08.10.2012

Kein Schlaf für Brooklyn

Von Oehmke, Philipp

KONZERTKRITIK: Der Popstar Jay-Z weiht das Barclays Center in New York ein.

Am Tag des Konzerts hatten die Ticketpreise auf dem Schwarzmarkt die 1000-Dollar-Marke längst durchschlagen, die 19 000 regulären Karten waren seit Monaten weg, draußen vor dem neuen, funkelnden Barclays Center in Brooklyn suchten Verzweifelte Einlass, während als Totengräber verkleidete Demonstranten die Eingänge zu blockieren versuchten.

Als mit fast zweistündiger Verspätung die Lichter drinnen in der Halle ausgehen, öffnet sich eine Luke auf der Bühne, und Jay-Z tritt heraus. Klein sieht er aus vom obersten Rang in dieser riesigen Halle. Er blickt sich um, nach links oben, rechts oben, dreht sich. Er steht neben sich, schwankt. Jay-Z scheint gerührt. Allerdings nicht von den 19 000, die mit ihren Fingern ein Dreieck formen, das einen Diamanten darstellen soll, Jay-Zs Symbol für seinen Aufstieg zum Selfmade-Millionär; er ist nicht bewegt von dieser Halle aus angerostetem Stahl, die wie ein geducktes Raubtier mitten in Brooklyn gelandet ist. Nein, Jay-Z ist bewegt von sich selbst. Das macht der erste Song klar, den er anspielt, er heißt "Where I'm from". Und jeder hier weiß, dass Shawn Carter, 42, genannt Jay-Z, aus Brooklyn kommt.

Denn das ist die Frage an diesem Abend - wo man herkommt und wem eigentlich dieser Stadtteil gehört. Brooklyn hat seit diesem Abend diese neue Halle, das Barclays Center, das für eine Milliarde Dollar in eine bislang eher problematische Gegend hineingebaut worden ist. Und damit die Halle nicht nur Investorentraum bleibt, sondern einen Sinn hat, bekommt sie ein NBA-Basketball-Team, die Brooklyn Nets. Der Investor hat das Team einfach aus New Jersey weggekauft und schenkt damit Brooklyn das erste Profi-Team seit dem Auszug der Baseball-Truppe der Brooklyn Dodgers 1957.

Und so wurde das Barclays Center das sichtbarste Symbol für den Einzug des Geschäftsamerika in Brooklyn. Beide Stadtzeitschriften, "New York Magazine" und "Time Out", brachten gerade Titelgeschichten über den Stadtteil, der vielen als inzwischen interessantere Version Manhattans gilt; wo sich Ströme von jungen, wohlhabenden Manhattanianern niederlassen und jetzt dieses milliardenschwere Center nach Manhattan hinüberschreit: Was ihr könnt, können wir auch. Das ist die eine Lesart.

Die andere ist die der Menschen, die draußen vor der Halle demonstrieren, sie lautet: Dieses Brooklyn ist ein künstliches Geschöpf, erschaffen von Menschen, die nicht hierhergehören, die nichts wissen von Brooklyns Leid mit seinen Projects, dem Crack, den Hustlern. Die Menschen, die hier aufgewachsen sind, werden Brooklyn nicht kampflos dem Business-Amerika überlassen.

Deswegen braucht das Barclays Center Jay-Z. "I'm from murder, murder Marcyville", rappt er und meint damit jenes andere Brooklyn, "nur 15 Minuten von hier", die berüchtigten Marcy Houses, eine Sozialsiedlung, wo er als Jugendlicher an den Ecken stand und den Erwachsenen Crack verkauft hat. Mehr Glaubwürdigkeit geht nicht.

Andererseits muss man fragen, auf welcher Seite Jay-Z heute eigentlich steht. Er lebt längst mit seiner Frau, dem Popstar Beyoncé, in einem Penthouse-Palast in Manhattans Tribeca, "right next to De Niro", wie er in einem Song mitteilt, ein globaler Popstar-Unternehmer, dessen Vermögen knapp eine halbe Milliarde Dollar betragen soll und der Spendengalas für Obama organisiert. Sogar ein klitzekleiner Anteil an dem neuen Basketball-Team Brooklyn Nets gehört ihm, er will es zu einer Art FC St. Pauli der NBA machen. Nicht mehr Bon Jovi, so soll es Jay-Z verfügt haben, möge in den Pausen gespielt werden, sondern die schwarze Elektroclasherin Santigold. Wie die Hälfte des Publikums trägt auch Jay-Z an diesem Abend das neue, schwarze Trikot der Nets. Achtmal hintereinander wird er hier auftreten, jede Show ist ausverkauft.

"You can stunt like this if you own the whole place", sinniert Jay-Z von der Bühne herab - "Man kann das bringen, wenn einem das alles hier gehört." Was Jay-Z wirklich rührt, ist diese große, mächtige amerikanische Erzählung, die sein eigenes Leben ist und nun mit seiner Rückkehr in die Heimat einen Höhepunkt findet. Er kommt als ein anderer zurück an den Ort, wo alles begann, "nur 15 Minuten von hier".

In dieser Nacht ist es Jay-Z gelungen, geschickt zwischen seinen beiden Persönlichkeiten hin- und herzuschlüpfen, zwischen dem Hustler aus Brooklyn und dem Millionär aus Geschäftsamerika. Er trägt beide Amerikas in sich. Rap sei dazu geschaffen, mit Widersprüchen umzugehen, schrieb Jay-Z vor zwei Jahren in seiner Autobiografie "Decoded". "Wie weit kann sich die Geschichte deines eigenen Lebens schon von dir entfernen?"

Dass diese Geschichte immer noch in ihm wohnt, möchte er am Ende der Show noch einmal beweisen. Jay-Z kehrt zurück in seine Ghetto-Persona. Draußen vor dem Barclays Center stehen schon die Polizeiwagen mit flackernden Lichtern, und in der Halle spricht der Millionär Jay-Z zu seinem größtenteils schwarzen Publikum: "Bleibt friedlich, wenn ihr rausgeht. Ihr wisst, sie warten auf uns."


DER SPIEGEL 41/2012
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