25.03.1996

VerfassungsschutzRehkopfs Reisen

Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz haben durch Dilettantismus einen Spitzen-V-Mann aus der Neonaziszene auffliegen lassen.
Der neue Sicherheitsverantwortliche in der Detmolder Zentrale der rechtsextremen Nationalistischen Front hatte eine prima Idee: Um "Spitzel, Spalter und Provokateure" zu enttarnen, schlug Michael Wobbe, 23, vor, von allen Besuchern die Angaben auf dem Personalausweis zu erfassen.
Das Verfahren war hilfreich, wenn auch nicht für die Nationalistische Front (NF). Sicherheitsmann Wobbe arbeitete heimlich als V-Mann des niedersächsischen Verfassungsschutzes, Deckname "Rehkopf". Über einen toten Briefkasten, eine vakuumverpackte Dose an einer Gedenktafel auf einem Detmolder Soldatenfriedhof, lieferte der Spitzel anderthalb Jahre lang umfangreiches Material über Personen, Führungsstrukturen und Verhalten der Neonazis.
Die NF unter Führung von Meinolf Schönborn, 40, gilt als militanteste der zahlreichen Neonazi-Organisationen. Zwar wurde die Gruppe, die rund 150 Kämpfer zählte, im November 1992 durch den Bundesinnenminister verboten, doch sind die Schönborn-Anhänger weiter im Untergrund aktiv.
Da die NF-Kader sich besonders konspirativ gebärden, ist ein Mann wie Wobbe für die Geheimdienstler außerordentlich wertvoll. Doch die Quelle, die detaillierten Einblick in das Innenleben der Neonazitruppe ermöglichte, ist versiegt: Durch Fahrlässigkeit von Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt geriet Wobbes wahre Identität in eine Schönborn-Prozeßakte, der V-Mann flog auf. Aus Furcht vor einem Racheakt muß sich der Ex-Spitzel jetzt vor den alten Kameraden verstecken.
Wobbe hatte sich als Jugendlicher im niedersächsischen Quakenbrück Ende der achtziger Jahre der Skinheadszene angeschlossen. Ende 1991 bekam er Ärger mit der Polizei, weil er im Suff das Herren-WC eines Gasthofs demoliert hatte. Bald darauf, im Frühjahr 1992, begrüßten ihn zwei Männer mittleren Alters vor seiner Haustür.
Die beiden Herren aus Hannover gaben sich als Mitarbeiter des Verfassungsschutzes zu erkennen und waren über Wobbes persönliche Situation bestens informiert. Einer von ihnen stellte sich als "Uwe Helmbrecht" vor und verabredete mit Wobbe ein Treffen.
In einem China-Restaurant an der Wilhelmstraße in Quakenbrück warb "Helmbrecht" den arbeitslosen Einzelhandelskaufmann bei Shrimps auf Kosten des Landesamtes. Den jungen Mann lockte die Aussicht, "dem Staat zu zeigen, daß ich mich wirklich von der Naziszene abgewandt habe".
Zunächst aber mußte er sich der Szene wieder zuwenden. V-Mann-Führer "Helmbrecht" verpflichtete Wobbe im April 1992 als Informanten und schließlich als V-Mann für 300 Mark pro Monat plus Spesen. Der Auftrag: V-Mann "Rehkopf" sollte Kontakt mit NF-Chef Schönborn knüpfen.
Bei einer Veranstaltung im Neonazitreff "Heide-Heim" in Hetendorf in der Lüneburger Heide ergab sich die unverfängliche Kontaktaufnahme. Mit lausbubenhaftem Charme gewann Wobbe rasch die Sympathie des argwöhnischen NF-Anführers.
Der neue Kamerad bezog nach wenigen Wochen ein Zimmer in der NF-Zentrale in der Detmolder Quellenstraße 20. Dort wohnten auch die beiden Schönborn-Stellvertreter Stefan Pielert und Eckhard Scholz, im Dezember vergangenen Jahres wegen Verstoßes gegen das Vereinsgesetz zu zehn Monaten Haft verurteilt, sowie der NF-Propagandist Thomas Richter.
In dem Neonazizentrum, einem von Schönborn erworbenen ehemaligen Gasthof, avancierte der Neuling schnell zum Verantwortlichen für Sicherheit und Wohl der Kameraden. Nach einem Kochbuch aus der Endphase der Weimarer Republik servierte der V-Mann Kohlrouladen, Forelle blau und Heringsheckerle nach schlesischem Hausfrauenrezept. Undeutsche Kost wie Pizza war in der völkischen Zentrale tabu.
Auch für Musikalisches gab's in dem Haus am Rande des Teutoburger Waldes strenge Anweisungen. Skinheadtöne waren in der Truppe, die sich als "Partei mit elitärer Ausrichtung" verstand, ebenso verpönt wie Techno. Am Hofe Schönborns erklangen Mozart und Franz Liszt neben Liedern des NPD-Barden Frank Rennicke ("Ich bin nicht modern, ich fühle deutsch"). Für revolutionäre Stimmung sorgten sozialistische Kampflieder wie "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit".
Schönborn, der oft gegen die "Systembonzen" wettert, fuhr einen geleasten 525er BMW und kassierte von Kameraden in seinem Haus Monatsmieten bis zu 450 Mark. Am Vorbild der SS orientiert verordnete die braune Politsekte ihren Kämpfern laut Schulungsrundbrief auch für das Sexualverhalten einen völkischen Sittenkodex: "Ich gehe nur mit unserer Art ins Bett."
Nach dem Verbot der Neonazigruppe 1992 war Wobbe ein vielbeschäftigter Mann. Er hatte von Schönborn den Auftrag erhalten, als Reisekader Spenden einzutreiben.
Für erste Ausflüge nach Berlin, Neustrelitz und Magdeburg zahlte der Geheimdienst die Bahnfahrkarten. "Es war eine komische Doppelmoral, etwas zu tun, was ich schon nicht mehr wollte, und dafür Geld zu bekommen", erinnert sich der ehemalige V-Mann.
Im September 1993 entpflichtete der Verfassungsschutz schließlich den reiselustigen Mitarbeiter, angeblich wegen "mangelnder Nachrichtenehrlichkeit". Wobbe erfuhr von seiner "Abschaltung" (Verfassungsschutzjargon) erst Mitte Oktober durch einen Anruf bei seinem V-Mann-Führer "Helmbrecht". Wobbe vermutet, daß "Rehkopfs" Reisen dem Landesamt zu teuer geworden waren.
Wobbe hatte seinen V-Mann-Führer bei den monatlichen Treffs immer wieder mit umfangreichen Spesenabrechnungen genervt. So ließ er sich vom Landesamt nicht nur Busfahrkarten, Pommes und Cheeseburger erstatten, sondern auch Eintrittskarten für das von Schönborn häufig frequentierte Detmolder Freizeitbad "Aqua lib".
Jedenfalls scheint der Verfassungsschutz Wobbe nicht gerade seinen fähigsten V-Mann-Führer zugeteilt zu haben: Am Kadett von "Helmbrecht" prangte schon mal vorn ein Nummernschild vom Emsland und hinten eins von Hannover.
Das Ende seiner Dienstfahrt erlebte Wobbe im Hotel König Ludwig in Schwangau unweit vom Schloß Neuschwanstein. Wobbe konnte Hotelrechnungen nicht mehr bezahlen, wurde festgenommen und saß wegen Einmietbetrugs bis kurz vor Weihnachten einige Wochen in der Justizvollzugsanstalt Kempten in Untersuchungshaft.
Um rasch wieder entlassen zu werden, hatte sich Wobbe einem Kripo-Vernehmer anvertraut, er sei V-Mann des Verfassungsschutzes. Doch seine Bitte, diese Aussage vertraulich zu behandeln, blieb ohne Erfolg. Das Bundeskriminalamt teilte Wobbes Aussage im November 1993 per Telex der Staatsanwaltschaft Dortmund mit. Das Material fand Eingang in die Prozeßakte für ein Strafverfahren wegen Zuwiderhandlung gegen das Vereinsverbot gegen NF-Boß Schönborn. Der erfuhr aus der Ermittlungsakte, für wessen Sicherheit Wobbe tatsächlich tätig gewesen war.
Seither hält der Ex-V-Mann seinen Wohnsitz geheim. Mit rechtsradikalen Organisationen und mit Geheimdiensten will der junge Mann nichts mehr zu tun haben. "Da kann ich", zieht er Bilanz, "Neugierige nur warnen." Y

DER SPIEGEL 13/1996
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