12.02.1996

Mostar„Jagt den Deutschen davon“

Hans Koschnick, der europäische Verwalter von Mostar, scheiterte mit seinem Versuch, die Einheit der Stadt wiederherzustellen. Erstmals ist das Friedensabkommen von Dayton in Frage gestellt - die Kroaten sabotieren die gemeinsame Föderation mit den Moslems. Der Bonner Einfluß auf Zagreb schwindet.
Nie werden wir erlauben, daß in unserer Hauptstadt die grüne Fahne des Propheten weht", drohte Ivan Kristic, der Beauftragte des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman in Mostar.
Nicht weniger mißfiel dem Propagandisten für ein Großkroatien die blaue Europa-Flagge, die Hans Koschnick, Administrator der Europäischen Union, vor seinem Verwaltungssitz aufziehen ließ. "Wir wollen keine Besatzer", so der Kroate, "keine grünen und keine blauen."
Schon seit Wochen hetzte Kristic im lokalen Kampfsender Radio Herceg-Bosna gegen den "deutschen Hilfssheriff". Im Zagreber Staatsfernsehen schmähte er den ehemaligen Bürgermeister von Bremen als "Moslemfreund", der keine Ahnung von Geschichte und Mentalität der Balkanvölker habe. Eine Katastrophe werde über Mostar hereinbrechen, kündigte Kristic an, wenn der Zugereiste nicht an seinen Plänen gehindert werde.
Vorigen Mittwoch war es soweit. Tausend erregte Kroaten zogen, von Kristic und dem kroatischen Bürgermeister Mijo Brajkovic gerufen, vor Koschnicks Amtssitz und protestierten haßerfüllt gegen den Versuch des deutschen Verwalters, Mostar wiederzuvereinigen.
Im Westteil der einst bei Touristen so beliebten, vom Bürgerkrieg zerschundenen Stadt leben Kroaten, im Osten Moslems, und nur abgezählte Personen dürfen stundenweise die streng bewachte Trennlinie überqueren. Dabei solle es bleiben, forderten die Demonstranten.
Als der gepanzerte Dienst-Mercedes des Deutschen heranrollte, hatte ihn die Menge unter Führung des Bürgermeisters Brajkovic rasch eingekeilt, die Leibwächter wurden abgedrängt. Knapp eine Stunde mußte Koschnick die Belagerung aushalten, derweil ein lynchlustiger Mob mit Latten und sogar mit Krücken auf den Wagen einschlug. "Jagt den Deutschen davon", schrien die Kroaten. Verzweifelt rief der Chauffeur per Handy um Hilfe. Sieben Schüsse trafen das Auto in Kopfhöhe, Koschnick wäre nicht mit dem Leben davongekommen, hätte er sich der Menge gestellt.
Gescheitert war, was er in monatelanger Kleindiplomatie angesteuert hatte und zuletzt per Dekret durchsetzen wollte: Mostar als eine Stadt wiederherzustellen, die mit ihrer berühmten, längst zerschossenen Brücke zum Symbol des Friedens auf dem Balkan hätte werden können.
Alle 120 000 Einwohner, so wollte es Koschnick, sollten sich künftig in allen Stadtbezirken frei bewegen dürfen, die Demarkationslinie am Fluß zwischen den beiden Stadthälften wäre verschwunden. So sah es der Friedensvertrag von Dayton vor, den auch die kroatische Regierung unterschrieben hat.
Doch die Konfliktparteien geben wenig auf Verträge, sie halten nur, was ihnen genehm ist. Die Wiedervereinigung ist aufgeschoben, die Kroaten erklärten Koschnicks Plan für unannehmbar.
In Absprache mit Uno und Europäischer Union traf der deutsche Sozialdemokrat daraufhin seine Anordnung, ohne länger auf die Einwilligung der Beteiligten zu warten. Die juristische Autorität dafür hatte er - nicht aber die Macht.
Koschnicks Dekret: Zwischen drei moslemischen und drei kroatischen Stadtbezirken verfügte er die Schaffung eines "Zentralbezirks"; ein aus beiden Nationalitäten zusammengesetzter Magistrat sollte für dessen Verwaltung zuständig sein, aber auch für Wasser- und Elektrizitätsversorgung, Bahnhof und Flughafen.
"Ein Deutscher kann nicht eine Stadtteilung hinnehmen, wie es sie in Berlin gegeben hat", begründete Koschnick den Zwang zur Koexistenz und fügte edelmütig, aber naiv hinzu: "Ein Deutscher kann auch nicht hinnehmen, daß die Bosnier weiter im Ghetto leben."
Doch gerade dieser Wille zum Guten blies eine Glut an, die seit den erbitterten Kämpfen zwischen Moslems und Kroaten in Mostar nie erloschen war. Die Stadt registrierte einst die meisten national gemischten Eheschließungen in ganz Jugoslawien. Vom Frühjahr 1993 bis zum Februar 1994 aber führten die bosnischen Kroaten dort massive Angriffe gegen die moslemischen Mitbewohner. Die kroatischen Nationalisten erhoben Anspruch auf Mostar als Hauptstadt einer eigenen "Republik Herceg-Bosna". Für Moslems war darin kein Lebensraum mehr vorgesehen.
Bei diesem Unterfangen hatten sie sogar ihre Todfeinde auf ihrer Seite, die bosnischen Serben. Beide wollen dem Mehrheitsvolk der Balkanrepublik allenfalls Platz in einem ethnischen Reservat zuweisen - umklammert von Großserbien und Großkroatien.
Wenn es darum geht, die Moslems zu verdrängen, gilt zwischen Kroaten und Serben noch immer jene Übereinstimmung der Interessen, die bereits bei der Auflösung des jugoslawischen Vielvölkerstaats 1990 heimlich zwischen Tudjman und dem serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic vereinbart worden war. Trotz mancher ideologischer Unterschiede und kräftigem wechselseitigen Mißtrauen sind sich die beiden Balkanfürsten bis heute in einem zentralen Punkt einig: Das ehemals bunte Vielvölkergemisch in Bosnien müsse beseitigt werden - auch nach dem Friedensschluß von Dayton.
Unter dem Druck der Vereinigten Staaten wurde dort vereinbart, die selbstproklamierte Republik Herceg-Bosna aufzulösen und eine Föderation der Kroaten mit den Bosniern zu bilden. Mit diesem Zwangsbündnis steht und fällt die gesamte politische und militärische Kooperation zwischen Zagreb und Sarajevo.
Scheitert das Modell des Zusammenlebens in Mostar, hat es auch in den restlichen Gebieten der Föderation wenig Überlebenschancen. Dort stehen sich mancherorts schwerbewaffnete Bürgerwehren beider Seiten gegenüber, jederzeit bereit, den Kampf wiederaufzunehmen.
Kleine Scharmützel kommen Kroatiens Tudjman derzeit sogar gelegen. Seit Dayton drängt er seinen bosnischen Amtskollegen Alija Izetbegovic, ihm doch ganz Mostar freiwillig zu überlassen - ehe es dort wieder zu Gewaltausbrüchen komme. Bei solchem Entgegenkommen, so verlautet aus der kroatischen Hauptstadt, sei die kroatische Regierung bereit, ihre Truppen aus der Region um Bihac zurückzuziehen und die bosnischen Kroaten-Gebiete Jajce und Stolac für immer zu räumen: ein freiwilliger Bevölkerungstransfer als letzter Ausweg aus der Gemengelage in Bosnien, das einmal ein multiethnischer Staat war.
"Völker leben besser nebeneinander als miteinander", behauptet Kroaten-Vordenker Kristic. Er könne jeden verstehen, der den Wunsch hege, ausschließlich mit Landsleuten Umgang zu haben: "Was Kroaten und Serben schon erkannt haben, werden die Moslems auch noch verstehen lernen."
An Mostar wollen die Kroaten unbedingt festhalten, weil sie sonst kein städtisches Zentrum in Bosnien besitzen - anders als die Moslems mit Sarajevo und die Serben mit Banja Luka. Ihnen ist schwer begreiflich, warum gerade die Deutschen, die doch bei Jugoslawiens Zerfall als erste die Auflösung des Bundesstaats in nationale Republiken anerkannten, in Bosnien unbedingt wieder eine Föderation miterrichten wollen.
Die Bonner Regierung, in Zagreb lange als Kroatiens bester Verbündeter gefeiert ("Danke Deutschland"), hat denn auch ihren Einfluß auf Tudjman längst verloren, auch wenn der nach der Attacke auf Koschnick versicherte, für die Sicherheit des deutschen Administrators in Mostar zu garantieren.
"Es widerspricht doch jedem patriotischen Gefühl", freute sich die Serbin Biljana Plavsic über den kroatischen Wutausbruch gegen Koschnick, "daß fremde Fahnen auf heimatlichem Boden wehen." Die Vizepräsidentin der bosnischen Serben ermunterte die Kroaten in Mostar, sich von der internationalen Staatengemeinschaft ja nichts vorschreiben zu lassen: "Der Kampf um ein freies Mostar entspricht unserem Ziel von einem freien Sarajevo."
[Grafiktext]
Geteilte Stadt Mostar
Von Serben, Kroaten u. Moslems kontrollierte Gebiete
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 7/1996
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