01.10.2012

„Sie sind schwach“

Der Künstler Ai Weiwei, 55, über seinen Kampf gegen die Regierung und über den Mann, der Chinas Führung übernehmen wird
SPIEGEL: Gerade hat ein Gericht in Peking einen Einspruch von Ihnen abgewiesen. Sie weigern sich, angebliche Steuerschulden zu bezahlen. Kann es sein, dass Sie bald ins Gefängnis müssen?
Ai: Es kann jeden Augenblick passieren, dass sie vorn am Tor stehen und mich abholen. Es kann aber auch sein, dass sie mich plötzlich ausreisen lassen, einfach, damit ich weg bin und keinen Ärger mehr mache.
SPIEGEL: In Washington werden Sie zur Eröffnung Ihrer großen Werkschau erwartet, in Berlin zum Antritt der Professur, die Ihnen die Akademie der Künste angetragen hat. Chinas Staatsmedien aber berichten mit keiner Zeile über Sie, Ihren Fall und Ihr Ausreiseverbot.
Ai: Merkwürdig, nicht wahr? Kein Wort über mich in den Klatschspalten, kein Wort auf den politischen Seiten - aber in einer einzigen Nacht mehr als 500 Artikel über mich in aller Welt.
SPIEGEL: Fordern Sie die Behörden mit Ihrer Klage nicht geradezu heraus, Sie einzusperren?
Ai: Ich will nicht in die Falle dieser Logik tappen. Natürlich werden sie zunächst gegen mich gewinnen - aber nicht am Ende. Denn sie sind schwach. Ja, sie sind so schüchtern, dass sie sich nicht einmal trauen, öffentlich über meinen Fall zu reden. Ich habe schüchterne Mädchen gesehen, auch schüchterne kleine Jungs - aber haben Sie je eine so schüchterne Regierung gesehen?
SPIEGEL: Immerhin stellt die scheidende Regierung bald den charismatischen ehemaligen Parteiführer Bo Xilai vor Gericht. Was halten Sie von seinem Fall?
Ai: Das ist ein wirklich dramatischer Vorgang, denn er offenbart einen Riss in der Partei. Sein Fall ist wichtig, weil jeder versteht, dass er kein Einzelfall ist. Dass der Linke Bo Xilai vor Gericht muss, ist der Versuch, den Schaden zu begrenzen, mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun. Aber in jedem Fall ist die Zeit des Neo-Maoismus vorüber.
SPIEGEL: In wenigen Wochen übernimmt eine neue Riege die Führung Chinas - die fünfte Generation seit Mao, die Generation der Prinzlinge. Das ist auch Ihre Generation: Xi Jinping, der designierte Parteichef, ist nur vier Jahre älter als Sie.
Ai: Das ist mir neulich auch bewusst geworden. Mir fiel ein Bild in die Hände, auf dem mein Vater, der Dichter Ai Qing, neben dem Vater von Xi Jinping zu sehen ist, dem Politiker Xi Zhongxun. Beide sind ein großes Stück des Weges miteinander gegangen, beide wurden während der Kulturrevolution verfolgt. Vielleicht könnten wir Söhne ja ein paar Erfahrungen miteinander austauschen. Denn ich glaube, die neuen Führer wissen, dass sie etwas Großes in diesem Staat verändern müssen. Es ist unmöglich, dass die Dinge bleiben, wie sie sind.

DER SPIEGEL 40/2012
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