24.09.2012

ISLAM

Der Mohammed-Komplex

Von Gude, Hubert; Smoltczyk, Alexander; Steinvorth, Daniel; Windfuhr, Volkhard

Radikale Islamisten schüren die Krawalle um das antiislamische Video "Die Unschuld der Muslime". Aber auch Politiker nutzen den Aufruhr für ihre Zwecke.

Kurz bevor über der deutschen Botschaft in Khartum die schwarze Islamisten-Flagge gehisst wurde, bevor Scheiben klirrten und schließlich unter "Allahu akbar"-Rufen ein Teil des Gebäudes brannte, saßen Sudans Staatssekretär Rahmatallah Osman und der Gesandte der Bundesrepublik zusammen im Außenministerium. Es gab Tee und Süßes. "Das Gespräch verlief in betont freundschaftlicher Atmosphäre", schrieb der Botschafter wenig später nach Berlin.

Dabei waren Deutschland und die Bundeskanzlerin die ganze Woche über heftig von sudanesischen Predigern und Medien angegriffen worden. In einer Presseerklärung vom 12. September klagte Sudans Außenminister über "den jüngsten Trend der deutschen Regierung", Beleidigern des Propheten zu erlauben, vor Moscheen zu demonstrieren. Angela Merkel habe sich mit jenen gemeingemacht, die religiöse Werte in den Schmutz ziehen.

Offenbar vermischte der sudanesische Minister da kleine Aufzüge der "Pro NRW"-Minipartei mit einer Laudatio, die Angela Merkel bei der Verleihung des Potsdamer Medienpreises 2010 gehalten hatte. Preisträger war Kurt Westergaard, einer der dänischen Mohammed-Karikaturisten.

Aber dies alles möge Deutschland bitte nicht missverstehen, sagte nun, beim vertraulichen Gespräch, Staatssekretär Osman. Die Erklärung sei allein an die heimische Bevölkerung gerichtet gewesen. Die sudanesische Regierung habe so nur versucht, innenpolitische Wogen zu glätten. "Aus meiner Sicht sollten wir es dabei belassen, es sei denn, die nächsten Tage brächten Ungemach", meldete der Botschafter nach Berlin. Das war am Freitag vorvergangener Woche um 11.27 Uhr Ortszeit.

Keine vier Stunden später flogen Brandsätze gegen seine Botschaft, und deshalb erinnert seine Meldung an den Tagebucheintrag des französischen Königs am Tag des Bastille-Sturms: "Rien" - nichts.

Vor allem aber zeigt das diplomatische Plauderstündchen in Khartum, wie zynisch muslimische Regenten mit Internetphänomenen wie dem antiislamischen Filmtrailer "Die Unschuld der Muslime" umgehen. "Wenn unser Regime mehr Demokratie wagen würde, wären solche Ausschreitungen nicht möglich", so der sudanesische Oppositionsführer Hassan al-Turabi zum SPIEGEL: "Die undemokratischen Machteliten in der islamischen Welt missbrauchen die antiwestlichen Gewaltausbrüche, um ihre Unrechtsherrschaft zu rechtfertigen."

Es ist ein gängiges Muster: Die meisten islamischen Regierungen zögern, Prediger und Aufwiegler zu isolieren, weil sie deren Anhänger brauchen oder fürchten. Deshalb reiten sie die Welle, auch wenn die manchmal nicht mehr zu kontrollieren ist. Das hat nur wenig mit spontaner Empörung, aber viel mit taktischem Kalkül zu tun.

Auch vergangene Woche instrumentalisierten Politiker und Scharfmacher die Proteste wieder: In Pakistan erklärte die Regierung von Premier Raja Pervez Ashraf den Freitag zum "Tag der Liebe zum Propheten", Empörung galt als Bürgerpflicht: Einem Ladenbesitzer in Hyderabad, der nicht demonstrieren wollte, hetzten Radikale wegen Blasphemie die Polizei auf den Hals.

Genutzt wurden die Proteste vor allem als Ventil zum Frustabbau. Denn bei den heftigen Straßenschlachten, die sich die Demonstranten in Karatschi und Peschawar mit der Polizei lieferten, ging es längst nicht nur um das Mohammed-Video. Es ging um Arbeitslosigkeit, steigende Lebensmittel-, Gas- und Benzinpreise, und es gab die Gelegenheit, sich endlich einmal abzureagieren. Zehntausende demonstrierten, mindestens 16 Menschen kamen bis Freitagabend ums Leben.

In Afghanistan sprengte sich bereits am Dienstag eine Attentäterin neben einem Bus mit Ausländern in die Luft. Die Gruppe Hisb-i Islami übernahm die Verantwortung, angeblich war der Anschlag die Rache für das Mohammed-Video - obwohl die Terrororganisation sonst natürlich auch häufig Bomben zündet.

Aus Angst vor solcher Gewalt schloss die französische Regierung Ende vergangener Woche ihre Einrichtungen und Botschaften in 20 islamischen Staaten, daheim wurden alle Demonstrationen verboten. Denn das Satireblatt "Charlie Hebdo" hatte am Mittwoch neue Mohammed-Zeichnungen veröffentlicht und damit die Debatte weiter angeheizt.

Die Redakteure hielten es für lustig, neben anderen Körperteilen auch den Anus des Propheten zu zeigen. Die normale Auflage von 75 000 Heften war innerhalb von Stunden ausverkauft, bis Freitag druckte "Charlie Hebdo" 125 000 Stück nach - ein schöner Erfolg für das schwächelnde Blatt. "Wir veröffentlichen Karikaturen über jeden und alles. Wenn wir es aber mit dem Propheten machen, wird es Provokation genannt", klagte Chefredakteur Stéphane Charbonnier - als wäre das Heft unabhängig von den Krawallen um den Film erschienen. Ihm geht auf die Nerven, dass viele im Westen Rücksicht auf leicht entflammbare Muslim-Extremisten nehmen wollen: "Ich fordere strenggläubige Muslime nicht auf, ,Charlie Hebdo' zu lesen, so wie ich nicht in eine Moschee gehen würde, um Reden zu hören, die meinem Glauben widersprechen."

Auch in Deutschland demonstrierten einige hundert Menschen, in Freiburg und Münster, auch hier streiten Politiker und Intellektuelle, wie mit der Wut umzugehen ist. Man dürfe sich radikalen Muslimen nicht beugen, argumentiert der Schriftsteller Michael Kleeberg im SPIEGEL-Essay: "Die Regeln des Rechtsstaats sind zumutbar, die ausnahmslose Durchsetzung ist Voraussetzung für den inneren Frieden" (siehe Seite 160).

In Iran versuchten etwa hundert Demonstranten, Frankreichs Botschaft zu stürmen. In anderen Ländern blieben die Proteste ebenso überschaubar. In Indonesien, dem mit 200 Millionen Muslimen bevölkerungsreichsten Land der islamischen Welt, demonstrierten gerade einmal einige hundert Menschen vor westlichen Botschaften.

In Ägypten riefen die regierenden Muslimbrüder ihre Mitglieder auf, Massendemonstrationen fernzubleiben - dem "berechtigten Zorn" über die Beleidigung des Propheten, so ein Sprecher, sei bereits deutlich Ausdruck verliehen worden. Und in Libyen demonstrierten Tausende gegen die Gewalt.

Es sind jedoch vor allem die lautstarken Minderheiten, denen an einer Eskalation gelegen ist - und Radikale wie der ägyptische Salafisten-Prediger Ahmed Aschusch, der mit einer sogenannten Fatwa zum Mord an den Beteiligten des Films aufgerufen hat: "Pflicht ist das Töten des Regisseurs, des Produzenten, der Schauspieler und jedes anderen, der mit dem Film zu tun hat."

Hilflos sehen die Mehrheiten in der westlichen ebenso wie in der islamischen Welt zu, wie das Räderwerk von Provokation, Protest, Gegenprovokation sich weiterdreht. Dass muslimische Gelehrte wie Dalil Boubakeur, Rektor der Großen Moschee in Paris, zu Besonnenheit aufriefen, ging in der vergangenen Woche fast unter. Auch die Aussage von Mehmet Görmez, dem Leiter der türkischen Religionsbehörde, verhallte: "Egal wie niederträchtig, banal und provokativ der Film auch sein mag, es gibt dem islamischen Glauben nach keinerlei Rechtfertigung dafür, dass Muslime Botschaften angreifen und Unbeteiligte ermorden."

Die Welle der islamistischen Proteste folgt einem Muster, wie man es schon bei der Rushdie-Affäre, dem Karikaturenstreit in Dänemark und nach der Regensburger Rede von Benedikt XVI. erleben musste. Man könnte es den Mohammed-Komplex nennen: eine Mischung aus viriler Gebärde, Minderwertigkeitsgefühlen und Unverstand, ausgenutzt für die Agenda der Frömmler.

Und durch das Internet kann ein Nicht-Ereignis wie der zusammengestümperte Mohammed-Film zum Hyperereignis werden, gleichzeitig universal verfügbar. Lautstarke Gruppen antiwestlicher Islamisten haben sich längst der neuen Medien angenommen und wissen sie - bei aller Verachtung für den Westen - genauso virtuos zu bedienen wie in den USA die Rechtspopulisten und TV-Prediger.

Der mutmaßliche Produzent des Mohammed-Videos, der koptische Christ Nakoula Basseley Nakoula, hatte Teile des Films Ende Juli in einem fast leeren Kino am Hollywood Boulevard in Los Angeles uraufgeführt. Nichts passierte. Gut zwei Monate später stellte ein anderer Kopte aus den USA, Morris Sadek, eine arabische Version des Trailers auf YouTube. Damit die Bombe sicher zündete, mailte er einen Link zum Video an alle möglichen Leute in der arabischen Welt, unter anderem an Dutzende Journalisten in Ägypten.

Ein 47-jähriger ägyptischer Fernsehmoderator, Chalid Abdullah, zeigte Teile des Videos am 8. September in seiner Talkshow "Neues Ägypten". Und neu an der Sendung von Scheich Chalid ist, dass hier Salafisten-Hardliner ihre Sicht der Dinge verbreiten können, wie es unter dem Regime des Despoten Husni Mubarak undenkbar gewesen wäre.

Wenig später randalierten deshalb Salafisten vor der US-Botschaft in Kairo. Ein Abu Islam, der mit einer Schar vollverschleierter Frauen sein "Maria-TV" betreibt, zerriss öffentlich vor der Vertretung eine Bibel. Finanziert wird der Sender von Saudi-Arabien, einem strategischen Bündnispartner Washingtons.

"Ich habe den Film nicht gemacht, ich habe nur die News überbracht", so Chalid Abdullah zum britischen "Telegraph". Es sei "komisch, dass Leute im Westen sich einbilden, dass zweieinhalb Minuten Film auf meinem Sender für die ganze Krise verantwortlich gewesen seien".

Aber der Fernsehmann dürfte gewusst haben, was er tat: Wem es gelingt, einen Blasphemie-Hype zu entzünden, braucht sich um die Einschaltquoten seines Senders keine Sorgen mehr zu machen. "Angriff verkauft sich immer, und je rücksichtsloser er geführt wird, desto höher fällt die mediale Belohnung aus", schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk. Die neue Dichte der globalen Kommunikation garantiert maximale Wirkung bei minimaler Invasion. Terrorismus sei, so Sloterdijk, letztlich "die Kunst, von sich reden zu machen".

"Meme" nennen Medienwissenschaftler Phänomene wie den Hype um den Mohammed-Trailer. Sie können spontan entstehen oder bewusst produziert werden. Entscheidend ist, dass sie in der Lage sind, sich quasi in Lichtgeschwindigkeit zu verbreiten, über News-Seiten, Blogs, obskure TV-Shows. Trittbrettfahrer springen auf, nützliche Clowns wie das Satireblatt "Charlie Hebdo" liefern neues Brennmaterial. Auch die Satirekollegen von der deutschen "Titanic" wollen sich Mohammed widmen.

Und im sunnitischen Islam gibt es keine höchste Autorität in Glaubensfragen, niemanden also, dessen Wort die Dinge zurechtrücken könnte. Seit dem Arabischen Frühling ist der Streit um die Deutungshoheit noch schärfer geworden: In Ägypten und Tunesien beanspruchen jetzt ultrakonservative Salafisten diese Rolle und werfen den Muslimbrüdern vor, sich dem Westen zu sehr anzubiedern. Den Salafisten ist jede Gelegenheit willkommen, sich gegen die neuen Herrscher zu profilieren.

Tarik Ramadan, einer der bekanntesten muslimischen Intellektuellen in Europa, hat unter dem Eindruck der Krawalle einen vorsichtigen "Appell an das Gewissen der heutigen Muslime" geschrieben. Darin fordert er ein Bekenntnis zum Pluralismus innerhalb des Islam - und ein mutigeres Auftreten gegenüber Wutausbrüchen.

Ramadan kennt die westliche Geistesgeschichte. Er weiß, dass die Aufklärung lange dafür gekämpft hat, auch über die Götter lästern zu dürfen. Egal über wessen Götter.


DER SPIEGEL 39/2012
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