19.02.1996

SnowboardNieder mit den Greisen

In der Trendsportart des Winters streiten zwei Verbände um das Recht, bei Olympia starten zu dürfen.
Mißgelaunt streift der Revoluzzer durch das Feindesland. In Halle 16 bei der Internationalen Sportartikelmesse in München hat sich der natürliche Gegner des Snowboarders Jose Fernandez, 35, eingenistet.
Dort, wo die neuesten Errungenschaften der Ski-Industrie präsentiert werden, ist der Internationale Skiverband (FIS) zu einer Werbeoffensive angetreten. Von nahezu allen Wänden springt Fernandez das Logo der Skikonkurrenz an. Der Marketing-Chef der International Snowboard Federation (ISF) und seine Weggefährten können die drei Buchstaben FIS seit dem vergangenen Winter nicht mehr sehen. Sie wähnen sich von den in internationalen Ränkespielen erfahrenen Funktionärskollegen hintergangen und ausgetrickst - ausgerechnet bei Olympia sollen die Begründer der Trendsportart Snowboarden nur zusehen dürfen.
Erst in der VIP-Lounge des Musiksenders MTV, wo er sich der Gesellschaft Gleichgesinnter sicher sein kann, findet Fernandez zurück zu aufrührerischer Kraft. Der ehemalige Snowboard-Profi kündigt eine "Revolution" gegen die FIS an und mag von seinem Ziel partout nicht abweichen: "Wir überlassen das Feld nicht 70jährigen Scheintoten."
Vor zwei Jahren begannen sich die Skifunktionäre für die einst als "Modefurz" (Die Zeit) verhöhnten Snowboarder zu interessieren. Beeindruckt vom weltweiten Snowboard-Boom (innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der Snowboarder von 2,9 Millionen auf 4,33 Millionen) und beunruhigt vom Absatzrückgang auf dem Zweibrettmarkt, etablierten die Mächtigen des Wintersports eilig eine eigene Snowboard-Worldcup-Serie.
Seitdem fühlt sich die ISF, die seit neun Jahren eine Profi-Tour organisiert, ihrer Pfründen beraubt. Im Dezember 1995 wurde Snowboarden auf Betreiben der FIS vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ins Programm der Olympischen Winterspiele 1998 in Nagano gehievt. Mit der Organisation der Rennen betraute das IOC den langjährigen Partner FIS, obschon sich auch die ISF mit ihren 44 Landesverbänden angedient hatte.
Noch jedenfalls verdient ein ISF-Spitzenfahrer eine halbe Million Mark im Jahr, die FIS-Konkurrenz muß mit der Hälfte zufrieden sein. Doch angesichts der Werbewirksamkeit olympischer Wettkämpfe muß die ISF damit rechnen, daß langfristig Fahrer wie Sponsoren die Seite wechseln. Also kämpft sie verbissen um ihr Recht auf Olympia.
Beseelt von der Mission, "die Jugendbewegung der Neunziger" (Fernandez) vor der "Sportdiktatur der FIS" (ISF-Mann Thilo Bohatsch) zu bewahren, sieht sich der deutsche ISF-Profi Peter Bauer bereits als "Mitglied einer separatistischen Untergrundbewegung". Gegen die weitere Unterwanderung ihrer spaßorientierten Sportart rebellieren die Fundis der Alpenszene denn auch nach dem Muster Kreuzberger Anarchos.
Bei einem FIS-Worldcup in Innichen/ San Candido, Italien, mußten die Veranstalter die Halfpipe für die Freestyle-Rennen von der örtlichen Polizei bewachen lassen. Alpine ISF-Guerrilleros hatten damit gedroht, die Halbröhre aus Schnee zu demolieren. Liftanlagen werden von Sympathisanten mit Parolen wie "Gib FIS keine Chance" oder "Nieder mit den FIS-Greisen" besprüht.
Die derart Geschmähten geben sich nicht minder unerbittlich. In einer Fernsehdiskussion bekräftigte FIS-Generalsekretär Gianfranco Kaspar zwar, daß ISF-Athleten in Nagano durchaus an den Start gehen könnten - sie müßten sich eben auch dem Elitekader eines nationalen FIS-Verbandes anschließen.
In der Snowboardszene wird das als offene Aufforderung zum Verrat verstanden. "Die versuchen unsere Fahrer zu zwingen, bei ihnen mitzumachen", behauptet ISF-Mann Bohatsch.
Daß deutsche ISF-Profis auch noch für die Snowboard-Nationalmannschaft des Deutschen Skiverbandes (DSV) zu Tale kurven, hält selbst DSV-Teamchef Chris Wagner für unmöglich. Dem stehe nicht nur die Vielzahl der Wettkämpfe entgegen, sondern auch die unterschiedliche Berufsauffassung. Heftig den Freuden des Seins zugetan, würden ISF-Fahrer nicht zurechtkommen mit der leistungsorientierten Arbeitsweise im DSV. Wagner: "Ich habe gehört, die gehen doch viel lieber auf Partys."
Um den zum Glaubenskampf eskalierten Streit doch noch für sich zu entscheiden, setzen die ISF-Snowboarder all ihre Hoffnungen in den Herrn der Ringe. Seinem Grundsatz folgend, daß seine Spiele nur dann millionenschwer zu vermarkten sind, wenn tatsächlich auch die Elite am Start ist, hat IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch die FIS schriftlich angewiesen, nur die besten Snowboarder nach Nagano zu bringen.
Der höheren Qualität der eigenen Fahrer gewiß, drängt die ISF jetzt auf ein Vergleichsrennen mit den Top-Boardern der FIS, um Samaranch die Überlegenheit vorzuführen. Gelingt das, so der Plan, sollen noch in diesem Jahr die Qualifikationskriterien für Olympia festgelegt werden.
Auch Hanno Treindl, Snowboard-Koordinator des Skiverbandes und überzeugt von der Gleichwertigkeit der FIS-Athleten, kann sich ein Kräftemessen nach Abschluß der Saison im März "gut vorstellen". Die ISF-Snowboarder sehen in seinem Angebot eher den Versuch einer Hinhaltetaktik denn einen ernsthaften Wunsch nach Klärung der verfahrenen Situation. ISF-Weltmeister Martin Freinademetz: "Für die Penner von der FIS könnte das doch in einem Debakel enden."
So lotet die ISF vorsorglich andere Wege aus, ihren Fahrern nach Nagano zu verhelfen. Derzeit läuft ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof, in dem geprüft werden soll, ob die Monopolstellung der FIS bezüglich der Olympianominierung Rechtens ist. "Vielleicht", sagt Bohatsch in Anspielung auf das EU-Urteil, das jetzt den Profifußball erschüttert, "probieren wir jetzt auch beim Snowboarden eine Klage wie der Bosman."
Sollte auch das juristische Verfahren nichts fruchten, sieht Snowboard-Profi Freinademetz, 26, nur noch eine Chance: "Wir müssen den Staat informieren, was hier passiert." Der Innsbrucker setzt dabei ungeniert auf den Medaillenwahn der Alpenrepublik, die jahrelang von den Olympiasiegen eines Franz Klammer oder einer Annemarie Moser-Pröll zehrte: "Was würde zum Beispiel Kanzler Vranitzky sagen, wenn er erfährt, daß Österreichs Medaillenhoffnungen für Luxemburg starten müssen?" Y
"Ich habe gehört, die gehen doch viel lieber auf Partys"

DER SPIEGEL 8/1996
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