08.10.2012

ENERGIEMerkels Blackout

Deutschland will seine Atomkraftwerke abschalten. Doch die Bundesregierung trägt bislang wenig dazu bei, dass das Projekt gelingt. Der Strompreis steigt, die Versorgung ist gefährdet. Die Energiewende kostet Nerven und Milliarden.
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler steht im Heizungskeller eines Reihenhauses in Hönow bei Berlin und ist offenbar so gar nicht zufrieden mit dem, was er sieht: ein blankes Heizungsrohr. Welche Verschwendung! Was das kostet!
Hausherrin Petra Röfke, 54, und ihr Lebensgefährte Hartmut, 58, gucken bedröppelt. Doch der Minister weiß Rat. Etwas Schaumstoff drum würde helfen, viel Energie einzusparen, er kenne sich aus: "So ein Rohr habe ich zu Hause auch."
Am liebsten, sagt Rösler, würde er jetzt zum Baumarkt fahren und die Sache gleich selbst in Ordnung bringen, zusammen mit den alten Glühbirnen, die er bei seinem Rundgang durchs Haus entdeckt hat. Selbst der betagte Röhrenfernseher im Wohnzimmer ist ihm nicht entgangen. "Hier lässt sich einiges machen", lautet das ministerielle Gesamturteil.
Die Regierung treibt den Strompreis auf Rekordhöhe; da will sich der Wirtschaftsminister jetzt wenigstens mit Sparvorschlägen nützlich machen. Am Montag kommender Woche werden die Netzbetreiber verkünden, dass die Deutschen deutlich mehr Geld für ihren Strom bezahlen müssen. Dabei sind die Preise schon heute die zweithöchsten in Europa.
Es geht um die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz EEG, eine Art Ökostrom-Soli, der jedem Verbraucher automatisch bei der Stromrechnung aufgeschlagen wird. Die Umlage wird von derzeit 3,6 Cent pro Kilowattstunde auf 5,4 Cent steigen, so der Stand vor der abschließenden Verhandlungssitzung.
Damit müssen die Bürger nächstes Jahr insgesamt über 20 Milliarden Euro zur Förderung von erneuerbaren Energien ausgeben. Für einen durchschnittlichen Drei-Personen-Haushalt sind das über 175 Euro, 50 Prozent mehr als heute. Und dann kommen natürlich Stromsteuer, Kraft-Wärme-Kopplung-Umlage, Konzessionsabgabe und Mehrwertsteuer obendrauf.
Der Regierung ist die Entwicklung peinlich. Dass der Umbau der Energieversorgung die Bürger viel Geld kosten könnte, hat die Koalition in den vergangenen Monaten bestritten. Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach in einer Regierungserklärung im Juni vergangenen Jahres, die Preise würden stabil bleiben. "Die EEG-Umlage soll nicht über ihre heutige Größenordnung hinaus steigen", sagte sie damals im Bundestag. Wirtschaftsminister Rösler redete davon, es könnten sich sogar "Spielräume für Senkungen ergeben". Die Umweltminister, erst Norbert Röttgen, dann Peter Altmaier, taten so, als gäbe es den Atomausstieg zum Nulltarif, derweil sie milliardenschwere Subventionen an Solardachbesitzer und Windparkbetreiber verteilten.
Merkel hat die Energiewende zum wichtigsten innenpolitischen Projekt der Legislaturperiode erklärt; daran muss sie sich jetzt messen lassen. Nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima verwandelte sie sich binnen wenigen Stunden von der Atomkraftbefürworterin in eine Gegnerin. Die Deutschen sind der Kanzlerin damals mehrheitlich gefolgt, aber nach mehr als einem Jahr schwindet das Vertrauen, dass sie es richtig anstellt. Der deutsche EU-Energiekommissar Günther Oettinger sagt, er habe Zweifel, "dass die steigenden Strompreise durch die Energiewende auf Dauer von den deutschen Verbrauchern akzeptiert werden".
Der Strompreis belastet die Unternehmen. Oettinger sagt, die Energiekosten stellten inzwischen das größte Risiko für den Wirtschaftsstandort Deutschland dar, zumal auch die Zahl der Blackouts und Spannungsschwankungen im Stromnetz spürbar gestiegen ist.
Für Verbraucherschützer ist der Strompreis eine soziale Frage, vergleichbar dem Brotpreis im alten Rom. Der Paritätische Gesamtverband schätzt, dass im vergangenen Jahr etwa 200 000 Hartz-IV-Empfängern wegen unbezahlter Rechnungen der Strom abgestellt wurde. Von "Stromarmut" ist beim Sozialverband VdK die Rede, von einer "eklatanten Verletzung sozialer Grundrechte". Es sei ungerecht, dass die mit der Energiewende verbundenen Kosten und Risiken vor allem auf die Bürger abgewälzt würden.
Am Mittwoch dieser Woche will Umweltminister Altmaier einen Vorschlag machen, wie es mit dem Gesetz für die Ökostrom-Förderung weitergehen soll. Bundestagsabgeordnete von Union und FDP denken daran, eine wachsende Zahl von Unternehmen von der Ökostromumlage zu befreien. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle fordert ein Moratorium für neue Solardächer und Windräder. SPD und Grüne diskutieren derweil darüber, ob die Energieversorger gezwungen werden sollten, einen Sozialtarif für Geringverdiener anzubieten. Wirtschaftsminister Rösler - seine Kellervisite in Hönow war der Auftakt einer neuen Werbekampagne - setzt darauf, die Bürger zum Energiesparen zu animieren.
Die zentrale Frage indes lautet, ob das Geld der Stromverbraucher überhaupt sinnvoll ausgegeben wird. Wenn die Bundesregierung möchte, dass im Jahr 2022 das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet wird: Warum tut sie dann so wenig dafür, dass das Projekt gelingt?
Milliardenbeträge fließen derzeit in den ungebremsten Ausbau der Photovoltaik, also ausgerechnet in jene Technologie, die im sonnenarmen Deutschland am wenigsten zu einer verlässlichen Stromversorgung beiträgt. Die vergleichsweise effizienten Programme zur Gebäudesanierung hingegen sind ins Stocken geraten, weil sich Bund und Länder seit mehr als einem Jahr über die Finanzierung zanken. Es gibt viel zu wenig Speicher, die das schwankende Angebot an Wind- und Solarenergie puffern könnten. Es sind auch noch keine konventionellen Ersatzkraftwerke in Planung, im Gegenteil. Die Energiekonzerne denken eher darüber nach, bestehende Anlagen stillzulegen.
Statt sich auf ein Konzept für die Energiewende zu verständigen, streiten die Beteiligten in der schwarz-gelben Koalition über die Frage, wer überhaupt zuständig ist. Wirtschaftsminister Rösler reklamiert den Netzausbau für sich, Umweltminister Altmaier sieht sich als Chef über die erneuerbaren Energien - als ob das eine ohne das andere funktionieren könnte. Und dann gibt es da noch Verkehrsminister Peter Ramsauer (Standortplanung), Forschungsministerin Annette Schavan (Speichertechnologie) und Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (Biogas). Es geht auch um Eitelkeiten und Proporz.
Währenddessen arbeiten die 16 Bundesländer an eigenen Konzepten, die sich auch mal gegenseitig ausschließen. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer erklärt, der Freistaat wolle sich künftig autark versorgen. Ein Plan des niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister wiederum basiert darauf, große Mengen Windstrom in Zukunft nach Bayern zu liefern.
Wer in diesen Tagen mit Netzbetreibern, Kraftwerksbesitzern und Wissenschaftlern spricht, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Da gibt es Kraftwerke ohne Stromanschluss, Trassen ohne Kabel und Leitungen ohne Ziel.
"Hier gibt es noch einiges zu tun", sagte Rösler, als er in Hönow aus dem Heizungskeller kam. Petra Röfke nickte. Hätte der Minister nicht für möglich gehalten, diese Verschwendung. "Das ist irre, oder?"
Netze
Die Menschen zieht es dorthin, wo es billige Energie gibt, so haben sie es seit Jahrhunderten gehalten. Erst suchten sie nach Feuerholz und Torf. Später bauten sie ihre Mühlräder entlang den Flüssen und Bächen. Als sie an Ruhr und Saar auf große Kohlevorräte stießen, entstanden dort die ersten Industriefabriken.
Umso mutiger ist es von der Bundesregierung, dass sie die Energieversorgung der Zukunft von Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee abhängig machen will. Weit draußen vor der Küste werden in den nächsten Jahren Hunderte Windräder in den Meeresboden gerammt. Wenn alles fertig ist, sollen die Hochsee-Windparks ein Sechstel der in Deutschland benötigten Strommenge liefern, so der Plan.
Leider wird der Strom nicht so dringend an der dünnbesiedelten Küste benötigt, sondern eher weit entfernt in Baden-Württemberg oder Bayern. Dort leben viele Menschen, dort gibt es Industrie, dort sollen demnächst mehrere Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Die Entscheidung der Bundesregierung, den Ausbau der Offshore-Windkraft voranzutreiben, bedeutet daher, dass für 20 bis 37 Milliarden Euro neue Leitungen gebaut werden müssen, das teuerste Infrastrukturprojekt seit der Wiedervereinigung.
Es gibt auch schon einen Masterplan. Man findet ihn in einem Holzregal in Raum H 5015 der Bundesnetzagentur in Bonn; er umfasst sechs Aktenordner und zahlreiche Begleitbände. Auf ausklappbaren Landkarten sind alle Trassen und Korridore eingezeichnet, die in den nächsten zehn Jahren erweitert oder neu gebaut werden sollen.
Das Problem ist, dass die südlichen Bundesländer kein gesteigertes Interesse haben, sich mit Windstrom aus Norddeutschland beliefern zu lassen. Bayerns Ministerpräsident Seehofer redet von Selbstversorgung. Es sollen Milliarden in die regionale Energieversorgung fließen, in Photovoltaik, Wasserkraft, Biogasanlagen. Sogar der russische Energiemulti Gazprom ist im Gespräch, um ein "Bayernwerk" (Seehofer) mit aufzubauen.
Bei RWE und den anderen großen Energieversorgern glauben sie deshalb, dass die ersten Nord-Süd-Leitungen womöglich gar nicht mehr gebraucht werden, wenn sie in zehn Jahren in Betrieb gehen. Bayern und Baden-Württemberg würden längst nicht so viel Strom importieren, wie es die Ausbauziele der Bundesregierung vorsehen. Aus einem der größten Infrastrukturprojekte würde eine der größten "Fehlinvestitionen", so der Energieexperte Lorenz Jarras. Der schöne Masterplan: überteuert und ineffizient.
Auch die Bundesnetzagentur hat Zweifel. In einem Gutachten kommt die Behörde zu dem Schluss, dass statt in Großkraftwerken künftig viel mehr Energie in kleineren, dezentralen Anlagen erzeugt wird.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) regt in einer Expertise an, noch einmal gründlich über den Anschluss von Offshore-Windparks nachzudenken. Es wäre demnach gut, wenn sich die staatlichen Planer in Nord und Süd besser miteinander abstimmen würden. Doch stattdessen, sagt Netzexperte Jarras, werde "ohne Rücksicht auf volkswirtschaftliche Kosten alles angeschlossen, was Strom produziert".
Tatsächlich sollen die Bürger sogar für die Anbindung von Offshore-Windparks bezahlen, die keinen Strom produzieren. Um die Investitionsbereitschaft zu erhöhen, hat die Bundesregierung neue Haftungsregeln beschlossen. Verzögert sich der Anschluss eines Windparks, etwa weil es keine hochseetauglichen Kabel gibt, müssen dafür die Stromkunden geradestehen. Mit etwa einer Milliarde Euro Verzugskosten wird schon jetzt gerechnet. Wegen des Wetters, heißt es in der Regierung, sei über den Winter mit weiteren Pannen zu rechnen.
Wind
Richard Lübsen, 69, glaubt seit langem an die Kräfte der Natur. 1993 ließ der Landwirt aus dem friesischen Wangerland gleich neben seinem Hof ein Windrad bauen: 500 Kilowatt, 54 Meter Höhe, eine echte Attraktion. Bei der Inbetriebnahme gab es Würstchen mit Sauerkraut für die Schaulustigen.
Die Investition hat sich für Bauer Lübsen gelohnt. Die Einnahmen aus dem hochsubventionierten Stromverkauf retteten ihn über die BSE-Krise. "Morgens, wenn man aus dem Fenster sieht, dass sich der Rotor dreht, und hört, wie er surrt, ist das schon mal ein gutes Gefühl", sagt er. Kein Wunder, dass es ihm viele seiner Nachbarn rasch nachgemacht haben.
Inzwischen jedoch sind die Pioniere der Energiewende zu Bremsern geworden. Bürgermeister Harald Hinrichs von der Gemeinde Wangerland würde jetzt gern einen neuen Windpark mit deutlich stärkeren Rotoren errichten. Die Stromausbeute würde um mindestens das Zweieinhalbfache steigen.
Bedingung ist, dass die alten Anlagen abgerissen werden, ein Verfahren, das in der Branche "Repowering" genannt wird. Die besten Windstandorte sollen mit möglichst effizienten Anlagen besetzt sein, ein vernünftiger Gedanke. Die Kosten sind vergleichsweise gering. Die Verschandelung der Landschaft hält sich in Grenzen, wenngleich die neuen Windräder noch höher in den Himmel ragen.
Doch einige Besitzer von Altanlagen in Wangerland weigern sich. Die alten Rotoren bringen ihnen gutes Geld. Außerdem sind sie abgeschrieben. Bauer Lübsen und seine Nachbarn sind deshalb skeptisch, obwohl sie für eine neue Anlage einen Bonus bekämen. "Es ist sehr schwer, die Besitzer der alten Anlagen, die Landbesitzer sowie unsere Interessen und die der Bürger unter einen Hut zu bringen", sagt Bürgermeister Hinrichs. Die Stimmung im Dorf ist vergiftet, einige verkehren per Anwalt miteinander.
Der Jurist Marcel Raschke von der Repowering-Infobörse in Hannover kennt zahlreiche weitere Beispiele. Er berät im Auftrag des Deutschen Städte- und Gemeindebunds sowie der Bundesregierung, ein mühsames Geschäft. "Repowering ist leider viel aufwendiger und langwieriger, als auf einer unberührten Fläche Anlagen zu errichten", sagt er.
Dass für die Windräder Umweltminister Altmaier zuständig ist, für den Windradstandort hingegen Bauminister Ramsauer, macht die Planung nicht einfacher. Und so kommt es, dass die preiswerteste und effizienteste Möglichkeit, Ökostrom zu erzeugen, nicht vorankommt. Bundesweit 13 750 alte Windkraftanlagen wären Repowering-fähig, so eine Studie der Beratungsfirma Deutsche Windguard. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden genau 15 durch 10 neue ersetzt.
Effizienz
Wenn sich EU-Kommissar Oettinger aufregt, neigt er dazu, so hastig zu sprechen, dass er Silben verschluckt. An diesem Vormittag verschwanden ganze Wörter. "Alles nur Sonntagsreden" ... "ständig Gegenwind" ... "selten so etwas erlebt", hörten die Besucher eines Fachkongresses vor einigen Wochen.
Oettinger ärgert sich über die Verschwendung von Energie in Deutschland, besonders bei Immobilien. Eigentlich sollen die EU-Mitgliedstaaten jährlich drei Prozent der öffentlichen Gebäude sanieren, so eine Vorgabe. Doch Deutschland macht nicht mit; Länder und Kommunen weigern sich, sie finden es zu teuer. Auf sie aber kommt es an, denn sie besitzen viele tausend Häuser und Wohnungen.
Es ist zum Verrücktwerden: Deutschland gibt Milliarden für Windräder und Solaranlagen aus. Und dann wird ein Gutteil der Energie einfach durch undichte Fenster hinausgeblasen.
Rund 18 Millionen Wohngebäude gibt es in Deutschland, hier schlummern große Reserven. Etwa 70 Prozent dieser Immobilien wurden vor 1979 gebaut, also bevor die erste Wärmeschutzverordnung in Kraft trat. Bei den meisten sind weder die Außenwand noch die Kellerdecke oder der Boden gedämmt. Würden die Gebäude saniert, könnte sich ihr Energieverbrauch um zwei Drittel verringern, schätzt das Münchner Forschungsinstitut für Wärmeschutz.
Genau diese Menge spart etwa die Deutsche Bank bei der Raumklimatisierung, seit sie die beiden Türme ihrer Zentrale in Frankfurt am Main saniert hat. Rund 200 Millionen Euro kostete die Aufrüstung, nun ist die Fassade dreifachverglast, das Warmwasser für die Heizung erzeugt eine Solarthermieanlage, und die Beleuchtung wird vom Computer gesteuert.
Wie wenig die Politik das Effizienz-Instrument ernst nimmt, zeigt die jüngste Novelle der Energieeinsparverordnung. Nur die Anforderungen für Neubauten wurden ein wenig verschärft. Seit einem Jahr hängt ein Gesetzentwurf im Vermittlungsausschuss fest, der vorsieht, dass Haus- oder Wohnungsbesitzer die Kosten von Altbausanierungen steuerlich geltend machen können. Die Länder blockieren die Verabschiedung, sie fürchten die Steuerausfälle.
Energiekommissar Oettinger hält dagegen: Der Verlust würde mehr als ausgeglichen durch das Plus, das die zusätzlichen Handwerksleistungen für die öffentliche Kasse einbrächten. Den Zwist darüber in Bundestag und Bundesrat empfindet der Unionsmann als "nachgerade peinlich".
Kraftwerke
Als das Kraftwerk Franken 1 vor fast hundert Jahren zum ersten Mal Strom erzeugte, regierte in Deutschland ein Kaiser. Und eigentlich soll das Objekt auch geschlossen werden. Doch Franken 1 dürfte noch gebraucht werden - der Energiewende wegen.
Im bevorstehenden Winter, wenn die Sonne nicht scheint und auch der Wind nicht weht, könnte es sein, dass die Menschen in Bayern froh sind, dass der alte Kasten noch am Netz ist. Mehr als 850 Megawatt Leistung könne man mit kurzer Vorlaufzeit zur Verfügung stellen, sagt Kraftwerksleiter Wolfgang Althaus, wenn auch zu hohen Kosten.
Franken 1 gehört zur Kaltreserve der deutschen Energieversorgung. Solange es nicht genug Stromspeicher gibt, muss praktisch jede Solaranlage und jedes Windrad durch ein konventionelles Kraftwerk abgesichert werden. Ohne diese Doppelstruktur bräche die Stromversorgung zusammen.
Gleichzeitig aber sorgt der Boom bei den subventionierten erneuerbaren Energien dafür, dass sich die konventionellen Kraftwerke nicht mehr rentieren. Weil der grüne Strom, wenn er denn zur Verfügung steht, per Gesetz Vorfahrt in die Netze genießt, müssen Gas-, Öl- und Kohlekraftwerke häufiger abgeschaltet werden, um eine Überlastung der Netze zu vermeiden. Das drückt deren Umsatz, erhöht gleichzeitig die Kosten, weil das An- und Abfahren viel Brennstoff verbraucht und die Anlagen verschleißt.
Früher konnten Kraftwerksbetreiber gegen Mittag hohe Strompreise erzielen. Heute ist ausgerechnet um diese Tageszeit die Konkurrenz durch Solaranlagen am größten. An Tagen mit viel Wind, Sonne und niedrigem Verbrauch kann der Börsenpreis schon mal auf null fallen. Selbst sogenannte negative Preise kommen vor. Dann erhalten etwa österreichische Pumpspeicher noch Geld obendrauf, wenn sie den überschüssigen Strom aus Deutschland abnehmen.
Die Gewinnaussichten sind so schlecht, dass die Energieversorger wenig Interesse haben, neue Kraftwerke zu bauen. Selbst die modernsten und effizientesten Gas- und Dampfkraftwerke spielen ihre milliardenschweren Investitionskosten nach derzeitigem Stand nicht ein.
"In dieser schwierigen Übergangsphase ist der Neubau konventioneller Kraftwerke nur schwer zu vertreten", sagt RWE-Chef Peter Terium. Am liebsten würden die Konzerne auch ihre alten Anlagen wie Franken 1 abwracken.
Das Wirtschaftsministerium bereitet eine Verordnung vor, wonach die Kraftwerksbetreiber gezwungen werden können, ihre alten Anlagen am Netz zu halten. Die Unternehmen wollen sich das nicht bieten lassen. Zwar seien sie vorübergehend zum Kompromiss bereit. Langfristig jedoch, so kündigte E.on-Chef Johannes Teyssen an, werde man kein Kraftwerk am Netz lassen, "das seine Kapitalkosten nicht erwirtschaftet".
So läuft es darauf hinaus, dass die Konzerne künftig eine Entschädigung bekommen, wenn sie Ersatzkraftwerke halten. Die Regierung denkt über einen Gesetzentwurf nach. Und auch hier sollen es die Stromverbraucher sein, die das dazu nötige Geld aufbringen.
Speicher
Wenn die Arbeiter im Stahlwerk von ArcelorMittal eine Ladung Eisenschrott in den Hochofen kippen, schlagen die Flammen gelb und weiß heraus, der Lärm ist infernalisch. Der riesige Energieaufwand wird geradezu körperlich spürbar. Eine Milliarde Kilowattstunden Strom benötigt das Werk in Hamburg-Finkenwerder pro Jahr, so viel wie 250 000 Vier-Personen-Haushalte. Eine relevante Menge im Ernstfall, und der trat Anfang Februar ein.
Damals war es in weiten Teilen Europas eiskalt; der Strombedarf schoss in die Höhe. Hamburg habe nah am Blackout gestanden, sagt Werkschef Lutz Bandusch. Doch bevor in der Stadt das Licht ausging, schaltete er die Hochöfen und Walzanlagen in Finkenwerder ab.
Anstatt für die Stahlproduktion ließ er sich lieber für die Nichtproduktion bezahlen. Für das Stahlwerk war es ein gutes Geschäft. "Es muss sich betriebswirtschaftlich rechnen", gibt Bandusch zu, auch wenn es schon etwas merkwürdig sei, Geld fürs Nichtstun zu kassieren.
Etliche Konzerne verhandeln derzeit mit der Bundesnetzagentur darüber, wie viel Geld sie künftig bekommen, wenn sie bei einem Stromengpass die Maschinen abschalten. Bedauerlicherweise gibt es nämlich nicht genug Speicher, um die Schwankungen auszugleichen. Ausgerechnet die Energiewende hat dazu geführt, dass sich Speicheranlagen kaum noch wirtschaftlich betreiben lassen, ähnlich wie die konventionellen Kraftwerke.
Früher nutzten die Betreiber billigen Nachtstrom, um mit der Energie ihre Wasserspeicher vollzupumpen. Am Mittag, wenn der Strompreis hoch war, ließen sie das Wasser ab und setzten ihre Turbinen in Gang. Es war ein gutes Geschäft.
Doch inzwischen sind mitunter nachts die Preis hoch und mittags niedrig. Der Betrieb der Anlagen lohnt sich nicht mehr. Vattenfall kündigt an, sein Pumpspeicherkraftwerk im sächsischen Niederwartha in drei Jahren zu schließen. Eine notwendige Sanierung wäre zu teuer. Doch was ist die Alternative?
In den Plänen der Bundesregierung ist von Batterien die Rede. 400 Millionen Euro an Fördermitteln wurden für die Forschung bereitgestellt. Auch die Industrie setzt große Hoffnung in die Technologie.
Ist das realistisch? Florian Schlögl, Leiter der Abteilung Regenerativkraftwerke am Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel, hat spaßeshalber ausgerechnet, wie groß eine Batterie sein müsste, um eine Stadt wie München für zwei bis drei Tage mit Strom versorgen zu können.
Die Antwort, so Experte Schlögl, hänge davon ab, welche Batterietechnik zur Verfügung steht. Ein Lithium-Ionen-Akku, wie er in Handys und Laptops eingesetzt wird, käme in Würfelform auf eine Kantenlänge von 53 Metern. Er wäre damit etwa so hoch wie das Dach der Allianz Arena, wo der FC Bayern München seine Heimspiele austrägt, und wöge 250 000 Tonnen. Handelte es sich um einen Bleisäure-Akku wie beim Auto, wären die Ausmaße noch größer. Eine würfelförmige Batterie käme auf 93,3 Meter Kantenlänge. München, immerhin, wäre um ein imposantes Wahrzeichen reicher.
Experten
Brandenburg hat sich so ein Denkmal schon geschaffen: Vergangene Woche wurde im Landkreis Märkisch-Oderwald der größte Solarpark Deutschlands eingeweiht. Der hier erzeugte Strom reicht für 48 000 Haushalte, jedenfalls bei Sonnenschein. Doch leider ist es noch nicht so weit. Das Projekt hat keinen Anschluss. Leitung und Umspannwerk werden erst in einigen Monaten fertig.
Der Irrsinn hat System. Um in den Genuss der Höchstförderung zu kommen, wollte der Betreiber des Solarparks vor Ende September fertig werden. Das sichert ihm 20 Jahre Fördergeld nach altem Recht; da kommt es auf ein paar Monate ohne Stromanschluss für ihn nicht an.
Mehr als 100 Milliarden Euro Subventionen müssen die Stromverbraucher in den nächsten Jahren allein für die Photovoltaik aufbringen. Weitere Milliarden werden folgen. Wie ihre Vorgänger hat auch die schwarz-gelbe Bundesregierung der Solarlobby nachgegeben. Das Geschäftsmodell basiert weiterhin darauf, möglichst viele Subventionen einzustreichen, nicht etwa, möglichst viel verwertbaren Strom einzuspeisen.
Experten glauben, dass die Energiewende nicht funktionieren wird, wenn es so weitergeht. Im Dezember will die von Bundeskanzlerin Merkel eingesetzte Monitoring-Gruppe zur Energiewende ihren ersten Bericht vorlegen. Ihr Urteil, so deuten es die ersten Stellungnahmen an, wird sehr kritisch ausfallen.
Wenn der Vorsitzende Andreas Löschel mit dem Fahrrad zur Arbeit in das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung fährt, kommt er an einem Uraltkraftwerk vorbei. Letzten Winter rauchten dort wieder die Schornsteine. Ohne die Anlage wäre es bei der Stromversorgung knapp geworden.
Löschel und seine Kollegen der Monitoring-Gruppe sind der Meinung, dass weitere Solardächer und Windräder wenig sinnvoll sind, solange es keine Speicher gibt. Sie warnen vor einer Fehlsteuerung des Systems, wenn unternehmerische Entscheidungen durch Subventionen verzerrt werden. Sie halten es für fragwürdig, wenn die Kosten und Risiken den Stromverbrauchern aufgebürdet werden, was wiederum die Akzeptanz des Projekts gefährde. Georg Erdmann von der Technischen Universität Berlin, Mitglied der Monitoring-Gruppe, hat ausgerechnet, dass die EEG-Umlage auf bis zu zehn Cent pro Kilowattstunde steigen wird, wenn die Regierung nichts dagegen unternimmt.
Bei aller Kritik: Die Experten halten die Energiewende für richtig. Sie müsse nur richtig gemacht werden, sagt Löschel.
Als Umweltminister Altmaier im Sommer auf Reisen war, wurde er oft auf den Atomausstieg angesprochen. Seine englischsprachigen Gesprächspartner benutzten wie selbstverständlich das deutsche Wort "Energiewende"; der Begriff hat sich weltweit etabliert.
Altmaier hat sich darüber gefreut. Die Frage bleibt allerdings vorläufig offen, ob es ein Kompliment ist, wenn im Ausland künftig von "Energiewende" die Rede ist, wie schon bei "Kindergarten" und "Autobahn" - oder ob es sich um Spott handelt wie bei "le Waldsterben" und "the German Angst".
Von Dohmen, Frank, Fröhlingsdorf, Michael, Gitschier, Laura, Jung, Alexander, Neubacher, Alexander

DER SPIEGEL 41/2012
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