08.10.2012

WERTEAn der Schwelle

Als Vorsitzende des Deutschen Ethikrats löst Christiane Woopen Moralfragen - und zeigt der Politik ihre Defizite auf. Von Markus Feldenkirchen
Als die junge Mutter sie darum bat, ihr die Giftspritze zu setzen, konnte Christiane Woopen das verstehen. Zwei Jahre lang hatte sie die Frau als Gynäkologin begleitet, von der Diagnose Eierstockkrebs bis zur traurigen Gegenwart: Metastasen im Bauch. Im Hirn. Nichts mehr zu machen.
Das Gesetz verbot ihr, die Frau zu töten, aber wenn sie überzeugt gewesen wäre, dass es moralisch richtig sei, hätte sie es getan, sagt Woopen. Sie grübelte tagelang, versuchte alle Aspekte in Betracht zu ziehen: die Chancenlosigkeit der Frau, ihre Schmerzen - aber auch den Umstand, dass sie eine sechsjährige Tochter hatte und alleinerziehend war. Weiterleben oder sterben, Verantwortung oder Erlösung? Die Fragen ihres Lebens.
Ende September sitzt Christiane Woopen, 49, in einem säulengesäumten Saal am Berliner Gendarmenmarkt und eröffnet die Sitzung des Deutschen Ethikrats. "Einen wunderschönen guten Morgen! Ich begrüße Sie herzlich zum Thema Suizid und Suizidbeihilfe." Der Rat soll Bundestag und Bundesregierung in moralisch schwierigen Fragen beraten, seit einigen Monaten heißt die Vorsitzende Woopen.
Es gebe viele aktuelle Anlässe, sagt sie. Dignitas Deutschland vermittle immer mehr Sterbewillige in die Schweiz, der frühere Hamburger Senator Roger Kusch werbe weiter für seinen Verein "Sterbehilfe Deutschland". Wieder muss Christiane Woopen sich eine Meinung bilden. Diesmal geht es nicht um eine einzelne Frau, sondern um ein ganzes Land.
Die moderne Gesellschaft wirft inzwischen so viele heikle moralische Fragen auf, dass die Politik überfordert scheint, sie zu beantworten. Deshalb leistet sie sich den Ethikrat, seit 2001 den Nationalen, nur von der Regierung eingerichtet, seit 2008 den Deutschen Ethikrat, auf Vorschlag von Parlament und Regierung besetzt. Woopen ist von Beginn an dabei. Einst war sie das jüngste Ratsmitglied, nun ist sie das wichtigste.
Die Themen, denen sie und ihre 25 Kollegen sich widmen, heißen Organtransplantation, Biowaffen, Präimplantationsdiagnostik, Babyklappe, Sterbehilfe oder Stammzellforschung. Es sind Fragen an der Schwelle zwischen Leben und Tod. Die meisten hat der technologische Fortschritt aufgeworfen.
Dass es Gesellschaften heute schwerfällt, Antworten auf Moralfragen zu finden, hat auch mit der Globalisierung zu tun, mit der offenen Gesellschaft. Noch in den Siebzigern war die Bundesrepublik ein gut verriegelter Raum, es war leichter als heute, sich zu verständigen. Nun aber leben mehr Kulturen im Land, mehr Religionen. Und das Internet lässt die Grenzen zwischen Gesellschaften sowieso verschwinden. Der Vergewisserungsraum der Deutschen ist nicht mehr abgeschottet. Das macht es komplizierter, Lösungen für alle zu finden.
"Unser Auftrag ist es, Rahmenbedingungen für ein gutes, gelingendes Leben jedes Einzelnen und der Gesellschaft zu entwickeln", sagt Woopen. Der Ethikrat wolle die öffentliche Debatte bereichern und der Politik konkrete Empfehlungen geben. Sie sitzt in einem bescheidenen Büro im Kölner Stadtteil Lindenthal, unweit der Uni-Klinik. Seit drei Jahren hat sie hier die Professur für "Ethik und Theorie der Medizin" inne. Nach ihrem Medizinstudium hängte sie ein zweites der Philosophie an; früh interessierte sie sich für Fragen der Ethik. Nebenbei brachte sie vier Töchter zur Welt. "Wir wollten vier Kinder", sagt sie. "Wäre das letzte ein Junge geworden, hätten wir weitergemacht. Ein Junge mit drei Mädchen plus die Mutter? Ne, das hätt ich dem nicht angetan." Sie klingt jetzt wunderbar rheinisch.
Woopens Art, ihr Auftreten, auch ihr Style stehen in scharfem Kontrast zu der Schwere der Themen, mit denen sie sich befasst. Ihr fröhliches Wesen passt in die Karnevalsvereine ihrer Heimat, der elegante Blazer und die Perlenohrringe passen in einen Golfclub. Ihr Kopf aber hat sie zur Vorsitzenden des Ethikrats gemacht.
Dort verfolgt sie einen Grundsatz, der auf viele der verhandelten Fragen anwendbar ist, auf Babyklappe, Spätabtreibung oder Sterbehilfe. Woopen will, dass die Menschen ihre Entscheidungen frei treffen. Vorher aber sollen sie zum Nachdenken gebracht werden.
Als sie damals, als junge Ärztin, alle Facetten abgewogen hatte, verweigerte Woopen die Todesspritze. Sie verweigerte auch die Beihilfe zum Suizid, um die die verzweifelte Mutter wenig später bat. Woopen hätte nur ein Glas Wasser mit tödlichen Tabletten am Bett stehen lassen und dann - um sich nicht strafbar zu machen - das Zimmer verlassen müssen. "Zynisch" nennt sie diese Praxis.
"Wenn man es richtig findet, seinen Patienten bei der Selbsttötung zu helfen, sollte man im entscheidenden Moment bei ihm sein, statt sich davonzuschleichen." Sie hatte nicht den Eindruck, dass der Todeswunsch die Lösung war, weder für die Frau noch für ihre Tochter. "Deshalb hätte ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können." Woopen versuchte, ihrer Patientin andere Wege zu zeigen. Dafür aber musste sie alles über sie und ihre Motive wissen.
Um ethisch zu handeln und zu urteilen, sei es unabdingbar, alle Facetten eines Vorgangs zu kennen, sagt Woopen. "Die Beschreibung ist schon Teil der moralischen Bewertung. Wenn man ethisch handelt, muss man alles in Betracht ziehen."
Wie das funktioniert, kann man Ende September in Berlin beobachten. Die 26 Mitglieder des Ethikrats sitzen beieinander, sie haben Gäste geladen, um sich über alle Aspekte der Sterbehilfe zu informieren. Als Erstem erteilt Woopen dem Ärztefunktionär Frank Ulrich Montgomery das Wort, rasch glaubt man zu wissen, warum es keine ärztliche Hilfe beim Suizid geben darf.
Kurz darauf jedoch kommen Zweifel, es spricht Frau Schafroth aus der Schweiz, Vorstandsmitglied der Organisation Exit, "Ressort Freitodbegleitung". Seit 30 Jahren leiste Exit Sterbehilfe, damit sei man "den Kinderschuhen bereits entwachsen", sagt Schafroth, was in diesem Kontext ein merkwürdiges Bild ist. Aber am Ende hat auch sie überzeugende Argumente und Berichte aus der Praxis geliefert. Woopen ruft weitere Experten auf, stellt Fragen, man diskutiert vier Stunden lang, dann Mittagspause, dann weiter. Und das ist erst der Auftakt zu einer intensiven Beschäftigung, an deren Ende eine weitere Empfehlung des Rats an die Politik stehen könnte.
An diesem Vormittag zeigen Woopen und ihre Kollegen der Politik, wie diese sein könnte, aber wohl niemals sein wird. Die real existierende Politik ist das Gegenteil des Alles-in-Betracht-Ziehens, sie ist das Reich der Eindeutigkeit, der Schnelligkeit, der Hektik. In ihr zählen häufig geschlossene Weltbilder. Und um die zu erhalten, ist es hilfreich, störende Facetten ausblenden zu können. Das politische System nötigt zu Oberflächlichkeit bei gleichzeitiger Eindeutigkeit, was selten eine gesunde Mischung ergibt.
Der Ethikrat ist eine Gegenwelt. Mit ihm leistet die Politik sich ein Zentrum der Ruhe, der Nachdenklichkeit, der Gründlichkeit. Sie scheint eingesehen zu haben, dass ihre Mittel - zumindest bei heiklen Themen - nicht mehr ausreichen. Häufig wird Christiane Woopen von Ministern zu Gesprächen geladen. Des Öfteren werden die Stellungnahmen des Rats, zur Babyklappe etwa oder zu "Demenz und Selbstbestimmung", in Politik verwandelt. Sie scheint den Wert von Zeit und Gründlichkeit erkannt zu haben, auch wenn sie selbst glaubt, sich beides nicht leisten zu können.
In ihren Gesprächen mit der todkranken Mutter fand Woopen schließlich heraus, warum sie ihrem Leben ein vorzeitiges Ende setzen wollte. Ihre größte Sorge galt nicht den drohenden Schmerzen, sondern der Hässlichkeit des Siechtums. "Sie war eine sehr schöne Frau, und sie wollte bis zum Schluss eine schöne Frau bleiben", erinnert sich Woopen. Sie versprach ihr, sie würdevoll in den Tod zu begleiten, ohne schmerzverkrampftes Gesicht, auch ohne Krankenhauskleidung. "Ich habe ihr zugesagt, dass wir sie hübsch anziehen werden. Es steht ja nirgends geschrieben, dass man den hässlichen Patientenkittel anhaben muss. Irgendwann hat sie zugestimmt."
Zum Gelingen des Lebens zählt auch das Gelingen des Endes, selbst wenn es zu früh kommt. Die Frau und ihre kleine Tochter hätten in den letzten Wochen noch viele wichtige Gespräche geführt, sagt Woopen. "Ich glaube, am Ende war es gut so." ◆
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 41/2012
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