01.10.2012

Blick in Amerikas Seele

FERNSEHKRITIK: „Homeland“ ist eine der Lieblingsserien von US-Präsident Obama. Eine gute Wahl.
Ein Mann kommt nach Hause. Er war lange weg, zu lange, acht Jahre lang. Äußerlich hat er sich in dieser Zeit auf den ersten Blick kaum verändert, weniger jedenfalls als seine Familie und sein Land, die mittlerweile beide am Rande des Bankrotts stehen. Soll wenigstens er so tun, als wäre er noch der Alte? Würde es ihm jemand glauben?
Vor acht Jahren fiel Sergeant Nicholas Brody (Damian Lewis), ein Soldat der US-Marines, im Irak in die Hände von Terroristen. Seine Familie, seine Vorgesetzten, sie alle hielten ihn für tot. Bis beim Angriff auf ein Terrorcamp ein Gefangener befreit wird, ein Mann mit verwildertem Bart und irrem Blick, gezeichnet von jahrelanger Folter - ebenjener vermisste Sergeant Brody.
Jetzt steht Brody, frisch rasiert, vor seiner Familie, die ihn in Washington am Flughafen abholt. Es dauert, bis seine Frau und seine Tochter, mittlerweile 16 Jahre alt, es wagen, den Ehemann und Vater zu umarmen. Der 12-jährige Sohn hält ihm zur Begrüßung die Hand hin wie einem Fremden. Als Nächster schüttelt ihm der Vizepräsident die Hand. Brody gilt jetzt als Kriegsheld.
Willkommen in der Heimat, willkommen in "Homeland", wie die Fernsehserie heißt, die gerade bei den Emmys, den Oscars der TV-Branche, mit sechs Preisen ausgezeichnet wurde, darunter als beste Drama-Reihe. Die erste Staffel verbindet Polit-Thriller, Familiendrama und große Erzählkunst, sie zeigt ein beängstigend realistisch anmutendes Porträt der USA, ausgezehrt vom "Krieg gegen den Terror" und ewiger Paranoia nach dem 11. September 2001. "Homeland" gelingt, was das zeitgenössische Hollywood-Kino nur noch selten riskiert: Es schaut Amerika in die Seele.
"Homeland" ist, vielleicht auch deshalb, eine der Lieblingsserien von Barack Obama. Jedenfalls wenn er allein fernsieht; gemeinsam mit seinen Töchtern, sagte der Präsident in einem Interview, gucke er "Modern Family". Möglicherweise geht Obama so einigen Fragen seiner Töchter aus dem Weg, nach der Arbeit seiner Geheimdienste beispielsweise.
Die zweite Hauptfigur in "Homeland" ist eine CIA-Agentin, Carrie Mathison, gespielt von Claire Danes. Bei einem Einsatz in Bagdad hatte ihr ein Informant erzählt, al-Qaida habe einen Amerikaner "umgedreht", dieser stehe jetzt auf der Seite der Terroristen.
Stimmt die Geschichte? Ist Brody dieser Verräter? Bereitet er vielleicht sogar einen Anschlag vor? Und wie weit darf man gehen, um dieses Rätsel zu lösen? Diese Fragen sorgen in den ersten zwölf Folgen für extreme Spannung und ein moralisches Dilemma. "Homeland" dürfte eine der wenigen Thriller-Reihen sein, bei denen der Zuschauer lange nicht weiß, ob es überhaupt ein Verbrechen geben wird - und ob nicht eher die Ermittler in den Knast gehören oder in die Psychiatrie.
Agentin Carrie, charmant, aber labil, schluckt heimlich Clozapin, ein Medikament, das bei Psychosen helfen soll. Würde sie sich ihren Vorgesetzten offenbaren, wäre sie ihren Job los. Auf eigene Faust beginnt sie, Brody zu observieren. Sie lässt Überwachungskameras in dessen Haus einbauen und wird so Zeugin, wie er wieder den Alltag probt. Sie sieht zu, wenn Brodys Sohn seinen Vater fragt, wie es ist, jemanden zu töten; wenn Brody nachts von Alpträumen geplagt wird; wenn er zum ersten Mal nach acht Jahren wieder mit seiner Frau schläft, die während Brodys Abwesenheit eine Affäre hatte mit dessen bestem Freund. Die Agentin ist fasziniert von ihrem Zielobjekt, zwei traumatisierten Seelen, die sich ähnlicher sind, als beide ahnen.
"Homeland" beruht auf einer israelischen Serie; die US-Adaption stammt von den Produzenten Howard Gordon und Alex Gansa, den Machern von "24", der einflussreichsten Thriller-Serie des vergangenen Jahrzehnts. Auch "24" zeigte den Kampf eines US-Agenten gegen Terroristen, aber sie konnte auch als Rechtfertigung und Verherrlichung von Folter verstanden werden. "24" war das Programm der Ära Bush, reaktionär, rachsüchtig und selbstgerecht, sie feierte eine Ideologie, die gescheitert ist.
"Homeland" wird nun von liberalen US-Medien als eine radikale Abkehr von diesem Weltbild gedeutet. Sie zeigt die Verunsicherung der Amerikaner, ihre Vorurteile und ihre Angst vor dem Fremden. Warum zum Beispiel breitet Brody in seiner Garage einen Teppich aus, um heimlich gen Mekka zu beten?
Entscheidend bei modernen Serien wie "Homeland", die erzählerisch vom Erbe der "Sopranos" geprägt sind, der großartigen TV-Reihe über eine ganz normale Mafia-Familie, sei weniger das "Was" als das "Warum", schrieb kürzlich das "New York Magazine". Gute Serien verweigerten heute eindeutige Antworten, die Charaktere blieben rätselhaft. Der Zuschauer verwandelt sich in einen Therapeuten, der die Figuren auf die Couch legen muss, um ihre Geheimnisse zu ergründen.
Für die Fernsehbeamten bei ARD und ZDF, die ihr Publikum lieber mit jahrzehntealten Krimi-Reihen sedieren, kommt "Homeland" damit nicht in Frage: zu schlau, zu schnell, zu ambivalent. ProSiebenSat.1 hat die Rechte erworben, Sendetermin 2013. Wer nicht so lange warten möchte, kauft die Serie als (unsynchronisierte) DVD oder über iTunes. Die zweite Staffel hat gerade begonnen.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 40/2012
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