01.10.2012

KINOEin Mann wie eine Black Box

1962 begann die Karriere von James Bond, dem männlichsten aller Kinohelden. Die Jahrzehnte haben ihre Spuren hinterlassen: Im neuesten Film leidet er sogar an den Folgen eines Traumas. Früher wäre das nicht passiert.
James Bond war tot. Nach seiner Leiche wurde noch gesucht, aber es gab keine Hoffnung mehr, ihn noch lebend zu finden. Er diente seinem Land "mit außergewöhnlichem Mut, wenn auch manchmal in tollkühner Weise", stand in seinem Nachruf. Am Ende hieß es: "Ich werde meine Tage nicht damit vergeuden, sie zu verlängern."
Es war das Jahr 1964, als der Autor Ian Fleming seinen Helden für tot erklärte. Er hatte zehn Romane über den Agenten im Geheimdienst Ihrer Majestät geschrieben, er war durch 007 reich und berühmt geworden, doch nun war er Bond leid. Fleming gingen die Schauplätze aus, an die er Bond noch reisen lassen konnte, und die Bösewichter, die er hätte bekämpfen müssen.
Deshalb ließ der Autor seinen Helden in dem Roman "Du lebst nur zweimal" in einen Selbstmordgarten geraten, ein Labyrinth des Leids, in dem Menschen so lange gequält werden, bis sie sich das Leben nehmen, um sich weitere Pein zu ersparen. Bond hatte schon so viele Gegner besiegt, wenn ihn jemand töten konnte, dann nur er sich selbst. So sollte es sein.
Aber 007 war längst mächtiger als sein Erfinder, schon damals ein weltweites Idol, und seine Fans wollten mehr von ihm, viel mehr. Bond überlebte als Filmfigur, Fleming aber starb fünf Monate nach der Veröffentlichung des Buchs. "Bond war einfach stärker als sein Schöpfer", sagt Daniel Craig, der Bond seit sechs Jahren auf der Leinwand verkörpert.
Craig versinkt in den Polstern eines Sessels im Londoner Hotel Claridge's, er trägt ein offenes weißes Hemd, die Ärmel hat er hochgekrempelt. Er versucht, so wenig wie möglich wie Bond zu wirken. "Es war ein Kampf zwischen den beiden", sagt Craig, "und Bond hat gewonnen. Wer soll ihn jetzt noch töten?" Er grinst.
Am 23. Oktober feiert Craigs neues Bond-Abenteuer "Skyfall" in London Premiere, etwa 50 Jahre zuvor, am 5. Oktober 1962, war die erste Adaption von Flemings Romanen ins Kino gekommen, "James Bond - 007 jagt Dr. No". 24 Filme sind seither entstanden und haben rund fünf Milliarden Dollar eingespielt.
Seinen größten Auftritt als 007 hatte Craig vor gut zwei Monaten, es war der Höhepunkt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London. In einem Kurzfilm war zu sehen, wie er Elizabeth II. aus dem Buckingham Palace abholte und mit einem Queen-Double schließlich über dem Stadion per Fallschirm absprang. Geschätzte vier Milliarden Fernsehzuschauer fragten sich: Wer von den beiden ist eigentlich die größere Legende?
Tatsächlich kamen die Königin und 007 beinahe zur selben Zeit ins Amt. Als Queen Elizabeth II. im Juni 1953 in der Westminster Abbey gekrönt wurde, war der erste Bond-Roman gerade sieben Wochen auf dem Markt. In den Filmen hängt manchmal ein Porträt von Her Majesty an der Wand, mit dem Blick der strengen Monarchin scheint sie darüber zu wachen, was 007 in ihrem Dienst so alles treibt.
Sechs Darsteller haben Bond inzwischen gespielt, auf den Schotten Sean Connery und den Australier George Lazenby folgte der Engländer Roger Moore. Danach kamen der Waliser Timothy Dalton und der Ire Pierce Brosnan. Nun verkörpert wieder ein Engländer, Craig, den Superagenten.
In den fünf Jahrzehnten wurde 007 oft kopiert und parodiert, einige seiner berühmtesten Epigonen hießen Jimmy Bondi, Harry Palmer, Austin Powers oder Johnny English. Kinoserien wie "Mission Impossible" mit Tom Cruise beruhen auf dem Bond-Konzept. Die Konkurrenten sind fast alle auf der Strecke geblieben, Bond ist immer noch da.
Fleming hatte seinen Helden in den fünfziger Jahren zu einem Kalten Krieger stilisiert, der gegen die Sowjets und ihre Helfershelfer kämpfte. Der Kalte Krieg ist lange vorbei, doch 007 kämpft weiter, mit unverminderter Kraft und gleichbleibendem Erfolg gegen das Böse, das heute überall und nirgends lauert.
Bond ist ein Monument der Popkultur geworden, nach dem lange schon Uhren, Autos und sogar Pfeifen benannt werden. 007 sei ein "Brennpunkt so vieler Tagträume", schrieb der Schriftsteller Kingsley Amis bereits Mitte der sechziger Jahre. Ein einfacher Angestellter sei nur eine Nummer, doch James Bond ermutige uns, uns "aus der Masse auszuklammern".
Andere Helden der Popkultur wie Superman führen neben ihrem tristen Angestelltendasein eine aufregende Doppelexistenz. Für 007 dagegen ist der Arbeitsalltag das Abenteuer, er ist ein Spesenritter mit Millionenbudget. Als Umberto Eco das Innenleben von 007 erkunden wollte, kam er allerdings kaum über die Schädeldecke hinaus. Da sei so wenig Psyche, befand er, dass Bond höchstens als "Objekt für Physiologen" tauge. James Bond ist ein großes Rätsel, eine Black Box mit der Lizenz zum Töten.
Wo kommt er her, wer waren seine Eltern? Wie war seine Kindheit? Wer war seine erste Freundin? Was waren seine Hobbys? Wovon träumte er? Man kann sich alle Bond-Filme hintereinander ansehen und sie genießen, ohne sich auch nur eine dieser Fragen zu stellen. 007 ist ein Mann fast ohne Vergangenheit, und vielleicht hat er genau deshalb die Zukunft auf seiner Seite.
Als Fleming Anfang der fünfziger Jahre den ersten Bond-Roman schrieb, suchte er nach einem Allerweltsnamen für seinen Helden. Er fand ihn bei einem amerikanischen Ornithologen, der 1936 das Buch "Birds of the West Indies" veröffentlicht hatte: James Bond. James Bond, das spricht sich gut, klingt einen Tick weniger banal als etwa John Smith.
Fleming war im Zweiten Weltkrieg beim britischen Marine-Geheimdienst gewesen. Er hatte eine Spezialeinheit der Royal Marines geleitet, die sich "Fleming's Red Indians" nannte und unter anderem die "Operation Goldeneye" geplant hatte, die an der Straße von Gibraltar deutsche Horch- und Beobachtungsposten zerstören sollte. Gegen Kriegsende arbeitete Fleming an einem Plan, Martin Bormann zu entführen, Reichsminister und Privatsekretär Hitlers.
In seinen Büchern führte Fleming den Kampf weiter, er wollte zeigen, dass die letzte Schlacht noch nicht geschlagen war. Denn der in London geborene Fleming, der aus einer Bankiersfamilie stammte und in Eton, München und Genf studiert hatte, fürchtete, dass der Sieg über die Nazis in einer Niederlage für Großbritannien enden könnte, weil der Krieg das Königreich finanziell ausgezehrt hatte. Das britische Empire schrumpfte.
Fleming erfand einen Helden, der die Briten darüber hinwegtrösten sollte. James Bonds Mission war es, noch einmal zu zeigen, dass es ohne Großbritannien nicht geht in der Welt, dass immer wieder ein Mann aus London losgeschickt werden musste, um die Menschheit vor ihrem Untergang zu bewahren. Auch wenn das britische Selbstmitleid manchmal in skurrile Überheblichkeit umschlägt. Den Franzosen will 007 vorschreiben, welchen Champagner sie zu trinken haben, den Japanern, bei welcher Temperatur der Sake am besten schmeckt.
Auf den ersten Bond-Roman "Casino Royale" ließ Fleming ab 1954 jedes Jahr ein weiteres Buch folgen. Im Juni 1961 erwarb der Produzent Harry Saltzman die Filmrechte und gründete mit Albert R. Broccoli die Firma Eon. "Sie ließen damals den Nachkriegsmuff in Technicolor-Farben explodieren", sagt Broccolis Tochter Barbara, 52, die aufgewachsen ist auf den Sets der Bond-Filme.
Seit Mitte der neunziger Jahre produziert sie die Serie, zusammen mit ihrem Stiefbruder Michael G. Wilson, 70. Die beiden wachen über 007 wie über ihren Familienbesitz. Sie mussten Albert R. Broccoli versprechen, Bond niemals in die falschen Hände zu geben. Selbst Regisseuren wie Steven Spielberg und Quentin Tarantino mochten Broccoli und Wilson ihren Helden nicht anvertrauen.
Ihr Vater und Saltzman wählten für Bonds Kinodebüt einen Roman aus, den Fleming 1958 veröffentlicht hatte und der mit der Angst vor der Atomkraft spielt. In "Dr. No" will der Bösewicht, ein fanatischer Wissenschaftler, einen Raketenstart in Cape Canaveral verhindern, indem er auf Jamaika eine Strahlenwaffe konstruiert. Als die Vorbereitungen des Films begannen, war dieses Schreckensszenario noch Science-Fiction. Doch als der Film ins Kino kam, im Oktober 1962, wurden gut 150 Kilometer von der Küste Floridas entfernt, auf Kuba, sowjetische Atomraketen installiert.
Als Hauptdarsteller wollten Broccoli und Saltzman einen britischen Star, Cary Grant, David Niven oder James Mason waren im Gespräch. Doch die Produzenten entschieden sich für einen unbekannten Schotten: Sean Connery.
Fleming war empört. Ein Kerl aus Edinburgh, der als Sargpolierer gearbeitet hatte und Bodybuilder war, auf dessen Arme "Scotland Forever" und "Mum and Dad" tätowiert waren, sollte das Beste verkörpern, was Großbritannien zu bieten hat?
"Sean war ein Junge von der Straße", erinnert sich Ken Adam, 91, der bei "Dr. No" Ausstatter war und das visuelle Design der Serie prägte. "Wir hatten Schwierigkeiten, ihn zu verstehen, so stark war sein Dialekt." Der Regisseur des Films, Terence Young, habe den damals 31-jährigen Connery unter seine Fittiche genommen.
"Young nahm Sean mit zu seinem Schneider", erzählt Adam. "Auch Manieren brachte er ihm bei. Er modellierte Sean wie Mr. Higgins seine Eliza Doolittle. Young hielt sich selbst für eine Art James Bond. Er legte viel Wert auf Stil, ein schrecklicher Snob. Es war ziemlich viel Arbeit, aus Sean einen Gentleman zu machen. Aber er lernte schnell."
Connery verlieh 007 die Energie und das Selbstbewusstsein eines Selfmademan, der den Luxus und den Glamour umso mehr genießen konnte, als er ihn sich hart erarbeitet hatte, und der seine Augenbrauen nur um Millimeter nach oben ziehen musste, um seine Verachtung zu zeigen für die Söhne reicher Eltern, denen alles in den Schoß gefallen war.
"Dr. No", für ein Budget von einer Million Dollar gedreht, spielte fast 60 Millionen Dollar ein. Bond wurde ein Popphänomen, rund um den Globus verfielen die Zuschauer der besonderen Erotik von 007, der einer Frau kaltlächelnd die Waffe an den Kopf hielt, nachdem er mit ihr geschlafen hatte. Kinohelden taten so etwas bis dato nicht. Von nun an bestimmte Bond, was Helden tun.
Es ist erstaunlich, wie schnell der Nationalist Bond, der auf alles jenseits von Großbritannien hinabschaut, zu einem weltweit geliebten Kinohelden werden konnte. Vermutlich hat das damit zu tun, dass die Leute, die ihn auf die Leinwand brachten, Grenzgänger waren. Die Produzenten Saltzman und Broccoli waren Franko-Kanadier beziehungsweise Italo-Amerikaner, Regie führte der in Shanghai geborene Brite Young, und für die Ausstattung war der in London lebende Berliner Exilant Ken Adam zuständig. Sie suchten und fanden in Bond einen Helden, der sehr schnell Wurzeln schlägt. "Bond fühlt sich überall zu Hause", sagt Daniel Craig. "Heimaterde ist für ihn das, worauf er tritt. Er passt sich an, nichts ist ihm so fremd wie Fremdheit."
So wurde James Bond der erste Weltbürger des Kinos. Als es für die meisten Deutschen noch das größte Abenteuer ihres Lebens war, die Alpen zu überqueren, jettete er schon um die Welt. Istanbul, Venedig, Tokio - fast nie sieht man 007 in den Filmen im Flugzeug sitzen: James Bond ist immer schon da.
Die Filme wurden von Männern geprägt, die im Zweiten Weltkrieg für die Freiheit gekämpft hatten und sie nun in ihren Filmen feierten, als eine so großartige wie fragile Errungenschaft. Young hatte an der Schlacht um Arnheim teilgenommen, Saltzman in der kanadischen Armee in Frankreich gedient, Adam war Jagdflieger in der Royal Air Force gewesen.
"Die Flugerfahrung half mir bei den Bond-Filmen sehr", erinnert sich Adam, der 1934 mit seinen Eltern nach England emigriert war. "Die Schauplätze suchten wir oft mit Hubschraubern und Flugzeugen. Mein Auge war darauf trainiert, aus der Luft Ziele zu finden. In Südamerika entdeckte ich mal ein Indianerdorf, das spannend aussah. Wir landeten und stellten fest: Die Indianer hatten Blasrohre. Die hatten wir von oben nicht gesehen."
Adam war es auch, der 007 in einem heftig getunten Aston Martin über die Straßen rasen ließ, das erste Mal in "Goldfinger", er hatte den Wagen mit Maschinengewehren und Schleudersitz ausgestattet. Es war Kriegsgerät für den Alltag. "Wenn ich morgens in London in meinen Jaguar steigen wollte, fand ich ihn oft beschädigt vor. So baute ich ein Auto, das sich wehren kann."
Bond wurde ein Held, der auch in Friedenszeiten ständig unter Adrenalin steht, der alle Vorzüge der Zivilgesellschaft auskostet und doch stets kampfbereit ist. "Wenn Bond keinen Auftrag hat und auf seinen nächsten Einsatz wartet", sagt Barbara Broccoli, "kommt er auf den Hund."
Blickte Fleming in seinen Büchern wehmütig zurück auf das, was gewesen war, so sahen die Filme nach vorn und zeigten den Zuschauern, was alles möglich ist in der modernen Welt. Die Serie ist filmgewordener Fortschrittsglaube. 1965, im vierten Bond-Film "Feuerball", hebt 007 mit einem Jetpack, einem düsenbetriebenen Rucksack, vom Boden der Tatsachen ab. Ja, Menschen können fliegen. "Man brauchte eine sehr präzise Uhr", sagt Adam, "denn nach drei Minuten war der Treibstoff alle, und der Jetpack plumpste wie ein Stein vom Himmel."
Knapp 20 Jahre später hatte das ausgereifte Modell in der Wirklichkeit einen großen Auftritt: Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1984 landete ein Mann mit einem Jetpack im Stadion von Los Angeles. 007 war zu diesem Zeitpunkt schon mit einem Spaceshuttle im All gewesen.
Die Filme entführen ihre Zuschauer auch an die unerreichbaren, sagenumwobenen Orte der Moderne. "Dr. No" etwa zeigte einen Atomreaktor von innen. Ken Adam traf sich mit mehreren Kraftwerksingenieuren und entwarf den Reaktor nach ihren Beschreibungen. Für "Goldfinger" baute er Fort Knox nach, den berühmtesten Tresor der Welt.
"Ich wollte eine Kathedrale des Goldes", erzählt er. "Ich wusste, dass man Barren wegen ihres Gewichts nicht allzu hoch stapeln kann. Doch unsere Barren waren leicht, ich ließ sie meterhoch auftürmen. Völlig unrealistisch! Dennoch bekamen wir über 200 Briefe von Zuschauern, die wissen wollten, wie ein britischer Regisseur in Fort Knox drehen konnte. Schließlich komme nicht mal der amerikanische Präsident dort hinein."
Immer wieder erhält Adam Anrufe von Architekten, die sich bei ihm bedanken. Norman Foster etwa empfand den U-Bahnhof an der Londoner Canary Wharf, der 1999 eingeweiht wurde, detailgenau den Dekors nach, die Adam 1977 für das Innere des Ozeantankers in "Der Spion, der mich liebte" gebaut hatte. Adams Visionen wurden in die Wirklichkeit verlängert, nun stehen sie dort, in Stahl und Beton, jeden Tag wandeln Tausende Londoner auf den Spuren von James Bond.
Der Nachfolgefilm von "Dr. No", "Liebesgrüße aus Moskau", spielte bereits 80 Millionen Dollar ein, "Goldfinger" über 100 Millionen. Dann brach "Feuerball" Rekorde. Er kam im Dezember 1965 ins Kino, brachte 15-mal mehr ein, als er gekostet hatte, und wurde einer der erfolgreichsten Filme des Jahrzehnts.
Eine ganze Industrie lief Mitte der sechziger Jahre an, Bond-Bierdeckel wurden gepresst, Bond-Hemden geschneidert und Bond-Herrendüfte kreiert. Saltzman und Broccoli hatten eigens für die Serie eine Vermarktungsfirma gegründet. Sie waren die ersten Filmproduzenten, die erkannten, welch riesiges Merchandising-Potential ein Serienheld birgt.
Bond wurde der Superheld der Konsumgesellschaft. Von seinem Ausrüster Q bekam er immer die Prototypen neuer Produktlinien und wurde so zum prominentesten Warentester des Kapitalismus. Er probierte die schnellsten Autos und die schicksten Uhren aus, und er durfte mit ihnen machen, was er wollte.
Bond hat den heutigen Produkt- und Markenfetischismus, der Millionen Menschen dazu bringt, die öffentliche Präsentation des neuen iPhones herbeizusehnen wie Sektenmitglieder die Ankunft ihres Erlösers, befördert und zugleich von Beginn an unterlaufen. Bond greift sich die neuesten Spielzeuge und spielt so lange mit ihnen herum, bis er sie in ihre Einzelteile zerlegt hat.
"Bond behütet nichts, was man ihm gibt", sagt Barbara Broccoli. "Er benutzt es. Er treibt jedes Ding bis an die Grenze, und wenn es seinen Zweck erfüllt hat, wirft er es weg." Bond schien von nichts abhängig zu sein, nicht mal von seiner geliebten Beretta. Das machte ihn sexy.
Doch Mitte der sechziger Jahre wurde Sean Connery der Hype um seine Person und um 007 zu viel. "Als wir 1966 in Japan ,Man lebt nur zweimal' drehten, saßen jeden Abend junge Japanerinnen mit ihren Nachtköfferchen in der Lobby", erzählt Karin Dor, 74, die in dem Film das erste deutsche Bond-Girl spielte. "Die hofften, Sean würde sie nacheinander auf sein Zimmer rufen. Das stank ihm mächtig."
Dass ein Schauspieler von so vielen Menschen gänzlich mit einer Rolle identifiziert wurde, war neu in der Filmgeschichte. Aber es war kein Zufall, sondern Strategie. "Sean Connery IST James Bond" stand auf Plakaten, Aushangfotos und in Zeitungsanzeigen. Saltzman und Broccoli wussten, dass die Serie nicht zuletzt deshalb so populär war, weil Connery ein neues Männerbild verkörperte.
Im amerikanischen wie im britischen Kino der vierziger und fünfziger Jahre waren die Helden noch vom Krieg gezeichnet. Oft rangen sie auch mit sich selbst und ihren Vätern, die zu viel von ihnen zu verlangen schienen. Sie waren traumatisiert und neurotisch. Sie waren nicht mal mehr Herr im eigenen Kopf und deshalb mit der Aufgabe, entschlossen zu handeln, heillos überfordert.
In dieser Zeit wirkte Connery wie ein Bollwerk gegen die zerstörerischen Kräfte der Psychoanalyse, die den Mann zum Mängelwesen erklärte und zum komplexbeladenen, therapiebedürftigen Tropf kleinredete. Auch Bond musste mal ins Sanatorium, weil er ausgebrannt war, am Anfang von "Feuerball" etwa. Aber er legte sich nicht auf die Couch, sondern auf die Streckbank. Nicht die Seele, nur sein Körper brauchte Behandlung.
Connery spielte Bond als den Mann, der mit sich selbst völlig im Einklang ist. Sein Über-Ich maßregelt ihn nicht, sondern verlangt ständig Triebbefriedigung. Mal trinkt er einen Martini, mal zieht er eine Frau ins Bett, mal schießt er jemanden über den Haufen. Der Verstand funktioniert dabei rein zweckrational, für Selbstzweifel und moralische Überlegungen ist er nicht gemacht.
"Männer wollen sein wie Bond, Frauen wollen einen Mann wie ihn haben", soll Raymond Chandler geschrieben haben. Doch Sean Connery wollte mehr sein als eine Projektionsfläche für eine verunsicherte Generation, die damit klarkommen musste, dass sich die bisherigen Geschlechterrollen auflösten.
Als er in Japan zu einer Pressekonferenz gehen sollte, kam er ohne Toupet aus seinem Hotelzimmer, erinnert sich Karin Dor. In letzter Sekunde habe Saltzman ihn davon abgehalten, so vor die Journalisten zu treten. Die Öffentlichkeit sollte nicht erfahren, dass der Mann, der die begehrtesten Brusthaare der Welt hatte, eine Glatze bekam.
Aber wirkte Connerys Bond, diese Verkörperung der Virilität und des ewigen Kriegers, nicht Ende der sechziger Jahre ohnehin wie ein Relikt? Moderne Männer ließen sich mittlerweile die Haare bis auf die Schultern wachsen, nahmen Drogen und sangen Friedenslieder. Es galt als heroisch, sich dem bewaffneten Kampf zu verweigern.
Die Bond-Produzenten suchten sich einen neuen Hauptdarsteller, den Australier George Lazenby, sie zogen ihm sogar einen Rock an, einen Schottenrock. In dem Film "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" (1969) umgaben sie 007 mit Frauen, die sich nahmen, was sie wollten, vor allem Bond.
Die Produzenten modifizierten ihren Helden, bevor er überholt wirkte. Der moderne Bond musste vor allem entspannt sein: privat, weil die Menschen inzwischen nichts mehr ausließen, was Spaß machte, politisch, weil sich die beiden Supermächte einander annäherten.
Nachdem der Bond-Film "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" an der Kinokasse enttäuscht hatte, überredeten die Produzenten Connery noch einmal, 007 zu spielen, für die Rekordgage von 1,4 Millionen Dollar. Doch nach Connerys Bond-Comeback "Diamantenfieber" (1971) begann die Ära von Roger Moore, die bis Mitte der achtziger Jahre andauerte.
Der neue Bond, der Moore-Bond, war ein Mann, der mit einem Drachenflieger über einer Karibikinsel schwebte und dabei Zigarre rauchte, ein unbekümmerter Hedonist. Seine Bösewichter wurden kleiner. Bond kämpfte gegen Drogenbosse oder Profi-Killer und schloss Frieden mit seinen alten Feinden. Schon Mitte der siebziger Jahre wurde der erste Bond-Film in Moskau gezeigt, vor hochrangigen Polit-Funktionären.
"Die staatliche Filmproduktionsgesellschaft Mosfilm wollte mit Broccoli einen Film in Russland drehen, keinen Bond natürlich", erzählt Moore. "Der US-Botschafter organisierte zur Anbahnung eine Vorführung von ,Der Mann mit dem goldenen Colt'. Das war heikel, denn im Film wird behauptet, der Bösewicht Scaramanga sei vom KGB ausgebildet worden. Als ich Scaramanga am Ende des Films erschieße, dreht sich einer der Funktionäre zu Broccoli um und sagt: ,Da haben wir keinen guten Job gemacht.'"
Im nächsten Bond-Film "Der Spion, der mich liebte" arbeitete Bond erstmals mit dem KGB zusammen. "Die Filme wurden dem politischen Klima angepasst", sagt Moore, der gerade das Buch "Bond über Bond" veröffentlicht hat. 007 bereitete sich rechtzeitig auf eine Welt vor, in der die Bedrohungslage ziemlich unübersichtlich war.
Der Bond der späten achtziger und neunziger Jahre, erst von Timothy Dalton und dann von Pierce Brosnan gespielt, musste immer öfter gegen das System ankämpfen, zu dessen Verteidigung er ursprünglich angetreten war. Er musste sich mit Turbokapitalisten herumschlagen, mit Waffenhändlern, Medienmogulen oder Ölmagnaten, die alles taten, um ihren Profit zu maximieren.
Aus dem Heeresführer Bond, der gern mal eine ganze Armee in die Materialschlacht führte, wurde ein Einzelkämpfer, ein Hightech-Guerillero, jederzeit und allerorts einsetzbar, ein Schläfer, der 24 Stunden am Tag wach war. Bond wirkte wie jemand, der jede Art von Terrorismus kennt und weiß, wie er ihn bekämpfen muss. Dann kam 9/11.
"Der Terror war keine Phantasie mehr, sondern real", sagt Barbara Broccoli. "Und in der Welt der Spionage hat sich gezeigt, dass menschliche Intelligenz das Entscheidende ist. Dem muss der Agentenfilm Rechnung tragen." Broccoli und Wilson starteten die Serie neu, 2006 mit Daniel Craig. Sie nahmen sich Flemings ersten Roman "Casino Royale" zur Vorlage und erzählten von Bonds Anfängen.
Es war eine komplette Neuerfindung der Figur, Bond bekam psychologische Tiefe, er durfte Schmerzen empfinden und sich verlieben, er wirkte ernst, fast verbissen. In Craigs zweitem Bond-Film "Ein Quantum Trost" (2008) war 007 nur noch in eigener Sache unterwegs. Er wollte sich rächen, weil man ihm die Frau seines Lebens genommen hatte.
"Bond ist ein Ritter, der den Schwur geleistet hat, die Mächte des Bösen zu bekämpfen", sagt Broccoli. "Er hat eine Bestimmung, und der muss er folgen. Wie ein Krieger, der gerade den Frieden erkämpft hat, zieht er sofort weiter in die nächste Schlacht. Er führt kein allzu glückliches Leben." Redet sie wirklich von 007? Doch, doch, sie meint das ernst.
Broccoli und Wilson haben mit Bond so viel Zeit verbracht, dass sie über ihn reden wie über ihr Adoptivkind. "Bond wurde früh Waise, weil seine Eltern bei einem Unfall starben", erzählt Wilson. "Er flog oft von der Schule, musste sich immer wieder neu eingewöhnen. Sein Innenleben ist sehr vielschichtig. Wir wollen ihn dreidimensional machen."
Craig glaubt, Bond werde "von Dämonen" verfolgt. Aber er schaffe es, sie von sich fernzuhalten. "Würde er sie an sich heranlassen, könnte er nicht mehr funktionieren. Ich will zeigen, wie Bond diesen inneren Kampf führt, wie Risse entstehen in seinem Panzer. Gäbe es diese Risse nicht, würde ich ihn nicht spielen."
Aber ist James Bond nicht gerade deshalb ein so populärer Held, weil er nie mit psychischen Problemen kämpfen muss und seine familiären Wurzeln schon lange gekappt hat? Weil er kein Zuhause hat, an dem er hängt, keine Familie, die ihn bindet, keine Skrupel, die ihn lähmen? Weil er kein Mensch ist?
Im neuen Film "Skyfall" stürzt Bond gleich zu Beginn aus großer Höhe ins Wasser und droht zu ertrinken. Die Erfahrung, dem Tode so nahegekommen zu sein, verfolgt ihn. Er hat ein Trauma. Im Alter von 50 ist Bond unter uns Sterblichen angekommen.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 40/2012
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