01.10.2012

POLEMIKWird man doch noch sagen können

Heinz Buschkowskys Buch über Neukölln ist rassistisch - auch wenn er das gar nicht will. Von Naika Foroutan
Foroutan, 40, ist Sozialwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität in Berlin.
Seltsam, wie zurückhaltend sich die Kritiker zu Buschkowsky äußern. Verständnis allerorten. Es ist, als ob die Rezensenten nach Sarrazin nun ihre zweite Chance erhalten hätten, um ihren Widerwillen loszuwerden gegen eine fremde Welt, mit der sie nichts verbindet. Sarrazins Buch war schnell ein No-Go geworden, aber Buschkowsky kommt liebevoller daher, nicht so kalt und analytisch. So singen sie die alte Melodie: Wird man doch noch sagen können.
Es sind übrigens jene, die immer wieder nur von "Pannen" sprechen, wenn es eigentlich darum gehen müsste, den rassistischen Sumpf zu beschreiben, in dem unsere Sicherheitsapparate versinken. Als es um die Aufklärung der NSU-Morde ging, war es das amerikanische FBI, das in einem nur sechsseitigen Profiling im Juni 2007 der Wahrheit schon ziemlich nahekam: Die Täter handelten so, weil sie keine Türken mögen. Wenige Monate zuvor hatten Analytiker des LKA Baden-Württemberg 100 Seiten gebraucht, um zu erkennen: "Vor dem Hintergrund, dass die Tötung von Menschen in unserem Kulturraum mit einem hohen Tabu belegt ist, ist abzuleiten, dass der Täter hinsichtlich seines Verhaltenssystems weit außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems verortet ist."
Deutsche töten nicht, steht da. Weil Töten tabu ist im deutschen Kulturraum.
Buschkowsky beschreibt diesen deutschen Kulturraum als "Wertegefüge unserer Gesellschaft - umschrieben mit Begriffen wie Disziplin, Fleiß, Ordnung, Rücksichtnahme, Toleranz und Respekt vor anderen". Respekt vor anderen! Man kann nicht glauben, dass das dort steht. Es ist, als ob wir nicht die gleiche Sprache sprächen, nicht die gleichen Menschen sähen, nicht das gleiche Land.
In der Fallanalyse aus Baden-Württemberg steht auch, dass die Tat auf einen prägenden Ehrenkodex zurückzuführen sei. Ehrenkodex, das ist ein Begriff, den auch Buschkowsky benutzt: "Wenn man jungen Männern von klein auf immer wieder beibringt, dass sie selbstbewusst auftreten sollen, kampfesmutig und stark zu sein haben und dass die wichtigste Körperregion ihr Unterleib ist, dann muss man sich nicht darüber wundern, wenn sie ein entsprechendes Paschaverhalten an den Tag legen. Diese Gewalt legitimierende Machokultur begünstigt natürlich das Absenken der Skrupel, Gewalt gegen andere Menschen auszuüben." Natürlich. Aber welche Gewalt legitimierende Kultur führt eigentlich dazu, dass es im Jahr 2011 in diesem Land 12 444 erfasste Fälle von Kindesmissbrauch gab? Die Antwort könnte sein: Dieses Land, in dem jeder zweite Krimi, den man abends anschaltet, Kindesmord, -misshandlung oder -verwahrlosung als Thema hat, ist kulturell traumatisiert seit dem Holocaust und den Weltkriegen, in denen es massenweise seine Kinder opferte. Und genau diese Traumakultur führt dazu, dass täglich 34 Kinder, auch in den besten Familien, sexuell missbraucht werden. Aber niemand schreibt ein Buch mit dem Titel "Missbrauch ist überall". Das alles ist nämlich absurd: Denn was hat die deutsche Kultur mit Kindesmissbrauch zu tun? Gar nichts. Aber der Rassismus im kulturellen Gewand funktioniert genau so.
Es geschehen Dinge, die so verstörend sind, dass man sie sich nicht so einfach erklären kann. Wir alle nutzen Stereotype, um Komplexität zu reduzieren, unser archaisches Krokodilshirn irgendwo in den Tiefen unseres Kopfes feuert dann Botschaften, die uns sagen: So sind sie, die Deutschen, sie haben ein gestörtes Verhältnis zu Kindern! Aber dann brauchen wir die Aktivierung des Frontlappens im Gehirn, der uns deutlich macht: "Das war jetzt rassistisch, sieh doch mal, die Zahlen geben Auskunft über einige wenige pervertierte Menschen, sie spiegeln ein gestörtes, vielleicht auch traumatisiertes Verhältnis zur Sexualität wider, sie entstehen, weil es Menschen gibt, die Neigungen haben, die unterschiedlichste Ursachen haben können, und in muslimischen Ländern würde man wahrscheinlich ähnliche Zahlen erheben können." Um sich aber so in Frage zu stellen, braucht es nicht nur ein vernünftiges Maß an Bildung, sondern auch die Bereitschaft, dass das, was man da gerade denkt, rassistisch ist oder zumindest so nicht stimmen kann.
Genau daran scheitert es. Bis tief hinein in die Mitte der Gesellschaft haben sich solche Stereotype als rassistische Gewissheiten festgesetzt, die einfach nicht mehr hinterfragt werden brauchen. Stereotype sind sehr hartnäckig, und sie können sehr logisch erscheinen, sehr vernünftig, es ist schwierig, sie bei sich selbst zu erkennen.
Wir leben in einem Land, in dem wahrscheinlich ein großer Teil der Bevölkerung glaubt, dass hier täglich ein Ehrenmord geschieht, während das Bundeskriminalamt von fünf bis sechs Fällen pro Jahr ausgeht.
Wir leben in einem Land, in dem 82 Prozent der Menschen die "Ausbreitung" des Islam mit "Sorge" betrachten, während gerade mal 5 Prozent der Bürger muslimisch sind und es bis zum Jahr 2030 keine signifikante Steigerung geben wird.
Wir leben in einem Land, in dem der Salafismus gefährlicher zu sein scheint als der Rechtsextremismus, weswegen es zwar eine Plakataktion gegen islamistische Fanatiker geben soll, aber keine vergleichbare Plakataktion gegen Rechtsextremisten - dabei könnte man in Deutschland ganze Landstriche plakatieren. Der Verfassungsschutz schätzt, dass es etwa 3800 Salafisten gibt. 3800 Salafisten unter 4,2 Millionen Muslimen: Das sind 0,09 Prozent der hier lebenden Muslime - und im Gegensatz zur rechtsradikalen Szene kann man nicht davon ausgehen, dass die Sicherheitsapparate etwas beschönigen oder verheimlichen würden.
Wir leben in einem Land, in dem viele glauben, muslimische Männer würden hier ihre Frauen unters Kopftuch zwingen und muslimische Frauen würden immer mehr Kopftuchmädchen zur Welt bringen. Dabei tragen mehr als 70 Prozent dieser Frauen gar kein Kopftuch, und je jünger sie sind, desto seltener tun sie es, und wenn sie es tun, dann auch aus emanzipativen, selbstbewussten und selbstmarkierenden Motiven, die dieser Generation jene trotzige und stolze Sichtbarkeit gibt, die ihnen zusteht, nach all den Mühen der Eltern und der Abfälligkeit in diesem Land: Es reicht, unsere Eltern waren leise, und die habt ihr verachtet, wir sind laut, und uns fürchtet ihr. Furcht ist besser als Verachtung, das steht in diesen Gesichtern und ist nicht mehr zu übersehen. Aber es ist mühsam herauszufinden, dass das, was man zu wissen meint, nicht stimmt: dass nicht unter jedem Kopftuch eine unterdrückte Muslima steckt oder eine islamistische Deutschland-Hasserin.
Wir leben in einem Land, in dem manche herkunftsdeutsche Mütter ihre Kinder aus Schulen nehmen, weil dort zu viele Kinder mit Migrationshintergrund sind - und niemand fragt, ob diese Kinder vielleicht trotzdem perfekt deutsch sprechen. Auch das ist rassistisches Denken: Migrationshintergrund gleich Versagerhintergrund gleich Kriminalität gleich Cola trinkende Kinder gleich Islam gleich Gewalt gleich Abzocken.
Aber was wird sein, wenn irgendwann die Hälfte der eingeschulten Kinder einen Migrationshintergrund hat und wenn diese Kinder immer besser gebildet sein und immer häufiger auf die Gymnasien geschickt werden und wenn diese herkunftsdeutschen Mütter ihre Kinder immer noch nicht auf dieselbe Schule schicken? Haben wir dann den Mut, diese Eltern als Integrationsverweigerer zu bezeichnen? Werden wir dann endlich Integration als Aufgabe aller sehen in diesem Land, in dem bereits 20 Prozent der Bürger einen Migrationshintergrund haben?
Wir leben in einem Land, in dem Buschkowsky schreibt: "Integration und die Bereitschaft dazu sind an erster Stelle eine Bringschuld der Hinzukommenden". Und: "Wer zu uns kommt, muss (die Regeln) bejahen und sich an der Mehrung des Wohlstands dieser Gesellschaft aktiv beteiligen - ist es nicht das Recht einer jeden Gesellschaft, das zu sagen?"
Das alles schreibt er, obwohl er der Bürgermeister von Neukölln ist und es besser wissen müsste. Denn gerade in seinem Stadtteil ist der Anteil der Flüchtlinge, also derer, die keine Arbeitserlaubnis haben, sehr hoch. Sie können den Wohlstand dieser Gesellschaft nicht mehren. Und er müsste auch wissen, dass sie dieser Gesellschaft niemals so sehr schaden könnten wie all die Leute aus der Finanzwelt, die übrigens auch aus dem hiesigen Kulturkreis kommen und dem Land den größten volkswirtschaftlichen Schaden seit dem Zweiten Weltkrieg zugefügt haben.
"In meinem Rathaus gibt es keine Kopftücher", sagt Buschkowsky über seine Nichteinstellungspraxis und argumentiert mit der Neutralität des Staates. Er realisiert nicht, dass sein Verhalten diskriminierend ist. Auch nicht, dass seine Sprache rassistisch ist, wenn er von Importbräuten schreibt oder Sätze wie folgende formuliert: "Mit den Afrikanern ist noch mehr Brutalität, Drogen- und Alkoholmissbrauch eingezogen. Türkische und arabische Männer sitzen in den Cafés. Afrikanische Männer sitzen zu Hause, sehen fern, spielen, telefonieren und trinken. Afrikaner lassen sich noch schwerer in die Karten schauen als die anderen Ethnien." Buschkowsky geht davon aus, dass so einer wie er gar nicht rassistisch schreiben könne, nur schnodderig, weil er ja immer wieder betont, wie sehr er seinen bunten Bezirk mag, seine "Lieblings-Chinesin", bei der er Ente isst, seine Hindu-Community, wo er manchmal mit Blumengirlanden behangen als Buddha die Feste bereichert. Auch seine "Stadtteilmütter" schätze er sehr, und gewählt wird er von vielen dieser Menschen, die ihn als strengen Vater sehen - hart, aber gerecht. Man kommt ihm auch nicht bei, weil er so viele Beispiele hat, die mit Sicherheit alle wahr - aber eben nicht alles sind.
Genau hier versagt das Buch und versagen die Kritiker, die in dem Buch die vielen Details hervorheben, in denen Buschkowsky deutlich macht, dass es auch Erfolgsgeschichten gibt in Neukölln - nämlich dort, wo ER auf den Plan tritt. Albert-Schweitzer-Schule? Rütli? Hat ER gerettet. Es leben aber immer noch genau die gleichen Leute in Neukölln, die sogenannten Kopftuchmütter, die er seitenweise abfällig behandelt, und die Machoväter, die er lächerlich macht, und auch die Kinder sind die gleichen. Aber inzwischen bekommen die Schulen mehr Geld und mehr Lehrer, die Mitwirkung von Seiten der Migranten ist größer geworden, und genau deswegen gibt es mehr gute Abschlüsse. Doch diese Einsicht, dass es eben nicht die Kultur ist, sondern die Struktur, diese banale Einsicht dringt nicht überall durch. Wie auch, wenn wir seit mehr als zwei Jahren über kulturelle Defizite von Muslimen debattieren?
Jene, die etwas gegen Benachteiligung, Diskriminierung und soziale Abkapselung tun wollen - reine Gutmenschen. Gutmenschen: ein großes Schimpfwort dieser Tage. Als ob Schlechtmenschen die Guten wären. Buschkowsky sollte aber eines nicht außer Acht lassen - auch die Wutmenschen in seinem Bezirk werden mehr: Jene, denen es reicht, dass all ihre Arbeit in diesem Bezirk entweder von Big B als die seine vereinnahmt oder einfach als "political correctness" diffamiert wird. Jene, die sich fragen, wie denn ein Bürgermeister so über seinen Bezirk herziehen kann, als wäre er all die Jahre nicht selbst dafür zuständig gewesen. Jene, die wissen, dass Neukölln zu einem der angesagtesten Viertel dieser Stadt geworden ist, was nichts mit den unmigrantischen Teilen Neuköllns wie Britz oder Rudow zu tun hat.
Und auch jene werden mehr, die nicht mehr seine Chinesin sein wollen und seine Stadtteilmutter, sondern seine Partner im Kampf gegen Kriminalität, Drogenmissbrauch oder Verwahrlosung. Und eigentlich will er das auch sagen, der Buschkowsky - aber ihm fehlt einfach die Sprache dazu. ◆
Von Naika Foroutan

DER SPIEGEL 40/2012
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