18.03.1996

TagebuchLiebesentzug total

TV-Star Manfred Krug, „Tatort“-Kommissar und „Liebling Kreuzberg“, hat im Juni 1977, ein halbes Jahr nach der Biermann-Ausbürgerung, die DDR verlassen. Was den damals populärsten Unterhaltungskünstler im Honecker-Staat dazu trieb, hielt er in einem Tagebuch fest, das nun als Buch erscheint - Auszüge vorab im SPIEGEL.
Für Manfred Krug, 59, war der 20. November 1976 "ein historisches Datum": An diesem Samstag "dürfte mein ehrbares Haus die bestbewachte Immobilie Ost-Berlins gewesen sein. Für vier Stunden lebten wir inmitten eines Fuhrparks von dunklen Limousinen". In der Villa in Niederschönhausen, sonst oft Schauplatz fröhlicher Geselligkeit, trafen sich damals 16 Frauen und Männer, denen nicht zum Spaßen war.
Um den Tisch im Wohnzimmer saßen die Schauspieler Hilmar Thate, Angelica Domröse, Jutta Hoffmann und Manfred Krug, der Filmregisseur Frank Beyer und die Schriftsteller Stefan Heym, Jurek Becker, Heiner Müller, Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger, Dieter Schubert, Christa und Gerhard Wolf.
Ihnen allen war gemeinsam, daß sie sich nicht mit der Ausbürgerung des Politsängers und Dichters Wolf Biermann aus der DDR - wenige Tage nach dessen Konzertauftritt in Köln - abfinden wollten. Auch die drei Herren, zu denen die großen Autos vor dem Haus gehörten, hatten etwas Gemeinsames. Sie vertraten den Zensurapparat der SED: Werner Lamberz, Politbüro-Mitglied und als Kronprinz Honeckers gehandelt, Heinz Adameck, oberster Chef des DDR-Fernsehens sowie Eberhard Heinrich, Abteilungsleiter beim Zentralkomitee.
Im Gespräch zwischen Macht und Kunst herrschte jener betont freundlichsachliche Umgangston, der nichts Gutes verhieß. Damals brodelte es unter den Intellektuellen und Künstlern in der ganzen DDR. Partei und Regierung sahen ihr System in Gefahr. Ungeheuerliches war geschehen: Zum erstenmal nach dem 17. Juni 1953 meldeten sich öffentlich wieder Oppositionelle zu Wort. Schon einen Tag nach dem Ukas gegen Biermann am 16. November 1976 hatten 13 DDR-Künstler von der Staatsführung gefordert, sie möge "die beschlossene Maßnahme überdenken".
Zwei Tage später waren es schon annähernd 100 bekannte Namen aus der Kulturszene, die Biermann-Solidarität dokumentierten. In Jena legten Studenten eine neue Unterschriftenliste auf, mit der sie vor die Tore der Zeiss-Werke zogen - "wir protestieren". Krug im Rückblick: "Wie eine Bowlingkugel rasten diese Worte unter die Politbürokegel." War das die "Konterrevolution"?
Die alarmierte SED-Führung reagierte. Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann besuchte persönlich den Bildhauer und Nationalpreisträger Fritz Cremer. Der zog daraufhin prompt seine Unterschrift zurück. Andere folgten oder zeigten, unter Druck gesetzt, Reue und distanzierten sich vom "Klassenfeind im Westen".
Im SED-Blatt Neues Deutschland erschienen flammende Treuebekenntnisse zum Honecker-Staat. Der Stellvertretende Chefredakteur Günter Kertzscher, ehemals Parteigenosse in Hitlers NSDAP, hetzte gegen den ausgebürgerten Politbarden: "Antikommunistischer Krakeeler".
Es war Stefan Heym, der Lamberz und seinen beiden Begleitern an jenem denkwürdigen Novembertag im Hause Krug diesen Artikel vorwarf: "Die Terminologie ist wörtlich den Ausbürgerungsdokumenten des nationalsozialistischen Staates entnommen. Die Ausbürgerung ist eine Nazi-Praxis." Lamberz-Adlatus Heinrich verteidigte den Zwangsakt: "Das ist eine Errungenschaft, die die Revolution den Franzosen gebracht hat." Die gesamte Diskussion ist jetzt im Wortlaut nachzulesen, denn der Hausherr ließ es sich damals nicht nehmen, sie heimlich mit seinem Uher-Tonbandgerät aufzunehmen. Krug: "Mir geht heute noch die Muffe, wenn ich dran denke."
Krugs Aufzeichnung dokumentiert, mit welcher Brillanz und Zivilcourage Stefan Heym an diesem Nachmittag den Parteifunktionären Kontra gab: "Wir haben als Bürger dieser Republik das Recht zu protestieren, öffentlich zu protestieren." Krug mahnte an: "Es braucht auch einen politischen Verstand." Jurek Becker insistierte: "Ich will den Biermann wieder zurückhaben." Auffallend ist auch die Beharrlichkeit, mit der Christa Wolf eine "offene Kommunikation" forderte.
Die drei vom Parteiapparat, von der Übermacht zuweilen regelrecht in die Enge getrieben, reagierten mit Drohungen. Lamberz: "Ja, wenn Sie uns den Fehdehandschuh hinwerfen . . ." Aber er versprach auch: "Verhaftet wird niemand, dafür gebe ich meine absolute Garantie. Nur jemand, der andere Dummheiten macht."
Alle Anwesenden wußten, was dies im Klartext hieß: Der Willkür der SED-Führung war nicht zu entkommen. Es ist diese spezifische Mixtur von Schattenboxen und offenem Schlagabtausch, die dem Protokoll dieser Zusammenkunft seinen besonderen dokumentarischen Stellenwert gibt.
In den Wochen und Monaten nach der Biermann-Ausbürgerung sahen sich die Standhaften unter den Protestierern einem unterschiedlich gestaffelten Katalog von Repressalien ausgesetzt. Der Schriftsteller Jürgen Fuchs wurde verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Andere sahen nur noch die Möglichkeit, der DDR den Rücken zu kehren.
Der Schauspieler Krug sah sich kaltgestellt. Kurz vorher noch mit Privilegien verwöhnt, wurde er nun rigide abgestraft. Es gab keine Rollen mehr für ihn, keine Engagements, keinen Beifall: Liebesentzug total.
Das nahm der kahlköpfige Haudegen mit der zartbesaiteten Seele persönlich. Er war schließlich wer: der unumstritten populärste Star im Lande. Keiner füllte wie er die Kulturpaläste, wenn er als Jazzsänger mit dem Günther-Fischer-Quartett durch die Republik tourte. Unvergessen war der sensationelle Erfolg in der Komischen Oper in Ost-Berlin, wo er in einer Götz-Friedrich-Inszenierung über sechs Jahre den Sporting Life in "Porgy and Bess" spielte.
Keiner konnte wie er Parteisekretäre oder Genossenschaftsbauern in Film und Fernsehen so mimen, daß sie beim Publikum ankamen. Er spielte sie als nonkonforme Draufgänger, geradlinig, mit einem Hang zur groben Direktheit. Krug blieb immer Krug. Das machte ihn zu einer wertvollen Identifikationsfigur, auch wenn ihm der Ruf der Aufsässigkeit anhing.
Ein proletarischer Touch und eine passabel linientreue Haltung förderten seine Karriere. Vor der Schauspielerei hatte er als Schmelzer im Stahlwerk Brandenburg malocht. Den Mauerbau begrüßte er, weil er glaubte, die DDR könne den Aderlaß der Abwanderer nicht verkraften. In der Nationalen Volksarmee wurde Kradmelder Krug als guter Schütze prämiert. Als Walter Ulbricht ihm 1968 den Nationalpreis überreichte, brachte der Arbeiterdarsteller den verbiesterten Parteichef mit einem frechen Schnack zum Lachen.
Und nun sollte das alles plötzlich nichts mehr gelten, nur weil er sich nicht verbiegen ließ. Krug war abgrundtief enttäuscht. Am 19. April 1977 reichte er einen Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik ein.
Am gleichen Tag begann er, mit Ingrimm ein Tagebuch zu führen, und hielt es durch bis zum 20. Juni, dem Tag, an dem er mit seiner Frau Ottilie, seinen drei Kindern und seiner Haushälterin, mit Sack und Pack über die Grenze nach West-Berlin fuhr - eine Ausreise erster Klasse.
Festgehalten hat er in diesen zwei Monaten seine Wut, seine Ängste, seine Paranoia. Der Publikumsliebling spürte die Faust des Arbeiter-und-Bauern-Staates im Nacken und die Stasi-Spitzel, die jeden seiner Schritte überwachten. Seine Hosen klebten vom Angstschweiß, wenn er von den Parteibonzen zur "Aussprache" vorgeladen wurde.
In einem unverwechselbaren Sound, einer Art Krug-Blues, mal mit fein hinterlistiger Ironie, mal ohne Blatt vor dem Lästermaul, zeichnete der Geschmähte seine Beobachtungen im absurden DDR-Alltag auf: wie Freundschaften zerbröselten und das Mißtrauen gedieh, wie er Zuspruch und Hilfe erfuhr, wie er schwankte, aber nicht umfiel.
Jetzt bringt er Aufzeichnungen und Mitschnitt in einem Buch heraus, das übernächste Woche im Econ Verlag erscheint. Titel: "Abgehauen". Der SPIEGEL druckt vorab in einer zweiteiligen Serie Auszüge aus dem Tagebuch - wirksame Arznei gegen den grassierenden Virus des DDR-Nostalgismus.
Von Rolf Rietzler

DER SPIEGEL 12/1996
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