24.09.2012

Der Film ekelt mich an

Von Backovic, Lazar und Schmitz, Gregor Peter

Der US-Schauspieler Dan Sutter, 69, über seine Rolle im Anti-Islam-Clip "Die Unschuld der Muslime"

SPIEGEL: Der Trailer des antiislamischen Films, in dem Sie mitspielen, ging um die Welt. Es gab Krawalle in islamischen Ländern, ein Mordaufruf richtet sich auch gegen die Schauspieler. Wie fühlen Sie sich?

Sutter: Einfach schrecklich. Der Film ekelt mich an. Und natürlich tut mir unendlich leid, was er ausgelöst hat.

SPIEGEL: Aber warum haben Sie dann mitgespielt?

Sutter: Seit drei Jahren versuche ich, mir die Rente mit kleineren Rollen aufzubessern. Und dieses Projekt las sich im Internet ganz seriös: Sie suchten angeblich Darsteller für einen historischen Actionfilm namens "Wüstenkrieger". Der sollte vor 2000 Jahren in der ägyptischen Wüste spielen, ich sollte einen Stammesfürsten mimen.

SPIEGEL: Und niemand hat Ihnen verraten, dass es um einen Hetzfilm gegen den Islam ging? Im fast 14 Minuten langen Trailer auf YouTube wird schließlich behauptet, Mohammed sei ein Kinderschänder.

Sutter: Diese Sätze sind uns Darstellern später in den Mund gelegt worden, man kann das an den Lippenbewegungen sehen. Auch der Darsteller von Mohammed hieß beim Dreh einfach Master George. Den Namen Mohammed habe ich am Set nie gehört.

SPIEGEL: Als Schauspieler muss man während eines Drehs doch mitbekommen, welche Botschaft ein Film transportiert.

Sutter: Nein, wir haben niemals ein fertiges Drehbuch gesehen. Jeder von uns Darstellern tappte im Dunkeln. Eins aber war mir schnell klar: dass es sich um eine Billigproduktion handelte. Der Dreh fand in einem Industriepark in Duarte statt, rund 30 Kilometer außerhalb von Los Angeles, gegenüber einer Tankstelle. Und alles musste ganz schnell gehen. Als ein Maskenbildner meine Nase blutig gekratzt hatte, sagte der Produzent einfach: weiterdrehen.

SPIEGEL: Der Produzent des Films nannte sich Sam Bacile. In Wahrheit soll es sich um den vorbestraften ägyptisch-amerikanischen Geschäftsmann Nakoula Basseley Nakoula handeln. Wie war Ihr Eindruck von ihm?

Sutter: Sam hat am Set alles bestimmt. Er sieht schmierig aus, überhaupt nicht vertrauenswürdig. Mein erster Gedanke war: Mit dem möchte ich nie ein Bier trinken.

SPIEGEL: Hatten Sie mit ihm Kontakt, seit der Film herausgekommen ist?

Sutter: Um Himmels willen, nein. Wir wissen auch gar nicht, ob es wirklich einen fertigen Film gibt. Bislang ist ja nur der Trailer veröffentlicht worden.

SPIEGEL: Dieser Zusammenschnitt war ja schon vor Monaten auf YouTube zu sehen. Haben Sie sich damals nicht bereits erschrocken?

Sutter: Das habe ich gar nicht mitbekommen. Erst am 11. September erfuhr ich von dem Trailer, als die Proteste ausbrachen.

SPIEGEL: Sie haben sich nie mehr für Ihr eigenes Filmprojekt interessiert?

Sutter: Soll ich Ihnen verraten, wie viel ich für den Dreh bekommen habe? 75 Dollar am Tag und ein paar Snacks. Ich habe meine anderthalb Drehtage runtergerissen, dann bin ich nach Hause gegangen und habe zu meiner Frau gesagt: Hoffentlich sieht nie jemand diesen Drecksfilm.

SPIEGEL: Haben Sie Angst?

Sutter: Klar, ich mache mir Sorgen um meine Familie. Und natürlich schockiert mich, dass ein islamistischer Prediger diese Fatwa gegen uns Schauspieler verkündet hat.

SPIEGEL: Trotzdem reden Sie noch öffentlich über den Film?

Sutter: Ja, wir Schauspieler wollen uns nicht verstecken. Die Wahrheit über unsere Rolle muss ans Licht. Außerdem hat mir das FBI versichert, dass es sich um die Drohungen kümmert.

SPIEGEL: Ihre Co-Darstellerin Cindy Lee Garcia hat eine Klage gegen den Produzenten angestrengt. Außerdem wollte sie Google und YouTube zwingen, den antiislamischen Trailer aus dem Internet zu nehmen.

Sutter: Auch ich werde den Produzenten auf Schadensersatz verklagen.


DER SPIEGEL 39/2012
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