01.10.2012

Hammelauge und Wodka

GLOBAL VILLAGE: Wie der Außenminister des kleinen Luxemburg um einen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kämpft
Luxemburg? Der amerikanische Sicherheitsbeamte zieht die Stirn in Falten, als hörte er von dem Land zum ersten Mal. "Alle aussteigen", sagt er zum Fahrer der silbernen Limousine. Auch der Minister? "Welcher Minister?"
Der Chauffeur deutet auf den Herrn mit dem Schnurrbart und der Föhnfrisur. "Alle", sagt der Beamte. Jean Asselborn, Außenminister und Vizepremier des Großherzogtums, schält sich aus dem Beifahrersitz und sagt: "Die spielen hier alle verrückt."
Es ist Montag vergangener Woche, Auftakt zur jährlichen Generaldebatte der Vereinten Nationen in New York. Irans Präsident Ahmadinedschad ist in der Stadt, auch Obama und Israels Premier Netanjahu haben sich angekündigt, ganze Straßen sind gesperrt, Hotels nur nach Leibesvisitation zu betreten: New York im Ausnahmezustand.
Ein Sprengstoffsuchhund prescht heran, die Männer kriegen die Motorhaube nicht auf, es geht auf 20 Uhr zu. "Sir, wir werden erwartet", ruft Asselborn einem Beamten zu, aber der schaut ihn nicht einmal an.
Dass sie ihn nicht wie einen Minister behandeln, stört Asselborn weniger als die Aussicht, zu spät zu seinem Abendessen zu kommen. Er will vor rund 25 Amtskollegen aus Europa und dem Nahen Osten für sein Land werben, schließlich befindet er sich in der Endphase des Wahlkampfs: Luxemburg kandidiert für einen der nichtständigen Sitze im Uno-Sicherheitsrat, die im Oktober für zwei Jahre neu besetzt werden.
Wenig später steht er auf der Terrasse eines Penthouse mit Blick auf den East River, im Rücken das Hauptquartier der Uno, in der Hand ein Glas Wasser. Das Essen findet im International Peace Institute von Terje Rød-Larsen statt. Der Norweger organisierte in den neunziger Jahren die Geheimgespräche zwischen Israelis und Palästinensern. "Jean ist ein besonderer Mensch", sagt Rød-Larsen, "jeder mag ihn." Das ist ein wenig übertrieben. Als Guido Westerwelle eintrifft, läuft er an Asselborn erst mal vorbei. Und Schwedens Carl Bildt begrüßt ihn mit den Worten: "Ah, das Großimperium Luxemburg!"
Asselborn ist der dienstälteste Außenminister in der Europäischen Union, aber so richtig ernst nehmen viele den 63-Jährigen noch immer nicht. Das liegt auch daran, dass Asselborn selten große Reden hält. Außerdem steht er im Schatten seines Premierministers.
Doch Jean-Claude Juncker ist mit der Euro-Krise so beschäftigt, dass ihm kaum Zeit für Außenpolitik bleibt. Die Bühne, die sich dadurch für Asselborn öffnet, ist nicht groß, aber er nutzt sie. Und er neigt nicht zu diplomatischen Floskeln. Auch an diesem Abend, an dem die meisten über Syrien und die islamistischen Ausschreitungen reden, mahnt er, den Palästina-Konflikt nicht zu vergessen. Während die Kollegen aus Europa über Asselborns Äußerungen den Kopf schütteln, hat ihm seine direkte Art im Rest der Welt Freunde verschafft.
Als Kind wollte er Milchmann werden, sein Vater schuftete im Stahlwerk. Nach der Realschule arbeitete Asselborn im Schichtdienst, abends holte er das Abitur nach, studierte später Jura. Nach 22 Jahren als Bürgermeister der 4500-Seelen-Gemeinde Steinfort wurde er 2004 Außenminister. Der Sicherheitsrat wäre nun die Krönung seiner politischen Laufbahn, seit acht Jahren arbeitet der Sozialdemokrat daran. Die Kandidaturen stehen oft lange im Voraus fest. In der Uno-Zentrale ist bereits eine Bewerbung Syriens für das Jahr 2038 eingegangen.
Wer in das Uno-Gremium einziehen will, muss viele bilaterale Deals schließen. Man verspricht, im Gegenzug die Kandidatur eines anderen Landes zu unterstützen. Manchmal geht es auch um mehr Entwicklungshilfe. Asselborn versucht es mit Argumenten: "Wir sind Gründungsmitglied der Uno, haben aber noch nie im Sicherheitsrat gesessen", sagt er. "Und wir sind nicht durch ein koloniales Erbe belastet. Wenn wir Außenpolitik machen, verfolgen wir keine Hintergedanken."
Asselborn ist rund um den Globus geflogen, er hat afrikanische Konferenzen erduldet und seltsame Einladungen akzeptiert. Einmal wurde ihm das Auge eines Hammels serviert. "Da habe ich nur gedacht, Augen zu und runter", sagt er. Anschließend hat er, der keine harten Drinks mag, einen Wodka bestellt.
Am 18. Oktober wird er wissen, ob sich die Mühe gelohnt hat. Er benötigt mindestens 129 der 193 Mitgliedsländer. Bei der Wahl konkurriert Luxemburg mit Finnland und Australien.
Es ist spät geworden, der Minister steht auf der Terrasse, hinter ihm ragt das Uno-Hochhaus in den Nachthimmel. Und wenn es nicht klappt? Dann habe er sein Land zumindest bekannter machen können, sagt Asselborn.
Dann deutet er in die Tiefe, auf den Platz vor der Uno-Zentrale, wo die berühmte Bronzeskulptur steht: ein Revolver, dessen Lauf zu einem Knoten geschlungen ist. Der Revolver ist zum Symbol der Weltorganisation geworden. Was kaum einer weiß: Es war ein Geschenk des Kleinstaats Luxemburg.
Von Christoph Schult

DER SPIEGEL 40/2012
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