01.10.2012

BILDUNGOccupy Seifhennersdorf

In Sachsen rebellieren Eltern gegen eine Schulschließung. Mit Hilfe von Rentnern und einer Lehrerin aus Tschechien organisieren sie den Unterricht selbst.
In der vierten Woche des Elternaufstands von Seifhennersdorf spricht Karin Berndt, die Bürgermeisterin, erstmals von "Krieg". Die sächsische Regierung will die Mittelschule in ihrem Ort schließen lassen. Dagegen protestieren Berndt und Eltern aus der Gemeinde. Und zwar so hartnäckig, dass die sächsische Kultusministerin Brunhild Kurth im Dresdner Landtag erklärt, die Eltern aus Seifhennersdorf seien eine Gefahr für das "friedliche Zusammenleben". Die Kriminalpolizei ermittelt. "Sachsen hat uns den Krieg erklärt", sagt Karin Berndt.
Seifhennersdorf ist eine Kleinstadt mit 4000 Einwohnern an der deutsch-tschechischen Grenze, seit nunmehr einem Monat wird die Mittelschule dort besetzt. Die Besetzer sind Eltern aus dem Ort, die nicht hinnehmen wollen, dass der Freistaat Sachsen ihre Schule für überflüssig hält. Und da die Landesregierung keine neuen Lehrer mehr schickt, regeln die Eltern den Unterricht nun selbst.
"Seht her, Kinder!", ruft Heinz Kappler, der Kunstlehrer, und zeichnet mit zittriger Hand ein Gebäude an die Tafel. "Das ist unsere Schule. Und das", er deutet auf die Wolken darüber, "ist das Unheil, das sich über unseren Köpfen zusammenbraut". Kappler ist Rentner, 77 Jahre alt, mit schütterem Haar und gelegentlichen Kreislaufproblemen. Zum letzten Mal hat er 1992 unterrichtet.
Seit der Wende sind rund ein Drittel der Bürger aus Seifhennersdorf weggezogen. Als mehr und mehr Polizisten aus der Region abberufen wurden und die Kriminalität stieg, gründeten Unternehmer eine Bürgerwehr. Die Menschen müssen ihre Angelegenheiten selbst regeln, denn die Politik hat Seifhennersdorf aufgegeben. So sehen die Leute das hier.
"Die Regierung in Dresden betreibt aktive Sterbehilfe", sagt Bürgermeisterin Berndt. Sie sagt, sie versuche den Niedergang der Gemeinde zu bremsen. Wer mit ihr durch den Ort fährt, versteht, was sie meint. Fabriken sind stillgelegt, Geschäfte geschlossen, Häuser stehen leer. Nun soll noch die Mittelschule weichen.
38 Schüler wurden in diesem Schuljahr für die fünfte Klasse gemeldet, 2 weniger, als es das sächsische Schulgesetz als Mindestgröße eines Jahrgangs festlegt. Das Kultusministerium hat deshalb den Jahrgang gestrichen und will bald die gesamte Schule auflösen. Es gehe darum, das Recht einzuhalten, sagt die Regierung. Es gehe um ihre Kinder, sagen die Eltern.
Sie haben eine Tschechin als Englischlehrerin angeheuert und einen Judo-Trainer für den Sport, ansonsten helfen vor allem Rentner aus. "Wir sind voll im Lehrplan", sagt Elternsprecher Herbig.
Vor der Schule schieben die Väter und Mütter Wache. "Wir lassen uns nicht abwickeln", sagt eine Besetzerin. Die Eltern wollen verhindern, dass die Polizei das Gebäude stürmt und ihre Kinder nach Hause schickt. Denn der Protest-Unterricht verstößt gegen das Gesetz.
Das Oberverwaltungsgericht Bautzen hat entschieden, dass den Schülern zuzumuten sei, auf Schulen im Umland verlegt zu werden. Die Eltern behaupten, das lange Busfahren am Morgen würde die Kinder krank machen, es dauere eine Dreiviertelstunde. Außerdem seien die Schulen im Umland überfüllt und zum Teil in erbärmlichem Zustand. Von der Politik fordern sie deshalb eine "Sondergenehmigung" für ihre Schule.
Das Kultusministerium will sich darauf nicht einlassen. Was, wenn sich andere Gemeinden melden, deren Lehranstalten geschlossen werden sollen? Regierung und Behörden versuchen deshalb mit vereinter Kraft, die Proteste zu unterbinden. Die Kommunalaufsicht schrieb an die Bürgermeisterin. Den Eltern wurde mit Geldstrafen gedroht. Noch schreckt man in Sachsen davor zurück, die Schulpflicht mit der Polizei durchzusetzen.
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 40/2012
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