11.03.1996

MedizinGefährlicher Urtrieb

Rasch tritt der Tod den Menschen an - auch beim Kegeln, Radeln und Angeln.
Still ruhte der Fischteich. Seit Stunden döste der 54jährige Angler am Ufer. Nicht ein einziger Zehnpfünder biß an. Dafür brach, aufgeweicht vom Herbststurm, jählings die Böschung weg. Der Mann rutschte ins Wasser und ertrank.
Einen Kollegen traf der Stromschlag. Mit zuviel Schwung warf der Sportfischer seine Angelsehne aus. Die Schnur sauste himmelwärts und wickelte sich um eine Hochspannungsleitung.
Tragisch endete auch ein Sportlerleben in Oldenburg. Während eines Spiels geriet einem 22jährigen Fußballer das Kaugummi in die Luftröhre. Der Kicker erstickte.
Einem 48jährigen Vereinsschützen aus Hessen wurde zum Verhängnis, daß er sein Gewehr auf dem Schießstand abgelegt hatte. Eine Windböe blies eine Pappscheibe gegen die Waffe, woraufhin sich ein Schuß löste. Die Kugel durchschlug den Hals des Schützen. Der Oberstudienrat starb auf dem Weg ins Krankenhaus.
Schier grenzenlos sind die Möglichkeiten, bei körperlicher Ertüchtigung aus dem Leben zu scheiden. Radler rasen gegen Bäume, Skifahrer werden am Fels zerschmettert, Bergsteiger brechen sich das Genick. Etliche Verluste sind auch zu verzeichnen, weil Segelboote kentern, Sportflugzeuge aus den Wolken fallen oder Pferde ihre Reiter abschütteln.
Daß der Sport anfängt, "wo die Gesundheit aufhört", meinte schon der Dichter Bertolt Brecht. Jetzt haben zwei Ärzte aus Fulda die (wie sie es formulieren) "Schattenseiten des Sports" ausgeleuchtet. Herausgekommen ist eine bislang einzigartige Fleißarbeit über den "Tod im Vereinssport".
Für ihre Studie haben die Sportmediziner Christoph Raschka und Markus Parzeller insgesamt 1569 Fälle der Jahre 1981 bis 1993 ausgewertet. Die Akten stammen von der Düsseldorfer Arag-Sportversicherung, bei der fast alle Landessportbünde ihre Mitglieder versichert haben.
Tod durch Unfall, so fanden die Sportmediziner zu ihrer Überraschung heraus, ist allerdings die Ausnahme. Drei von vier Sportopfern sterben an plötzlichem Herzversagen.
Gewöhnlich verläuft ein Abgang von der Sportlerbühne so undramatisch wie bei jenem 55jährigen Kegelbruder, der, kaum daß er die Kugel angehoben hatte, wie ein schlaffer Mehlsack zusammensackte; Exitus durch Herzstillstand.
Weil es so viele ältere Männer gibt, die gern eine ruhige Kugel schieben, steht das Kegeln in der Liste mit den registrierten Todesfällen in verschiedenen Sportarten weit oben auf Platz sechs (nach Tischtennis). Herzversagen beim Kegeln ereignete sich in dem untersuchten Zeitraum fast doppelt so häufig wie der Absturz eines Segelflugzeugs.
Betrachtet man die absoluten Zahlen, bleibt noch weit mehr deutschen Männern die Pumpe stehen, während sie auf dem grünen Rasen hinter dem Lederball herhecheln. "Gerade in den Altherrenmannschaften", berichtet Parzeller, "rennen oft Untrainierte auf den Platz, geben alles und überschreiten ihre physischen Grenzen." Über 34jährige Fußball-Opas, so rät der Sportmediziner, sollten sich alle zwei Jahre einem Belastungs-EKG unterziehen.
Vielen tödlichen Unfällen beim Fußball könnte man nach Ansicht der Wissenschaftler vorbeugen. Ein exemplarischer Fall, wie er in den Arag-Akten dokumentiert ist: Der 26jährige Stürmer springt hoch, um einen Flankenball ins Tor zu köpfen und kollidiert dabei mit dem gegnerischen Torwart. Durch den Zusammenstoß bricht beim Stürmer der oberste Halswirbel und durchtrennt eine Arterie; Blut schießt in den Schädel, lebenswichtige Hirnareale werden zerquetscht.
"Zu Todesfällen beim Fußball kommt es typischerweise durch ein schweres Schädel-Hirn-Trauma nach einem Kopfball-Duell", resümiert Parzeller, "der Kopfball sollte verboten werden."
Der gutgemeinte Appell wird nichts nützen. Ebensogut hätte der Sportarzt dafür plädieren können, den K.-o.-Schlag beim Boxen abzuschaffen. "Beim Sport leben Männer nun einmal ihre Urtriebe aus", ahnt auch sein Kollege Raschka, "sie wollen imponieren, kämpfen, siegen." Notfalls bis die Knochen krachen.
Die meisten Sportlerinnen halten sich aus dem Schlachtengetümmel heraus. Frauen quälen sich lieber in Turnvereinen - in denen aber passiert nicht viel. Von jeweils 100 Toten beim Vereinssport, so das Ergebnis der Studie, sind laut Statistik nur vier weiblichen Geschlechts.
Allein auf dem Rücken galoppierender Pferde kennen die Amazonen kein Halten. Vor allem Mädchen und junge Frauen kommen zu Fall. Vielen Opfern hätte "ein Sturzhelm oder ein kleineres Pferd" (Parzeller) das Leben gerettet.
Auf tödliche Unfälle, die leicht vermeidbar gewesen wären, stießen die Sportmediziner bei ihrem Aktenstudium immer wieder: ___Athleten unterschätzen die Naturgewalten. Jogger nehmen das aufziehende Gewitter nicht ernst und werden vom Blitz getroffen. Kanuten und Ruderer ertrinken, weil sie keine Schwimmweste am Leib tragen. ___Regelmäßig wird Radfahrern zum Verhängnis, daß sie abends mit schlecht beleuchtetem Gerät trainieren. Sie werden von Autos überrollt. ___Erst wenn nach mehrstündigem Rennen der Kreislauf kollabiert, wird manchem Marathonläufer schmerzhaft bewußt, daß eine seiner Herzklappen nicht richtig schließt; zu spät. ___Hobbytaucher neigen dazu, die Gebrauchsanweisung für ihre Sauerstoffflaschen zu mißachten. Viele Unterwassersportler lassen sich in Tiefen absinken, wo wegen der niedrigen Temperatur das Kondenswasser im Lungenautomaten gefriert - da bleibt ihnen die Luft weg.
Doch in den Versicherungsakten finden sich auch Opfer des Vereinssports, die an ihrem vorzeitigen Ableben gänzlich unschuldig sind. Insgesamt 31 Schiedsrichter kamen bei der Erfüllung ihrer Pflicht ums Leben.
Unplanmäßiger Ballkontakt und Zusammenstöße mit Spielern waren bei den Todesfällen in der Minderzahl. Den meisten Unparteiischen versagte der Herzmuskel. Einer wurde von einem umkippenden Fußballtor erschlagen.

DER SPIEGEL 11/1996
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