04.03.1996

TerroristenMeister im Schütteln

Ist die „Antiimperialistische Zelle“ eine neue kopfstarke RAF - oder bloß ein Zwei-Mann-Unternehmen?
Die Soldatenkapelle intonierte "Ich hatt'' einen Kameraden" und schloß, kaum war der letzte Ton verklungen, die Nationalhymne an.
Einer der Teilnehmer an der Totensonntagsfeier beim Aachener Ehrenmal griff zum falschen Instrument. Physikstudent Bernhard Falk setzte ohrenbetäubend eine Preßluftfanfare in Gang - was unter Juristen, wenn solcher Lärm parallel zum Deutschlandlied ertönt, als "Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole" gilt. Ein Nachbar Falks war vom Fach. Der Fahnder in Zivil griff sich sofort den Störenfried und notierte dessen Personalien.
Das war, am 24. November 1991, Falks erster, noch harmloser Kontakt mit der Staatsmacht.
Der - vorerst - letzte Crash des Physikers verlief dramatischer: Am Montag vergangener Woche erließ der Bundesgerichtshof gegen Falk, 28, und dessen Kumpel Michael Steinau, 29, Haftbefehl wegen Verdacht auf versuchten Mord, Sprengstoffverbrechen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Falk und Steinau sollen "spätestens _(* Nach der Festnahme von Falk und ) _(Steinau; ein Bomben-Roboter untersucht ) _(ihren Wagen. )
seit Dezember 1995", formulierte vorsichtig Generalbundesanwalt Kay Nehm, Mitglieder der "Antiimperialistische Zelle" (AIZ) gewesen sein.
Die AIZ ist in der Bundesrepublik bisher durch eine Reihe von Anschlägen aufgefallen. Im vergangenen Jahr legte sie CDU-Politikern in Wolfsburg, Erkrath und Siegen Bombenpakete vors Haus - reiner Zufall, daß bei den Explosionen niemand zu Schaden kam. Kurz vor Weihnachten detonierte ein Sprengkörper, gefüllt mit 2,5 Kilogramm Eisenkrampen, vor dem Eingang eines Düsseldorfer Bürogebäudes. Dort residiert auch der Honorarkonsul Perus.
Die AIZ, verkündete der hamburgische Verfassungsschutz, sei inzwischen "durchaus gefährlicher" als die Rote Armee Fraktion, auch wenn sie das "hohe Aktionsniveau der RAF bei weitem noch nicht erreicht" habe. Die AIZ-Terroristen näherten sich "besorgniserregend politischen Desperados".
Dafür spricht nach Meinung der Sicherheitsexperten die vielseitige Wahl der Mittel. Mal entfachten AIZler bei ihren Anschlägen ein Feuer, mal legten sie Bomben, mal feuerten sie ein Gewehr ab.
Mehr als derlei Details aber wissen die Fahnder bislang über die AIZ nicht. Eine Struktur der Truppe sei, so ein hoher Beamter des Bundeskriminalamtes, mangels Informationen nicht beschreibbar, die Schätzung der Kopfzahl reine Spekulation. Einige Verfassungsschützer halten 80 Mitglieder für möglich und ernten damit heftigen Widerspruch, andere legen sich auf "25 bis 50" fest.
Selbst diese Angabe scheint skeptischen Sicherheitsbeamten übertrieben. "Vielleicht", spekuliert ein Staatsschützer, "bestand die AIZ ja nur aus zwei Mann" - aus Falk und Steinau.
Die beiden haben einen langen gemeinsamen Weg hinter sich. In Halstenbek bei Hamburg drückten sie neun Jahre die Schulbank im Wolfgang-Borchert-Gymnasium, zum Schluß glänzten beide in den Leistungsfächern Chemie und Physik.
Steinau ging nach der Reifeprüfung zur Bundeswehr und studierte Physik an der Uni Hamburg; der Einser-Abiturient Falk, Sohn einer Oberstudienrätin, schrieb sich an der TH Aachen ein - erst bei den Chemikern, dann bei den Physikern.
Gemeinsame Taten folgten. In der Nacht zum 12. Januar 1992 wurden die Zapfsäulen an vier Aachener Shell-Tankstellen beschädigt, Schlösser mit Schnellkleber unbrauchbar gemacht.
An den Tatorten fand die Polizei nicht nur Warnzettel für die Tankwarte, ihre Stationen "für die Kundschaft" erst nach gründlicher Überprüfung wieder zu öffnen. Auch ein sechsseitiges Bekennerschreiben wurde entdeckt.
Der Multi Shell, hieß es darin, spiele "eine wesentliche Rolle" bei der Belieferung des damaligen südafrikanischen Apartheidregimes mit Erdöl, das Engagement des Konzerns "in der Gen- und Biotechnologie" sei verwerflich. Außerdem forderten die Urheber des Schreibens, etwas unvermittelt, daß "Angriffe der Guerrilla auf das Herz des Staates (wie zum Beispiel die Aktion gegen Rohwedder*) als Teil des gesamten Widerstandes begriffen" werden müßten.
Ein Auto mit dem Hamburger Kennzeichen HH-LZ 1041, das ein schlafloser Aachener beobachtet hatte, führte auf die Spur der Täter. Am 15. März 1994 verurteilte das Landgericht Aachen Steinau, der den Wagen unter richtigem Namen gemietet hatte, zu einem Jahr Haft, Falk zu elf Monaten. Die Urteile sind rechtskräftig.
Nur 14 Tage später stand Falk wieder vor Gericht, diesmal in Berlin wegen _(* Der Treuhand-Chef Detlev Karsten ) _(Rohwedder wurde am 1. April 1991 von der ) _(RAF erschossen. )
"Landfriedensbruch im besonders schweren Fall". Er hatte dort an den gewalttätigen Demonstrationen zum 1. Mai 1993 teilgenommen. Dafür brummte ihm der Amtsrichter in Tiergarten ein weiteres Jahr auf.
Längst waren Falk und sein Freund Steinau zu dieser Zeit im Visier der Staatsschützer. Die aber hatten mit ihnen ihre Mühe. So wie sich die beiden in physikalischen Gesetzmäßigkeiten auskannten, so gut beherrschten sie auch die Kunst, Verfolger abzuhängen. "Das sind", sagt ein Fahnder, "absolute Meister im Schütteln." Wohl auch deshalb könnte es ihnen gelungen sein, den letzten Tatort in Düsseldorf auszubaldowern und eine Bombe zu plazieren, obschon die Polizei ihnen dicht auf den Fersen war.
Am 10. und 11. Februar wurden Falk und Steinau in der Nähe von Berlin beobachtet, wie sie zwei Erddepots aushoben und darin etwas verstauten. Als sie weg waren, tauschten Fahnder den Inhalt - 3,5 Kilogramm Schwarzpulver - gegen harmlose Chemikalien aus.
Zwei Wochen später leerten Falk und Steinau die Erdlöcher. Zunächst gelang es ihnen, einem Observationskommando zu entkommen, unbeschadet überstanden sie auch eine Routinekontrolle der Polizei - ehe es dann Fahnder auf Weisung des Generalbundesanwalts am späten Abend des 25. Februar schafften, die beiden in Witzhave bei Hamburg festzunehmen.
Falls sie tatsächlich führende AIZ-Kader sind, haben sie eine von Verfassungsschützern gewobene Legende zerstört - daß AIZ-Aktivisten kaum enttarnbar seien. Beide bewegten sich wie selbstverständlich unter Klarnamen in der linksradikalen Szene, Steinau hinterließ Fingerabdrücke, Falk legte sich ohne Zögern als Zuschauer vor dem Oberlandesgericht Koblenz mit Ordnungshütern an - und hielt auch sonst nicht viel von Konspiration.
Nächtens war er einst von Zivilfahndern ertappt worden, als er eine Hauswand besprühte. Auf der Wache gab er artig die Personalien an und kehrte dann, von Polizisten beäugt, zur Wand und der unvollendeten Aufschrift "RAF + Widerstand = Unsere . . ." zurück.
Erst versuchte Falk, nur mit einem Lappen das Sprühwerk abzuwischen, dann mit Waschbenzin. Bis heute ist ungeklärt, ob dies Spurenvernichtung war oder ausgeprägte Ordnungsliebe.
Längst waren Falk und Steinau im Visier der Staatsschützer
* Nach der Festnahme von Falk und Steinau; ein Bomben-Roboter untersucht ihren Wagen. * Der Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder wurde am 1. April 1991 von der RAF erschossen.

DER SPIEGEL 10/1996
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