18.03.1996

TiereTod aus dem Dorf

Ein rätselhaftes Massensterben unter den Löwen der Serengeti wurde aufgeklärt: Ein Virus hatte die Artenbarriere übersprungen.
Ein Grüppchen Touristen, die im bunten Ballon über dem Tierparadies Serengeti schwebten, kam der Seuche zuerst auf die Spur. Aus luftiger Höhe erblickten sie im Gras der ostafrikanischen Steppe die leidende Kreatur: Ein Löwe wand sich und zuckte, in offenkundig krankhafter Konvulsion, mit allen Gliedern.
Wie jenes Tier, das zu Beginn des Jahres 1994 entdeckt wurde, quälten sich im Laufe der folgenden Monate noch schätzungsweise 1000 weitere Exemplare des mächtigen Räubers: Der tansanische Nationalpark verlor ein Drittel seines ehemals stolzen Löwenbestands.
"Die armen Tiere litten entsetzlich", erinnert sich Craig Packer, Verhaltensforscher und Ökologe an der University of Minnesota und Direktor des Serengeti-Löwenprojekts. Packer ist einer von 15 Wissenschaftlern aus fünf Ländern, die sich zusammentaten, um die Ursache des Löwensterbens aufzuklären. "Um ein Rätsel wie dieses zu lösen", sagt Linda Munson, amerikanische Pathologin und Mitglied des Teams, "braucht man eine Menge hochspezialisierter Kenntnisse - für sich allein hätte keiner von uns dieser Epidemie auf den Grund kommen können."
Initiatorin der detektivischen Sucharbeit, über die das britische Wissenschaftsmagazin Nature jetzt berichtete, war die langjährige Serengeti-Tierärztin Melody Roelke-Parker. Sie ging einer Reihe von möglichen Ursachen nach: Waren die Löwen von einheimischen Rinderfarmern vergiftet oder durch Zekken mit einer tödlichen Krankheit infiziert worden?
Amerikanischen Wissenschaftlern schickte sie Videoaufnahmen von den kranken Tieren. Laboratorien in Tansania, in der Schweiz, in den USA und in Großbritannien erhielten Gewebeproben von gesunden, kranken und von bereits verendeten Serengeti-Löwen.
Dabei mußte die Tierärztin sich eilen, um den Hyänen zuvorzukommen: Über Nacht hatten die Aasfresser ihre ungewöhnlich reiche Beute meist schon bis auf das Skelett vertilgt.
Die Pathologin Munson am College of Veterinary Medicine der University of Tennessee in Knoxville bestätigte als erste den Verdacht, daß sich die Raubtiere mit den Erregern der Hundestaupe angesteckt hatten; andere Kollegen erhärteten den Befund.
Bislang hatte diese für Hunde typische Infektionskrankheit, die mit Krämpfen, Lähmungen und Fieber einhergeht, Großkatzen wie Tiger, Leoparden und Löwen nur in Zoos befallen. Ein Staupe-Virus hatte 1988 unter den Seehunden der Nordsee gewütet.
Wie das Ebola-Virus beim Menschen, so hatte nun offenbar das Hundestaupe-Virus CDV (für "Canine Distemper Virus") die Barriere zu einer anderen Spezies übersprungen - mit verheerenden Folgen für die Löwenpopulation des ostafrikanischen Nationalparks: Von den ehemals 3000 Großkatzen haben nur 2000 die Epidemie überlebt.
Im August 1994 konnten bereits bei 85 Prozent der gesamten, gut kontrollierten Löwenpopulation in der Serengeti Antikörper gegen die Staupe nachgewiesen werden, ein deutliches Anzeichen dafür, daß die Tiere in Kontakt mit dem Erreger gekommen waren.
Die Epidemie begann zu jener Zeit sich nach Norden in das angrenzende kenianische Masai-Mara-Reservat auszudehnen, kam dann aber Ende des Jahres allmählich zum Stillstand. Auch Fleckenhyänen fielen dem "neuen Biotyp des Staupeerregers" (Roelke-Parker) zum Opfer.
Das Staupe-Virus hatte bei früheren Epidemien im gleichen Gebiet Schakale, Löffelhunde und Wildhunde getötet. Den Löwen in freier Wildbahn hingegen konnte es bislang nie etwas anhaben.
Auf welchem Weg das Staupe-Virus die Artenschwelle zu den Löwen übersprang, ist noch unbekannt. Möglicherweise haben Hyänen, die menschliche Siedlungen durchstreifen und im Park lange Entfernungen zurücklegen, über den Kontakt mit Haushunden für die Verbreitung gesorgt.
Mit ihrer hartnäckigen Spurensuche, lobte das Wissenschaftsblatt Nature in einem Kommentar, hätten Tierärztin Roelke-Parker und ihre Forscherkollegen "ein Problem nicht nur entwirrt, sondern auch gleich den Anstoß zu seiner Lösung gegeben":
Um die Wildtiere der Serengeti künftig besser vor Erregern aus der Zivilisation zu schützen, haben Artenschützer des "Project Life Lion" eine Impfkampagne begonnen - 30 000 Hunde, die in den Dörfern um den Nationalpark herum leben, sollen nun gegen das Staupe-Virus immunisiert werden.

DER SPIEGEL 12/1996
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