01.10.2012

„Sei ein Held“

Sie fliehen vor der Routine des Alltags, laufen durch Wüsten, springen von Felskanten, durchschwimmen Meeresengen: Extremsport ist eine Massenbewegung geworden. Warum gehen Menschen über ihre Grenzen hinaus?
Einer der schönsten Tage im Leben von Frank Reintjes war der 6. April des vergangenen Jahres: Reintjes, 43 Jahre alt, Hals-Nasen-Ohren-Arzt aus Braunschweig, verheiratet, eine Tochter, stand in der marokkanischen Wüste, an einem Punkt, der sich Oued Rheris Est nennt, er trug T-Shirt und Shorts, eine Sonnenbrille, eine Kappe und einen orangefarbenen Rucksack, darin ein Erste-Hilfe-Set gegen Schlangenbisse, ein Messer, ein Schlafsack, ein Signalspiegel und eine Trillerpfeife. Er hatte seine Ausrüstung zu Hause mit der Briefwaage abgewogen, hatte jeden überflüssigen Zipfel Alu-Folie abgeschnitten, um kein unnötiges Gewicht zu schleppen. Trotzdem schmerzten seine Füße an diesem Morgen, seine Haut war sonnenverbrannt, sein Rücken wund.
Reintjes war im Urlaub und rannte schon seit Tagen über felsige Ebenen, durch ausgetrocknete Flussbetten, über Sanddünen. Vor ihm lag nun die vierte Etappe des Marathon des Sables, 82 Kilometer bis Rich Merzoug, tagsüber phasenweise bei 52 Grad Celsius, nachts bei 10 Grad und weniger. Für die Strecke standen Reintjes, Startnummer 426, nur 13,5 Liter Wasser zur Verfügung, und er durfte 4000 Kilokalorien verzehren.
Von den ursprünglich 844 Teilnehmern waren 15 nicht mehr dabei an jenem Morgen, Reintjes stand am Start und fühlte sich phantastisch. "Einen Teil des Kitzels macht es aus, nicht zu wissen, was auf dich zukommt", sagt er, "nicht zu wissen, ob du es ins Ziel schaffst, weil du dich vielleicht im Sandsturm verläufst."
Dann ertönte die Musik, "Highway to Hell" von AC/DC, und Reintjes lief los. "In der Wüste wirst du zurückgeworfen auf deine Grundbedürfnisse", sagt er. "Du bist allein. Hast immer Durst, immer Hunger. Dir ist heiß, du frierst. Beim Laufen wird der Kopf frei. Du lässt alles zurück, lässt den Alltag hinter dir."
Als er nach 13 Stunden, 50 Minuten und 52 Sekunden ins Ziel kam, "war ich stolz, eine Herausforderung gemeistert zu haben". Füße hoch, essen, schlafen, dann wieder laufen, Etappe fünf, 42 Kilometer. "Ein Traum."
Sie sind Anwälte, Industriemechaniker und Optiker, Frauen und Männer, alt und jung, und sie leben extrem: Sie stürzen sich mit Fallschirmen von Wolkenkratzern, Türmen und Steilwänden, erklimmen zugefrorene Wasserfälle, steigen auf die höchsten Berge, manche mit Sauerstoffmaske und manche ohne. Sie springen mit Skiern an den Füßen aus dem Hubschrauber und fahren abseits der Pisten im Tiefschnee, stürzen sich im Kajak in Strudel, sie surfen auf Monsterwellen und klettern durch Schluchten.
Extremsport ist längst mehr als nur ein Trend und auch nicht mehr elitär. Extremsport ist eine Massenbewegung.
Fast jede Woche findet irgendwo eine Ultraveranstaltung statt. Es gibt den Swissalpine, das sind sechs Bergläufe in Davos, bei denen gut 5000 Teilnehmer aus 66 Ländern starten; in der Königsdisziplin müssen auf 79,4 Kilometern bis zu 2600 Höhenmeter überwunden werden. Oder die Beltquerung: 25 Kilometer schwimmen durch die Ostsee, von Dänemark nach Fehmarn. Wer lieber mit dem Rad unterwegs ist, für den gibt es im Oktober die Crocodile Trophy, zehn Tage lang durch die Wildnis im Nordosten Australiens, 1200 Kilometer.
Vorbei ist die Zeit, als der Marathon als ultimative Grenzerfahrung für Körper und Geist galt, der Marathon ist inzwischen eine Willensprüfung für den guttrainierten Breitensportler. Extremsportler aber wollen beweisen, dass sie einzigartig sind.
"Extremsport dient in erster Linie der Inszenierung von Individualität", sagt Karl-Heinrich Bette, Sportsoziologe an der Technischen Universität Darmstadt. "Es reicht heute nicht mehr aus, ein Kind zu zeugen, ein Haus zu bauen, einen Baum zu pflanzen - der moderne Mensch hält sich offensichtlich erst dann für wertvoll, wenn er allein die Welt umsegelt oder den Mount Everest bezwungen hat."
Dieser moderne Mensch ist eingebunden in gesellschaftliche Strukturen, sein Leben ist ritualisiert und geregelt: Er geht morgens ins Büro, muss eine Steuererklärung beim Finanzamt abgeben und das Auto zum TÜV bringen; er trifft Vorsorge für Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit und Alter. Er stürzt sich ins Abenteuer, weil er den Nervenkitzel sucht, das flaue Gefühl im Magen, das Herzrasen. Flüchtet vor der Routine, den Konventionen, der Langeweile in die harte Welt der Berge, Meere und Wüsten.
"Ein Extremsportler will handeln, nicht behandelt oder gehandelt werden", sagt Bette. "Er will Beute, keine Rente."
Der amerikanische Psychologe Marvin Zuckerman taufte Menschen, die nach besonders intensiven Sinneseindrücken und Erfahrungen streben, "sensation seeker". Zuckerman teilt die Sensationssucher in vier Gruppen ein: Die Neugierigen bereisen die Welt und interessieren sich für fremde Kulturen; die Enthemmten suchen schnellen Sex oder experimentieren mit Drogen; die Ruhelosen sind schnell gelangweilt, sich ständig wiederholende Tätigkeiten quälen sie; die Draufgänger gehen ein körperliches Risiko ein, etwa beim Fallschirmspringen oder Klettern.
Extremsportler sind Typen, die bereit sind, Verantwortung für sich zu tragen. Sie fühlen sich erst lebendig, wenn ihnen die Angst in die Glieder fährt: Der Extremkletterer kann vom Steinschlag getroffen werden, der Wellenreiter kann ertrinken, der Fallschirmspringer abstürzen.
Sie folgen durchaus ähnlichen Ideen wie Unternehmer, sie wollen Erster oder Bester sein und spielen mit dem Schicksal. Sie nehmen bewusst die Möglichkeit hin, ultimativ zu scheitern.
Erst vorvergangenen Sonntag starben mindestens acht Bergsteiger, als eine Lawine am Mount Manaslu in Nepal niederging. 14 Basejumper kamen in diesem Jahr bereits ums Leben, der vorerst letzte am 10. September in Südtirol: Er sprang von einem Gebirgskamm in 1100 Meter Höhe und schlug gegen den Felsen, als er seinen Fallschirm öffnen wollte.
Das Ziel eines Extremsportlers ist Intensität. "Ein gesteigertes Erleben, das durch die Kontrolle von Angst entsteht", sagt der Offenbacher Psychologe und Suchtforscher Werner Gross. "Aber letztlich gilt das auch für Börsenhändler und Kriegsreporter."
Die Sehnsucht des Menschen, nach dem wahren Leben zu jagen, sei seit den siebziger Jahren deutlich gewachsen, sagt Soziologe Bette. Motive wie Leistung, Selbstverwirklichung, Autonomie, Konkurrenzfähigkeit, aber auch Werte wie Fitness, Ausdauer und Schlankheit hätten an Bedeutung gewonnen. Der in Deutschland traditionell an den Vereinen festgemachte Sport habe sich nachhaltig verändert und sei facettenreicher, aber auch unübersichtlicher geworden. "Der saturierte Bürger fing plötzlich an mit Aerobic, er joggte, lief Marathon, absolvierte einen Triathlon: die Ideologie der Verausgabung war geboren."
Der Marathon des Sables war für Frank Reintjes nur eine Zwischenstation. Seinen ersten Marathon absolvierte er 1998 in Berlin, im April 2005 startete er bei der Harzquerung, 51 Kilometer von Wernigerode nach Nordhausen. Dann, im April 2006: Two Oceans Marathon in Kapstadt, 56 Kilometer. Zwei Monate später: erstmals die 100 Kilometer in Biel. 2008: 24-Stunden-Lauf in Wolfenbüttel. Februar 2011: zum vierten Mal von Göttingen auf den Brocken, 80 Kilometer bergan. Im März lief er 250 Kilometer durch die Atacama-Wüste in Chile, der Start lag in 3000 Meter Höhe.
"Bei diesen Läufen gewinne ich Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten", sagt Reintjes. "Und davon lebt man doch: von seinem Selbstwertgefühl."
Menschen wie Reintjes, so kann man das auch ausdrücken, suchen den Rausch. "Ich nenne es das Prinzip Achterbahn", sagt der Psychiater Borwin Bandelow von der Universität Göttingen. "Mein primitives Angstsystem sagt mir, dass ich in der nächsten Kurve rausfliege, aber dann passiert es doch nicht, und deshalb kommt es zu einer Ausschüttung von Glückshormonen im Körper."
Der Körper setzt dann Endorphine frei, eine körpereigene Droge, die Schmerz und Hunger unterdrückt und euphorisch macht. Endorphine wirken wie Morphium, sie lösen Ängste, entspannen, sie erleichtern die Strapazen, die sich die Athleten selbst machen.
Bei Stress, etwa kurz vor dem Sprung eines Basejumpers von einer 800 Meter hohen Felswand, wird Adrenalin ausgeschüttet, der Blutdruck steigt, Energiereserven werden gebündelt und aktiviert. Nach der Landung flutet Dopamin den Körper, Glück und Freude kommen auf.
Die Grenzgänger erreichen einen Zustand, den Psychologen "Angstlust" nennen und der süchtig machen kann: Wer ihn einmal erlebt hat, will ihn immer wieder spüren.
Beim Sport konzentriert sich der Mensch auf die Bewegung, das bedeutet Erholung für den vordersten Teil des Gehirns, der für das Verarbeiten von Informationen und das Lösen von Problemen zuständig ist. Der Kopf wird gelüftet. Je geringer allerdings die Aktivität im Stirnhirn, desto risikofreudiger der Mensch.
Wer an seine Grenzen und darüber hinaus geht, will einen Zustand erreichen, den der ungarische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi "Flow" nennt: Man fühle sich völlig im Einklang mit dem, was man tut; die körperliche Anforderung und die persönliche Leistungsfähigkeit stimmen überein, nur der Augenblick zählt. Das Verlangen, sich selbst durch eine Grenzerfahrung zu spüren, haben diese Leute mit Borderline-Patienten gemein, die sich manchmal Schmerzen zufügen, um eine innere Leere zu überwinden.
Extremsportler neigen dazu, ihre Heldentaten gewissenhaft zu protokollieren: Sie erfüllen sich den Wunsch nach Selbstbestimmung, indem sie möglichst vielen Menschen mitteilen, was sie geleistet haben. Sie schreiben Blogs, stellen Fotos und Videos ins Internet. "Das sind die Expeditionstagebücher von heute", sagt Sportsoziologe Bette.
Die OutDoor in Friedrichshafen ist die größte Messe für Action- und Extremsport in Europa; "One Life. Live it!" steht über einem Stand mit Thermo-Schlafsäcken. Überall in den Hallen hängen Bildschirme, auf denen Menschen zu bewundern sind, die über verschneite Gebirgspässe rennen oder auf BMX-Rädern über die Dachgerippe aufgelassener Fabrikanlagen balancieren.
Auf der Messe werden nicht nur Markenartikel präsentiert, hier wird ein Lebensgefühl sichtbar. Rund zehn Milliarden Euro setzte die Outdoor-Branche im vergangenen Jahr in Europa um, fast ein Viertel davon in Deutschland.
Etwas abseits in Halle B1 befindet sich der Stand von GoPro. Die amerikanische Firma stellt digitale Kameras her, die sich jeder Taucher, Klippenspringer, Eiskletterer um den Kopf, den Helm, das Handgelenk, die Brust binden kann, um sein Abenteuer zu filmen. GoPro steigerte seinen Absatz innerhalb des vergangenen Jahres von 60 auf 300 Millionen Dollar.
Jeder kann heute sein eigener Produzent sein, und die Wucht der Bilder potenziert sich dadurch, dass sie aus dem Blickwinkel eines Stuntman kommen. "Be a hero" heißt GoPros Werbeslogan, sei ein Held. Die meisten Extremsportler sind es für weniger als 15 Minuten, einige aber für wesentlich länger.
Vor zwei Jahren tauchte im Internet das Video eines Australiers auf, der einmal Toby Benham geheißen hatte, sich aber in Lucky Chance umbenannte, weil er einen Namen haben wollte, der nach Spaß klingt, nach Risiko und Anarchie. Lucky Chance ist 28 Jahre alt, ein blasser Mann mit blonden Strubbelhaaren, ein Kletterer, ein Artist, ein Basejumper.
Das Video trägt den Titel "The Death Swing", die Todesschaukel, es hat Lucky Chance berühmt gemacht. Der Film zeigt, wie er am Rand einer Felswand in den Blue Mountains steht, einem Sandsteingebirge westlich von Sydney. Lucky Chance trägt einen Fallschirm auf dem Rücken, und in den Händen hält er ein 35 Meter langes Kletterseil, das gegenüber an einem Stein festgebunden ist. Dann lässt er sich fallen, er schwingt kurz durch die Luft, lässt das Seil los und macht einen Dreifachsalto rückwärts. Noch während er sich dreht, öffnet er den Fallschirm, aber die Schnüre verfangen sich in seinen Beinen, und er stürzt ab, aus 170 Meter Höhe.
Es grenzt an ein Wunder, dass sich der Schirm zehn Meter vor dem Aufschlag doch noch irgendwie öffnet. Lucky Chance landet zwischen ein paar Bäumen, er hat nicht einen Kratzer.
Das Video hat sich rasend im Internet verbreitet, es wurde bislang fast eine halbe Million Mal angeklickt. Es gibt noch andere Filme: Lucky Chance klettert Hauswände und Brücken hoch, er balanciert auf einem Spanngurt über Schluchten, macht Handstand an Klippenkanten, er rast mit Tempo 70 bäuchlings auf dem Skateboard einen Hang hinunter.
Er werde überhäuft mit Freundschaftsanfragen auf Facebook, sagt Lucky Chance. "Die Menschen, die meine Videos schauen, sind Tagträumer", sagt er, "die würden auch gern rausgehen und so was Verrücktes machen wie ich. Aber weil sie in ihrem Bürojob gefangen sind, können sie ihren Sehnsüchten nur nachkommen, indem sie meine Filme gucken."
Als Kind kletterte er auf die Bäume im Garten seiner Eltern, später auf die Hausdächer in der Nachbarschaft. Er war 15, als er die Schule abbrach, Lucky Chance hat als Fensterputzer gearbeitet, momentan jobbt er in einer Kletterhalle.
"Bei allem, was ich mache, geht es um Höhe", sagt er. "Beim Aufstieg packt mich ein rohes, ehrliches Gefühl. Die Gefahr macht mich extrem fokussiert. Dabei erfährst du dich neu, kannst ganz tief in dich selbst hineinblicken."
Was er mache, sei Propaganda für den Kontrollverlust. "Unser Leben ist ein Korsett, Mikrowellen und Verkehrsampeln nehmen uns die Arbeit ab. Viele Menschen sind so verängstigt, dass sie nicht mehr auf zwei Meter an einen Abgrund herantreten."
Lucky Chance hält sich nicht an Regeln, abgesehen von den eigenen, und damit wäre er der perfekte Mann für Red Bull. Der Getränkehersteller mit Hauptquartier in Fuschl am See, östlich von Salzburg gelegen, gibt eine halbe Milliarde Euro pro Jahr für Sportmarketing aus, etwa 500 Athleten auf der ganzen Welt verleiht das Unternehmen Flügel, darunter Trial-Biker, Gleitschirmflieger, Motocross-Fahrer. Red Bull hat Wettbewerbe entworfen für Solokletterer, Surfer und Trickskifahrer.
Red Bull betreibt Extremsport-Management, stellt Abenteuer her, inszeniert sie, um dann in eigener Sache darüber zu berichten. Es geht darum, spektakuläre Bilder zu erzeugen und diese an einen Zuckersaft zu koppeln.
Am 8. Oktober zum Beispiel will der österreichische Basejumper Felix Baumgartner aus knapp 37 000 Meter Höhe springen. Es wäre der längste freie Fall, geplant sind fünf Minuten und 35 Sekunden, sein Körper soll mit Tempo 1110 die Schallmauer durchbrechen. 15 Kameras werden den Sprung live und in High Definition übertragen.
Baumgartner, 43 Jahre alt, will zur Legende werden. Er strebt, typisch Extremsportler, nach Singularität. "Ich will mit meinen ganzen Aktionen etwas machen, über das die Leute noch in hundert Jahren sprechen", sagt er.
Wer Grenzen sprengen will, der will seinen Mut unter Beweis stellen, und es ist einfach, diesen Drang zu befriedigen. Fast jeder Ort auf der Welt ist innerhalb von zwei Tagen zu erreichen, eine Google-Suche genügt, und schon kann es losgehen zum Paragliding nach Rio de Janeiro, Bungee-Springen von der Victoria-Falls-Brücke in Simbabwe, zur Antarktis-Tour auf Langlaufskiern. Der Extremsport hat die Entdeckungsreise abgelöst, das Abenteuer lauert überall.
Christof Wandratsch kommt aus Haiming bei Burghausen, er ist Hauptschullehrer, definiert sich aber über seine Freizeitbeschäftigung: Er schwimmt durch Kanäle. Wandratsch peilt einen Weltrekord an, er will sieben Wasserstraßen durchqueren, die zu den anspruchsvollsten Strecken im Meer gelten. Die Serie nennt sich Ocean's Seven. Weil er nicht der Erste ist, der das macht, möchte er siebenmal Bestzeit schwimmen.
Anfang September ist er aus Japan zurückgekommen, wo er versuchte, durch die Tsugaru-Straße zu schwimmen, eine rund 20 Kilometer lange Meerenge zwischen den Inseln Honshu und Hokkaido. Das Wasser hatte 16 Grad, aber er trug keinen Neoprenanzug, nur Badehose, Badekappe, Schimmbrille. So sind die Regeln. Die Wellen waren über drei Meter hoch, Quallen verbrannten ihm die Haut. Ein Kilometer vor dem Ziel war die Strömung so stark, dass sie ihn zurücktrieb, nach zwölf Stunden gab Wandratsch auf. Im nächsten Jahr will er es wieder versuchen.
Zurzeit trainiert er für die nächste Etappe im Wöhrsee, wo er jeden Tag 20 Kilometer schwimmt und Tretboote zieht, um die Kraftausdauer zu verbessern. Er hat sich eine Fettschicht angefuttert, hat 20 Kilogramm zugenommen, damit er nicht auskühlt im Wasser. Jeden Tag Nudeln und haufenweise Nüsse. "Allein das war schon eine Qual."
Im Oktober wird er nach Hawaii fliegen, dann will er den Moloka'i Channel bezwingen, das ist die längste Wasserstraße der Ocean's Seven, 42 Kilometer von Moloka'i nach O'ahu, die Bestzeit beträgt 11 Stunden, 40 Minuten und 33 Sekunden. Es leben Haie in der Meerenge, auch Buckelwale. "Ich schwimme durch einen Zoo", sagt Wandratsch. Er sei auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen, die ihm sagen müssten, wo es am gefährlichsten sei.
"Mich fasziniert es, mit einfachsten Hilfsmitteln gegen Naturgewalten zu bestehen. Und ich liebe die Kompromisslosigkeit des Freiwasserschwimmens. Beim Laufen oder beim Radfahren kann ich eine Pause einlegen, wenn ich müde bin. Im offenen Meer nicht."
Wandratsch fing in den achtziger Jahren an, im Verein zu schwimmen, er startete bei deutschen Meisterschaften und in der Bundesliga, aber irgendwann wurde ihm das Becken zu eng, er wechselte ins offene Gewässer, zum Langstreckenschwimmen. In den neunziger Jahren gewann er zweimal die Europameisterschaft. Doch auch das reichte ihm nicht, er wollte es härter, länger, rauer. 2005 schwamm Wandratsch durch den Ärmelkanal. In Weltrekordzeit.
Die Meerenge zwischen England und Frankreich gilt unter Marathonschwimmern als so etwas wie der Heilige Gral. Sie steigen in Dover ins Meer, am Shakespeare Cliff, bis auf die andere Seite, nach Cap Griz-Nez bei Calais, sind es gut 30 Kilometer. Oder 60 000 Kraulzüge.
Nur jeder Fünfte schafft es. Unterwegs bläst der Wind, und über 400 Schiffe fahren täglich im Ärmelkanal. Doch die meisten müssen deshalb aufgeben, weil ihre Blase zu platzen droht. Weil sich der Körper im 14 Grad kalten Wasser kaum entspannen kann, ist es unmöglich zu pinkeln.
Knapp 1300 Schwimmer haben den Kanal schon durchquert, und jedes Jahr versuchen es mehr. 300 probierten es allein zwischen Juni und September, manchmal war ein Dutzend gleichzeitig im Wasser.
Durch den Ärmelkanal zu schwimmen ist kein exklusives Abenteuer mehr, deswegen suchen manche verzweifelt nach neuen Zielen: Es gab Überquerungen in einem Tretboot, in einer Badewanne, mit einem Raketenrucksack, mit Wasserskiern.
Ähnlich ist die Situation am Mount Everest: 59 Jahre nach der Erstbesteigung überrennen Abenteurer den höchsten Berg der Erde (siehe Seite 68), es findet dort ein verrückter Wettlauf um Rekorde statt, der immer wieder Tote fordert.
"Wenn das Extreme in Serie produziert wird, ist es nicht mehr anarchisch, sondern wird banal. Ein Grenzgänger zu sein ist fast schon wieder normal", sagt Sportsoziologe Bette. "Um sich in der Gruppe der Extremen noch abheben zu können, gilt es Dinge zu tun, die noch kein anderer getan hat."
Der Engländer Gary Connery etwa ist im Mai aus 731 Meter Höhe ohne Fallschirm aus einem Hubschrauber gesprungen, er trug einen Ganzkörperanzug, in dem er aussah wie eine Fledermaus. Nach 32 Sekunden landete Connery mit Tempo 130 in einem Stapel Pappkartons. Der Österreicher Christian Schiester hat das Himalaya Stage Race und das Antarktis Ultra Race gewonnen, nun kündigt er sogar einen Marathon auf dem Mond an. Er hat ein Team, mit dem er daran arbeitet, auch Red Bull ist involviert.
"So wird der Extremsport immer extravaganter, verrückter, riskanter und auch kritikwürdiger", sagt Bette.
Der Schwimmer Christof Wandratsch hat sich für die Ocean's Seven bis Sommer nächsten Jahres vom Schuldienst befreien lassen, vier Sponsoren finanzieren ihm die Reisen zu den Wasserstraßen in Neuseeland, Irland und Kalifornien.
Der Läufer Frank Reintjes weiß noch nicht, bei welchem Rennen er nächstes Jahr starten wird. Das "La Ultra" in Indien interessiert ihn, noch lieber aber wäre ihm der "Grand Raid" auf Réunion, der Lauf heißt auch "die Diagonale der Verrückten": 170 Kilometer am Stück, quer über die Insel, durch drei Klimazonen, mehr als 10 000 Höhenmeter.
Lucky Chance hat keine Pläne. Vor einem Jahr wäre er beim Basejumping in Frankreich fast ums Leben gekommen, als er in der Nähe von Chamonix von einer Klippe sprang und gegen einen Granitstein schlug. Sechs Wochen lang lag er im Koma, gebrochener Kiefer, gebrochenes Becken, Luft zwischen Lunge und Brustwirbelsäule, Quetschung der linken Gehirnhälfte.
Der Unfall macht Lucky Chance nach wie vor zu schaffen, vor kurzem hat er sich das Sprunggelenk ausgekugelt, weil die Muskeln in seinen Beinen immer noch so schwach sind, sie können die Knochen nicht ausreichend stützen. Er leidet unter Gedächtnislücken. Er ist ein Wrack.
Lucky Chance sagt: "Das war es wert."
Von Lukas Eberle und Maik Grossekathöfer

DER SPIEGEL 40/2012
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