01.10.2012

Der Stau

Der Mount Everest ist zum Spielplatz für Hobbyalpinisten geworden. An einem Wochenende im Mai standen sich die Kletterer gegenseitig im Weg, sechs Menschen starben.
Er nimmt seine Sauerstoffmaske ab, atmet zweimal ein und aus, es schnürt ihm die Kehle zu. Aydin Irmak, 46, hat das Gefühl zu ersticken, so dünn ist die Luft. Er setzt die Maske schnell wieder auf. Er guckt sich um. Ist das der Ort? Irmak läuft über eine leicht geneigte Fläche aus Eis. Der Himmel über ihm ist tiefblau. Er sieht einen kleinen Glaskasten mit einer Buddhafigur darin. Ja, das ist der Ort. Irmak steht auf dem Gipfel des Mount Everest.
Es ist der 19. Mai 2012, durch den eisigen Wind liegt die Temperatur bei minus 37 Grad Celsius. Der höchste Punkt der Erde, 8848 Meter, ist gottverlassen. Irmak hat als letzter von 176 Bergsteigern an diesem Tag den Gipfel erreicht, die anderen befinden sich schon wieder auf dem Abstieg. Sie kamen ihm entgegen. Einmal rief ihm einer zu: "Dreh um!" Er lief einfach weiter.
Am Mount Everest gibt es eine Regel: Wer nicht bis 13 Uhr den Aufstieg geschafft hat, sollte umkehren. Gegen Abend ziehen oft schwere Unwetter auf. Außerdem ist es lebensgefährlich, sich zu lange in der dünnen Luft der sogenannten Todeszone oberhalb von 8000 Metern aufzuhalten.
Irmak steht erst um kurz nach 15 Uhr auf dem Gipfel. Er fühlt sich wie benebelt. Er war vorher noch nie auf einem hohen Berg. Er ist ein Fahrradhändler aus New York. Er weiß nichts von den Unwettern am Everest. Bis vor ein paar Wochen wusste er auch nicht, was Steigeisen sind.
Irmak hat eine kleine Fahne mitgebracht, er rammt sie in den Schnee. Dann holt er eine Digitalkamera aus der Tasche seines Daunenanzugs. Er will ein Gipfelfoto von sich machen, so viel Zeit muss sein. Der Apparat funktioniert nicht. Irmak zieht den rechten Handschuh aus, um das Batteriefach kontrollieren zu können. Da trifft ihn von hinten ein starker Windstoß. Der Fäustling wirbelt durch die Luft.
Aydin Irmak steht allein auf dem Mount Everest. Er ist viel zu spät dran. Er hat seinen rechten Handschuh verloren und keine Ahnung, wie er wieder runterkommen soll.
Als sich Irmak gegen 15.30 Uhr auf den Weg macht, bereiten sich knapp 900 Höhenmeter weiter unten, im Lager 4, dem letzten Camp unterhalb des Gipfels, schon die nächsten Expeditionsteams auf den Aufstieg vor.
Der Bergführer Pemba Jangbu Sherpa hat von seiner Agentur den 24-jährigen Alpinisten Nadav Ben-Jehuda zugeteilt bekommen, der es als jüngster Israeli auf den Everest schaffen will. 6000 Dollar bekommt Pemba für den Job. Wenn sein Kunde den Gipfel packt, gibt es 2000 Dollar extra.
Am Abend brechen Pemba und sein Klient auf, am folgenden Morgen wollen sie auf dem Gipfel stehen. Sie wissen nichts über die Tragödie, die sich über ihnen abspielt.
Die beiden kommen gut voran. Es ist kalt, der Wind bläst mit knapp 50 Stundenkilometern. Um 22 Uhr, in 8300 Meter Höhe, treffen sie auf den chinesischen Bergsteiger Ha Wenyi. Der 55-Jährige Im- und Exporthändler sitzt im Schnee, abseits der Route, seine Sauerstoffflasche ist leer. Er lebt, ist aber völlig entkräftet. Bergführer Pemba hilft ihm, sich wieder in das Fixseil einzuhängen. Dann gehen Pemba und Ben-Jehuda weiter.
Etwas später, auf 8400 Metern, leuchtet Pembas Stirnlampe auf einen Körper im Schnee. Es ist die 33-jährige Geschäftsfrau Shriya Shah-Klorfine aus Kanada. Pemba ruft: "Didi, Didi", Schwester, Schwester. Die Bergsteigerin ist tot. Sie gehen weiter.
Um 23.45 Uhr, auf 8500 Metern, fällt das Licht ihrer Lampen auf einen Mann, der an einem Felsblock kauert. Sein Thermoanzug ist aufgerissen, weiße Daunenfedern wirbeln durch die Luft. Er trägt keinen Rucksack bei sich, hat keine Sauerstoffmaske mehr, sein Steigeisen am rechten Fuß fehlt, seine Lippen sind vereist.
Es ist Aydin Irmak. Seine Augen sind geschlossen, aber er atmet. Pemba rüttelt an seiner Schulter. Irmak wacht auf.
"Kannst du deine Beine bewegen?", fragt Pemba.
"Ich glaube schon", sagt Irmak.
"Wo ist deine Ausrüstung?", fragt der Sherpa.
"Keine Ahnung."
Irmak weiß nicht, was passiert ist, er weiß nicht, wie er es vom Gipfel bis hierher geschafft hat.
Pemba und sein Kunde brechen ihren Aufstiegsversuch ab. Sie sichern Irmak am Fixseil, nehmen ihn in die Mitte und steigen ab. Das Trio kämpft sich den Berg hinunter. Sie klettern über die tote Kanadierin, sie kommen wieder an dem Chinesen vorbei. Er ist mittlerweile tot.
Ganz in der Nähe liegt auch Song Won Bin, ein 44-jähriger Bergsteiger aus Südkorea. Verwirrt und desorientiert war er eine Klippe hinabgestürzt, deswegen können ihn die drei Männer nicht sehen.
Sie steigen von Lager 4 hinunter zu Lager 3 und weiter zu Lager 2 auf 6400 Metern, das sie am 20. Mai gegen 19 Uhr erreichen.
Dort erfahren sie, dass oben am Everest ein weiterer Bergsteiger verunglückt ist, der deutsche Arzt Eberhard Schaaf. Er brach beim Abstieg am Fuße des Hillary Step zusammen, einem fast vertikalen, zwölf Meter hohen Felsen auf 8760 Metern. Schaaf starb um kurz nach 15 Uhr, dem Zeitpunkt, als Irmak noch auf dem Gipfel stand.
Auf dem höchsten Punkt der Erde zu stehen ist ein Menschheitstraum - wie das Fliegen und die Reise zum Mond. Jedes Frühjahr, wenn die Wetterbedingungen im Himalaja am günstigsten sind, versuchen Alpinisten aus aller Welt den Mount Everest zu besteigen. Darunter sind Profi-Bergsteiger, Wissenschaftler, aber auch immer mehr Abenteurer, die am Everest eigentlich nichts verloren haben. Es sind Menschen, die ein Extremerlebnis suchen. Angelockt werden sie von einer Expeditionsindustrie, die den höchsten Gipfel der Welt als Touristendestination vermarktet.
Jeder, der einigermaßen zu Fuß ist, kann die Tour auf den Everest buchen. Erfahrung im Hochgebirge ist nicht nötig. Nur Mut. Und Geld. Sherpas schleppen die Ausrüstung, präparieren die Route, bauen die Lager auf, legen die Fixseile, an denen sich die Kunden wie an einer Perlenkette entlang Richtung Gipfel hangeln.
So hat es auch der New Yorker Fahrradhändler Aydin Irmak auf den Everest geschafft. Dass er allerdings auch wieder runterkam vom Berg, war reines Glück. Hätten die Bergsteiger Pemba und Ben-Jehuda ihn dort oben in der Nacht nicht gefunden, wäre er verloren gewesen. Sie haben ihm das Leben gerettet.
Seit der Erstbesteigung am 29. Mai 1953 durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay haben 3836 Menschen den Mount Everest bestiegen, fast drei Viertel davon in den vergangenen zehn Jahren. Der Koloss im Himalaja sei "zum Freizeitpark" geworden, sagt der italienische Spitzenalpinist Simone Moro, der viermal auf dem Everest war. In diesem Frühjahr versuchten 683 Alpinisten aus 34 Ländern den Berg zu besteigen.
Es war auch eine tödliche Saison: Im April und Mai kamen elf Bergsteiger am Mount Everest ums Leben, mehr waren es nur 1996 mit zwölf Toten.
In diesem Jahr aber starben die Bergsteiger nicht, weil sie in einen plötzlich aufziehenden Sturm geraten waren, weil sie Steinschlag oder eine Lawine getroffen hatte. Sie starben, weil sie erschöpft waren, weil sie zu langsam kletterten, weil sie die Höhenkrankheit ignorierten und nicht umkehrten. Allein am Wochenende des 19. und 20. Mai brachen mehr als 300 Kletterer zum Gipfel auf. Der SPIEGEL hat mit Bergsteigern gesprochen, die an diesen beiden Tagen auf dem Everest waren, mit dem Türken Aydin Irmak, mit Bergführern und Expeditionsleitern in Katmandu, mit Alpinisten aus Italien und Deutschland. "Ich habe noch nie so viele Menschen an einem Berg gesehen", sagt der Extrembergsteiger Ralf Dujmovits. Es gab Staus in der Todeszone. Sechs Menschen starben, vier davon auf der beliebten Südroute. Sie kamen ums Leben, weil sich all die Glücksritter, die auf dem höchsten Punkt der Erde einen Moment der Erfüllung erleben wollten, gegenseitig im Weg standen.
Das Tourismusministerium in Katmandu, der Hauptstadt Nepals, ist ein klotziger Bau aus Backstein im Zentrum der Stadt. Jeder Bergsteiger, der den Everest besteigen will, muss bei den Beamten im zweiten Stock eine Genehmigung anfordern, sie kostet rund 10 000 Dollar. Der Berg ist eine gute Einnahmequelle.
Mitte April erscheint in der Behörde ein schmächtiger Mann mit buschigen Augenbrauen und tiefen Falten im Gesicht. Er wolle einen Rekordversuch anmelden, sagt Aydin Irmak. Er habe vor, als erster Mensch ein Fahrrad auf den Everest zu tragen.
Es gibt viele offiziell anerkannte Everest-Rekorde. Der erste Blinde auf dem Gipfel. Der erste Beinamputierte. Die erste Abfahrt mit dem Snowboard. Die erste Übernachtung. Die erste Hochzeit. Die Bestmarke für das Ausharren mit freiem Oberkörper auf dem Gipfel liegt bei drei Minuten.
Der Beamte hinter seinem weißen Schreibtisch stellt keine Fragen. Er kassiert zusätzlich 1000 Dollar von Irmak für das Everest-Rekord-Zertifikat. Stempel, Unterschrift.
Aydin Irmak, geboren in Istanbul, ist das, was man wohl einen Lebenskünstler nennt. Als junger Mann wanderte er nach Amerika aus, studierte Finanzwirtschaft in New York, danach eröffnete er ein Geschäft für Designermöbel. Der Laden ging pleite, Irmaks Ehe in die Brüche. Er landete auf der Straße, schlief in Queens unter Brücken. 2009 fing er an, alte Fahrräder vom Sperrmüll zu reparieren und damit Geld zu verdienen. Ein Jahr später startete der Türke eine Weltreise. Mit dem Fahrrad. Im November 2011 kam er nach Katmandu. Bei einem Abendessen in einem Restaurant entstand die Idee mit dem Everest und dem Fahrrad.
Es gibt rund hundert Firmen in Nepal, die Expeditionen auf den Everest organisieren, 40 von ihnen haben ihr Hauptquartier in Katmandu. Etwa 35 000 Dollar kostet die Everest-Tour bei den renommierten Anbietern. Bei Discountern, die Besteigungen auf der tibetischen Seite anbieten, gibt es die Trips für rund 10 000 Dollar. Sie sparen dafür am Personal und an der Ausrüstung, an Seilen, Karabinern, Funkgeräten, Sauerstoffflaschen.
Irmak bucht seine Tour für 28 000 Dollar bei der Firma Thamserku. Das Geld hat er sich von einem Freund aus New York geliehen. Der Chef von Thamserku freut sich über Irmaks Aktion mit dem Rad. Gute PR. Dass der Kunde noch nie auf einem Berg war, nicht weiß, wie man Steigeisen anlegt, ist ihm egal.
Einige Agenturen nehmen für Everest-Expeditionen nur Klienten an, die bereits einen Sechstausender bestiegen haben. "Aber manche lügen uns an und geben nicht zu, dass sie zu wenig Erfahrung im Hochgebirge haben. Da können wir nichts machen, wir müssen ihnen letztendlich vertrauen", sagt Dawa Steven Sherpa, Chef von Asian Trekking, einer der größten Agenturen in Katmandu.
Bei den zwei deutschen Bergsteigern, die sich bei Asian Trekking angemeldet haben und Anfang April in Katmandu eintreffen, hat Dawa Steven keinerlei Bedenken. Eberhard Schaaf, 61, Sportarzt aus Aachen, und Paul Thelen, 68, Unternehmensberater aus Wüselen, machen einen guten Eindruck. Kultivierte Herren, abenteuerlustig, fit. Schaaf, ein drahtiger Mann mit Vollbart, lief früher Marathon, machte Ultraläufe über 200 Kilometer. Sie sind erfahrene Bergsteiger. Thelen und Schaaf wollen die höchsten Gipfel aller sieben Kontinente besteigen, die Seven Summits. Sie waren schon auf dem Mount McKinley in Alaska, dem Kilimandscharo in Tansania, dem Aconcagua in Argentinien, jetzt wollen sie den Everest schaffen.
Thelen und Schaaf werden von der Marke Doppelherz gesponsert. Sie haben sich gut vorbereitet auf den Everest. In der stillgelegten Kohlehalde Baesweiler machten die Männer Treppenläufe, 500 Stufen, 80 Höhenmeter, sie schleppten dabei Rucksäcke, gefüllt mit Cola-Flaschen und Konservendosen. Auf der Terrasse im Garten von Paul Thelen legten sie Alu-Leitern aus dem Baumarkt auf Tapeziertische und kletterten dann mit Bergstiefeln und Steigeisen darüber. Das sollte sie auf den Khumbu-Eisfall am Everest vorbereiten, wo die Bergsteiger auf Leitern gigantische Gletscherspalten überqueren müssen.
Sie ließen sich in einer Skihalle in den Niederlanden einschließen und übernachteten dort im Zelt bei minus fünf Grad Celsius, um ihre Thermo-Unterwäsche zu testen. Sie führten regelmäßig Laktattests und Belastungs-EKGs durch, schluckten ein Jahr lang jeden Tag Tabletten aus Süßwasseralgen, das soll die Abwehrkräfte verbessern.
Für beide ist der Everest die ultimative Herausforderung. Am 7. April brechen sie zum Everest-Basislager auf, es liegt 320 Kilometer von Katmandu entfernt in 5365 Meter Höhe inmitten eines Nationalparks. Auf einer Fläche von knapp einem Quadratkilometer stehen Hunderte Zelte. Im Zentrum steht die Krankenstation, es gibt Handy-Empfang, in manchen Versorgungszelten werden nach dem Essen feuchte Servietten gereicht.
Ende April hat das Lager rund 900 Bewohner. Es sind Profi-Sportler da wie der Schweizer Höhenbergsteiger Ueli Steck. Auch der Alpinist Simone Moro ist am Everest. Moro arbeitet seit drei Jahren nebenbei als Hubschrauberpilot. Er hat sich ganz in der Nähe des Basislagers einen Landeplatz gebaut. Moro holt verunglückte Bergsteiger vom Everest. Er hat sich dafür eine nepalesische Fluglizenz besorgt und fliegt mit einem Eurocopter, Typ AS-350 B3 mit 850 PS. Das Geschäft läuft gut.
90 Prozent der Bergsteiger im Basislager sind Hobbyalpinisten. Es sind auch wieder etliche Rekordjäger dabei. Eine 16-jährige Nepalesin, die als bisher jüngste Frau den Everest besteigen will. Eine 73-jährige Japanerin, die als älteste Frau auf dem Gipfel in die Geschichte eingehen möchte. Auch ein ehemaliger Soldat der britischen Armee, der in Afghanistan den linken Arm verlor, ist im Basislager. Von Spezialisten ließ er sich eine Armprothese aus Carbonfaser anfertigen, mit eingebautem Eispickel.
Aydin Irmak kommt am 19. April im Basislager an. Er hat die Strecke von Katmandu mit dem Fahrrad zurückgelegt. Je höher er fuhr, desto schlechter wurden die Straßen. Irgendwann gab es nur noch schmale Pfade und Geröll, oft musste er sein Gefährt tragen. Er sitzt meist allein unter einem Felsen am Rand des Camps. Für die anderen Kletterer ist er nur "der Verrückte". Sie befürchten, dass sie ihn oben am Everest retten müssen, wenn er dort mit seinem Fahrrad rumstapft.
Der Aufstieg vom Basislager zum Gipfel des Everest dauert viereinhalb Tage. Davor müssen sich die Bergsteiger wochenlang an die extreme Höhe anpassen. Sie machen immer wieder Trips in eines der drei höher gelegenen Camps, dort schlafen sie und kehren dann wieder zurück.
Eberhard Schaaf und Paul Thelen versuchen möglichst viel zu essen. In der Höhenluft funktioniert der Stoffwechsel nicht so gut. Bergsteiger verlieren am Everest im Schnitt zehn Kilogramm an Körpergewicht.
Anfang Mai erscheinen sieben Beamte der Umweltbehörde des Nationalparks im Basislager. Sie suchen Irmak. Sie haben von seinem Rekordversuch gehört. Die Männer nehmen ihm sein Rad weg, das er die ganze Zeit in seinem Zelt deponiert hatte. Ein Fahrrad gehöre nicht auf den Everest. Irmak wedelt mit der Erlaubnis des Tourismusministeriums herum. Doch die Beamten lassen nicht mit sich reden. Irmak ist stocksauer. Er malt das Bild seines Fahrrads auf eine kleine Fahne. Wenigstens die Flagge möchte er auf dem Gipfel aufstellen.
Auf dem Mount Everest gibt es keine Wetterstation, Messgeräte würden in der Kälte versagen. Seit 1997 können die Expeditionsleiter auf verlässliche Wetterprognosen zurückgreifen, die ihnen von der anderen Seite der Erde geschickt werden.
In der Fabrikstraße in Bern ist das Unternehmen Meteotest zu Hause. Im Erdgeschoss eines braunen Altbaus sitzen sieben Meteorologen vor ihren Bildschirmen. Sie arbeiten mit einer Software, die an zehn verschiedenen Orten im Everest-Gebiet das Wetter vorausberechnen kann. Zweimal täglich spuckt das System neue Daten aus. Dann schicken die Experten aus Bern E-Mails und SMS in das Basislager, mit der neuesten Vorhersage für die kommenden Tage.
Am 14. Mai hat der Extrembergsteiger Ueli Steck eine neue Nachricht in seinem Postfach. "Das Fenster vom 16. bis zum 19. scheint stabil zu sein", schreiben ihm die Meteorologen aus der Schweiz. Das heißt: wenig Wind, gute Sicht, kein Schneefall. 14 Minuten später antwortet Steck: "Super, ich gebe Vollgas." Steck, der schon mehrere Achttausender bestiegen hat, ist einer der Ersten, die sich auf den Weg zum Gipfel machen. Im Basislager spricht sich das schnell herum.
Und so brechen am 15. Mai, morgens ab drei Uhr, über 300 Bergsteiger auf. Unter ihnen sind auch Aydin Irmak und die Deutschen Eberhard Schaaf und Paul Thelen. Sie durchqueren den Khumbu-Eisfall. Wie eine gewaltige Prozession arbeiten sich die Kletterer den Berg hinauf. Von Lager 2 auf 6400 Meter Höhe bis zum Lager 3 in 7200 Metern. Weiter zum Lager 4, dem letzten unterhalb des Gipfels. Am Gelben Band, einer steilen Passage in der Lhotse-Flanke oberhalb von 7500 Metern, gerät der Marsch ständig ins Stocken. Es sind einfach zu viele Leute unterwegs. Es gibt Staus und Streitereien. Manchmal warten die Bergsteiger über 30 Minuten lang, bis es weitergeht. Überholen ist beinahe unmöglich, das würde zu viel Kraft rauben. Außerdem ist es gefährlich, sich aus dem Fixseil auszuhängen. Der Eishang hat eine Neigung von durchschnittlich 35 Grad.
Drei Tage dauert der Marsch vom Basislager bis zum Lager 4 auf etwa 8000 Metern. Sherpas haben dort Tage zuvor bereits Sauerstoffflaschen deponiert. Sie liegen bereit für die letzte Etappe zum Gipfel. Fast alle Bergsteiger haben jetzt Atemmasken auf. Sie ziehen Luft aus der Umgebung an und mischen sie mit dem Sauerstoff aus den Flaschen. Das erleichtert das Atmen.
Im Normalfall erreichen Bergsteiger bereits gegen zwölf Uhr Lager 4, sie ruhen sich ein paar Stunden lang aus und brechen noch am gleichen Abend auf, damit sie vormittags auf dem Gipfel stehen. Dieser Plan funktioniert diesmal nicht. Durch die Staus kommen alle zu spät in Lager 4 an.
Aydin Irmak schleppt sich gegen 15 Uhr ins Camp, Eberhard Schaaf folgt erst gegen 16.30 Uhr. Er legt sich ins Zelt, seine Sherpas kochen Haferbrei und Tee. Auch wenn er sich nur vier Stunden lang erholen kann: Schaaf entscheidet, noch am selben Abend zum Gipfel aufzubrechen. Um 18 Uhr erreicht auch Paul Thelen Lager 4. Er ist erschöpft und funkt den Manager seiner Agentur im Basislager an. "Ich habe keine Energie mehr", sagt Thelen, "ich gehe erst morgen weiter."
In der Todeszone ist der Luftdruck nur noch ein Drittel so hoch wie auf Meereshöhe. Das bedeutet für den Menschen, dass der Druck, mit dem der Sauerstoff in die Lungen gepresst wird, geringer ist. Dadurch fällt das Atmen schwer, die Kletterer bewegen sich nur noch wie in Zeitlupe voran, ihr Herz schlägt allerdings mit der Geschwindigkeit eines Presslufthammers. Das Gehirn wird mit so wenig Sauerstoff versorgt, dass die Bergsteiger auf die mentale Leistung eines Kleinkinds zurückfallen. Ihr Intellekt wird trübe, sie können ihr Umfeld nur noch eingeschränkt wahrnehmen, fühlen sich wie unter einer Glocke.
Durch den Sauerstoffentzug sterben jede Menge Gehirnzellen ab, das Blut wird dick. Es gibt zwei Ausprägungen von Höhenkrankheiten, die lebensgefährlich sind: Das Lungenödem, bei dem sich Wasser in der Lunge sammelt, und das Gehirnödem, bei dem sich Flüssigkeit im Schädel sammelt. Das Gehirnödem kann in wenigen Stunden eine Schwellung im Kopf auslösen, die den Bergsteiger ins Koma befördert. Wer in der Todeszone höhenkrank wird, muss so schnell wie möglich nach unten.
Niemand sollte sich länger als 24 Stunden in der dünnen Luft aufhalten. Deswegen ist der Aufstieg am Everest ab dem Lager 4 ein Rennen gegen die Zeit.
Freitag, 18. Mai:
Abends um halb neun streiten sich Irmak und sein Sherpa. Die Sauerstoffmaske des Türken ist kaputt. Irmak schnappt sich die Maske seines Sherpas, nimmt drei Sauerstoffflaschen, seine Stirnlampe, Thermoskanne und Energieriegel. Dann geht er los. Allein. Er ist der einzige Bergsteiger, der ab jetzt ohne Sherpa unterwegs ist.
Zur gleichen Zeit legt Schaaf seine Ausrüstung für den Aufstieg an. "Häng dich an jemanden ran, der langsam geht", rät Thelen seinem Freund. Dann stapft Schaaf los, zwei Sherpas tragen für ihn Getränke- und Reserve-Sauerstoffflaschen.
Samstag, 19. Mai 2012:
Morgens um sechs Uhr marschiert Schaaf auf 8600 Metern, er kämpft, er hat seine erste Sauerstoffflasche leergeatmet. Auch Aydin Irmak hat Probleme. Drei Flaschen Sauerstoff sind schwerer, als er dachte. Außerdem steckt er schon wieder in einem Stau. Er bildet das Ende einer langen Lichterkette aus Stirnlampen.
Über 200 Bergsteiger sind unterwegs zum Gipfel.
Irmak starrt auf die Steigeisen seines Vordermanns. Erster Schritt. Zweiter Schritt. Stopp. So geht es stundenlang. Wer noch genug Kraft hat, schimpft. "Warum bewegt ihr euch nicht?", ruft einer. Ein anderer: "Geh doch zur Seite, Motherfucker!"
7.55 Uhr: Schaaf kommt am Hillary Step an. Es ist der schwierigste Teil des Aufstiegs. Immer nur ein Bergsteiger kann hochklettern. Schaaf muss sich an das Ende einer Schlange stellen. Zwei Stunden steht er an, bei minus 30 Grad Celsius. Als er endlich an der Reihe ist, ist Schaaf müde, durchgefroren. Beim Klettern am Hillary Step kommt er zweimal vom Weg ab.
"Doktor, möchten Sie umdrehen?", fragt ihn sein Sherpa. Schaaf schüttelt den Kopf, klettert weiter. Der Gipfel ist nur noch 250 Meter entfernt.
Um 11.05 Uhr steht er auf dem Mount Everest. Schaaf wirkt schwer angeschlagen, nimmt seine Sauerstoffmaske ab, obwohl ihm die Sherpas davon dringend abgeraten haben, er führt Selbstgespräche.
Nach ein paar Minuten kommt Gia Tortladze auf dem Gipfel an. Tortladze, 52, ist der Vorsitzende der demokratischen Partei Georgiens. Er lässt sich von Begleitern fotografieren, in den Händen hält er ein Banner: "Georgia without occupants". Der Politiker protestiert auf dem Everest gegen die russische Besatzung in seiner Heimat. In ein paar Monaten ist in Georgien die nächste Parlamentswahl.
Tortladze und Schaaf haben sich in den vergangenen Wochen angefreundet. Nach 15 Minuten bricht der Georgier auf, er fragt Schaaf, ob er mitkommen möchte. Der Deutsche schüttelt den Kopf.
"Wie lange möchtest du denn noch bleiben?", fragt Tortladze.
"Noch ein paar Minuten", sagt Schaaf. Er sitzt auf seinem Rucksack, fotografiert und vergisst die Zeit. Die Agenturen empfehlen, nicht länger als 30 Minuten auf dem Gipfel zu bleiben. Schaaf wird sich erst nach knapp einer Stunde auf den Weg machen.
Beim Abstieg bricht am Hillary Step Chaos aus. Bergsteiger, die hochklettern, behindern jene, die absteigen wollen, und umgekehrt. Jemand schreit: "Bitte, bitte, geh aus dem Weg!" Ein Kletterer sitzt am Boden und weint. Langsam geht allen der Sauerstoff aus.
Schaaf muss wieder über zwei Stunden am Hillary Step warten. Als er sich um 14.50 Uhr endlich abgeseilt hat, kann er sich kaum mehr auf den Beinen halten. Seine Sherpas stützen ihn. Wenig später kann Schaaf nichts mehr sehen. Ein Sherpa funkt hinunter ins Basislager: "Doktor - kein Augenlicht."
Sein Freund Paul Thelen sitzt im Lager 4 am Funkgerät und hört alles mit.
Gegen 15 Uhr wirft Schaaf seinen Rucksack weg und kollabiert. Die Sherpas sind machtlos. Sie harren noch Stunden bei Schaaf aus, versuchen, ihn wieder zu Bewusstsein zu bringen. Dann müssen sie ihren Kunden zurücklassen. Es geht jetzt um ihr Leben. Sie müssen aus der Todeszone raus.
Schaaf ist noch in das Fixseil eingehängt, als die Sherpas ihn verlassen.
Als Paul Thelen vom Tod seines Bergkameraden hört, packt er seine Ausrüstung zusammen und steigt ab. Seine Gedanken rasen. Er geht, so schnell er kann. Er hat genug vom Everest.
Im Lager 2 kann Thelen mit dem Satellitentelefon eines Expeditionsteams der indischen Armee mit den Angehörigen von Eberhard Schaaf in Deutschland telefonieren. Schaaf ist wohl an einem Gehirnödem gestorben.
Weiter unten, im Basislager, laufen derweil die Rettungseinsätze an. Immer wieder kommen Funksprüche über Bergsteiger, die in Schwierigkeiten geraten sind. Hubschrauberpilot Simone Moro fliegt zwölfmal hinauf zu Lager 2, um Verunglückte abzuholen. Höher als 7000 Meter kann er mit seiner Maschine nicht fliegen, in der dünnen Luft erzeugt der Rotor nicht genug Auftrieb.
Moro fliegt den entkräfteten Aydin Irmak, der mit Glück überlebte, ins Basislager. Moro fliegt auch die Leichen von Shah-Klorfine und Won Bin aus, sie sind gefroren, passen nur quer in den Hubschrauber, die Füße ragen durch die geöffneten Türen.
Ein paar Wochen nach seiner Everest-Besteigung sitzt Aydin Irmak in einem Café in Istanbul. Es ist warm. Er kommt gerade vom Arzt. Irmak hat sich auf dem Everest die Finger seiner rechten Hand abgefroren, sie sehen aus wie abgebrannte Streichhölzer. Die Fingerkuppen müssen amputiert werden. Wie soll er mit verstümmelten Fingern Fahrräder reparieren?
"Manchmal wünsche ich mir, sie hätten mich einfach dort oben liegen gelassen", sagt Irmak.
Einer seiner Retter, der Israeli Nadav Ben-Jehuda, hat von Schimon Peres die israelische Ehrenmedaille erhalten. Irmak hat ein Everest-Buch geschrieben. 300 Seiten. Nun sucht er einen Verleger.
In einem Restaurant in Köln sitzt Paul Thelen. Er hat am Everest seinen besten Freund verloren. Sie waren Bergkameraden. Sie wollten das Besondere. Sie träumten vom Everest, dem höchsten Gipfel der Welt.
Haben sie sich überschätzt?
"Wir haben häufig über das Risiko gesprochen, aber man denkt immer, dass es die anderen trifft. Wir hielten es für ausgeschlossen, dass einer von uns nicht mehr zurückkommt", sagt Thelen. Er hat Tränen in den Augen.
Die Familie von Eberhard Schaaf hat entschieden, dessen Leiche nicht vom Everest bergen zu lassen. Am 25. Mai ließen zwei Sherpas der Agentur Asian Trekking den gefrorenen Körper an einem Seil über den Kamm des Südostgrats hinabgleiten bis auf einen Felsvorsprung. Schaafs letzte Ruhestätte. Die Männer wollten der Witwe wenigstens den Ehering ihres Mannes mitbringen. Doch er war zu fest am Finger festgefroren.
Bei Dughla, einem Dorf auf dem Weg zum Basislager, stehen Denkmäler und Ehrentafeln für die Bergsteiger, die am Everest ums Leben gekommen sind. Bislang starben auf dem Berg 233 Menschen. Auch die Familie von Schaaf wird einen Gedenkstein aufstellen lassen.
In diesem Jahr gab es wieder einen Rekord am Everest. Die 73-jährige Japanerin schaffte den Aufstieg, sie ist jetzt die älteste Frau, die jemals ganz oben auf dem Dach der Welt stand und heil wieder runterkam.
Das Tourismusministerium in Katmandu erwägt, eine Altersgrenze für Everest-Alpinisten einzuführen. Sie soll bei 80 Jahren liegen. Zertifikate für Rekorde, die nichts mit Klettern zu tun haben, soll es vorerst nicht mehr geben. "Sonst haben wir da oben irgendwann eine Tanzparty", sagt ein Mitarbeiter des Ministeriums.
Die Schweizer Profibergsteigerin Billi Bierling, die seit Jahren eine Everest-Chronik führt, glaubt nicht daran, dass der Rummel aufhört: "Das Desaster im Mai war ein Signal, der Berg braucht dringend eine Pause. Doch die wird er nicht kriegen. Es gibt zu viel Geld am Everest zu verdienen."
Am Wochenende des 19. und 20. Mai starben insgesamt sechs Menschen am Mount Everest, vier auf der Südroute, zwei auf der Nordroute.
Eine Woche später standen wieder 197 Bergsteiger auf dem Gipfel.
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 40/2012
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