Im Ölland von Hugo Chávez wird das Benzin knapp. Schmuggel und Misswirtschaft führen dazu, dass dem Präsidenten der wichtigste Treibstoff für seine Revolution ausgeht. Benzin ist in Venezuela billiger als Mineralwasser, für rund zwei Euro kann man in Caracas einen amerikanischen Straßenkreuzer volltanken. Mafiagruppen schmuggeln deshalb ganze Tankwagenladungen in die Nachbarländer Kolumbien und Brasilien. Die Benzinpreise will Chávez nicht erhöhen, aus Angst vor einem Volksaufstand - dazu war es in der Hauptstadt Venezuelas schon einmal gekommen, als einer seiner Amtsvorgänger den Treibstoff verteuern wollte. Öl ist das Lebenselixier des südamerikanischen Landes: Mit den Dollar aus den Rohölexporten finanziert der Präsident diverse Sozialprogramme. Auch die aufwendige Kampagne für seine Wiederwahl am 7. Oktober, die der nach eigenen Aussagen vom Krebs geheilte Chávez hauptsächlich über Twitter und das Fernsehen führt, soll er mit Erlösen aus dem Export bestreiten. Doch der geht seit Jahren zurück, obwohl Venezuela über die größten Reserven der Welt verfügt. Aber die staatliche Ölgesellschaft PDVSA kommt mit der Produktion nicht nach; für die Wartung der Anlagen und den Bau neuer Raffinerien fehlen Geld und Fachkräfte. Ende August brannte eine der wichtigsten Raffinerien des Landes, mindestens 42 Menschen kamen bei dem Feuer ums Leben. Vergangene Woche setzte wohl ein Blitz eine weitere Förderanlage, "El Palito", wenige Kilometer von dem Küstenort Puerto Cabello entfernt, in Flammen. In seiner Not sucht der erklärte Antiimperialist Chávez nun Hilfe beim Erzfeind: Venezuela importiert jeden Monat mehr als eine Million Barrel Benzin aus den Vereinigten Staaten. Indirekt finanzieren die Nordamerikaner überdies auch die Herrschaft des amtierenden Präsidenten: Die USA kaufen ihm den Großteil des venezolanischen Rohöls ab.
DER SPIEGEL 39/2012
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