04.03.1996

KubaDas Gemächte des Feindes

Auf englisch hätte die Lady das Unaussprechliche niemals in den Mund genommen; auf spanisch aber kamen ihr die Cojones ganz ungeniert über die Lippen. Madeleine Albright, Amerikas Vertreterin vor der Uno, geißelte mit dem Unwort eine Untat: Beim kaltblütigen Abschuß von zwei amerikanischen Kleinflugzeugen vor der kubanischen Küste hätten Fidel Castros Militärpiloten keineswegs Cojones bewiesen, sondern nichts als ihre Feigheit bloßgestellt.
Spätestens seit Hemingway ist den Amerikanern geläufig, daß der hispanische Mann in den Quellen seiner Zeugungskraft auch die Quellen seiner Courage vermutet und mit welchem Terminus er seine Kleinodien bezeichnet. Es war trotzdem ein Verstoß gegen diplomatische Usancen, daß Amerikas Botschafterin, turnusmäßig auch noch Vorsitzende des Uno-Sicherheitsrates, die Kubaner am Dienstag letzter Woche derart unflätig attackierte.
Während die Aufregung Frau Albrights ("Das ist kaltblütiger Mord!") noch einigermaßen spontan wirkte, brachte der US-Präsident seine Empörungsbekundungen ungewöhnlich lustlos und gequält zum Ausdruck; umfassender informiert als seine Botschafterin, konnte Bill Clinton die Rolle des moralischen Anklägers nicht mit innerer Überzeugung verkörpern. Er stand nur bekümmert vor dem Ruin seiner stillen und behutsamen, durchaus erfolgversprechenden Kuba-Politik.
Der Zwischenfall vom Samstag vorletzter Woche - in dem Punkt lag die Botschafterin wohl richtig - hatte manches mit Machismo zu tun. Nach dem Abschuß von zwei exilkubanischen, in den USA zugelassenen Cessna-Flugzeugen aus Miami und dem Tod der vier Insassen wurde in Havanna ungerührt der Karneval weitergefeiert. Castros Regime bejubelte die Tat.
Auch ein nicht gerade regimetreuer Kubaner erklärte ausländischen Bekannten stolz: "Wir sind hier eben nicht in Rußland. Bei uns landen keine fremden Sportflieger auf dem Roten Platz."
Im Tonfall kaum weniger herausfordernd hatten sich auch die Draufgänger aus Florida bei ihrem Anflug auf Kuba gebärdet. "Herzliche Grüße von den Rettenden Brüdern!" hatte deren Chef Jose Basulto, Pilot einer dritten mitfliegenden Cessna, der kubanischen Luftüberwachung zugerufen, als sein kleiner Verband den 24. Breitengrad nördlich von Havanna passierte.
"Senor, wir setzen Sie davon in Kenntnis, daß das Gebiet im Norden Havannas gesperrt ist", lautete die Antwort, vom Tonband festgehalten. "Sie begeben sich jetzt in Gefahr."
Das hat den wortgewandten Abenteurer Basulto, Jahrgang 1940, einen Veteranen des gescheiterten Invasionsversuchs in der Schweinebucht 1961 und erfahrenen Söldner-Piloten mittelamerikanischer Guerrillakriege, nicht geschreckt: "Wir wissen, daß wir uns jedesmal in Gefahr begeben", rief er den kubanischen Militärs zu. "Wir tun es als freie Kubaner."
Prompt fielen die beiden Maschinen mit den jüngeren Rettenden Brüdern den Abfangjägern Fidel Castros zum Opfer, die ihre Treffer mit Metaphern aus dem Genitalbereich feierten. Basulto, für eine Pressekonferenz nun bestens gerüstet, konnte unversehrt nach Florida zurückkehren und Castros neue Schandtat anprangern.
Seine Rettenden Brüder sind für Kuba alte Bekannte. Sie stehen im politischen Spektrum des kubanischen Exils den rabiaten Rechten des machthungrigen Bauunternehmers und Millionärs Jorge Mas Canosa nahe. Den Regierungen in Washington wie in Havanna sind die Brüder - wenngleich in unterschiedlichem Maße - suspekt.
Mit dem Image einer humanitären Hilfsorganisation treten sie seit 1991 auf, als Basulto und sein Partner Billy Schuss begannen, den Exodus kubanischer Boat People zu fördern. Indem sie Kubas Nordküste aus der Luft beobachteten und die Boote und Flöße der Flüchtlinge sogleich der US-Küstenwache meldeten (die sie aus dem Wasser fischten und nach Florida brachten), minderten sie für die Kubaner das Risiko und verkürzten auch beträchtlich die Reisedauer in der gefährlichen Meerenge.
Doch im Mai letzten Jahres, nach ausgiebiger Geheimdiplomatie, machten Clinton und Castro dem Exodus ein Ende. In den Jahrzehnten des Kalten Krieges von den USA stets als Freiheitshelden empfangen - weil sie in Lateinamerika einer linken Diktatur entkommen waren -, mußten die Kubaner fortan mit der Gewißheit rechnen, von der US-Küstenwache nicht mehr nach Miami, sondern umgehend zurück nach Kuba gebracht zu werden. (Dafür dürfen jährlich 20 000 Kubaner in Havanna ihr Einwanderungsvisum für die USA ganz legal bekommen.)
Zwar wurde Clinton darauf vom republikanischen Erzreaktionär Jesse Helms, der im Washingtoner Senat dem Auswärtigen Ausschuß vorsitzt, Komplizenschaft mit dem Repressionsregime vorgeworfen, und die exilkubanische Rechte bezichtigte den Präsidenten des Verrats - die stille Mehrheit der aus Kuba stammenden Million Florida-Bewohner aber war mit dem Abkommen durchaus einverstanden: Wie andere Amerikaner auch, fühlen sie sich von ungehemmter, zahlenmäßig unberechenbarer Einwanderung bedroht.
Für die Rettenden Brüder, für die exilkubanische Rechte überhaupt, war die Verständigung zwischen Washington und Havanna allerdings ein Menetekel. Sie gab Kräften Auftrieb, die bis dahin eine Schattenexistenz geführt hatten: dialogbereiten Exilkubanern, die seit längerem Kontakte zum Regime Fidel Castros (wie auch zu manchen Dissidenten auf der Insel) unterhielten und die an einen langsamen, relativ schmerzlosen Übergang zur Marktwirtschaft und dann auch zur Demokratie glaubten. Castros alte Freunde in Vietnam könnten dem Diktator zunächst als Vorbild dienen.
Gegen diese Entwicklung, für kubanische Fanatiker des Umsturzes entmutigend, konnte nur "systematische Provokation" helfen. So nennt etwa Nicolas RIos, Chefredakteur der dialogfreundlichen Zeitschrift Contrapunto in Miami, die Tätigkeit der Rettenden Brüder und ähnlicher Organisationen.
Schon seit einem Jahr reizten die wendigen Cessna Skymaster den Stier Kuba. Wie die Toreros in der Arena ihre bunten Banderillas setzen, so haben diese Rettenden Brüder der "großen grünen Eidechse" (wie der Nationaldichter Nicolas Guillen die Insel Kuba nannte) immer häufiger ihre Widerhaken eingerammt.
Havanna, jahrzehntelang von schwerem Sowjetgeschütz bewacht, hatte in den letzten Jahren seine Flak reduziert und erstaunlich viele Übergriffe aus Miami hingenommen. Entsprechend forsch waren die Provokateure geworden: Auf der verkehrsarmen, meist vierspurigen Autobahn quer durch Kuba landeten die "Entführer", um Verwandten die Flucht zu ermöglichen. Und immer wieder sind Sicherheitsvorkehrungen des Regimes als lächerlich dekuvriert worden, etwa wenn der Abwurf subversiver Flugblätter über Havanna die Durchlässigkeit des kubanischen Luftraums offenkundig machte.
Bill Clinton hat solche Ausflüge als unvermeidliches Übel toleriert - auch Exilkubaner sind Wähler. Schließlich hatte er den alten Revolutionär ja als Gegner geerbt: Castro ist eine Hinterlassenschaft seiner acht unmittelbaren Vorgänger im Weißen Haus, von Dwight D. Eisenhower bis George Bush. Die Obsession mit dem kommunistischen Inselreich, die einige US-Präsidenten zur Genehmigung von Mordplänen der CIA gegen Castro verführte, war dem Pragmatiker im Weißen Haus stets fremd.
Die Empörung, die der Vorfall in den USA ausgelöst hat, treibt Clinton nun allerdings in die Umarmung der Ultras. Er beugte sich dem massiven politischen Druck aus dem Kongreß und sagte eine Verschärfung des 34jährigen Handelsembargos zu. "Adios, Fidel", kommentierte der Autor der Gesetzesvorlage, Senator Jesse Helms; und Dan Burton, sein Partner im Repräsentantenhaus, sagte: "Dies ist der letzte Nagel für Castros Sarg."
Das ist fraglich, aber fest steht: Die amerikanischen Konzerne, die Washington seit Monaten drängten, endlich das Embargo aufzuheben, um mit Kuba ins Geschäft zu kommen, sind nun vorerst zum Schweigen verdammt. Die von Castro erhoffte Kooperation mit der EU ist auf Eis gelegt. Ausländische Unternehmen, die in Kuba von Kommunisten beschlagnahmten Besitz nutzen, können fortan vor US-Gerichten verklagt werden - möglicherweise trifft das auch deutsche Touristik-Unternehmen.
Mit einem Schlag haben die Rettenden Brüder - und der brutal zurückschlagende Fidel Castro - den Rechtsauslegern unter den Exilkubanern die motivierenden Märtyrer verschafft und die moralischen Trümpfe zugespielt. Bill Clinton, der das Helms-Burton-Gesetz ursprünglich durch ein Veto zu Fall bringen wollte, wird nun zum Gefangenen dieses Gesetzes. Für ihn wird es jetzt viel schwerer, auf Kuba Einfluß zu nehmen: Er kann Castro keinen Köder mehr bieten, der den altgedienten Diktator zu wirtschaftlicher oder gar politischer Liberalisierung nötigen würde.
Auf der Insel dürften die recht ersprießlichen Seminare westlicher Stiftungen, die Kubas junge Eliten auf eine Demokratie nach europäischem Muster einstimmen sollten, zunächst einmal abgeblasen werden: Demagogie ist Trumpf, wenn Diplomatie versagt.
Ist Castro am Ende seines realen Sozialismus zum "weidwunden, in die Enge getriebenen Tier" geworden, wie die Washington Post vermutet, ein "Hasardeur am Rande des Abgrunds", wie die Neue Zürcher Zeitung annimmt?
Weit mehr als drei Jahrzehnte der Auseinandersetzung mit ein und demselben Widersacher, den USA, geben Fidel immerhin einen Erfahrungsvorsprung. Bill Clinton ist sich dessen anscheinend bewußt. Am Wochenende, als die wütenden Exilkubaner sich demonstrativ mit Flugzeugen und Schiffen dem Hoheitsgebiet Kubas nähern wollten, entsandte der US-Präsident Kriegsschiffe in die Region - offenbar, um eine weitere Provokation des reizbaren Feindes zu verhindern. Y
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 10/1996
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