01.10.2012

HOCHSCHULEN„Das Niveau sinkt“

Der Altphilologe Gerhard Wolf von der Universität Bayreuth befragte Professoren zur Studierfähigkeit ihrer Studenten - und bekam vernichtende Urteile.
Wolf, 58, Germanist mit den Schwerpunkten Mittelalter und Frühe Neuzeit, sorgt sich um die Qualifikation von Abiturienten und Studenten. Als Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentags schickte er dazu im Dezember 2011 einen internen Fragebogen an seine Kollegen. Etwa 70 Dozenten aus Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultäten deutscher Universitäten antworteten ihm.
SPIEGEL: Professor Wolf, Sie haben eine Umfrage unter Kollegen gemacht, der zufolge viele Studenten heutzutage nicht studierfähig sind. Wie kommen Sie zu diesem Ergebnis?
Wolf: Die Defizite liegen vor allem in der Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz, das haben alle Kollegen genannt. Damit gemeint sind Rechtschreibung, Grammatik, Syntax, Interpunktion, der Umgang mit den Tempora und der Wortschatz. Beim Lesen erfassen viele die Aussage eines längeren Textes nicht. Beim Schreiben und Sprechen können viele Studenten ihre eigenen Gedanken und Argumente nicht richtig ausdrücken. Sie schreiben in Vorlesungen nicht einmal mehr mit.
SPIEGEL: Das hört sich dramatisch an.
Wolf: Moment, ich bin noch nicht fertig. Auch das Fachwissen geht zurück, und die Allgemeinbildung ist bei manchen Studenten ebenfalls erschreckend. Einige glauben, der Zweite Weltkrieg habe im 19. Jahrhundert stattgefunden.
SPIEGEL: Haben diese Einschätzungen Ihrer Kollegen Sie überrascht? Studentenschelte ist so alt wie die Universität.
Wolf: Die Heftigkeit der Klagen hat mich überrascht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass dies unisono in ganz Deutschland so ist, auch an den großen Universitäten. Meine eigene Erfahrung ist allerdings ähnlich. Ich korrigiere seit 25 Jahren schriftliche Staatsexamina in Bayern. Es ist deutlich zu sehen, wie Ausdrucksfähigkeit, Rechtschreibkompetenz, Textkenntnisse schlechter werden.
SPIEGEL: Wie reagieren Sie darauf?
Wolf: Die Prüfungsordnung lässt zwar bei gravierenden Mängeln Punktabzug zu, aber ich bin wohl etwas nachsichtig. Damit bin ich nicht allein, und diese Großzügigkeit könnte sich noch als schwerer Fehler erweisen. Ich lasse mittlerweile auch schon in Vorlesungen öfter Essays schreiben, einfach um zu sehen, ob Dinge überhaupt verstanden wurden.
SPIEGEL: Die Studienanfängerquote eines Jahrgangs liegt bei über 50 Prozent, das verändert die Studentenschaft.
Wolf: Das Niveau sinkt, ja. Deshalb fordern wir, dass die Beherrschung der Sprache in der Oberstufe nicht nur gelehrt, sondern vor allem geprüft wird. Man sollte zudem bei den Geisteswissenschaften vorab deutsche Sprachtests einführen. Wer nicht studierfähig ist, könnte fehlendes Wissen in Vorkursen an der Universität nachholen, vor allem Lehramtsstudenten.
SPIEGEL: Angehende Lehrer sind doch wohl der deutschen Sprache mächtig.
Wolf: Nicht unbedingt, die Mängel fallen mir da ebenfalls auf. Und da sich meist im Laufe des Studiums nur leichte Verbesserungen einstellen, entlassen wir Lehrer, die bei ihren Schülern nach meiner Schätzung maximal die Hälfte aller Fehler überhaupt noch erkennen können.
SPIEGEL: Was ist denn der Grund für den Kompetenzverlust?
Wolf: Das Phänomen ist relativ neu. Die Studenten kommunizieren auf eine Art, die dem sorgfältigen Lesen und Schreiben im Wege steht. Damit meine ich vor allem Kurznachrichten per SMS und Twitter. Die können sich kaum noch längere Zeit auf eine Sache konzentrieren. Ihr Manko ist ihnen zwar bewusst, trotzdem scheint sie unser Anspruch an Sorgfalt zu nerven.
SPIEGEL: Viele verweisen auf gute Rechtschreibprüfungen im Computer.
Wolf: Ja, ja, aber so ein Programm kann die komplexe deutsche Sprache nie ganz erfassen. Und die Grammatik beherrscht man damit noch lange nicht.
SPIEGEL: Hochschulreformen haben dazu geführt, dass auch in Geistes- und Sozialwissenschaften sehr viel Stoff, aber häufig nur oberflächlich und auswendig gelernt werden muss. Verstärkt das die Defizite der Studierenden?
Wolf: Natürlich. Ich habe auch Reaktionen von Kollegen aus anderen Fächern bekommen: Ingenieurstudenten können nicht mehr ohne Taschenrechner rechnen, Architekten können nicht mehr zeichnen, Mediziner können keinen Arztbericht mehr formulieren. Man müsste das alles einmal systematisch untersuchen. Die sind ja nicht dümmer als andere Generationen.
SPIEGEL: Was können Studenten heute besser als früher?
Wolf: Sie sind in der Lage, auf verschiedenen Hochzeiten zu tanzen: Job, Uni, Netzwerke. Und sie gehen souveräner mit neuen Medien um. Alles ist schneller und bruchstückhaft.
SPIEGEL: Vielleicht müssten sich auch die Universitäten und Dozenten diesen neuen Lernstrukturen anpassen?
Wolf: Das müssten wir, aber die Professoren sind dazu nicht bereit. Sie begreifen sich nämlich in erster Linie als Forscher, die Lehre hat nicht denselben Stellenwert. Deshalb denkt sich selten jemand neue Lehrmethoden aus.
SPIEGEL: Viele wissenschaftliche Aufsätze strotzen zudem vor Unverständlichkeit. Da mag zwar die Syntax stimmen, sprachlich quälen die aber auch enorm.
Wolf: Sie haben recht. Und wenn dann so ein Text vor einem Studenten liegt, der nebenher noch auf Facebook guckt, ist die Katastrophe perfekt. Aber das Problem ist auch, dass die Studenten diese begriffliche Schaumschlägerei von Wissenschaftlern gar nicht mehr erkennen. Sie lassen sich davon verunsichern, anstatt selbstbewusst zu sagen: "Was soll denn das hier?"

Auszüge aus den Ergebnissen der bisher unveröffentlichten Umfrage

"Eine wachsende Gruppe von Studierenden ist den Anforderungen des von ihnen gewählten Studiengangs intellektuell nicht gewachsen."

"Die mangelnde Studierfähigkeit zeigt sich vor allem in der stark unterentwickelten Fähigkeit, kompetent und souverän mit der (deutschen) Sprache umzugehen."

"Konjunktive schwinden aus den schriftlichen Arbeiten ebenso wie zunehmend alle Zeitformen jenseits des Präsens."

"Studierende wissen nicht mehr, dass es in der Bibel ein Altes und ein Neues Testament gibt."

"Der aktive Wortschatz schrumpft auf wenige hundert Ausdrücke, die penetrant wiederholt werden."

"Das Wagnis, ein komplexeres Satzbaugefüge zu bilden, endet regelmäßig in peinlichen Niederlagen."

"Schriftliche Arbeiten sind oft von einer erschreckenden Schwäche gekennzeichnet, eigene Gedanken auszudrücken oder Argumente vorzubringen."

"Verstehendes Lesen ist eine Kunst, die kaum eine/r unserer Erstsemester beherrscht."

"In Geistes- und Kulturwissenschaften erscheinen Studierende, die kaum einen syntaktisch und grammatisch stabilen Satz produzieren können."

"Studierenden ist oft nicht klar, dass sie, um einen Text zu verstehen, zusätzliche Quellen (z. B. ein Lexikon) heranziehen müssen."

"Verheerende Auswirkungen schreibe ich dem zutiefst inhumanen und leistungsfeindlichen Noten- und Tempo-Fetischismus unseres Schulsystems zu, das ihn mit dem systemimmanenten Anreiz kombiniert, harte Leistungsfächer bzw. anspruchsvolle Pädagogen durch weiche Fächer bzw. schwache Lehrer, die gute Noten vergeben, um sich zu schützen, zu ersetzen."

Von Lena Greiner

DER SPIEGEL 40/2012
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