12.02.1996

Ein Börsen-Yuppie

hat letztes Jahr den überraschendsten und skurrilsten Bankzusammenbruch aller Zeiten ausgelöst. Ausgerechnet Englands älteste, traditionsreichste Privatbank, das im 18. Jahrhundert gegründete Finanzhaus Barings, das sich für 1994 in einer Gewinnzone von rund 200 Millionen Pfund wähnte, war Ende Februar 1995 urplötzlich pleite.
Daß ihr Institut nicht hochprofitabel, sondern überschuldet war, hatte die Londoner Führungsspitze der Bank erst gemerkt, nachdem ihr in Singapur stationierter Börsenhändler Nicholas ("Nick") Leeson drei Tage vor seinem 28. Geburtstag aus dem südostasiatischen Stadtstaat getürmt war. Nach Leesons Flucht fanden die Barings-Manager heraus, daß der als Börsengenie gefeierte Wertpapierhändler, den sie völlig unkontrolliert über zweieinhalb Jahre lang hatten dealen lassen, in Wahrheit ein Betrüger war. Durch gigantische Fehlspekulationen hatte der geltungssüchtige junge Mann Verluste von insgesamt 827 Millionen Pfund (1,8 Milliarden Mark) aufgetürmt, diese aber durch raffinierte Buchungstricks kaschiert.
Für die altehrwürdige, aber kapitalschwache Barings-Bank (Eigenkapital Ende 1993: 309,4 Millionen Pfund) gab es keine Rettung mehr. Sie kollabierte. Chairman Peter Baring, direkter Nachkomme des Bankgründers Francis Baring, mußte das stets von Mitgliedern der Familie geleitete Institut in Konkurs gehen lassen. Die niederländische Großbank ING übernahm das bankrotte Institut samt seinen Schulden am 6. März 1995 zum Preis von einem Pfund.
Leeson versuchte, über Ost-Malaysia, das Sultanat Brunei und Deutschland in seine Heimat zu gelangen. Der junge Engländer fürchtete die gestrenge Justiz in Singapur mehr als die Gerichte in London. Doch er kam nur bis Deutschland. Auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen wurde er am 2. März 1995 festgenommen und inhaftiert.
Neun Monate später ließ sich der Milliarden-Schwindler freiwillig nach Singapur ausliefern und war bereit, mit der dortigen Staatsanwaltschaft zu kooperieren. Der Deal brachte ihm einen zweifelhaften Erfolg ein: sechseinhalb Jahre in einer Singapurer Gefängniszelle.
Noch während seiner Haftzeit in Frankfurt-Höchst hat Leeson dem Londoner Journalisten und Bankfachmann Edward Whitley, 34, freimütig die Details seines gezinkten Finanzpokers geschildert. Seine autobiographischen Bekenntnisse, von Whitley in Buchform gebracht, lesen sich wie Berichte aus dem inneren Kreis der Spielhölle, an der die Finanzmärkte aller Kontinente beteiligt sind. Die deutsche Ausgabe wird Ende März als SPIEGEL-Buch erscheinen.
In einer dreiteiligen Serie bringt der SPIEGEL vorab Auszüge: Einer, der es wissen muß, gibt einen authentischen Einblick in die Welt der Börsenzocker, mit welchen Tricks sie arbeiten, was sie antreibt, wie sie tricksen und - in diesem Fall - auf die Nase fallen.

DER SPIEGEL 7/1996
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