08.10.2012

Die Rechthaber

Das Milliardärsblatt „Weekly Standard“ drängt Amerikas Republikaner nach rechts - und in die Isolation.
Fred Barnes ist ein Chefredakteur, der sogar die Frage, ob sein Magazin Verluste schreibe, unwichtig findet. Die Währung, in der Barnes rechnet, ist politische Wirkung. Und danach kalkuliert, ist der Executive Editor des "Weekly Standard" einer der erfolgreichsten Chefredakteure Amerikas.
Die Wände von Barnes' Büro schmücken Andenken an seine prominenten Leser, Aufnahmen von George W. Bush etwa. Auch in Alaska hat Barnes Anhänger, seit ihm dort 2007 eine weitgehend unbekannte Gouverneurin namens Sarah Palin ein rustikales Mittagessen servierte. "Palin ist wirklich hübsch", schwärmte Barnes, 69, und verfasste einen Leitartikel über "Amerikas populärste Gouverneurin". Rund ein Jahr später war Palin Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner.
Jüngst hob der Blattmacher den jungen Kongressabgeordneten Paul Ryan auf die Titelseite. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney konnte kaum anders, als den strammen Rechten zu seinem Vizekandidaten zu küren. Exklusiv melden durfte das natürlich der "Standard".
Barnes trägt Goldknöpfe am Sakko, die Auflage seines Blattes ist nicht einmal sechsstellig, aber egal, den Machern genügt es, ihr Magazin auf den Schreibtischen der rechten Elite zu wissen. Der "Standard" galt in den Bush-Jahren als Bordmagazin der Präsidentenmaschine, er ist Pflichtlektüre unter führenden Konservativen.
Sie lieben das Blatt dafür, dass es sogar den Intellekt Barack Obamas anzweifelt ("Benutzte Obama wirklich einen Teleprompter, um mit Erstklässlern zu sprechen?"). Sie jubeln, wenn "Standard"-Redakteure erläutern, weshalb Abtreibungsbefürworterinnen raue Behandlung verdienen. Die Freunde des Blattes sind treu und reich, deshalb braucht Barnes kaum Leser. Milliardäre finanzieren den "Weekly Standard", der jedes Jahr einen mindestens sechsstelligen Verlust schreibt. Erst zahlte der erzkonservative Medienmogul Rupert Murdoch, seit drei Jahren ist es der Ölunternehmer Phil Anschutz. "Wir sind uns hier fast immer alle sehr einig", sagt Barnes.
Schließlich ist die Redaktion ein Zusammenschluss von Rechthabern, dafür sorgte schon Bill Kristol, 1995 Gründer des Magazins und noch immer dessen Edelfeder. Kristol thront auf einem teuren Sofa in seinem Büro, gerade ist er noch beim rechten Krawall-Sender Fox News aufgetreten, um zu erläutern, warum Obamas Satz über ein "Ende nach Zeitplan" in Afghanistan zynisch sei: "Wir beenden nicht den Krieg in Afghanistan, wir verlieren den Krieg in Afghanistan."
Vor dem Irak-Einmarsch, den Kristol als Befreiung pries, schrieb er kess, die Geschichte werde ja zeigen, wer richtig und wer falsch liege.
Das zeigte sie in der Tat, aber Kristol sieht keinen Grund zur Selbstgeißelung: "Ist der Irak ohne Saddam Hussein etwa nicht ein besserer Platz?"
Kristol kämpft auch für die seltsamen Allianzen, die intellektuelle Republikaner heute eingehen: mit der Tea Party, mit Menschen, die Obama für einen Muslim halten etwa.
Solche Leute brauchen Feindbilder. Im Moment ist das vor allem der ehemalige Rechtsprofessor Obama. Aber bald schon könnte auch Multimillionär Romney zur Zielscheibe werden. Kristol bereitet die Attacke bereits vor: "Romneys Niederlage könnte endlich einen Generationswechsel bei den Republikanern einleiten" - hin zu noch konservativeren Männern wie Ryan. Am liebsten wäre Kristol wohl in vier Jahren ein Duell Ryan gegen Hillary Clinton, die zweite große Hassfigur der Rechten.
Doch Barnes und seinen Republikanern könnte es schaden, wenn sie weiter ignorieren, dass Amerika toleranter wird. Der "Weekly Standard" wirke schon deshalb gestrig, höhnen Gegner, weil Barnes seine Seiten ausschließlich von weißen alten Männern vollschreiben lasse.
Stimmt das eigentlich, Chefredakteur Barnes? Der weiße ältere Mann denkt nach, schließlich sagt er: "Wir hatten wohl noch nie einen Schreiber aus einer Minderheitengruppe." Doch, halt, da fällt Barnes etwas ein: "Wir haben schon weiße Frauen schreiben lassen."
Von Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 41/2012
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