19.02.1996

KinoSeifenoper und Satire

Eine Nostalgie-Welle schwemmt Roman-Verfilmungen von Jane Austen ins Kino - mit „Sinn und Sinnlichkeit“ eröffnete die Berlinale.
Der wenig originelle, daher weitverbreitete Gedanke, daß früher alles besser war, meint vor allem eines: daß früher alles ordentlicher war. Die guten alten Zeiten sind diejenigen, in denen das gesellschaftliche Leben verbindlich geregelt war und jeder wußte, woran er sich zu halten hatte. Die Nostalgie ist eine Sehnsucht nach Ordnung.
Diese Sehnsucht hat nun eine seltsame Bilderschwemme hervorgebracht: bislang fünf äußerst adrette Verfilmungen von Romanen der britischen Klassikerin Jane Austen (1775 bis 1817) innerhalb eines einzigen Jahres. Die BBC hat "Persuasion" ("Überredungskunst") so elegant in Szene gesetzt, daß der Fernsehfilm auch in den angelsächsischen Kinos erfolgreich lief, und ein zweites BBC-Werk, "Pride and Prejudice" ("Stolz und Vorurteil"), wurde unlängst als TV-Sechsteiler gar zum Straßenfeger in Großbritannien und den USA.
Eine amerikanische Adaption von Austens Spätwerk "Emma" wird im Herbst in die Kinos kommen, und auch die Teenager-Farce "Clueless" von Amy Heckerling nimmt für sich in Anspruch, eine modern aufgeputzte Beverly-Hills-Fassung des "Emma"-Stoffs zu sein.
Die alte Jungfer Jane sei "heißer" als Jung-Filmemacher Quentin Tarantino, spottete der britische Schriftsteller Martin Amis im New Yorker. Und das US-Nachrichtenmagazin Newsweek machte, nur halb im Scherz, den brillanten Vorschlag, Jane Austen einen Ehren-Oscar für ihr Lebenswerk ins Grab nachzureichen.
Als eleganteste und aufwendigste der Austen-Adaptionen empfiehlt sich derzeit "Sense and Sensibility" ("Sinn und Sinnlichkeit"). Ein Dutzend diverse Kinopreise hat das in vergangener Empire-Herrlichkeit schwelgende Leinwandwerk bereits eingeheimst, dazu mehrere Oscar-Nominierungen.
Kein Wunder daher, daß "Sinn und Sinnlichkeit" nun auch der 46. Berlinale als Auftaktfilm den Glanz geschmackvoller Hochkultur verleihen durfte. Der Berlinale-Chef Moritz de Hadeln trommelte gar schon - "ein starker Film" -, um der dekorativen Romanze einen guten Ausgangsplatz im Kampf um den Goldenen Bären zu verschaffen.
Wie immer bei Jane Austen geht es auch in "Sinn und Sinnlichkeit" darum, daß attraktive junge Frauen einen halbwegs passablen Gatten ergattern. Kein leichtes Unterfangen, denn in der hierarchischen Gesellschaft des Regency-England sind, neben einer solchen Petitesse wie der Liebe, diverse Faktoren bei der Suche nach einer guten Partie zu beachten: der soziale Stand des Auserwählten und seine Charakterfestigkeit, vor allem aber sein Geld.
Die Erbschaftsaussichten, die jährliche Apanage und der Immobilienbesitz einzelner Anwärter werden bei Austen immer wieder bis aufs Pfund Sterling genau aufgezählt: Die Ehe ist ein präzise kalkuliertes Tauschgeschäft - Tugend, Charme und jugendlich frische Porzellanhaut der Damen gegen die wirtschaftliche Sicherheit, die ihnen die Herren zu bieten haben. Austen selbst zog es vor, ledig zu bleiben.
In "Sinn und Sinnlichkeit" (deutscher Kinostart am 7. März) verlieben sich die beiden verarmten Schwestern Elinor (Emma Thompson) und Marianne (Kate Winslet) in zwei junge Herren, die ihnen erst alle Anzeichen von Verehrung zukommen lassen, sich dann aber mit unerklärlicher Hast ins ferne London verabschieden.
Elinor trägt dies mit der ihr eigenen Selbstbeherrschung und Schicksalsergebenheit; sie ist die Symbolfigur des "Sense", der klaren Vernunft: ein Part, in dem sich Emma Thompsons unvergleichlich gouvernantenhafte Ausstrahlung einmal voll entfalten kann. Die impulsive, schwärmerische Marianne dagegen, Symbolfigur der "Sensibility", der Empfindsamkeit, bricht zusammen und holt sich, entkräftet vor Enttäuschung, fast den Tod.
Nach etlichen Picknicks, Landpartien, Bällen und anderem Zeitvertreib, mit dem der britische Mittelstand des frühen 19. Jahrhunderts vergebens der lähmenden Langeweile seines Daseins zu entfliehen suchte, darf Elinor doch noch in die Arme ihres treuherzigen Geliebten Edward (schon wieder auf der Leinwand: Hugh Grant) sinken. Marianne dagegen wird strafvermählt mit einem zuverlässigen, aber wenig temperamentvollen _(* Mit Emma Thompson, Hugh Grant. )
und sehr viel älteren Verehrer (Alan Rickman).
Mit der Neugier des Außenstehenden hat der Taiwaner Ang Lee ("Das Hochzeitsbankett", "Eat Drink Man Woman") dieses urbritische Sittenbild aus Musselin, Ringellocken und verstohlen schmachtender Jungfräulichkeit verfilmt: keine Einstellung, die nicht auf der Leinwand prangt, als wäre sie von Thomas Gainsborough oder John Constable gemalt; kein Satz (Drehbuch: Emma Thompson), der nicht mit heimlichem Stolz auf seinen perfekten Schliff verwiese. "Sinn und Sinnlichkeit" ist eine De-Luxe-Kreuzfahrt in die Vergangenheit, bei der nie die Regeln des Anstands und des guten Geschmacks verletzt werden.
Warum aber wird der gegenwärtige Nostalgiebedarf gerade mit Jane Austen gedeckt? Warum nicht mit Charles Dickens? Oder den leidenschaftlichen Schwestern Bronte?
Austens Romane sind immer Seifenopern im Kapotthut und Sozialsatiren ihrer Gesellschaft zugleich. Die Autorin war alles andere als eine Courths-Mahler ihrer Zeit. Schwätzer, eitle Angeber und aufgeblasene Heuchler entlarvt sie mit unerwartet bissigen Bemerkungen; schwächliche Charaktere werden abgekanzelt. Austen legt offen, was verborgen bleiben soll: das Räderwerk einer Gesellschaft, in der Konformität die meistgeschätzte Eigenschaft war.
Dieser scharfäugige Abstand zu ihrer eigenen Ära macht sie bis heute unterhaltsam. Der gegenwärtige Boom hat die Taschenbuchausgabe von "Sense and Sensibility" gar wieder auf die Bestsellerliste der New York Times katapultiert - ein tragikomisches Schicksal für eine Autorin, die, der Schicklichkeit halber, all ihre Werke anonym publizierte und weniger als 1000 Pfund an ihnen verdiente.
Zugleich aber leben Austens Romane gerade von dem strengen Regelgeflecht, an dem sich Heldinnen wie Marianne reiben. Nur weil allen klar ist, was sich ziemt und was nicht, kann jeder noch so kleine unsittliche Verstoß zum aufregenden Thema von Klatsch, Tratsch und eben auch Literatur werden. Die Satirikerin Austen ist zugleich Moralistin. Sie billigt den zivilisierten Umgang ihrer Figuren miteinander, wenn er denn aufrichtig ist. Sie propagiert "family values", klare Werte, Mäßigung, Herzensbildung, Manieren.
Darin liegt, mehr als in allem anderen, ihr Reiz für diejenigen, die sich nach den guten alten Zeiten sehnen. Jane Austens Welt ist durch und durch geordnet, nach Klasse, Charakter und Geschlecht. Und ihre Frauen haben, bei allem Esprit, kein anderes Ziel als die Ehe. Wie beruhigend.
* Mit Emma Thompson, Hugh Grant.

DER SPIEGEL 8/1996
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