DER SPIEGEL



LUFTFAHRT

Benebelt von Öldämpfen

Der Beinahe-Absturz eines Germanwings-Flugzeugs im Dezember 2010 in Köln geht vermutlich auf giftige Öldämpfe in der Kabinenluft zurück. Darauf deuten interne Dokumente aus dem Lufthansa-Konzern hin, dem die Billig-Airline gehört. Die beiden Piloten des A319 gerieten im Landeanflug durch starke Gerüche beinahe in Ohnmacht und konnten ihren Flieger gerade noch über Wohngebiete hinweg auf die Landebahn steuern. Als Ursache gaben Germanwings-Techniker sogleich Enteisungsmittel an. Doch ein Flugmediziner der Lufthansa hält dazu in einem Schreiben vom 7. Juli 2011 fest, dass es sich neben Enteisungsmittel auch um "vermutlich Rauchgas und TCP-Inhalation" gehandelt haben muss. TCP ist ein neurotoxischer Schmiermittelzusatz im Triebwerköl. Es dringt in Turbinen durch defekte Dichtungen und wird dann von der Klimaanlage des Flugzeugs angesaugt. Zu den Symptomen beim Einatmen der Dämpfe, wie sie auch die Germanwings-Piloten beklagten, können kribbelnde Gliedmaßen und Einengung des Gesichtsfelds bis hin zum Bewusstseinsverlust gehören. Um Behörden und Passagiere zu beruhigen, wird nach solchen sogenannten Fume-Events gern Enteisungsmittel als Grund angegeben. Eine deutsche Airline hat dies in über hundert Fällen gemacht - sogar bei Flügen im Sommer. Doch die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung ermittelte in letzter Zeit sehr genau, und bei den Gesellschaften scheint langsam ein Umdenken einzusetzen. So hat die Lufthansa unbemerkt eine ganze Reihe technischer Veränderungen an ihren Triebwerken vornehmen lassen, insbesondere beim Riesenflieger A380, bei dem es auf der Singapur-Strecke häufiger zu Fume-Events gekommen ist. Zusammen mit dem Triebwerkhersteller Rolls-Royce sind in den Antriebsaggregaten spezielle Bleche eingezogen worden, die austretendes Öl vom Ansaugstutzen der Kabinenluftanlage weglenken sollen. "Techniker checken in engem Abstand, ob etwa Öl zu finden ist, und entfernen geringste Mengen", sagt Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty. Ein Fraunhofer-Institut ist beauftragt worden, ein Analysegerät zu entwickeln, um genauere Messwerte über mögliche Schadstoffe in der Kabine zu erhalten.


DER SPIEGEL 40/2012
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