01.10.2012

TIERE Inseln der Pizzlybären

Schmilzt das arktische Eis, finden neue Partner zueinander. Eisbär und Grizzly machen es vor. In Kanada sind Mischlinge aufgetaucht.
Zunächst waren es nur ein weißer und ein brauner Punkt auf dem Eis, welche die zwei Studenten von der University of Alberta im Hubschrauber stutzen ließen: ein Grizzly, der mit einem Eisbären umherzog - und das hier, vor der Victoria-Insel, 500 Kilometer vom kanadischen Festland entfernt, wo die Grizzlys gewöhnlich leben.
Auch der Eisbär schien seltsam: Über seinen Rücken zog sich ein dunkler Streifen, die Schnauze wirkte schmutzig, der Schädel war auffällig massig, und hinter den Schultern erhob sich ein Höcker wie Braunbären ihn üblicherweise haben. Die Pfoten sahen aus, als trüge er Strümpfe.
Die Studenten hatten einen seltenen Mischling entdeckt, der viele Namen trägt. Grolar-Bär, Greisbär, Pizzly oder Nanulak, ein Mix aus den beiden Inuitwörtern für die Eltern: Eisbär (Nanuk) und Grizzly (Aklak).
Zwei Tage später hatten die Biologen nochmals Glück: Am 25. April beobachteten sie ein zweites Tier, wahrscheinlich wieder ein Hybride. Außerdem sichteten sie zwei weitere Grizzlys. Einer der beiden war dermaßen fett, dass sie glauben, er könnte sich von Robben ernähren - ganz wie ein Eisbär.
Immer mal wieder verirren sich Braunbären in den hohen Norden. Dass sie dort bleiben, ist ungewöhnlich, noch seltsamer aber, dass sie mit Polarbären für Nachwuchs sorgen.
Zwar waren Mischlinge aus Zoos bekannt; über ihr Vorkommen in der Wildnis aber wurde lange nur spekuliert. Nicht, dass Eis- und Braunbär sich nie begegnen würden; doch reagieren sie meist aggressiv aufeinander.
2006 schoss dann ein Amerikaner auf Nelson Head einen Eisbären, der seltsam aussah und der seit einer DNA-Analyse als erster Pizzly in freier Wildbahn gilt. 2010 folgte auf Victoria Island der zweite Abschuss. Diesmal war die Sensation noch größer: Die Mutter war bereits ein Hybridbär gewesen, die Jägerbeute folglich ein Pizzly der zweiten Generation.
Eis- und Braunbär gelten als zwei Arten, dürften also eigentlich keinen fruchtbaren Nachwuchs zeugen. Doch erst vor 600 000 Jahren ist der Eisbär vom Stammbaum des Braunbären abgezweigt. Der Eisbär ist also, wenn man so will, ein weißer Braunbär.
Fünf gemeinsame Nachkommen wurden bislang gemeldet. Alle lebten auf dem Archipel um die Victoria-Insel. Dort habe sich eine kleine Gruppe Grizzlys niedergelassen, sagt Andrew Derocher, der Professor der beiden Studenten. Wahrscheinlich folgten die Bären im Winter, als das Meer zugefroren war, ein paar Rentieren. Als die Eisbrücke im Sommer schmolz, blieben sie. Es gibt dort alles, was sie brauchen, und die Sommer werden länger.
Klimawandel und Umweltzerstörung, erwarten Forscher, werden künftig zu mehr Mischlingen führen. Das Schmelzen der Schollen zwingt die Eisbären öfter an Land; Straßen- und Bergbau in Kanadas Süden treiben die Grizzlys gen Norden.
Drastisch wie nie zuvor ist in diesem Sommer das arktische Meereis abgeschmolzen. Biologen fürchten, dass das die Hybridbildung befördere. 2010 zählte ein Essay im Fachmagazin "Nature" 34 Arten auf, die dafür in Frage kämen. Populationen, die bislang von Eismassen getrennt lebten, könnten sich vermischen: Belugas mit Narwalen, Lagharobben mit Seehunden, Grönlandwale mit Pazifischen Nordkapern. "Hybridisierungen werden die polare Artenvielfalt gefährden", schrieben die Autoren.
Doch warum sollte es unnatürlich sein, wenn Eis- und Braunbär sich paaren, nur weil der eine weiß ist und der andere braun? Zumal Tiere schon mal ihre Partner verwechseln; so wurde vor Island ein Finn-Blauwal-Hybride gefangen, der trächtig war von einem Blauwal. Beunruhigend sei die Häufigkeit, mit der es inzwischen passiere, argumentieren die Wissenschaftler.
Es ist wie bei zwei Gruppen, die lange Zeit für sich allein in benachbarten Zimmern leben. Plötzlich kommt der Mensch und stößt die Tür zwischen ihnen auf.
Am Ende bleibt womöglich nur die Mischform übrig. Das geschieht derzeit in Amerika zwischen Kojoten und Wölfen sowie zwei Arten von Gleithörnchen.
Sind die Nachkommen unfruchtbar, verschwenden die Tiere zudem unnötig Energie für die Aufzucht, ohne dass sie ihre Gene weitergeben. Beim Pazifischen Nordkaper etwa, von dem nur noch 200 Exemplare existieren, wäre das fatal.
Zwar gilt auch in der Evolution: Nicht jeder Irrtum muss ein Fehler sein. Allerdings sind Hybriden ihren Eltern meist unterlegen, weil sie schlechter angepasst sind. Dafür spricht der Fall zweier Mischlinge, die 2004 im Zoo Osnabrück zur Welt kamen. Ihr Fell war karamellfarben, und in vielem waren sie eine Mischung aus Vater und Mutter. So machen sie Bewegungen wie Eisbären, wenn sie Robben fangen. Doch schwimmen die Hybriden weniger gut, der Hals ist verkürzt, und ihre langen Krallen sind fürs Eis schlecht geeignet.
Der Kanadier Derocher glaubt nicht daran, dass die Pizzlys eine Gefahr für die Eisbären darstellen. Dafür kämen sie zu selten vor. Außerdem, sagt er, unterlägen sie einem ganz speziellen Druck: Hybriden stehen nicht unter Schutz, weil sie nicht als Eisbären gelten. Für die Jäger jedoch sind sie gerade wegen ihrer Seltenheit eine besonders begehrte Trophäe.
Von Höflinger, Laura

DER SPIEGEL 40/2012
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