08.10.2012

ARTENSCHUTZ

Königliche Trophäe

Von Bethge, Philip

In Papua-Neuguinea lebt der größte Tagfalter der Welt. Ölpalmplantagen bedrohen seinen Lebensraum. Naturschützer und Einheimische wollen den Riesenschmetterling retten, indem sie ihn für viel Geld an Sammler verkaufen.

Scharf zeichnet sich seine Silhouette gegen den Morgenhimmel ab. Hoch in der Luft gleitet der Falter mit langsamem Flügelschlag dahin, eher wie ein Vogel als wie ein Schmetterling. Seine langen schmalen Flügel erinnern an jene von Schwalben. Sie schillern in der Sonne wie irisierende Pailletten.

In weitem Bogen fliegt das Insekt um das kleine Pfahlhaus von Grace Juo herum und lässt sich schließlich auf der knallroten Blüte eines Hibiskus nieder. "Dadakul" heißt der Königin-Alexandra-Vogelflügler in der Jimun-Sprache der Einheimischen. Er ist der größte Tagfalter der Erde: Über 25 Zentimeter Flügelspannweite können die Weibchen erreichen. "Wir sind stolz auf unseren Schmetterling, wir sorgen gut für ihn", sagt Juo und blickt hinüber zu dem Insekt, dessen langer Saugrüssel nun in den Blütenschlund fährt.

Die Melanesierin wohnt in Kawowoki, einem kleinen Hüttendorf auf dem Managalas-Plateau im Osten Papua-Neuguineas. Der Vulkanboden hier ist dunkel und schwer, der Regenwald ein einziges überbordendes Grün. Die Hochebene ist das letzte größere Rückzugsgebiet des Königin-Alexandra-Vogelflüglers, der zu den seltensten Insekten der Erde gehört. Manche Schmetterlingssammler würden Tausende Dollar für ein einziges Exemplar bezahlen. Einheimische wie Juo hoffen, bald von der Trophäenlust profitieren zu können.

Doch der Regenwald ist bedroht: Multinationale Konzerne vermuten Öl und Gas unter dem Tropenparadies. Auch Kupfer und Gold haben die Prospektoren gefunden. Ölpalmplantagen breiten sich in der Gegend aus wie Wildwuchs.

Die Verlockungen der Moderne halten Einzug in Papua-Neuguinea, einem in Hunderte Volksgruppen zerrissenen Staat mit katastrophaler Infrastruktur, Stammesfehden und Seuchengefahren. Und so erzählt die Geschichte des Königin-Alexandra-Vogelflüglers nicht nur von einer seltenen Tierart. Es geht auch um die Frage, wie sich Artenschutz in einem Entwicklungsland betreiben lässt, das sich im rasanten Umbruch befindet.

Die Suche nach Antworten beginnt hinter einem Stacheldrahtzaun in Port Moresby, der Hauptstadt von Papua-Neuguinea. Bewaffnetes Wachpersonal sorgt hier für Sicherheit vor den "Rascals", den kriminellen Banden der Stadt. Im Büro der Organisation Partners with Melanesians arbeitet eine klappernde Klimaanlage gegen die stickige Hitze an.

An einem dunklen Tisch sitzen Kenn Mondiai und Rufus Mahuru und erläutern ihren Rettungsplan. "Wir diskutieren seit sieben Jahren mit den Leuten vor Ort, wie wir das Managalas-Plateau retten können", sagt Mondiai, ein schwerer Mann mit rundem Gesicht und Schnauzer. Der Aktivist will die Heimat der Riesenschmetterlinge in eines der größten Naturschutzgebiete Ozeaniens verwandeln. "Der Schmetterling hilft uns, die Leute von der Sache zu überzeugen", sagt er, "das Tier symbolisiert die Vielfalt und den Wert unserer Natur."

Der Brite Albert Meek war der erste Europäer, der den Riesenfalter aus dem Regenwald von Papua-Neuguinea sichtete. Im Auftrag des Naturforschers Lord Walter Rothschild durchforstete Meek im Jahr 1906 die Region, um frische Trophäen für Rothschilds privates Naturkundemuseum im englischen Tring zu finden.

Eines Tages entdeckte Meek einen in großer Höhe fliegenden Schmetterling - und schoss ihn kurzerhand mit einer Schrotladung vom Himmel. Der Abenteurer präparierte den Falter und schickte ihn nach England. Zu Ehren von Königin Alexandra, der Frau von König Edward VII., taufte Rothschild das Tier auf den Namen "Ornithoptera alexandrae".

Meeks erstes Exemplar war ein Weibchen. Ein Jahr später fing er in der Nähe von Popondetta in Papua-Neuguineas Oro-Provinz auch ein Männchen. Heute ist der Ort von der Hauptstadt aus mit dem Flugzeug in einer halben Stunde zu erreichen. Dann geht die Reise mit einem Land Cruiser weiter, ein zermürbendes Abenteuer auf schlammigen Pisten.

Durch hüfthohes Wasser quält sich der Geländewagen; die Brücken wurden von der letzten Flut fortgerissen. Einmal bleibt das Auto im sandigen Flussbett

stecken. Nach dreistündiger Gewalttour ist das Managalas-Plateau erreicht, 36 000 Hektar Regenwald in Privatbesitz, bewohnt von etwa 20 000 Menschen aus zehn verschiedenen Kulturen, jede mit einem eigenen Dialekt.

Turmhohe Urwaldbäume, überwachsen von Lianen und Orchideen, stehen hier neben wilden Bananenstauden, Kokospalmen und Brotfruchtbäumen. Auf kleinen Parzellen bauen die Einheimischen Kochbananen, Yamswurzeln, Ingwer, Tomaten und Süßkartoffeln an.

Dies ist das Reich des Riesenschmetterlings. Das Männchen der Art trägt ein wie mit Goldstaub überworfenes Prachtkleid in Türkis und Grün. Das größere Weibchen dagegen hüllt sich in samtenes Schwarz, das an wenigen Stellen von cremefarbenen und gelben Mustern durchbrochen wird.

Verwundbar wird der bedrohte Vogelfalter durch seine ungewöhnliche Fortpflanzungsbiologie: Das Weibchen legt seine Eier ausschließlich auf einer giftigen Kletterpflanze namens Aristolochia ab. Sind die Raupen geschlüpft, fressen sie die toxinhaltigen Blätter der Pflanze und werden so zu kriechenden Giftbömbchen, die für Fressfeinde ungenießbar sind.

Bis zu 40 Meter hoch windet sich die Aristolochia-Ranke in die Gipfel der Urwaldbäume. Ohne die Kletterpflanze ist der Schmetterling verloren. Die Vermehrung des Gewächses ist deshalb eine der Hauptziele der Artenschützer.

Conwel Nukara ist der örtliche Leiter des Schmetterlingsprojekts und ein Meister der Aristolochia-Pflege. Die Zähne des 31-Jährigen sind rot verfärbt vom Kauen der Betelnuss, des allgegenwärtigen Genussmittels der Einheimischen. Barfuß läuft der Melanesier voraus in den Garten hinter seinem Haus, wo er ein Gewächshaus aus grüner Gaze errichtet hat.

In akkuraten Reihen wachsen dort Aristolochia-Stecklinge in den Beeten. An einigen der Blätter fressen bereits die pechschwarzen Raupen des Vogelflüglers. Leuchtend rote Anhänge stehen wie giftige Stacheln von den Körpern der Tiere ab. Ein gelbes Band zieht sich um ihre Körpermitte. "Wir wollen, dass sich die Tiere schnell vermehren", sagt Nukara, "die Raupen können sich hier in Ruhe entwickeln und verpuppen; die geschlüpften Schmetterlinge lasse ich frei."

Nukara versucht, seine ganze Gemeinde für die Schmetterlingszucht zu begeistern. Regelmäßig besucht er deshalb auch die Schulen der Umgebung. Einer der Dorfbewohner bringt eine durchsichtige Plastikdose herbei. Vorsichtig öffnet Nukara den Deckel. Ein totes Weibchen des Vogelflüglers kommt zum Vorschein.

"Diesen Schmetterling zeigen wir unseren Kindern", erklärt er und spreizt die von vielen Händen zerfledderten Flügel des Insekts. "Wir wollen, dass sie früh erfahren, was für einen Schatz wir hier in der Gegend haben."

Und das meint er wörtlich. Denn die Einheimischen kümmern sich auch deshalb so gewissenhaft um die Riesenfalter, weil sie hoffen, künftig Geld mit den Tieren zu verdienen. Doch das könnte sich als schwierig erweisen.

Der Königin-Alexandra-Vogelflügler steht auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten der Weltnaturschutzunion IUCN. Auch der Handel mit ihm ist streng verboten. Aus Sicht von Artenschützern erfüllt der Schmetterling alle Kriterien einer stark gefährdeten Spezies: Er lebt ausschließlich in der Oro-Provinz; wie viele Exemplare es noch gibt, ist unbekannt; und sein Lebensraum schwindet zusehends.

Unten in der Ebene um die Provinzkapitale Popondetta herum ist die Misere bereits unübersehbar. Hier stehen die Ölpalmen dicht an dicht. Auch Kaffee und Kakao bauen die Einheimischen an. Vom Regenwald mit seinen Klettergewächsen, die der Vogelfalter so dringend braucht, ist kaum noch etwas übrig geblieben.

Eddie Malaisa ist Wildhüter der Oro-Provinzregierung. Schon seit 25 Jahren beschäftigt er sich mit dem Riesenfalter. "Die Zahl der Schmetterlinge geht seit langem zurück", warnt er, "pro Monat sichte ich höchstens noch zwei oder drei Exemplare."

An diesem Tag hat sich Malaisa mit Paul Maliou verabredet, einem Manager der Palmölfirma New Britain Palm Oil Limited (NBPOL). Auf dem Werkshof vor Malious Büro parken große Lastwagen, voll beladen mit den roten Früchten der Ölpalme. Direkt auf der anderen Straßenseite stehen die Gewächse in langen Reihen. Sonnenlicht bricht durch die langen Palmwedel und wirft flirrende Muster auf die Erde.

NBPOL schließt Verträge direkt mit den Bauern ab und vermarktet deren Ernten. Maliou soll sich darum kümmern, dass dies nachhaltig geschieht. "Wir stellen sicher, dass wir nicht in Gebiete vordringen, in denen der Falter lebt", versichert er. Doch Wildhüter Malaisa hat andere Erfahrungen. Einst seien 27 Schmetterlingsreservate in der Region geplant gewesen, berichtet er, "auf 20 der Gebiete stehen jetzt Ölpalmen". Nur 7 kleine Reservate kann Malaisa noch verwalten.

Der Regierungsangestellte wirkt ratlos. Aus Geldmangel verfügt er derzeit nicht einmal über ein Auto, mit dem er die Schutzgebiete kontrollieren könnte. Dabei ist der Königin-Alexandra-Vogelflügler sogar auf der Flagge der Oro-Provinz abgebildet.

"Der Schmetterling ist ein wichtiger Teil unserer Kultur", sagt Malaisa. Doch auch ihm ist klar: Die Bauern werden den Falter nur dann schützen, wenn sie etwas an ihm verdienen können.

Malaisa hat deshalb vorgeschlagen, allen Landbesitzern, die den Lebensraum des Insekts erhalten, eine Entschädigung für ihre Brache zu zahlen. Zudem ist auch er dafür, den Handel freizugeben. "Wenn der Schmetterling für die Leute hier nichts wert ist, wird er aussterben", warnt der Wildhüter.

In der Tat könnte die Aufweichung des Handelsverbots die letzte Chance für den Falter sein. Auf dem Schwarzmarkt werden bis zu 10 000 Dollar für ein Exemplar gezahlt. Werde der Handel legalisiert, argumentiert Malaisa, könnten die Bauern mehrere tausend Dollar für ein Insekt verlangen. "Was ist schlimmer?", fragt er, "ein paar Schmetterlinge legal zu verkaufen oder das Tier aussterben zu sehen?"

Müssen Naturschützer umdenken und sich damit abfinden, dass Arten wie der Königin-Alexandra-Vogelflügler nur gerettet werden können, wenn sie einen Marktwert haben? Auch Aktivist Kenn Mondiai von Partners with Melanesians ist für einen Strategiewechsel. "Wenn wir wollen, dass der Wald auf dem Managalas-Plateau erhalten bleibt und dort keine Ölpalmen angebaut werden, müssen wir den Einheimischen alternative Einkommensquellen vorschlagen", sagt er.

In Kawowoki ist es unterdessen Nachmittag geworden. Am Pfahlhaus von Grace Juo hat sich nun das halbe Dorf versammelt, um Ausschau nach dem Schmetterling zu halten. Das Tier, das am Morgen um Juos Hütte flatterte, war ein Männchen. Nun hoffen alle, dem Besucher aus dem fernen Deutschland auch noch ein Weibchen des königlichen Falters vorführen zu können.

Während die Frauen Bananen und Süßkartoffeln in der Glut eines Feuers rösten, geben die Männer Tipps für die Schmetterlingspirsch. Hoch über den Baumwipfeln sei der Falter zumeist zu sehen, berichten sie, allerdings nur bei Sonnenschein - sonst seien die Flügel zu schwer von der Feuchte des Waldes.

Doch heute ist das Wetter gnädig. Auf einmal springen alle auf und blicken hinauf zu den Wipfeln der nahen Urwaldriesen. Verblüffend schnell gleitet dort ein Weibchen des Vogelflüglers durch die warme Luft. Grace Juo reißt begeistert die Arme in die Höhe.

"Die Welt muss von unserem Schmetterling erfahren", ruft sie und verfolgt mit leuchtenden Augen den Flug des Dadakul, "dann werden die Menschen kommen, mit Bündeln von Dollar in den Händen!"

(*) Mit der Flagge der Oro-Provinz.

DER SPIEGEL 41/2012
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