11.03.1996

KabarettFrivoles Früchtchen

Angelika Mann, einst Star der DDR-Rockszene, macht als Kabarettistin und Sängerin alter Ostschlager eine zweite Karriere.
Auf der Bühne kräht ein Pummelchen im pinkfarbenen Petticoat: "Ich steige dir aufs Dach, steigst du 'ner andern nach." Dann deklamiert sie: "Sonne, Regen, Hagel, Schnee, wann gehst du zur Volksarmee?" Die Antwort geht im Jubel des Publikums fast unter: "Sonne, Regen, Hagel, Wind - wenn du groß bist, liebes Kind." Gerührt sagt eine ältere Dame: "Det isse, unsre Lütte."
Gemeint ist Angelika Mann, der unumstrittene Star eines Spektakels, das die behäbige sozialistische Gangart lustvoll-spöttisch in Erinnerung ruft. "Präsent 20" heißt die Revue, die Schlager und Sketche aus 40 Jahren DDR-Unterhaltungskunst androht und damit dem Berliner Friedrichstadtpalast seit Wochen ein ausverkauftes Haus beschert.
Klein, drollig, mollig, blond und keß singt Angelika Mann, 46, heute wieder jene Lieder, mit denen sie während der siebziger Jahre in der ehemaligen DDR als "die Lütte" der Rockszene bekannt wurde.
Ihre Songs wurden im Radio gedudelt, die Leute umringten sie auf der Straße - bis die quirlige Sängerin einen Ausreiseantrag stellte und 1985 nach West-Berlin ging, "raus aus der muffigen Enge, raus aus meiner abgeschotteten, kontrollierten Künstlerexistenz".
Daß niemand sie kannte im Westen, daß keiner nach ihr fragen würde, das hatte sie zwar vorher gewußt, aber, wie sie deftig berlinernd sagt, "als ick et erlebte, war et doch erst mal traurig".
Dann aber zeigte sich, daß ihr schnoddriger Charme, ihr komödiantisches Talent und ihre kräftige Stimme grenzüberschreitend gut ankommen: Obwohl sie "die Kleinste, die Dickste und die Älteste war", wurde sie von Günter Krämer, dem Regisseur am Theater des Westens, als Lucy für die "Dreigroschenoper" engagiert - mit rauschendem Erfolg, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien und Japan.
Danach rezitierte sie Shakespeare-Sonette in den Kölner Kammerspielen, machte als Pianistin bei den Berliner "Stachelschweinen" mit. Eine kleine Rolle in der Fernsehserie "Molle mit Korn", die hauptsächlich darin bestand, mit einem Holzbein über Stoppelfelder zu humpeln, brachte sie mit der überkandidelten TV-Welt in Berührung. Angelika Mann traf dort viele blitzdumme Angeber, schöne, braungebrannte Menschen, die krampfhaft bemüht waren, gut drauf zu sein. "Det alles" fand die Lütte "doch recht merkwürdig".
Aber es half, Humor und Standfestigkeit zu entwickeln, und deshalb hat die Mann auch weiterhin Pläne für Filme und Fernsehen. Sie, die sich in jeder Kartoffelknödel-Reklame gut machen würde, möchte gern mal "wat Handfestet" spielen - beispielsweise eine Köchin, die, robust an Magen und Gemüt, energisch in einer Serie herumfuhrwerkt. Wunschregisseure sind die von ihr verehrten Komiker Loriot und Gerhard Polt, "weil ich bei denen eben nicht jung, schön und schlank sein müßte".
Dabei beruht ein Teil ihrer Komik gerade darauf, daß sie so ein rundlicher Wonneproppen ist. Etwa, wenn sie bei ihrer aktuellen Tournee mit Claire-Waldoff-Liedern neben ihrer schönen, schlanken Kollegin Gerlinde Kempendorff auf der Bühne steht, ihr samtenes Kleid hebt, dralle Waden zeigt und dem Publikum entgegenschmettert: "Nach meene Beene is ja janz Berlin verrückt."
Mann und Kempendorff sind witziger und stimmgewaltiger als andere Waldoff-Interpretinnen, wie auch ihre CD "Glanzlichter" beweist (Duophon, Pool Musikvertrieb). Angelika Mann singt etwa über ein kleines Luder, das seinem Vater das Gebiß stiehlt, über vertrocknete Ehen, schöne Männer im Liebesdrange und sündige Frauen, die gern Catcher küssen. Mit dabei ist natürlich auch "Hermann heeßt er", das Lied, mit dem einst Göring verspottet wurde, sowie der volkstümliche Mitklatsch-Song "Wer schmeißt denn da mit Lehm?"
Sie flirtet als frivoles Früchtchen hemmungslos ins Publikum - niedlich und neckisch, kreischend, nölend, mit sparsamen Gesten und ausdrucksvoller Mimik, dann wieder mit grotesker Übertreibung und sentimentalen Posen.
Aber ihr Blick auf die Vergangenheit gerät eher nüchtern. Sie ist allergisch gegen pathetische Inszenierungen, gegen verstiegene Erhabenheit. Witz und groteske Übertreibungen, das weiß die Entertainerin, schützen sie und das Publikum vor zu großer Ergriffenheit und Rührung.
Das macht auch ihre Ost-Schlagerparade so erfolgreich: Da werden Politiker besungen, die gestern noch der SED gedient haben, um dann ("Da war Gold in deinen Augen") dem Kapitalismus entgegenzustürzen. Wenn Angelika Mann und ihre Kollegen Alfred Müller und Matthias Freihof aus alten Betriebszeitungen vorlesen ("Bauer, auch deine Eier gehören dem Staat"), beim "Pinguin Mambo" steif einherdäbbeln, den Hüte tragenden Erich Honecker karikieren und alte Nina-Hagen-Hits anstimmen ("Du hast den Farbfilm vergessen"), dann klatschen sich die Zuschauer vor Vergnügen auf die Schenkel oder - nicht alles gerät zur Parodie - singen wehmütig mit.
"Unsere Schlager von früher waren auch nicht schlechter als die Schlager im Westen", sagt die Mann ein bißchen trotzig. Neben jungen Leuten, die in der Revue ein amüsant-nostalgisches Kultspektakel sehen, kommen vor allem ältere Ostler in Scharen. Die wollten, glaubt die Mann, einfach ihrer eigenen Vergangenheit noch mal begegnen. "Und hier kriegen sie, was sie wollen: eine Mischung aus Komik, Wehmut und Wonnegraus." Y

DER SPIEGEL 11/1996
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