24.09.2012

LITERATURZwei machen Karriere

Einen Generationenroman schreiben, dessen Handlung sich von den zwanziger Jahren bis über die Jahrtausendwende spannt - das klingt kühn, da doch heutzutage in Deutschland eher immer kleinteiliger erzählt wird. Die Autorin Gisela Stelly hat diese Langstreckenunternehmung gewagt, mit all den Raffungen, Zeitsprüngen, Dramatisierungen, die es braucht, damit der Schwung trägt. Ihr opulenter Zweifamilienroman "Goldmacher" handelt (mit einer reichen Entourage aus Familien, Freunden, Geschäftspartnern und Geliebten) von der paradoxen Freundschaft zweier Männer. Anton Bluhm und Franz Münzer, die einander 1938 bei einem HJ-Ernteeinsatz im Holsteinischen näher kennengelernt haben, halten trotz aller Gegensätzlichkeit ein Leben lang ihr Interesse füreinander lebendig. Der konservative Münchner Münzer, Sohn eines windigen Bankiers, der als Steigbügelhalter Hitlers zu großem Vermögen gekommen ist, bedient das Fernweh der Wirtschaftswunder-Deutschen mit dem Aufbau einer Kette von Urlaubsquartieren am Mittelmeer, die sich im Lauf der Jahrzehnte zwangsläufig von schlichten Herbergen zu Wellness-Resorts mausern. Der umtriebige Hannoveraner Bluhm, geprägt durch ein strikt hitlerfeindliches Elternhaus, macht in den fünfziger Jahren in Hamburg Karriere als Verleger eines kritischen Wochenmagazins und scharfzüngiger Journalist, der sich gern als "Zurvernunftbringer" der geschichtsblinden und wundersüchtigen Deutschen versteht. Insider werden dabei wohl auch an Rudolf Augstein denken, mit dem Gisela Stelly fast 20 Jahre verheiratet war. Die Fiktion aber hat ihre Eigendynamik. Die Autorin packt die Überfülle an Stoff mit lebhaftem Sinn fürs Familiendramatische in "große Szenen" und nimmt dafür in Kauf, dass manches nur behauptet, doch kaum erzählerisch beglaubigt wird. Die unübersichtliche Nach-Wende-Gegenwart bricht naturgemäß die Spielregeln eines historischen Romans: Zwei Bluhm-Söhne und sechs Münzer-Töchter geben der Geschichte ein ganzes Bouquet von offenen Enden.

DER SPIEGEL 39/2012
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