01.10.2012

ALTLASTENHusten verboten

In deutschen Böden liegen noch Zehntausende unentdeckte Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Bomben mit Langzeitzündern werden immer gefährlicher.
Gut drei Stunden nach dem Start in England hatte Henry Chandler in seiner Boeing B-17 einen schönen Blick auf die Mark Brandenburg, vor ihm die Havel und rechts hinten, in leichtem Dunst, Berlin. Wenig später sah der 25-jährige Pilot aus über 6000 Meter Höhe auf die Stadt Oranienburg hinab.
Chandler befahl, die Bombenschächte zu öffnen.
Es war der 15. März 1945, ein Donnerstag. Der Pilot kommandierte eine von 612 Maschinen der 8. US-Luftflotte, die an diesem Tag Kurs auf Oranienburg genommen hatten. Er ließ elf 500-Kilo-Bomben auf die Kleinstadt fallen. Insgesamt schlugen in den 45 Minuten zwischen 14.51 und 15.36 Uhr 4977 Spreng- und 713 Brandbomben ein.
Der Luftangriff galt nicht den damals rund 26 000 Einwohnern. Oranienburg zählte wegen seiner militärischen Infrastruktur zu den bevorzugten Zielen der amerikanischen Bomberflotten: Vom Verschiebebahnhof fuhren Soldaten zur Ostfront. In den Auer-Werken gleich nebenan wurde Uran für das hochgeheime Atomforschungsprogramm der Nazis aufbereitet. Ein paar hundert Meter weiter lagen die Heinkel-Flugzeugwerke und das zentrale Fahrzeugdepot der SS.
Vor sieben Jahren kam Pilot Chandler zurück in die Stadt, über die er viel Leid gebracht hatte. Er war überrascht, wie sehr die Folgen der Bombardements den Alltag der Oranienburger bis heute beschweren. Täglich sind Männer des Kampfmittelbeseitigungsdienstes unterwegs, immer wieder werden ganze Straßenzüge evakuiert.
Über 10 000 Bomben fielen während des Zweiten Weltkriegs bei 13 Angriffen auf Oranienburg, pro Quadratkilometer mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Bis zu 1500 detonierten nicht. Etwa 200 wurden zu DDR-Zeiten entschärft oder gesprengt, 168 seit der deutschen Einheit. Die vorerst letzte machten die Kampfmittelspezialisten vorigen Freitag am Bahnhof unschädlich.
Hunderte Bomben liegen bis heute unentdeckt unter der Stadt. Immerhin wird in Oranienburg wie nirgendwo sonst systematisch nach ihnen gesucht. Sie zu orten und zu bergen wird nach Einschätzung von Experten allein hier rund 400 Millionen Euro kosten - und es wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen.
Mehr als jede zweite der seit 1990 in Oranienburg entdeckten Großbomben war mit einem chemischen Langzeitzünder versehen (siehe Grafik). Sie sollten, je nach Einstellung, bis zu 48 Stunden nach dem Aufschlag detonieren - und so Bergungsarbeiten erschweren und auf perfide Weise Schrecken verbreiten.
Das tun sie bis heute.
Denn 67 Jahre nach ihrem Abwurf seien diese Waffen hochgefährlich, schrieb der Cottbusser Professor für Altlasten Wolfgang Spyra 2008 in einem Gutachten für die Polizei. Er analysierte entschärfte Bomben. Deren Zünder seien "äußerst schlag- bzw. erschütterungsempfindlich", ihr Zustand sei "sehr kritisch". Es sei "wahrscheinlich", dass einige bald von selbst detonierten. Eine Entschärfung der Langzeitzünder werde immer schwieriger, je älter die Bomben würden. Bald sei es "nicht mehr möglich", sie ohne Explosion unschädlich zu machen.
In Zukunft werden wohl häufiger Bomben dieses Typs gesprengt werden müssen - wie jüngst in München und im rheinischen Viersen.
Als im Zweiten Weltkrieg amerikanische und britische Bomber deutsche Städte in Schutt und Asche legten, explodierte im Schnitt jede zehnte der Millionen Bomben nicht. Manche liegen nur 30 Zentimeter tief in der Erde, andere sechs Meter, fast alle sind eine enorme Gefahr.
Poröse Bomben rosten überall, wo die Alliierten in den letzten beiden Kriegsjahren eine Vielzahl von Angriffen gegen das Deutsche Reich flogen: am Niederrhein, im Ruhrgebiet, in süddeutschen Großstädten wie Augsburg und Pforzheim, in Hamburg wie in Dresden.
Jedes Jahr entschärfen oder sprengen Räumdienste der Bundesländer rund 5000 Weltkriegsbomben - etliche zehntausend liegen noch im Boden. In Hamburg wurden seit 1945 mehr als 11 000 Blindgänger entschärft, 2900 gelten als unentdeckt. In Berlin werden noch rund 3000 vermutet.
Meist sind es Bauarbeiter, die mit Baggern oder Spaten auf korrodierendes Altmetall stoßen und dann die Kampfmittelräumer rufen. Im vorigen Dezember legte extremes Niedrigwasser des Rheins in Koblenz eine britische 1,8-Tonnen-Luftmine frei. 45 000 Menschen mussten ihre Wohnung verlassen; sieben Altenheime, zwei Krankenhäuser und ein Gefängnis wurden evakuiert. Spezialisten entschärften die Bombe. Am 28. August im Münchner Stadtteil Schwabing gelang das nicht: Eine 250-Kilo-Bombe mit Langzeitzünder wurde gesprengt, bei Bränden entstand Schaden in Millionenhöhe. Messerscharfe Bombensplitter schossen bis zu 300 Meter weit durch die Luft.
Eine Woche danach entdeckten Arbeiter auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg zwei Bomben - genau dort, wo sonst Kinder auf dem Volksfest Dom in Karussells fahren. Sprengstoffexperten der Feuerwehr konnten die Zünder entschärfen. Vor zwei Wochen riss eine Fünf-Zentner-Bombe im niederrheinischen Viersen nahe der Fußgängerzone bei einer kontrollierten Sprengung einen metertiefen Krater in die Erde.
Am gefährlichsten sind die Altlasten des Kriegs für die Entschärfer: Seit 2000 starben elf Mitarbeiter von Räumdiensten bei der Arbeit. Im Juni 2010 kamen in Göttingen gleich drei Männer zu Tode: Ein Roboter sollte eine 500-Kilo-Bombe mit Langzeitzünder auf dem Schützenplatz entschärfen. Eine Stunde vor dem geplanten Einsatz des Roboters explodierte die Bombe, ohne dass einer der Sprengmeister direkt an ihr gearbeitet hatte.
"Bei Bomben mit Langzeitzündern ist sogar starkes Husten verboten, so empfindlich können die sein", sagt Horst Reinhardt, Technischer Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes im brandenburgischen Wünsdorf. Reinhardt hat bisher rund 150 Bomben selbst entschärft. Fürchtet er sich vor seinen Einsätzen? "Nein", sagt der Sprengmeister, "meine Frau hat Angst um mich. Für mich ist das Routine."
Der Lohn der Sprengmeister und ihrer Helfer ist bescheiden. Meister haben, je nach Bundesland und Lebensalter, ein Monatsgehalt zwischen 2400 und 3500 Euro brutto, hinzu kommt häufig eine Gefahrenzulage von bis zu 1000 Euro.
Die alten Kampfmittel töten aber auch nichtsahnende Bürger. Im Oktober 2006 starb ein Baggerführer auf einer Autobahnbaustelle bei Aschaffenburg. Ein Blindgänger explodierte, als seine Fräsmaschine auf die Bombe stieß. 2008 kam ein Landwirt im nordrhein-westfälischen Geilenkirchen um. Er hatte bei Mäharbeiten eine Phosphorgranate ausgelöst.
In Oranienburg versuchen die Sprengmeister, solche Gefahren zu minimieren. Sie profitieren davon, dass die US-Luftwaffe ihre Ziele nach jedem Bombardement fotografierte, um den Erfolg ihrer Missionen zu dokumentieren. Auf den Fotos sind Bombentrichter erkennbar, die durch explodierte Sprengkörper entstanden - und sogenannte Verdachtspunkte, die auf einen Einschlag ohne Detonation hindeuten. Hier suchen die Räumer nach Blindgängern. Doch etwa ein Drittel der nicht explodierten Bomben lässt sich auf Fotos nicht erkennen.
Die Bombensucher erstellten eine Karte mit 1990 Verdachtspunkten, unter denen Blindgänger vermutet werden. Über ein Drittel wurde abgearbeitet.
Pro Verdachtspunkt bohren die Räumer bis zu 57-mal. Dann gehen Sondierer mit langen Metallstäben über das Areal. An dessen Ende hängt eine Magnetspule und schlägt an, wenn sie in der Tiefe magnetische Impulse registriert. Bomben wurden schon in geplanten Wohngebieten und vor einem Gymnasium entdeckt, in einem Nachbardorf musste ein Einfamilienhaus abgerissen werden, weil eine Bombe darunter vermutet wurde.
Solche Einsätze sind teuer für die brandenburgische Landeskasse. Seit der deutschen Einheit hat die Regierung in Potsdam rund 315 Millionen Euro für das landesweite Aufspüren und die Beseitigung von Bomben und anderer Kriegsmunition ausgegeben. Die Bundesregierung hat dem Land 108 Millionen Euro erstattet. Aber der Bund bezahlt nur für die Entsorgung reichseigener Munition, nicht die alliierter Bomben - obwohl Patronen, Panzerfäuste, Granaten und Bomben der Wehrmacht den weitaus kleineren Teil der militärischen Altlasten bilden.
Der Bundesrat stört sich an der ungerechten Lastenverteilung. Er hat im Oktober 2011 einen Entwurf für ein Rüstungsaltlastenfinanzierungsgesetz vorgelegt - der Bund soll die Kosten für die Räumung komplett übernehmen. Kanzlerin Angela Merkel lehnt das ab; wann der Bundestag abstimmt, ist offen.
Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke will das nicht hinnehmen: "Die andauernde Gefährdung durch alliierte Kampfmittel ist das Erbe eines Krieges, den Deutschland und nicht das Land Brandenburg geführt hat", argumentiert er. Das Land könne "nichts für das historische Pech, eines der Hauptkampfgebiete des Zweiten Weltkriegs gewesen zu sein".
Auch der Oranienburger Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke stört sich an der Haltung der Kanzlerin: "Mich ärgert die Ignoranz der Bundesregierung, wir sitzen hier in Oranienburg auf dem Pulverfass."
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 40/2012
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