08.10.2012

GESUNDHEITDie Krebshändler

Der Stoff ist in Industrieländern verboten und wird in Entwicklungsländer exportiert. Seit Jahren kämpfen Menschen wie die Kanadierin Michaela Keyserlingk gegen Asbest - vergebens? Wohl doch nicht. Von Hauke Goos
Michaela Keyserlingk meldet sich aus einem Ort in den Bergen Québecs im Osten Kanadas, der Weg dorthin ist nicht leicht zu finden. Sie schickt eine Beschreibung, die in Montreal beginnt und zu einem weißen Haus mit grünen Fensterläden führt. Es steht an einem Hang, vom Wohnzimmer aus geht der Blick auf eine Reihe alter Bäume.
Gemeinsam mit ihrem Mann Robert hat sie dort viele Sommer verbracht. Seit seinem Tod ist das Haus am Lac Labelle eine Art "war room" geworden. Der Asbest hat Michaela Keyserlingk erst zur Witwe und dann zur politischen Aktivistin gemacht.
Vielleicht ist es keine schlechte Idee, auf dem Weg zu ihr einen Umweg über Thetford Mines zu fahren. Damit man mit eigenen Augen sieht, worüber sie sich empört; damit man die Geschichte vom Tod ihres Mannes besser versteht und damit man ermessen kann, was es bedeutet, wenn jemand wie Michaela Keyserlingk sagt, eine Sache sei "unanständig".
Thetford Mines ist ein aufgeräumtes Städtchen in den kanadischen Appalachen, zwei Autostunden von Montreal entfernt. Rund 25 000 Einwohner, zwei Radiostationen, ein Friedhof, auf dem die Grabsteine in einem Halbkreis zur Grube ausgerichtet sind.
Seit mehr als 130 Jahren wird hier Asbest gefördert. Asbest ist eine natürliche Mineralfaser, sie besteht aus Magnesiumsilikaten, man kann sie im Gestein finden, nahezu überall auf der Welt. Die Asbestfaser ist belastbar und hitzebeständig, außerdem verrottet sie kaum, deshalb feierten die Menschen Asbest jahrzehntelang als Wunderfaser, nicht nur in Kanada. Zeitweise steckte Asbest in mehr als 3000 Produkten, in Blumenkübeln und Toastern, Isolierkannen, Bremsbelägen, Sicherheitskleidung, Radios. Es gibt Menschen, die Thetford Mines stolz als "Welthauptstadt des Asbests" bezeichnen.
Im Bergbaumuseum des Städtchens steht, vor einem Stollen aus Pappmaché, ein großer weißer Sack. "Asbestos White", 50 Kilogramm, Weißasbest aus lokaler Produktion. Der Sack ist offen.
"Greifen Sie ruhig hinein", sagt die freundliche junge Frau an der Kasse. "Trauen Sie sich, es fühlt sich prima an."
Asbestfasern schimmern hinter Glas, gedämpftes Licht beleuchtet Blauasbest, der heute nur noch selten zum Einsatz kommt, und den immer noch verwendeten Weißasbest, von dem Kanada im Jahr 2010 rund 135 000 Tonnen gefördert hat, fast ausschließlich für den Export. An den Wänden: Fotos von Asbestfasern in extremer Vergrößerung, schimmernde Gebilde von zarter, kristalliner Schönheit.
Asbest, das weiß man inzwischen, verursacht Krebs. Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs, Brustfellkrebs, Mesotheliom genannt. Deshalb ist die Verwendung von Asbest mittlerweile in fast allen Industrieländern verboten: in Deutschland seit 1993, seit 2005 in der EU. Wer in Deutschland ein asbestbelastetes Gebäude sanieren will, muss es staubdicht von der Umgebung abschotten und den Innenraum während der Arbeit unter Unterdruck halten, die Arbeiter dürfen ihren Arbeitsbereich nur über Schleusen betreten.
Asbest, sagt Luc Berthold, der Bürgermeister von Thetford Mines, sei der am besten erforschte Werkstoff der Welt. Würden die Menschen hier leben, wenn Asbest gefährlich wäre? Im Flur des Rathauses hängt eine Urkunde. Thetford Mines zählt demnach zu den Gemeinden mit der besten Luft in ganz Kanada. Im Sitzungssaal, über seinem Stuhl, hat er einen riesigen Gesteinsbrocken anbringen lassen. Deutlich sind die hellen Bänder der Asbestfasern zu erkennen.
Es geht um Arbeitsplätze in diesem Streit, um 100 Millionen Dollar Exportvolumen im Jahr, aber auch um den Stolz der Frankokanadier. Kanada ist das einzige Produktionsland in der westlichen Welt, das einzige Industrieland, das Asbest aus öffentlichen Gebäuden entfernen lässt - 969 Millionen Dollar kostete allein die Sanierung der Regierungsgebäude - und gleichzeitig Asbest exportiert.
China ist der größte Konsument, eine steigende Nachfrage melden Russland, Indonesien, Indien. Weil die Asbest faser billiger ist als Glas- oder Steinwolle oder Keramikfasern, wird sie in vielen Entwicklungsländern verwendet.
Kanada verfügt über Asbest, die Entwicklungsländer brauchen Asbest, so einfach kann man das sehen. Nachfrage und Angebot kommen dann aufs Glücklichste zur Deckung.
Rund 107 000 Menschen sterben jedes Jahr weltweit an den Folgen von Asbest, das schätzt die WHO, die Weltgesundheitsorganisation. Wie kann man den Stoff im eigenen Land verbieten und gleichzeitig exportieren?
Michaela Keyserlingk hat sich das oft gefragt. Sie hat mit Politikern gesprochen, mit Lobbyisten, mit Industrievertretern, irgendwann hat sie für diese Frage eine Website eingerichtet.
Michaela Keyserlingk will ein Asbestverbot in Kanada, sie will ein Förderverbot und ein Exportverbot, sie will, dass Kanada aufhört, den Krebs zu exportieren. Deshalb hat sie beschlossen, die Geschichte vom Sterben ihres Mannes öffentlich zu machen. Der Entschluss ist ihr nicht leichtgefallen. Michaela Keyserlingk hatte keine Erfahrung damit, ihre Gefühle mit Fremden zu teilen, sie wusste nicht, dass ein privater Schicksalsschlag politische Forderungen beglaubigen kann.
Sie lernte ihren Mann 1962 in London kennen, durch einen verrückten Zufall. Michaela Keyserlingk kommt aus einer behüteten Familie aus altem schlesischem Adel, sie hatte in München studiert und in Stuttgart ihr Lehrerexamen abgelegt, jetzt wollte sie nach Rio de Janeiro, um dort eine deutsche Schule aufzumachen. Ihr Vater riet ihr, stattdessen erst einmal nach England zu gehen.
In der Zeitung fiel ihr ein Leserbrief von einem Robert Keyserlingk auf. Sie schrieb einen Brief an diesen Mann, der denselben Namen trug wie sie, er schlug vor, sich in London zu treffen.
"Er sah toll aus", sagt Michaela Keyserlingk, "groß gewachsen, er fuhr in einem weißen 1935er MG vor." Vor wenigen Wochen ist sie 74 Jahre alt geworden, wenn sie lächelt, wirkt ihr schmales Gesicht mädchenhaft.
Sie war bereits verlobt, als sie Robert Keyserlingk traf, aber sie verliebte sich in ihn und folgte ihm nach der Hochzeit in seine kanadische Heimat. Die beiden bekamen vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Robert lehrte Europäische Geschichte in Ottawa, sie arbeitete als Textilrestauratorin. Die Sommer verbrachten sie in den Bergen, im Winter reisten sie, nach New Orleans, nach Chile, nach Europa.
Sie waren in Deutschland, auf dem Weg nach Nürnberg, zu Freunden, als Robert plötzlich keine Luft mehr bekam.
Robert Keyserlingk hatte als junger Mann ab und zu Pfeife geraucht, das war lange schon vorbei. Er war schlank, er spielte Tennis und lief Marathon, immer war er schneller als seine Frau gewesen. Plötzlich, sagt Michaela Keyserlingk, hinkte er hinterher, klagte über Beklemmungen in der Brust.
Eines Tages, als sie Robert zu einem Arzttermin begleitete, fiel Michaela Keyserlingk ein Röntgenbild auf, das an der Wand hing. Was mit der rechten Seite los sei, fragte sie den Arzt. "Alles ist weiß, man sieht ja gar keine Lunge mehr."
"Das ist die Lunge Ihres Mannes", sagte der Arzt. Der Brustraum von Robert Keyserlingk hatte sich mit Wasser gefüllt, er litt an einem Mesotheliom, einem rasch wachsenden, bösartigen Krebs, der im Brustfell nistet.
Ob er jemals mit Asbest zu tun hatte, wollte der Arzt wissen.
Mesotheliome werden meistens durch Stoffe verursacht, die von außen in die Lunge gelangt sind: Glasfaserstaub etwa, Zigarettenrauch - oder eben Asbest. Weil es 40 Jahre dauern kann, bis der Krebs ausbricht, ist es schwer für den Arzt, Asbest als Ursache zu erkennen.
Zumal die Asbestfaser kaum 30 Nanometer breit ist - ein Nanometer ist der millionste Teil eines Millimeters - und in der Lunge rasch zerfällt. Selbst unter dem Mikroskop ist sie äußerst schwer zu entdecken; der Arbeitsmediziner Hans-Joachim Woitowitz, der sein halbes Berufsleben lang für ein Asbestverbot in Deutschland gekämpft hat, hat dafür den Begriff der "Fahrerflucht" geprägt.
Robert Keyserlingk hatte als Student ein paar Sommer lang auf einem kanadischen Kriegsschiff gedient. Spritzasbest wurde während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach häufig auf Schiffen verwendet, um Rohrleitungen zu dämmen.
"Wie viel Zeit bleibt mir?", fragte er den Arzt.
"Sechs Monate."
Michaela und Robert Keyserlingk unternahmen eine letzte gemeinsame Reise nach Paris. Sein Zustand verschlechterte sich. Das Wasser presste die Lungenflügel zusammen, jeder Atemzug quälte ihn. Wenn sie mit dem Auto über eine Bodenwelle fuhr, stöhnte ihr Mann neben ihr vor Schmerz.
Seine Lunge entzündete sich. Die Ärzte versuchten, das Wasser abzusaugen, er erlitt einen Herzinfarkt. Die letzten Wochen verbrachte er auf der Palliativstation. Er bekam jetzt Sauerstoff, das Wasser in der Lunge stieg, er erstickte langsam, es war "wie eine mittelalterliche Tortur", sagt Michaela Keyserlingk. Robert Keyserlingk starb im Dezember 2009, kurz nach ihrem 45. Hochzeitstag.
"Ich dachte, damit werde ich auch noch fertig", sagt Michaela Keyserlingk, sie sitzt sehr aufrecht auf ihrem Stuhl und starrt aus dem Fenster auf den Rasen, der sanft zum See hin abfällt. "Aber damit wird man nicht fertig. Im ersten Jahr dachte ich, er kommt zurück. Bob hatte einen phantastischen, manchmal unpassenden Humor. Ich dachte, der Tod sei einer seiner dummen Scherze. Im zweiten Jahr geht einem dann ein Licht auf."
Am Anfang war Asbest für sie ein Problem aus der Vergangenheit. Wie es aussah, hatte ihr Mann einfach Pech gehabt.
Sie war empört, als sie erfuhr, dass Kanada nie aufgehört hatte, Asbest zu fördern. Im Jahr 2009, dem Todesjahr ihres Mannes, wurden 150 000 Tonnen gefördert, die fast ausschließlich in den Export gingen.
Weil der Markt mit ethischen Fragen überfordert ist, braucht es Regelungen, internationale Absprachen. Die Rotterdam-Konvention der Uno ist eine solche Regelung, der Annex III listet auf, welche Stoffe die Weltgemeinschaft für so gefährlich erachtet, dass man den Handel nicht allein dem Mechanismus von Angebot und Nachfrage überlassen darf, DDT etwa oder Lindan.
Auf ihrer Sitzung im vergangenen Jahr diskutierten die Delegierten wieder einmal über Asbest. Darüber, ob Weißasbest endlich aufgenommen werden soll in die Liste. Käme es auf den Annex III, müssten Exportländer wie Kanada die Einfuhrstaaten vor den Risiken des Asbests warnen, ähnlich den Warnhinweisen auf den Zigarettenpackungen. Das würde den Handel nicht beenden, aber es würde ihn erschweren.
Am Ende scheiterte der Vorstoß am Veto von Vietnam, Kirgistan, Kasachstan, Usbekistan, der Ukraine - und Kanada.
"Es ist menschlich unanständig", sagt Michaela Keyserlingk. "Vor allem, dass ein so reiches Land wie Kanada dieses Zeug verkauft. Hinzu kommt dieser verdammte Klassenunterschied. Mein Mann hatte wenigstens Schmerzmittel. Die Inder haben das nicht. Es gibt Sachen, die macht man nicht."
Zwei Asbestminen gibt es noch in Kanada, jene in Thetford Mines und eine zweite in Asbestos, etwa 60 Kilometer entfernt, der Ort wurde nach dem Mineral benannt, das ihn groß gemacht hat. Beide Minen mussten im vergangenen Jahr den Betrieb einstellen: In Thetford Mines stoppte Steinschlag die Arbeit, in Asbestos ging das Geld aus, um den Abbau unter Tage voranzutreiben.
Eine schöne Gelegenheit für die kanadische Regierung, ohne Gesichtsverlust aus dem Asbestgeschäft auszusteigen, so sahen es die Asbestgegner, so sieht es Michaela Keyserlingk. Ihre Empörung wuchs, als die Provinzregierung verlauten ließ, sie wolle beide Minen wieder in Betrieb nehmen. Wenn es dem Betreiber in Asbestos gelinge, private Investoren aufzutreiben, hieß es, stehe sie mit einem Kredit über 58 Millionen Dollar bereit.
Die Jeffrey Mine in Asbestos gehört Baljit Singh Chadha, einem Inder, der 1973 nach Kanada kam und sein Vermögen mit Nüssen und Trockenobst machte. Kürzlich wurde er von einem Journalisten gefragt, ob er keine Bedenken habe, Asbest ausgerechnet in sein Heimatland zu exportieren. Chadha antwortete, er sehe kein Problem darin, Geld zu verdienen, indem er Menschen helfe, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.
Chadha will sich nicht weiter äußern, stattdessen verweist sein Sprecher auf eine Broschüre, verfasst vom Chrysotile Institute, dem Propagandazentrum der Asbestindustrie. Titel: "For responsible use of Chrysotile". Chrysotile: Das ist der neue, unverfängliche Name für Asbest. Die Broschüre enthält neun Punkte, die offizielle Verteidigungslinie der Asbest-Industrie.
Punkt 1: Weißasbest ist ungefährlich.
Punkt 6: Die Entwicklungsländer kennen die Fakten über Asbest. Dennoch importieren sie Asbest, weil sie Asbest brauchen.
Punkt 8: Es hilft niemandem, die kanadischen Minen zu schließen und den Export zu stoppen. Im Gegenteil: Den Export fortzusetzen bedeutet, Kanadas Expertise über Asbest zu exportieren. Je mehr Asbest Kanada also nach Indien liefert, heißt das, desto besser ist das für die Gesundheit der Inder.
Er sei es leid, ständig Lügen über Asbestgefahren in den Zeitungen zu lesen, sagt kurz darauf Serge Boislard, der seit mehr als 40 Jahren in der Mine in Asbestos sein Geld verdient. Boislard war 18 Jahre alt, als er dort anfing. Sein Vater arbeitete in der Mine, seine Onkel und die Väter seiner Freunde. Er selbst war bei den Bohrungen dabei, war oben in der Mühle, eine Zeitlang hat er die 200-Tonnen-Trucks gefahren. Zuletzt arbeitete er im Kontrollraum, die Augen auf eine Tafel mit 500 Lampen gerichtet, ein schwerer Mann mit einem weißen Haarkranz und rasselndem Atem.
Boislard ist der Präsident des "Mouvement PROChrysotile québécois", einer Lobby-Organisation, die dafür kämpft, dass der Asbestabbau weitergeht. Er hat ein paar Zeitungsartikel kopiert und außerdem Tabellen herausgesucht, die er mürrisch über den Tisch schiebt.
Viele Menschen, sagt Boislard, kommen jedes Jahr im Straßenverkehr um, sterben durchs Rauchen. "Wir verbieten Autos nicht, wir verbieten Zigaretten nicht. Aber alle reden davon, Asbest zu verbieten. Asbest tötet niemanden."
Als Boislard 1968 anfing, wurden bisweilen 50 Asbestfasern pro Kubikzentimeter Luft in der Mine gemessen. Das war, historisch gesehen, schon eine Verbesserung. Sein Vater, sagt Boislard, habe ihm von Werten berichtet, die zwischen 300 und 500 Fasern lagen.
Alles wird besser, sagen diese Zahlen, aber sie sagen auch: Nichts wird jemals gut. Mediziner warnen, dass eine einzige Faser ausreichen kann, um Krebs zu verursachen. Ein Restrisiko bleibt immer.
Woran ist Boislards Vater gestorben?
Nicht am Asbest, sagt Boislard und holt rasselnd Luft. "Er war Diabetiker, die Ärzte mussten ihm beide Beine amputieren. Außerdem hat er viele Jahre lang geraucht." 89 Prozent der Arbeiter hätten früher geraucht, sagt Boislard triumphierend, es ist eine Zahl, an der man sich festhalten kann. Sie ist groß genug, um das Rauchen für die zahlreichen Fälle von Lungenkrebs verantwortlich zu machen, nicht den Asbeststaub.
Weißasbest, sagt Boislard, sei schließlich weit weniger gefährlich als Blauasbest. Wenn man ihm lange genug zuhört, ist Weißasbest nahezu ungefährlich, vorausgesetzt, man beachtet ein paar Regeln. Regel Nummer eins: Pass auf, dass du keinen Staub aufwirbelst. Wenn du sägen oder bohren musst, mach es bei möglichst niedrigen Umdrehungen. Sprüh Wasser auf die Bohrstelle. Regel Nummer zwei: Trag eine Maske gegen den Staub.
Wenn man Weißasbest "kontrolliert" verwende, sei er ungefährlich, das ist das Mantra der kanadischen Asbestindustrie. Es gibt wohl keinen unabhängigen Wissenschaftler, der diese Behauptung stützt, aber das spielt in diesem Streit auch keine Rolle. "Wir behaupten nicht, dass Asbest ungefährlich ist", sagt Boislard zum Abschied. "Was wir sagen, ist: Man kann ihn sicher verwenden. Wenn du ihn sicher verwendest, dann solltest du keine Probleme bekommen."
Ravindra Mohite hat den Behauptungen der Asbestindustrie lange geglaubt. Er war 19 Jahre alt, als er mit Asbest in Berührung kam, ein Jahr älter als Serge Boislard. Mohite lebt in Mumbai, dem früheren Bombay, er hatte eine Frau und zwei kleine Kinder, er musste Geld verdienen. Er sah keinen Grund, sich über seinen Job Sorgen zu machen.
Sein Arbeitgeber stellte Garn her und Bekleidung, Schaltknüppel, Bremsbeläge. Der Asbest, den sie in Mohites Fabrik verarbeiteten, kam unter anderem aus Kanada, aus Thetford Mines.
Mohite trug während der Arbeit eine Maske über dem Mund. Regelmäßig wurden die Arbeiter vom Betriebsarzt untersucht, der ihre Lunge röntgte. Was er sah, behielt er für sich. Sie sollten sich keine Sorgen machen, sagte er. Jeden Morgen fuhr Mohite aus dem Slum Mahalaxmi zur Arbeit in die Fabrik. Das Haus, in dem er wohnte, hatte ein Dach aus Asbestzement, die Zwischenwände waren aus Asbest.
2003 hörte Mohite von seiner Gewerkschaft zum ersten Mal, dass Asbest gefährlich sei, aber da war es wohl schon zu spät. 2006 wurde die Produktion in die Provinz verlagert, die Fabrik geschlossen, Mohite ging in Rente, nach 33 Jahren Asbestfabrik. Er klagt über Atembeschwerden und einen trockenen Husten, der nicht verschwindet. Wenn er Treppen steigt, geht ihm rasch die Luft aus.
Zum Treffen in einem Gewerkschaftshaus hat er ein paar ehemalige Kollegen mitgebracht. 2006, in selben Jahr, in dem sie ihre Jobs verloren, reichten sie gegen ihren Arbeitgeber Klage ein, 2007 setzte das Gericht eine Entschädigung fest. Inzwischen kämpfen sie darum, dass ihre alte Firma auch die Kosten für die Medikamente übernimmt.
Als er die Männer vorstellt, nennt er zu jedem eine Zahl. 20, 50, 50, 40. Die Gewerkschaftsleute haben damals einen Gesundheitstest organisiert, sie ließen die Arbeiter in ein Spirometer pusten. Die Zahl gibt die verbleibende Leistungsfähigkeit der Lunge an, den Grad der Krankheit. Rund 250 Arbeiter ließen sich untersuchen, bei 41 von ihnen wurde eine Asbestose festgestellt, eine Form der Staublunge, die irgendwann zum Lungenkrebs werden kann. Mohites Lungenleistung beträgt noch 50 Prozent.
Der Slum, in dem er die meiste Zeit seines Lebens gewohnt hat, liegt unweit der Metro-Station Mahalaxmi. Zwischen den Hütten stehen Waschtröge aus Beton, in die Männer Eimer mit Wasser leeren. Es ist der Slum der Wäscher, überall sind Leinen gespannt, auf denen Jeans, T-Shirts und Kleider trocknen.
Die Hütten sind gedeckt mit Wellplatten aus Asbestzement. Auf einem Dach hocken zwei junge Männer, sie wollen eine Lücke zwischen zwei Verschlägen abdecken. Sie hämmern und bohren, keiner der beiden trägt einen Mundschutz. Niemand in diesem Slum trägt einen Mundschutz, wie überhaupt kaum jemand in Mumbai einen Mundschutz trägt, jedenfalls nicht gegen Asbeststaub.
Ein paar Kilometer vom Slum entfernt, in einem der muslimischen Viertel von Mumbai, stehen mehrere Geschäfte für Asbestzement nebeneinander, sie verkaufen Dacheindeckungen, glatt und gewellt, auf Wunsch auch verzinkt.
Etwa 50 solcher Läden gebe es allein in seinem Viertel, sagt ein junger Mann, er ist der Chef vom "Raza Roofing Center". Gerade ist eine Lieferung Wellplatten angekommen, Männer in kurzen Hosen tragen die Platten einzeln aus einem Tata-Lastwagen nach hinten ins Lager.
Im Lagerraum stehen auch Dachplatten aus Blech an der Wand, sie sind nur wenig teurer als die Asbestplatten, aber kaum jemand will sie haben.
Wieso verlangen die Kunden Asbestdächer, obwohl er sie auf die Gefahren des Asbests hinweist?
Ein Dach aus Blech wird im Sommer unerträglich heiß, sagt er. Asbest bleibt kühl. Anders als Planen flattert es nicht, es klappert nicht, wenn der Monsunregen herunterprasselt, es rostet nicht.
Wenn Asbest gefährlich wäre, sagen die Inder, würden die Kanadier ihn uns nicht verkaufen.
Wenn Asbest gefährlich wäre, sagen die Kanadier, würden die Inder ihn nicht verwenden.
Vielleicht ist es so, dass jedes Land seine eigene Moral hat, je nach Entwicklungsstand. Welche Rolle, fragen Asbestlobbyisten, spielt eine Latenzzeit von 30 oder 40 Jahren in einem Land, in dem die Lebenserwartung derzeit kaum höher ist als 60 Jahre? Kanadas Asbestexport wäre dann nichts anderes als ein Geschäft zwischen zwei Moralzonen.
Die Sorge um Asbest, heißt es in Indien, sei ein Luxusproblem. Weil der Mensch zuerst ein Dach über dem Kopf will und erst später an die Gesundheit denkt, steigt der Asbestverbrauch mit der wachsenden Bevölkerung. Fachleute befürchten, dass die Zahl der Inder, die in 30 oder 40 Jahren an Asbestose oder an einem Mesotheliom leiden werden, schon deswegen in die Millionen gehen könnte.
Sie könne es nicht ertragen, sagt Michaela Keyserlingk, deren Mann am Asbest zugrunde ging, dass der unnötige Asbesttod immer noch nicht vermieden wird.
Im September schöpfte sie Hoffnung. Im Juni hatte die Provinzregierung in Québec den versprochenen Kredit über 58 Millionen Dollar für die Jeffrey Mine von Baljit Chadha freigegeben, jetzt verkündet die neugewählte Premierministerin von Québec, sie werde das Geld nicht auszahlen. Für die kanadische Asbestindustrie gebe wohl keine Zukunft, sagte sie. Eine Überraschung. Eine Kehrtwende. Vielleicht hatte die Öffentlichkeitsarbeit gegen Asbest doch etwas genutzt.
Vielleicht, heißt es nun, werde Kanada sogar seinen Widerstand gegen die Aufnahme von Asbest auf die Rotterdam-Liste aufgeben.
Ein paar Tage lang sah sich Michaela Keyserlingk am Ziel. Sie empfing die Nachricht in ihrem Haus am See, vor sich ein Foto ihres Mannes, dachte an die letzte Reise, den Abschied, an ein langes gemeinsames Leben.
Aber das Misstrauen kam zurück. Was nützt es, wenn Kanada seine ablehnende Haltung aufgibt - und stattdessen Russland die Neinsager unterstützt? Und wer garantiert, dass Chadha und seine Leute nicht gegen das gebrochene Kreditversprechen klagen - und dann mit der Schadensersatzsumme die Mine wieder in Gang bringen?
Dann, sagt Michaela Keyserlingk, wäre sie wieder da, wo sie angefangen hat.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 41/2012
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