01.10.2012

KATHOLIKEN

Rebell Joseph, Papst Ratzinger

Von Wensierski, Peter

Als junger Theologe feierte Benedikt XVI. vor 50 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil. Schon lange will er vom damaligen Reformgeist nichts mehr wissen.

Ein vergleichbares Spektakel hatte es in Rom lange nicht gegeben. In einer Prozession zogen 2540 Geistliche unter dem Jubel der Gläubigen zum Petersplatz; nur der Papst musste nicht gehen - er wurde auf einer Sänfte von zwölf Männern getragen wie ein mittelalterlicher Kirchenfürst.

Das war am 11. Oktober 1962, die Weltkirche hatte sich zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils versammelt. Mittendrin ein junger, reformhungriger Theologe aus Deutschland: Joseph Ratzinger.

Kommende Woche jährt sich das Treffen zum 50. Mal. Doch Ratzinger, inzwischen selbst Papst, möchte das Jubiläum nicht angemessen feiern. Ein großer Festakt ist nicht geplant, es soll auch keinen eigenen Gedenkgottesdienst geben - und erst recht kein neues Konzil.

Rebell Joseph, Papst Ratzinger: Benedikt XVI. hadert mit vielem, was damals seine Kirche veränderte. Etliche Erneuerungen, die er als junger Mann begrüßt hatte, sind dem 85-Jährigen heute suspekt; wo es möglich ist, dreht er sie zurück.

Jetzt erlauben seit über 40 Jahren nicht wieder aufgelegte Berichte, die Ratzinger als theologischer Berater während des Konzils verfasste, sowie vergessene Redemanuskripte tiefere Einblicke in die Entwicklung des Theologen. Sie zeigen, wie er zunächst begeistert von der Aufbruchstimmung erfasst wurde. Von einem "geheimnisvollen Gefühl des Anfangs, das den Menschen wie kaum ein anderes bewegt und beflügelt", schwärmte er.

Seine Berichte lassen aber auch erkennen, dass Ratzinger schon während des Konzils Zweifel packten. Bislang galten meist die Studentenunruhen von 1968 als Auslöser für seine Flucht ins konservative Lager. Doch es wird deutlich: Schon 1965, als die Diskussionen in Rom nach drei Jahren endeten, hatte Ratzinger erst mal genug von Aufbruch und Moderne.

Jeweils im Herbst kamen Bischöfe und Kardinäle in jenen Jahren für einige Wochen im Petersdom zusammen. Johannes XXIII. hatte seine Kirche mit der Ankündigung eines Konzils im Januar 1959 kurz nach seiner Wahl überrascht. Das letzte, auf dem die Unfehlbarkeit des Papstes beschlossen worden war, lag fast ein Jahrhundert zurück.

69 Papiere in lateinischer Sprache mit dem Aufdruck "sub secreto" (unter Geheimhaltung) wurden vorab an die Konzilteilnehmer verschickt, auch an Kardinal Josef Frings, den damaligen Kölner Erzbischof und Vorsitzenden der Bischofskonferenz.

Frings leitete die Texte zur Einschätzung gleich an Ratzinger weiter, den er zuvor in seinen Beraterstab berufen hatte. In einem handschriftlichen Brief vom 31. August 1962 bedankt sich der junge Professor für Fundamentaltheologie, damals in Bonn tätig, ergebenst: "Ich werde mich sogleich an die Durcharbeitung machen und hoffe, Mitte September die Ergebnisse zusenden zu können. Von Ihrer freundlichen Einladung, mit Ihnen am Dienstag, den 9. Oktober, nach Rom zu fliegen, mache ich gerne und dankbar Gebrauch."

An Frings' Geheimsekretär schrieb er: "Ich habe auch in Sachen Unterkunft nichts unternommen, in der Hoffnung, auch darin an Ihrer Vorsorge teilhaben zu dürfen." So war alles gut vorbereitet. Ratzinger wohnte während der Sitzungsphasen mit den anderen Deutschen im Priesterkolleg Anima nahe der Piazza Navona. Es wurde zum Hauptquartier der Rebellen.

Jeden Montag um 17 Uhr diskutierten dort die deutschsprachigen Hirten mit ihren Beratern - darunter neben Ratzinger Theologen wie Hans Küng und Karl Rahner - ihre Strategie. Die von der Kurie formulierten Vorschläge, etwa "Über Keuschheit, Jungfräulichkeit, Ehe und Familie", lösten bei ihnen oft Entsetzen aus. Sie waren ohne erkennbaren Reformwillen.

Aufgewühlt berichtete Ratzinger, nachdem er 1962 von der ersten Sitzungsperiode nach Bonn zurückgekehrt war, seinen Studenten von der Stimmung in Rom. "Soll die antimodernistische Geisteshaltung, die Linie der Abschließung, der Verurteilung, der Defensive bis zur fast ängstlichen Ablehnung hin fortgesetzt werden?", fragte er in einem Vortrag, "oder will die Kirche ein neues Blatt aufschlagen und in eine neue, positive Begegnung mit der Welt von heute treten?"

Das Konzil, das die Einheit der Kirche stärken sollte, produzierte zwei oft bis heute zerstrittene Lager: Traditionalisten gegen Reformer, römische Kurie versus Erneuerer aus aller Welt. Allen voran machten sich die Deutschen, verbunden mit Süd- und Nordamerikanern und etlichen europäischen Hirten, für progressive Positionen stark.

Täglich ab neun Uhr diskutierten während der Sitzungswochen Kardinäle und Bischöfe im Petersdom. Die Kathedrale war für die Versammlung eigens umgestaltet worden. Es gab eine große Konzilaula, in einem Seitenflügel war sogar ein Café aufgebaut. Voller Bewunderung berichtete Ratzinger seinen Bonner Studenten, was geschah, wenn sein Chef Frings als Anführer des Reformlagers in geschliffenem Latein das Wort ergriff: Die Eminenzen ließen dann ihren Espresso stehen und strömten in großer Zahl an ihre nummerierten Plätze. "Trotz des amtlichen Beifallverbots" habe es lebhaften Applaus gegeben.

Vieles, was Ratzinger damals aus Rom berichtete, würde heutigen Katholiken in Deutschland aus dem Herzen sprechen. Engagiert wandte er sich dagegen, dass "all die vielen neuen Fragen, die die Zeit der Kirche stellt, wieder einmal mehr oder weniger beiseite"-geschoben würden. Es dürfe keine "Bestätigung vorgefasster Beschlüsse" geben. Denn dies würde "der notwendigen Erneuerung der Kirche mehr schaden als nützen".

1963 sprach der rebellische Theologe noch von der "hemmungslosen Neurose des Antimodernismus" in der Kirche, einer Krankheit, die mit dem Konzil endlich "ihrer Überwindung entgegenzugehen" scheine.

Die Gesellschaft jedoch bewegte sich schneller als die Kirche. Die Pille kam während des Konzils in den USA auf den Massenmarkt, und mit ihr begann ein Wandel der Sexualität.

Am 8. Dezember 1965 endete das Konzil, der neue Papst, Paul VI., erlaubte keine Debatte mehr über Themen wie Zölibat, Geburtenkontrolle oder Frauen in der Kirche. Statt neuer Reformen gab es eine Enzyklika gegen die Antibabypille.

Auch Ratzinger wandte sich von den Reformern und ihren Ideen ab. In seinen Texten tauchte ab 1964 jenes Zaudern auf, das ihn für den Rest seines Lebens mehr und mehr bestimmen sollte. Er klagt, dass das von den Medien geschaffene Klima der Sensation rund um das Konzil "wie auch die Unruhe, die sich darob vielfach der Gläubigen" bemächtigt habe, "nicht die rechten Voraussetzungen für eine ruhige Debatte" biete.

Große Ernüchterung prägt schließlich seinen Konzilrückblick von 1965. Erneuerung, bemängelt er darin, werde "da und dort mit Verwässerung und Verbilligung des Ganzen verwechselt". Die Modernität dürfe kein Maßstab allen Tuns werden: "Dies alles sind wirkliche Gefahren."

In einer in Vergessenheit geratenen Rede zum Katholikentag 1966 bittet er die deutschen Katholiken nur noch um eins: Geduld, Mäßigung und Zügelung des Reformeifers.


DER SPIEGEL 40/2012
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