26.02.1996

KinoGlamour für Aschenputtel

Der amerikanische Film beherrschte die diesjährige Berlinale - nicht zu Unrecht, wie „Schnappt Shorty“ und andere Hollywood-Werke beweisen.
Chili Palmer ist ein zweitklassiger Berufsgangster mit himmlisch blauen Augen und einer Schwäche für erstklassige Filmgangster. Er verehrt James Cagney und Al Pacino, und er hat ihnen abgeschaut, wie ein Gangster unnachahmlich lässig eine Zigarette anzustecken hat und wie er andere Menschen mit einem einzigen Satz in seinen Bann schlägt. Chilis magischer Satz lautet: "Look at me!"
Chili ist so gut erfunden, daß man ihm - oder jedenfalls ihm verflixt ähnlich sehenden Gestalten - unentwegt bei den Galas und Partys der Berliner Filmfestspiele begegnete. Herren sah man da mit pomadisiertem Resthaar und in schwarzen Sakkos, die den Bauchansatz vertuschen sollen. Herren, die - "look at me" - aussehen wollen wie charismatische amerikanische Gangster, aber im wirklichen Leben nichts Heißeres als die Ware der Filmindustrie unter die Leute bringen - als Produzenten, Verleiher, Fernseheinkäufer, Journalisten. Für die Dauer der Berlinale durften sie alle Chili Palmer sein.
Daß zwischen Gangstertum und Filmwirtschaft eine mehr als zufällige Seelenverwandtschaft besteht, behauptet auch die Satire "Schnappt Shorty" aus dem Wettbewerbsprogramm der Festspiele. Ihr Held, eben jener Schuldeneintreiber Chili Palmer (John Travolta), muß Miami Beach schleunigst verlassen, weil er seinem Mafiachef die Nase eingeschlagen hat. Der Film schickt Chili nun via Las Vegas nach Los Angeles - und deckt damit gleich die drei unwirklichsten Glamour-Metropolen Amerikas ab.
In L.A. soll Chili die Schulden des abgehalfterten Filmproduzenten Harry (Gene Hackman) eintreiben. Statt dessen steigt Chili in Harrys Geschäft ein. Er verkauft ihm seine eigene Geschichte, beschafft das Geld, sie zu verfilmen, und einen Star (Danny De Vito).
"Schnappt Shorty" war so etwas wie der Symbolfilm der Berlinale. Alles, was darin aufgespießt wird, ließ sich auch beim Festival beobachten: die Stars, die bei jeder Gelegenheit strahlend irgendwelchen Mumpitz daherplappern; die Gier der Normalsterblichen nach einem Hauch von Glamour; und die krampfhaften Versuche, Filmideen zur richtigen Zeit am richtigen Ort an den richtigen Geldgeber zu bringen.
Aber eben auch jene irrwitzige Liebe zur Leinwandgeschichte, die erwachsene Menschen mit verklärtem Blick Dialogzeilen aus uralten Filmen murmeln läßt. "Schnappt Shorty" nimmt diese Liebe auf die Schippe. Aber er feiert sie auch. Er glaubt fest daran, daß das Kino mehr zählt als all die Wichtigtuer, die an ihm herumpfuschen. Daß es in seinen seligsten Augenblicken eine unvergleichliche Magie besitzt.
Dieser Glaube macht den Film (Regie: Barry Sonnenfeld) sympathisch, aber auch zahmer als Robert Altmans Hollywood-Satire "The Player" - und es macht ihn durch und durch amerikanisch.
Das war in diesem Jahr auch die Berlinale. Ein Drittel der insgesamt 31 Wettbewerbsfilme kam aus den USA. Den Zuschauern wurden nicht nur amerikanische Gangster vorgeführt, sondern auch amerikanische Familienkrisen (in "Familienfest und andere Schwierigkeiten"), Präsidenten (in "Nixon"), Todeskandidaten (in "Dead Man Walking") und selbstredend amerikanische Killer (in "From Dusk Till Dawn").
So unverfroren wie selten brachten in diesem Jahr die amerikanischen Verleihfirmen ihre Frischware auf der Berlinale heraus - meist unmittelbar vor ihrem Einsatz in deutschen Filmtheatern. (Auch "Schnappt Shorty" startet bereits diese Woche.) Mit dem Segen der Festivalleitung bekamen die Amerikaner dadurch eine mächtige Gratisreklame, denn die Berlinale-Weihen verheißen nicht nur Aufmerksamkeit und Applaus der Medien, sondern auch Prestige.
Im Gegenzug lieferten die Verleiher den Glamour, den die Berlinale nach etlichen mageren Jahren dringend brauchte. Lief sie doch Gefahr, als reines "Arbeitsfestival" abgestempelt zu werden, bei dem die Gäste zwar frierend durch Schnee und Eis zu den Vorstellungen stapfen, die Stars aber regelmäßig absagen. Diesmal durfte die Berliner Morgenpost mit seligem Aschenputtel-Seufzer titeln: "Berlinale ruft - und die Hollywood-Stars kommen".
In der Tat rackerte sich Jodie Foster tagelang fleißig ab, um allen Medienmenschen in die Mikros zu soufflieren, warum ihr mittelprächtiges "Familienfest" eigentlich ein Meisterwerk sei (siehe Seite 200). Der britische Star Emma Thompson tat desgleichen, um dem mit US-Geldern verwirklichten Film "Sinn und Sinnlichkeit" einen guten Start zu verschaffen. Sally Field, das ewig entfesselte Muttchen, warb tapfer für ihr schauerliches Eine-Frau-sieht-Rot-Drama "Auge um Auge". Aber der King of Berlin war diesmal unumstritten Chili Palmer alias John Travolta, der seine blauen Augen zwei Tage lang in die Blitzlichtgewitter hielt.
Auch in den beiden avantgardefreudigen Nebenreihen dominierte der US-Film, im "Panorama" und selbst im "Forum", also jener Festivalschiene, die sich um wackere Autorenfilme aus Aserbaidschan, Burma und anderswo verdient macht. "Forum"-Chef Ulrich Gregor, ein gestandener Verachter Hollywoods, mußte eingestehen, daß die USA "auch auf dem Sektor des unabhängigen Films" an die Spitze gezogen sind: 190 amerikanische Werke lagen der "Forum"-Auswahljury vor.
Ins Programm geschafft hat es "Welcome to the Dollhouse" von Todd Solondz, dessen tragikomischer Realismus ganze Filmwelten entfernt ist von der Selbstbespiegelung in "Schnappt Shorty". Seine Heldin heißt Dawn, eine plumpe Elfjährige mit dicker Brille. In einem Vorort in New Jersey plagt sich Dawn (Heather Matarazzo) mit ihren Schulkameraden, die sie als häßlich oder lesbisch beschimpfen, und mit ihren Eltern, die ihr die wohlgerateneren Geschwister vorziehen.
Wann immer sich Dawn gegen diese Tyrannei zur Wehr setzt, wird sie mit ungerechten Strafen drangsaliert. "Welcome to the Dollhouse" ist ein Film über Menschen, nicht übers Filmemachen. Er zitiert nicht, er stellt nicht seine Coolness aus. Chili Palmer hätte ihn gemocht.
Susanne Weingarten
Von Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 9/1996
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