamte Produktionskette organisieren, obwohl wir sicher das am genauesten kontrollierte Fleischunternehmen ganz Europas sind - man kann nie ganz verhindern, dass gelegentlich Fehler passieren. Derlei wird von uns rigoros geahndet.

SPIEGEL: Trotzdem haben die Vorwürfe Sie Umsatz gekostet.

Wesjohann: Gesamt gesehen, bisher nicht. Aber gut für das Geschäft sind diese Auseinandersetzungen definitiv nicht.

SPIEGEL: Sie können sich nicht mal mehr auf die niedersächsische CDU verlassen. Landwirtschaftsminister Gert Lindemann kämpft für seinen "Tierschutzplan". Für zwölf Tierarten listet er knapp 40 problematische Aufzuchtpraktiken auf, die er ändern möchte.

Wesjohann: Ich begrüße alle Entwicklungen, die zu verbesserter Tierhaltung füh-

ren, und wir sitzen da mit am Tisch. Am Ende kann so eine Debatte aber nur auf EU-Ebene geführt werden, weil sonst der Wettbewerb verzerrt wird.

SPIEGEL: Es verzerrt doch nicht den Wettbewerb, wenn Sie in Deutschland zum Beispiel das umstrittene Schnabelschneiden bei Puten beenden.

Wesjohann: Es gibt dazu einige Forschungsprojekte, die zu dem Ergebnis kommen, dass man auf das Schneiden der Schnäbel noch nicht verzichten kann, weil die Tiere sich sonst untereinander verletzen können. Ich hoffe aber, dass die Züchter das bald in den Griff bekommen.

SPIEGEL: Und dann legt auch noch der Top-Grüne Jürgen Trittin sein Amt als Umweltbotschafter von Werder Bremen nieder - aus Protest, weil Wiesenhof neuerdings den Verein sponsert. Statt positiver Reklame ein weiterer Imageschaden.

Wesjohann: Ich sehe das anders, auch wenn ich da vorher mit Protesten gerechnet habe. Unser Engagement für Werder hat Öffentlichkeit geschaffen, ja. Die wollen wir nutzen, um die Debatte über Tierhaltung zu versachlichen. Alle Seiten sollten die Emotionen da etwas zurückschrauben. Wir laden nun alle Fanclub-Vertreter in unsere Ställe ein. Auch Herrn Trittin habe ich schon lange eingeladen, uns zu besuchen. Im Übrigen gibt es Fotos von ihm, auf denen ihm Hähnchenfleisch aus "Massentierhaltung" hervorragend mundet.

SPIEGEL: Selbst in Niedersachsen protestieren Bauern und Anwohner gegen die Monokulturen Ihrer Mastanlagen.

Wesjohann: Ich finde es wichtig, selbständigen Landwirten noch Möglichkeiten zu bieten, sich wirtschaftlich weiterzuentwickeln. Nur so kann man den allgemeinen Wohlstand vergrößern.

SPIEGEL: Die Kritik lässt Sie kalt?

Wesjohann: Nein! Natürlich, die Landwirte müssen versuchen, die Proteste im Einvernehmen mit ihren Nachbarn zu lösen. Man darf das nicht einfach abbügeln. Bedenklich finde ich allerdings bundesweit orchestrierten Ärger, sobald irgendwo ein Bauprojekt bekannt wird.

SPIEGEL: Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner schlug jüngst Alarm, weil der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast offenbar noch weiter verbreitet ist als befürchtet. Auch das betrifft Ihre Branche.

Wesjohann: Bei uns im Haus werden schon seit vielen Jahren Mittel und Wege gesucht, um mit möglichst wenig Antibiotika auszukommen, obwohl die für den Verbraucher keinerlei Probleme darstellen, weil sie im Fleisch keine Rückstände bilden.

SPIEGEL: Wenn die Antibiotika-Schwemme zu resistenten Keimen führt, ist am Ende auch der Mensch betroffen.

Wesjohann: Klar, deshalb müssen wir als Branche den Einsatz auch minimieren. Schon unsere Brütereien sind hygienischer als viele Krankenhäuser. Rund die Hälfte unserer Hühner müssen gar nicht mehr mit Antibiotika behandelt werden. Unser Ziel ist es, diesen Anteil in drei Jahren auf 70 bis 80 Prozent auszubauen.

SPIEGEL: Verstehen Sie denn generell den Unmut und Argwohn vieler Verbraucher?

Wesjohann: Schon. Aber am einfachsten ist es leider, Ängste bei Leuten zu schüren, die mit Tierhaltung nie was zu tun hatten.

SPIEGEL: Der Moralphilosoph Peter Singer sagt, Massentierhaltung füge Tieren Schaden zu, deshalb sei sie unmoralisch. Also sei es auch unmoralisch, Fleisch aus Massentierhaltung zu essen.

Wesjohann: Diesen Ansatz teile ich nicht, was Sie kaum überraschen wird, weil ich überzeugt bin, dass wir unsere Tiere vernünftig aufziehen. Unseren Hähnchen geht es wirklich gut.

SPIEGEL: Sie machen den Eindruck, als ob all die Kritik an Ihnen eher abperlt.

Wesjohann: Nein, so was kann an niemandem spurlos abtropfen. Auch mir und meiner Familie tut das weh. Es gibt durchaus Momente, in denen ich mir sage: Warum tu ich mir das alles an? Aber ich habe auch eine Verantwortung gegenüber unseren 5300 Beschäftigten.

SPIEGEL: Sie haben sich mal beschwert, als Opfer "moderner Hexenverbrennung" herhalten zu müssen.

Wesjohann: Mit Kritik kann ich umgehen. Ich erlebe aber auch heftigere Reaktionen. Einmal wurde mir per Post eine Morddrohung mit einer Patrone geschickt. Das geht dann doch zu weit.

SPIEGEL: Herr Wesjohann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(*) Susanne Amann und Thomas Tuma in der PHW-Zentrale in Rechterfeld.

DER SPIEGEL 39/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 39/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
Unseren Hähnchen geht es gut