26.02.1996

Pop

Sting normal

Von Höbel, Wolfgang

Der ehemalige Police-Sänger, jahrelang als humorfreier Rockbildungsbürger verspottet, probt auf seiner neuen CD den großen Leichtsinn.

Der spanische König hat ihn zum Ehrenmitglied des Europäischen Rats ernannt und seine Heimatstadt Newcastle zum Ehrendoktor an der örtlichen Universität; er hat Pavarotti auf der Bühne die Hand gehalten und den Indianern in der amazonischen Wildnis. Und weil er nicht bloß in seinen Songs, sondern auch bei TV-Auftritten und mit einem Buch für eine bessere Welt kämpfte, gab er für Hohn und Häme immer eine große Zielscheibe ab.

So brach eine gute Zeit für schlechte Witze an, als im vergangenen Herbst in London ein Finanzjongleur vor Gericht stand, weil er den Rockstar Sting um ein paar Millionen Pfund geprellt hatte. "Was ist der Unterschied zwischen dem südamerikanischen Regenwald und Sting?" lautete die Preisfrage zum Prozeß; und die Antwort hieß: "Beide sind abgebrannt, aber der Regenwald kommt vielleicht wieder hoch." Böse Menschen mögen keine gutgemeinten Lieder.

"Die Sache mit dem Geld war ziemlich unerfreulich", sagt Sting, der in Wahrheit Gordon Matthew Sumner heißt, "aber im Grunde habe ich durch die ganze Affäre eine Menge gelernt." Seine Millionen hat ihm die Bank größtenteils erstattet, und von seinen Mitmenschen weiß Sting nun: "Ich gehe den Leuten auf die Nerven, das war schon immer so. Ich bin nicht dumm, und zumindest die Musikjournalisten mögen nun mal Musiker, die sich wie Trottel benehmen."

Der Mann ist für die Hochnäsigkeit und Rechthaberei, die solche Sätze dokumentieren, berühmt. Nun aber hat er diesen Ruf offenbar satt. "Ich finde, man muß die Dinge mit Humor nehmen", behauptet er, "warum nur tun sich alle so verdammt schwer, die ironischen Aspekte meiner Arbeit zu erkennen?"

Sting hat einen braunen Tweedanzug angelegt und ist von seinem Landsitz in Südengland nach London gereist, um ein bißchen über seine neue Platte zu plaudern. "Mercury Falling" heißt das Werk, welches kaum der Erklärung seines Urhebers bedarf, daß Merkur auch der Gott der Räuber und Bauernleger sei: Sting, bislang vor allem für Englands Kritiker der King im Reich der Hiebe, versucht sich als König der Diebe.

Schon der Titel des Songs "I'm So Happy I Can't Stop Crying" ist eine Unverschämtheit; und weil auch die jaulende Steel-Gitarre sogleich an Hank Williams' Country-Klassiker "I'm So Lonesome I Could Cry" denken läßt, liegt der Verdacht nahe, daß sich hier einer über die angeblich altbackene "Country & Western"-Welt mokiert. "Absoluter Unsinn", beteuert Sting und zeigt ein beschwörendes Lächeln, "ich mag diese Songs, und die Stilkriege der Popmusik scheren mich einen Dreck."

Die Stärke von "Mercury Falling" ist tatsächlich die gutgelaunte Direktheit, mit welcher der Mann die Genres wechselt. Die Gospelnummer "Let Your Soul Be Your Pilot" etwa verdankt ihre Kraft gerade dem Mangel an Distanz: Da predigt ein Sinnsucher ohne göttliche Botschaft ganz ernsthaft den Mut zu Intuition und grimmigem Selbstbewußtsein.

Mal schmachtet Sting zu Bossanova-Klängen, mal besingt er einen "Lithium Sunset", worin die letzten Sonnenstrahlen des Tages den Kummer eines armen Würstchens heilen, und zwischendurch näselt er die garantiert hitparadenkompatiblen Jammerballaden, für die ihn seine Plattenfirma schließlich bezahlt: Erstaunlich aber ist vor allem das Fehlen jeder klugscheißerischen Ambition, jenes peinlichen Bildungsbürgerkrampfs, den das Zeit-Feuilleton einst mit dem allervernichtendsten Lob bedachte: "Sting hat die populäre Musik aufs Niveau gebracht", hieß es da.

Heute scheint es, als habe Sting sich zu weiser Beschränkung entschlossen: Statt über die Überwindung der Grenzen zwischen U- und E-Musik zu reden, macht er ein paar nette Scherze über seine Versuche als Schauspieler - zuletzt spielte er im Film "The Grotesque" mit; "aber um den Job ernst zu nehmen, bin ich einfach nicht gut genug." Statt Umweltzerstörung und politisches Unrecht anzuprangern, begeistert er sich für die Ergebnisse der englischen Fußball-Liga: Dort sieht es derzeit bestens aus für seine Jungs aus Newcastle.

Als er mit "Police" den Rocker markierte, was nun bald 20 Jahre her ist, habe er sich als Revolutionär gefühlt. Alles lange vorbei: "Ich bin 44", sagt Sting. "Ich habe sechs Kinder. Es interessiert mich nicht, so zu tun, als wäre ich jünger. Und so hört sich auch meine Musik an. Ich bin nicht sicher, daß es überhaupt noch Rockmusik ist. Aber das ist mir wirklich scheißegal."

Seit den Police-Tagen ist er mit geschniegelten Jazz-Virtuosen aufgetreten und mit dicken Opernsängern, er hat ein bißchen mit Alkohol und anderen Drogen herumgemacht und sich in einer Entzugsklinik kuriert; und wenn er nicht gerade sein Brusthaar in die Scheinwerfer auf irgendeiner Konzertbühne hielt, hat er so lange das gelehrte Künstlergenie gespielt, bis ihm ein paar Boulevardblätter andichteten, er sei nun auch noch so taub wie Beethoven.

Weil sein Verstand aber bis heute ähnlich gut funktioniert wie sein Gehör, hat sich Sting nun zur Rolle des lässigen Landedelmanns entschlossen: Er will einer sein, der nichts und niemanden fürchtet und mit einem Lächeln durch die Welt spaziert: "Ich habe genug Höhen und Tiefen durchgemacht", findet Sting, der sein Berufsleben mit einem lächerlichen Lehrergehalt begann, "jetzt habe ich das Recht, auch mal glücklich zu sein": ein Sting der Unmöglichkeit.

In einem seiner Songs ist von einem Mann die Rede, der selbst bei strahlendem Sonnenschein immer einen Regenschirm unter den Arm klemmt für den Fall, daß plötzlich doch ein paar dunkle Wolken aufziehen. "Na schön", sagt Sting, "dieser Mann bin ich."

Wolfgang Höbel


DER SPIEGEL 9/1996
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