04.03.1996

Die gespaltene Stadt

Den Andrej Fraind gibt es nicht mehr. Die Sache wurde im Haus 8, Zimmer 12 des niedersächsischen Aussiedlerlagers Bramsche erledigt.
Fast 50 Jahre hatte Heinrich Freund gegen seinen Schattennamen ankämpfen müssen, den ihm damals Stalins Gehilfen verpaßten, als er im sowjetischen Erlenbach seine Frau Emilia heiratete - mit ihr "zusammengeschrieben" wurde, wie es die Deutschen von der Wolga bis heute nennen.
Angekommen im Lager Bramsche, kann er jetzt endlich seinen alten Namen zurückholen, mit Stempel der Außenstelle des Bundesverwaltungsamtes im Haus 8.
Die beglaubigte Geburtsurkunde mit der Nummer 24631 beweist es: Heinrich Freund wurde geboren am 12. April 1918 in Erlenbach, auf dem Gebiet der Wolgadeutschen. Dazu ein Zeugnis vom sowjetischen Volkskommissariat für Ackerbau aus dem Jahr 1937: "Muttersprache - ausgezeichnet", "Mathematik - ausgezeichnet" , "Politik - mittelmäßig", unterschrieben vom "Gehilfsdirektor für den politischen Teil". _(* Bei ihrer Ankunft auf dem ) _(Frankfurter Flughafen am Dienstag ) _(vergangener Woche. )
Das war bevor das Elend begann und Heinrich Freund - nunmehr Andrej Fraind - am 3. September 1941 um neun Uhr abends mit seiner Emilia, den Eltern, Verwandten, Freunden und Fremden in Viehwaggons gesperrt, von der Wolga sechs Tage lang fast ohne Wasser und Brot zur Zwangsarbeit ins ferne Kasachstan gekarrt wurde. So hart war die Reaktion der Moskauer Machthaber auf die Kriegserklärung Hitlers an die Sowjetunion.
Auch als wieder Frieden war, durften die Deportierten nicht in ihre alte Heimat, an die Wolga, zurück, und immer blieben die Schikanen. Erst waren es die Russen, die sie Deutsche schalten, jetzt sind es die Kasachen, die sie Russen schimpfen: Geht doch nach drüben, nach Rußland!
Heinrich Freund ging - aber nicht nach Rußland. Er packte seine paar Habseligkeiten zusammen und machte sich samt Sohn und dessen Familie auf in die Heimat seiner Urahnen. "Hier sind wir endlich frei und können ungestört leben", sagt er mit bedrückender Gewißheit, und Frau Emilia nickt zustimmend.
Die Freiheit beginnt in Bramsche bei Osnabrück. "Auf welchem Platz wollen Sie denn in Deutschland leben?" fragt eine Mitarbeiterin des Bundesverwaltungsamtes die Aussiedler in der ihnen gewohnten Sprache. "Bayern, Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen", kommt es ohne Zögern.
"Niemand mag in die neuen Bundesländer", sagt Außenstellenleiterin Gabriele Schüttken, "für viele ist das immer noch DDR." Dabei gibt es inzwischen im Lager Bramsche eine Beratungsstelle, damit den Neubürgern die Segnungen des deutschen Ostens recht deutlich werden.
Doch weder die Regierungserklärung des sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf ("Klarheit und Wahrhaftigkeit") noch Hochglanz-Broschüren ("Klassikerstraße Thüringen"), die den Neubürgern aus Mittelasien überreicht werden, können Begeisterung wecken: "Da herrschen riesige Vorurteile", hat Gabriele Schüttken gemerkt.
Für die meisten Aussiedler steht zudem schon lange fest, wohin sie wollen: zu ihren Verwandten und Freunden, die vor ihnen gekommen sind. Die aber leben vor allem in Westdeutschland und dort gern unter ihresgleichen.
Ghettoartige Siedlungen haben sich in den vergangenen Jahren gebildet, Aussiedler und Einheimische verbindet vielerorts nichts. Eigene Geschäfte oder Kneipen, eigene Discos oder Gotteshäuser - die Neubürger aus Rußland sind sich oft selbst genug.
Emma Beregowez, 29, die seit fast einem Jahr mit ihrem Mann und zwei Kindern im rheinland-pfälzischen Städtchen Sohren im Hunsrück wohnt, wundert sich selbst ein wenig: "Es ist schon seltsam, wir leben hier so, als würde es die anderen gar nicht geben." Wenn sie aus ihrer Haustür tritt, trifft sie Verwandte oder Freunde aus Kasachstan.
Sohren ist eine gespaltene Stadt: Von den 2970 Einwohnern sind etwa 1600 Aussiedler. Bürgermeister Heinz Michel (CDU) ist ratlos: "Wie soll man denn eine Bevölkerungsmehrheit integrieren?"
Auch Landrat Günter Fehringer (CDU) vom badischen Ortenaukreis sieht seine Gemeinden in großer Not. Schön und gut, das neue Wohnortzuweisungsgesetz mag ja helfen, künftig eine gerechtere Verteilung der Aussiedler auf die Bundesländer zu erreichen: Da es jedoch nicht rückwirkend gelte, blieben die Probleme vorerst bestehen.
Rund 21 000 Spätaussiedler haben sich mittlerweile im Ortenaukreis niedergelassen, viele zog es vor allem nach Lahr, nachdem 1993 die dort stationierten kanadischen Truppen mit ihren Angehörigen abgezogen waren und mehr als 2300 Wohnungen frei gemacht hatten.
Da liefen die Telefone heiß zwischen Baden und Kasachstan, da wurde "geringelt" und "gerappelt", wie es die Aussiedler nennen. "Die haben in der Ferne von Verwandten und Freunden gehört, daß hier Wohnungen frei sind, haben die Koffer gepackt und sind hergekommen", erzählt Oberbürgermeister Werner Dietz (CDU).
Es wurden immer mehr. Mindestens 5000 der 40 000 Einwohner zählenden Stadt sind mittlerweile Spätaussiedler, in einigen Straßenzügen, etwa am Kanadaring, spricht man vornehmlich russisch.
"Früher konnten die Leute in der Regel Deutsch, wenn sie zu uns kamen", beobachtete Dietz, "die jüngeren Generationen, die jetzt folgen, und viele eingeheiratete Russen haben es nie gelernt." So wird das wohl auch bleiben. "Bei einigen fehlt die innere Bereitschaft, Deutsch zu lernen", hat der Stadtvater festgestellt.
Manche sehen das als Indiz dafür, daß viele der jetzt nach Deutschland kommenden jüngeren Aussiedler mehr die Hoffnung auf Wohlstand in den Westen lockt als Sehnsucht nach Sprache und Heimaterde ihrer Ahnen.
Vergebens kämpfen Sozialarbeiterin Cornelia Seiler und ihre Kollegen am Kanadaring um Räume und Mittel, um die Jugendlichen von der Straße zu holen. Wo soll das Geld auch herkommen? Die Stadt verkraftet ja kaum die mit dem Zuzug der Aussiedler rasant gestiegenen Sozialhilfekosten. Von den rund 74 Millionen Mark, die der Ortenaukreis insgesamt für seine knapp 400 000 Einwohner aufbringen muß, gehen 41 Prozent nach Lahr. Derzeit sind das 30 Millionen Mark, gut ein Drittel davon entfällt auf Sozialleistungen für Aussiedler.
Chaotische Zustände herrschen auch an den Schulen. In den Klassen gibt es drangvolle Enge, ohne daß neue Lehrkräfte eingestellt werden. In einigen Unterrichtsstufen der Theodor-Heuss-Hauptschule in Lahr-Dinglingen sind die deutschsprechenden Schüler in der Minderheit. "Da kann man doch keiner Gruppe mehr gerecht werden", sagt Sozialarbeiterin Seiler. Um so schlimmer, daß Bonn erst vor kurzem die staatlich geförderten Sprachkurse von neun auf sechs Monate gekürzt habe. Das erschwere die Integration noch mehr: "Ohne vernünftige Sprachkenntnisse läuft gar nichts."
Die Rektoren von 15 Schulen aus dem Ortenaukreis haben bereits im vergangenen Sommer in einem dramatischen Appell "allergrößte Sorge" über die Entwicklung geäußert. Falls jetzt nicht gegengesteuert werde, müsse die Gesellschaft "morgen mit sozialen Problemen bitter büßen und teuer bezahlen". Es wachse die Neigung, "Konflikte wegen ,Sprachlosigkeit'' durch Gewalt zu lösen".
Soweit ist es bereits. Nicht nur in Lahr gingen junge Aussiedler und einheimische Altersgenossen aufeinander los. In Saarbrücken verprügelten sich rund 70 Jugendliche unter Einsatz von Gaspistolen mit Metallstangen und Holzknüppeln.
In Hannover-Vahrenheide explodierte die Stimmung, nachdem ein Rußlanddeutscher im Supermarkt eine Flasche Schnaps gestohlen und ihn ein deutscher Jugendlicher angezeigt hatte. Zwei Wochen mühte sich die Polizei mit starken Einsatzkräften, die aufgebrachten Gemüter wieder zu besänftigen.
Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, hat einen steilen Anstieg der Jugendkriminalität in Landkreisen mit besonders vielen Aussiedlern registriert. Zwar zögern die verantwortlichen Politiker, mit solchen Statistiken gegen die Zuwanderer zu argumentieren - doch unübersehbar ist, daß die immer knapper werdenden Chancen auf einen Arbeitsplatz, gekürzte Sprachkurse und immer weiter gedrosselte Sozialleistungen zu einem harten Wettbewerb der Benachteiligten führen.
Volkes Stimme ruft nach Konsequenzen: "Die Politiker sollten endlich was tun, daß keine Aussiedler mehr kommen", schrieb ein Leser an die Lahrer Zeitung, "schon jetzt fühlt man sich in Lahr nicht mehr deutsch. Es wimmelt doch nur so von Aussiedlern."
Dumpfe Meinungsäußerungen, die nicht ohne Wirkung bleiben. "Wenn meine Mutter telefoniert, weint sie für 70 Mark", zitierte die Badische Zeitung eine junge Aussiedlerin.
Aber daß nicht alles im Westen Gold ist, kommt in Kirgisien, Kasachstan oder Sibirien nicht an. Tag um Tag melden sich von dort rund 600 Menschen in Deutschland, oft haben sie quälend strapaziöse Bahn-, Bus- und Flugreisen hinter sich.
"Die sollten mal darüber nachdenken, was der Lafontaine gesagt hat", meint ein Grenzschutzbeamter am Frankfurter Flughafen zu seinem Kollegen, während sie in ihrem verglasten Häuschen die dunkelroten sowjetischen Pässe der Aussiedlerpassagiere des Lufthansa-Fluges LH 2877 aus Taschkent kontrollieren. Doch die hitzige deutsche Debatte um die Thesen des SPD-Chefs ist den Ankömmlingen natürlich nicht bekannt.
Anrührend hilflos und staunend zieht die Karawane der immer noch Hoffnungsvollen mit riesigen Koffern und Taschen, stramm verschnürten Paketen und überquellendem Handgepäck durch die verwirrenden Glitzergänge, bahnt sich einen Weg zum Bus, der sie in ein Erstaufnahmelager bringen soll.
"Herzlich willkommen, Aussiedler, wir begleiten Sie durch den Flughafen", steht auf dem Blechschild, das Sven Rössler vom DRK hochhält, doch auch er hat längst bemerkt, daß die Stimmung gekippt ist: "Positives hört man nicht mehr." Im Gegenteil. "Manche pöbeln so laut, daß Aussiedler, die Deutsch können, das verstehen und total verängstigt sind. Das ist doch tierisch gemein."
Nach einigen Tagen im vermeintlich gelobten Land, in dem eine populistische Wahlkampfdiskussion um die Zuwanderer entbrannt ist, befallen im Lager Bramsche auch Aussiedlerin Elsa Jagel aus Petropawlowsk bisweilen zaghafte Zweifel über die Zukunft: "Vielleicht geht es arg schwer", sagt sie in dem für die Ohren der Einheimischen fremden Aussiedlerdeutsch, "dort hatten wir Arbeit, aber waren schwach mit Geld, und was kommt hier?"
"Bei einigen fehlt die innere Bereitschaft, Deutsch zu lernen"
"Darüber nachdenken, was der Lafontaine gesagt hat"
* Bei ihrer Ankunft auf dem Frankfurter Flughafen am Dienstag vergangener Woche.
Von Hans-Ulrich Stoldt

DER SPIEGEL 10/1996
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