25.03.1996

Zeitgeschichte„Mit denen bin ich fertig“

27. April 1977, Mittwoch. "Herr Gerstner, Sie sind hierher geschickt worden. Haben Sie einen Auftrag, über etwas Bestimmtes mit mir zu sprechen?"
Gerstner: "Niemand hat mich geschickt oder mir was auf den Weg gegeben. Ich mache mir Sorgen, das ist alles, ebenso meine Frau, von der ich grüßen soll."
Der Genosse Karl-Heinz Gerstner ist eine milde Ausgabe von Karl-Eduard von Schnitzler, wie dieser Journalist von Beruf, schon seit Jahren Verfasser einer Wirtschaftskolumne in der Berliner Zeitung. Er schreibt Kommentare über den Rundfunk und macht die Fernsehsendung "Prisma".
Er fehlt auf keiner Diplomatenfete, er ist dabei, wenn gedinnert, wenn gejasagt und eingeweiht wird, er fehlt nicht beim Kostümfest und nicht beim Maskenball. Nie hat man gehört, daß ihm Zurückhaltung nahegelegt worden wäre. Uns haben die hochgestellten Genossen wegen der Diplomatenkontakte heftig getadelt, ihn nicht, weswegen alle glauben, er sei kein echter Lebenskünstler.
Als Stasi-Mann würde ich ihn immer vorziehen, denn ihm gehen feinere Gedanken durch den Kopf als anderen, über die er auch feiner sprechen kann. Er ist polyglott, gebildet und sieht haargenau aus wie Nick Knatterton. Er ist sympathisch _(* In Biermanns Wohnung mit dessen ) _(Mutter Emma, die aus Hamburg zu Besuch ) _(gekommen war. ) _(y 1996, Econ Verlag GmbH, ) _(Düsseldorf. Der ungekürzte Text ) _(erscheint in dieser Woche als Buch unter ) _(dem Titel "Abgehauen. Ein Mitschnitt und ) _(ein Tagebuch". 264 Seiten; 36 Mark. )
und hat die Gabe, Menschen zur Vertrauensseligkeit zu verführen.
Ich sage: "Herr Gerstner, wir sollten einen Schluck miteinander trinken und, wenn Ihnen die Zeit nicht zu schade ist, über alles mögliche reden, nur meinen Ausreiseantrag, den Sie nicht verschuldet noch zu verantworten haben, sollten wir aussparen." Plötzlich hat er ein sehr verblüfftes Gesicht. Er sagt: "Ich bin entsetzt. Daß ein solcher Antrag existiert, höre ich in diesem Moment zum ersten Mal." Nun bin ich es, der erstaunt ist. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich sehe Gerstner aufmerksam an, sein vorspringendes Kinn, den gestutzten Schnurrbart, den eindrucksvollen Schädel. Er sieht aus wie jemand, der gern die Wahrheit sagt. Und nun reden wir doch über nichts anderes als meine Ausreise. Ich erzähle ihm von den Widerwärtigkeiten der letzten Monate, er hört gekonnt zu, zeigt gelegentlich maßvolle Erschütterung.
"Ich weiß nur, was im Neuen Deutschland gestanden hat, mehr nicht", sagt er. "Das ist wirklich viel verlangt, Herr Gerstner, daß ich Ihnen das glauben soll", sage ich und gebe ihm die Petition. _____" Biermann war und ist ein unbequemer Dichter - das hat " _____" er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein. Unser " _____" sozialistischer Staat, eingedenk des Wortes aus Marxens " _____" "18. Brumaire", demzufolge die proletarische Revolution " _____" sich unablässig selbst kritisiert, müßte im Gegensatz zu " _____" anachronistischen Gesellschaftsformen eine solche " _____" Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen können. " _____" Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder " _____" Handlung Wolf Biermanns und distanzieren uns von den " _____" Versuchen, die Vorgänge um Biermann gegen die DDR zu " _____" mißbrauchen. Biermann selbst hat nie, auch nicht in Köln, " _____" Zweifel darüber gelassen, für welchen der beiden " _____" deutschen Staaten er bei aller Kritik eintritt. Wir " _____" protestieren gegen seine Ausbürgerung und bitten darum, " _____" die beschlossenen Maßnahmen zu überdenken. 17. November " _____" 1976 Sarah Kirsch, Stephan Hermlin, Heiner Müller, " _____" Christa Wolf, Stefan Heym, Rolf Schneider, Volker Braun, " _____" Günter Kunert, Gerhard Wolf, Fritz Cremer, Erich Arendt, " _____" Jurek Becker, Franz Fühmann. Wir Kulturschaffende " _____" erklären uns mit dem Protest der Berliner Künstler gegen " _____" die Ausbürgerung Wolf Biermanns solidarisch. Jutta " _____" Hoffmann, Kurt Bartsch, Eva-Maria Hagen, Katharina " _____" Thalbach, Hans Joachim Schädlich, Thomas Schoppe, Gernulf " _____" Pannach, Manfred Krug, Peter Herrmann, Bettina Hindemith, " _____" Ulrich Plenzdorf, Erika Dobslaff, Klaus Schlesinger, Rolf " _____" Ludwig, Jürgen Fuchs, Käthe Reichel, Sibylle Havemann, " _____" Fritz R. Fries, Wasja Götze, Thomas Brasch, Nina Hagen, " _____" Angelica Domröse, B. K. Tragelehn, Christiane Ufholz, " _____" Ekkehard Schall, Bettina Wegner, Hilmar Thate. 18. 11. " _____" 1976 Kurt Demmler, Ernst Ludw. Petrowski, Jürgen " _____" Böttcher, Uschi Brüning, Eberhard Esche, Cox Habbema, " _____" Jutta Wachowiak, Nuria Quevedo, Dieter Schubert, Else " _____" Grube-Deister, Christine Gloger, Thomas Langhoff, Henryk " _____" Bereska, Horst Sagert, Adolf Dresen, Horst Hussel, " _____" Günther Fischer, Margit Bendokat, Ulrich Gumpert, Günter " _____" de Bruyn, Hans Bunge, Horst Hiemer, Lothar Reher. " _____" 19.11.1976 Karl-Heinz Jakobs, Dr. Peter Rüth, Barbara " _____" Rüth, Werner Kohlert, Charlotte E. Pauly, Armin " _____" Müller-Stahl, Klaus Lenz, Christa Sammler, Heiner " _____" Sylvester, Bernd Wilde, Barbara Dittus, Richard " _____" Cohn-Vossen, Charlotte Wogitzky, Mathias Langhoff, Günter " _____" Kotte, Andreas Altenfelder, Heinz Brinkmann, Klaus Poche, " _____" Wolfram Maaß, Elke Erb, Dietrich Petzold, Dr. Wiemuth, " _____" Reimar Gilsenbach, Axel Gothe, Horst Gretzschel, Anne " _____" Hussel-Gabrisch, Frank Beyer, Trini Cremer, Helga Schütz. "
Gerstner sagt: "Das finde ich ausgezeichnet, dem stimme ich ganz und gar zu. Dennoch hätte ich es nie unterschrieben." Dann kommt er auf seinen Auftrag zurück. Mein Weggang sei schmerzlich, wie gesagt, ich sei eben auch in den Schichten beliebt, die unserem Land noch immer kritisch gegenüberstehen. Er sagt: "Und wenn Ihr Gespräch mit Lamberz noch so unerfreulich war, eine Geste mußten Sie machen, eine Geste des guten Willens, ein Wort, daß Sie in diesem Lande leben und weitermachen wollen."
Ich: "Das habe ich getan." Ich suche in meinen Papieren eine Ansprache hervor, die ich Anfang Dezember ''76 den Genossen Lamberz und Adameck gehalten habe. Frank Beyer und ich waren damals vorgeladen worden. Wir hatten einen Drehtag abgebrochen und kamen mittags im Zentralkomitee an.
Beyer war zuerst dran, ich wurde in einen Nebenraum geführt, wo ich drei Stunden wartete. Dann trat ich in das Büro von Lamberz, der mich freundlich begrüßte. Es war eher ein Saal, holzgetäfelt, von kahler Pracht, um einen langen Tisch standen 24 Stühle, zwischen denen ich mir verloren vorkam. Lamberz und Adameck saßen mir gegenüber.
Wir bemühten uns alle drei, den Ernst der Stunde zu feiern, auf private Grußfloskeln wurde verzichtet. "Ich bitte um Verständnis, daß ich eine weitere Auseinandersetzung heute nicht möchte, ich weiß gar nicht, ob ich dazu imstande wäre. Ich will nur eine Erklärung vorlesen, die ich mir zu Hause extra aufgeschrieben habe, einmal aus Furcht, hier etwas zu vergessen, zum anderen, weil so sichergestellt ist, daß jeder von uns sich später an dasselbe erinnert." Die Erklärung:
"Ich bin zu jung, um an irgendeiner Front gegen den Faschismus gekämpft zu haben; daher kann ich mich nicht auf Taten in dieser Zeit berufen, um darauf meinen Anspruch auf Mitdenken und Andersdenken in unserem Land zu stützen. Aber ich bin als Halbwüchsiger hierhergekommen, habe hier die Schulen besucht, bin hier in die Lehre gegangen, habe im Stahlwerk Brandenburg als Schmelzer gearbeitet.
Bis zum Bau der Mauer konnte ich täglich beweisen, daß ich in diesem Lande leben und arbeiten will, denn ich hätte mit jedem S-Bahn-Zug wegfahren können. Und damals lebte ich sehr schlecht. Daß ich in der Zeit danach, als es mir gutging, freiwillig und gern hiergeblieben bin, muß man mir einfach so glauben.
Wolf Biermann habe ich in der letzten Zeit kaum gesprochen. Leider. Ich war mittlerweile zu feige, ihn zu besuchen. In der Zeit vorher hatten wir gemeinsame und gegensätzliche Ansichten. Für mich ist Biermann ein Kommunist, der die DDR als die einzige der beiden deutschen Alternativen ansieht, aber er hielt sie für verbesserungswürdig. Er hat die DDR scharf kritisiert und tapfer verteidigt.
Die Entfernung Biermanns sieht leider nach Heimtücke aus. Zwölf Stunden nach seinem Westauftritt ist der Beschluß fertig, ein hastiger, die Folgen nicht bedenkender Beschluß. Biermann ist nicht Solschenizyn, die DDR nicht die Sowjetunion.
Die gegnerischen Medien stürzen sich drauf, es gibt eine Fernsehsendung und eine wiederholte und verlängerte Fernsehsendung. Nun kennen ihn die Leute auch bei uns. Es zeichnet sich ab, wie groß der Fehler wirklich ist.
Jetzt werden die Unterzeichner unter Druck gesetzt: Ihr Undankbaren, habt den Nationalpreis gekriegt, jetzt widerruft, denkt an eure Zukunft, denkt an eure Arbeit! Es gibt Leute, die täglich in die Mangel genommen werden, es herrschen Angst und Heuchelei, üble Verleumdungen kommen aus der Abteilung Gerüchteerfindung. Minister Hoffmann behauptet im Schriftstellerverband vor 200 Dichtern des Landes, ich hätte Leute unter Druck gesetzt. Undenkbar, ihn wegen Verleumdung vor Gericht zu fordern.
Leider drängt sich mir das Bild von Menschen auf, die so lange durchgebogen werden, bis man in den Wirbeln den Knacks hören kann. Niemand kümmert sich darum, wie die sich anschließend fühlen, wie sie noch mit ihren Freunden verkehren sollen - Hauptsache, da ist ein Widerruf. Wie lange soll das Kesseltreiben weitergehen? _(* 1959 in dem Film "Fünf ) _(Patronenhülsen". )
Da will ich bei den Gemaßregelten stehen und warten, bis nicht nur wir, sondern auch die anderen so viel dazugelernt haben, daß wir trotz unterschiedlicher Meinungen unserer Arbeit nachgehen und gemeinsam auf ein Ziel zugehen können.
Gebt Ruhe. Hört auf, Leute länger zu belästigen und zu demütigen. Schaut uns nicht länger an, wie Schlangen Kaninchen anschauen, es ruiniert unsere Gesundheit. Stachelt keinen falschen Kampfgeist an, hört auf, Biermann-Wut zu produzieren. Unter den Wütenden könnte eine neues Talent sein."
Nach einer langen Pause, in der Gerstner sein Gesicht hinter den Händen verbirgt, sagt er: "Da haben Sie was auszubaden, Herr Krug." Und weiter: "Ich habe andere Methoden, ich will an der sozialistischen Sache mitarbeiten und sie fördern, aber mit anderen Mitteln."
"Sie selbst halten also den Sozialismus für veränderungsbedürftig", sage ich. "Aber das kann gefährlich sein. Und doch wollen Sie es? Wie sympathisch. Und so einen Mann habe ich für einen Stasimann gehalten."
Gerstner: "Um Gottes willen!"
Ich: "Wußten Sie nicht, daß man das auf jeder Diplomatenfete rings um Sie herum von Ihnen sagt?"
Gerstner: "Um Gottes willen, nein." Pause. "Wo leben wir?" Als er geht, fehlt nicht viel an elf Uhr. Ich schreibe die Nacht durch aus Angst, von diesem Abend etwas zu vergessen.
28. April 1977, Donnerstag. Unter meinen Bekannten hat es in letzter Zeit mehrere Lauschangriffe gegeben. Einer Freundin haben sie ein Loch aus der Nebenwohnung durch die Wand gebohrt und ein Mikrofon durchgeschoben. So was fliegt schon mal auf. Das Wanzenproblem ist bei uns ein Devisenproblem. Für mich dürften sich solche Kosten nicht lohnen, alle wissen, daß ich keine Heimlichkeiten habe. Mir droht eine andere Gefahr, und sie würde in Zukunft größer werden. Ab 5. Mai 1977 tritt neben anderen das "Gesetz über die öffentliche Herabwürdigung" in Kraft: _____" nung oder staatliche Organe, Einrichtungen oder " _____" gesellschaftliche Organisationen oder deren Tätigkeit " _____" oder Maßnahmen herabwürdigt, wird mit Freiheitsstrafe bis " _____" zu zwei Jahren oder Verurteilung auf Bewährung, " _____" Haftstrafe, Geldstrafe oder mit öffentlichem Tadel " _____" bestraft. "
Unsere Familie rückt enger zusammen. Ich habe nie so viel mit den Kindern gespielt, meine Frau lange nicht so innig umarmt, so dicht mit ihr zusammengehockt wie in den letzten Wochen. Ich erinnere mich an eine Szene aus den Kindertagen, wo ich versprochen hatte, vom Zehn-Meter-Turm zu springen. Da oben stand ich lange, die längste Viertelstunde meines Lebens. Dann bin ich die Treppe wieder hinuntergeklettert, vorbei an kleineren Jungs, die lachend aufstiegen. Diesmal wird das anders sein.
30. April 1977, Samstag. Die Berliner Zeitung ist heute 16 Seiten stark, auf der ersten Seite ein roter Balken: Es lebe der 1. Mai! Ottilies Vater hat uns vor ein paar Wochen eine Fahne mit Hammer und Zirkel geschenkt. Otti fragt mich, ob wir flaggen wollen. Wir haben nie geflaggt und entscheiden, damit jetzt nicht anzufangen.
Es ist noch hell, als wir auf Müller-Stahls Grundstück ankommen. Er hat uns zum Essen eingeladen, für mich wird es eher ein Trinken werden. Weil die Landschaft so überwältigend ist und die Eichen so alt, wirkt sein Haus wie eine aufgestockte Laube. Sie liegt am Ufer der Dahme, die an dieser Stelle breit ist, wie ich in einer Stunde sein werde.
Minchens Bruder Hagen aus dem Westen ist da, Jurek Becker, Stefan Heym, Jutta Hoffmann, viele Leute. Unser Thema ist immer dasselbe, täglich kommen Nachrichten dazu, dieser und jener ist nach drüben abgehauen, die Kettenreaktion der Biermann-Ausweisung ist endlos.
Und jetzt bin ich dran. Stefan Heym ist der einzige, der mir ernsthaft abrät, ich glaube, der sucht den ganzen Tag nach Schäden, die er von der DDR abwenden kann**. Alles, was er sagt, habe ich schon gehört, von ihm und von anderen; alles, was ich sage, haben er und die anderen schon gehört.
Einer frotzelt mich an: Mein Weggehen könnte den anderen Vorteile bringen, es könnte Privilegien hageln, kleine Freiheiten und große Reisen, vielleicht sogar kürzere Wartezeiten auf Wohnungen und Autos. Das Gespräch erwischt mich in einem Stadium von Angetrunkenheit, in dem ich mich so siegreich fühle, daß ich jetzt schon Angst habe vor dem Aufwachen morgen früh. Ich solle nicht den Verdacht aufkommen lassen, sagt Heym, daß ich vor allem aus Menschenliebe weggehe.
Ich bin gerade so voll, diese Attacke noch mitzukriegen, deshalb lehne ich mich abschließend noch mal richtig auf:
"Männchenliebe? Den Helden gepe ich nur, wenn die Gasche stimmt", sage ich. "Aber du gipst ihn ja umsonßt, das reischt. Sei nisch so bittel ernzt. Das unverheitz . . . äh unverzeihlische Wort is geschprochen: ich verlasze die Täterätä. Mal muß Schulz sein mit dem Hin und Hair. Ich will auch nicht, daß die Täterätä mir waß vertßeiht, wie kommt die denn datßu? Die Zukumft in der Täterätä habe ich mir ein halbes Jahr lang ausgemalen. Für mich siehtz schlechter auß alz für dicht. Du bist berümmst . . ." Also, ich sagte, er sei berühmt und unantastbar. Und je mehr die Täterätä ihn haßt, desto berühmter und unantastbarer wird er sein. Hagen Müller-Stahl fragt, was "Täterätä" bedeuten soll. Die andern lachen ihn aus.
Als ich die Hazienda zur Straße hin durchfalle, denkt es noch, der Heym will mich nicht festhalten, der will bloß kucken, ob ich noch ganz starksinnig bin . . .
Ottilie fährt ihren großartigen Manfred nach Hause.
So was schreibt man nicht ins Tagebuch? Siehste doch. 1. Mai 1977, Sonntag. In der Stadt ist was los. Riesenschach wird gespielt, die Kinder dürfen die Straßen mit bunter Kreide vollmalen, es gibt Eishockey im Kasten, und im Haus des Lehrers ist Buchbasar, wie an jedem ** Unter dem Titel "Der Winter unsres Mißvergnügens. Aus den Aufzeichnun- _(gen des OV Diversant" erscheint ) _(Anfang April in der Reihe btb des ) _(Goldmann Verlags auch ein Buch von ) _(Stefan Heym, das die ) _(Biermann-Ausbürgerung und die Zeit ) _(danach zum Thema hat. ) _(* Links: auf dem Ost-Berliner ) _(Buchbasar am 1. Mai 1977; rechts: bei ) _(der Ausstellung "Bücher der BRD" am 20. ) _(Oktober 1988. )
1. Mai. Dort sitzen die Schriftsteller leibhaftig an Tischen, signieren und verkaufen ihre Bücher. Jeder kann sich an der Länge seiner Publikumsschlange ausrechnen, wie gut er schreibt, die mit geringem Andrang trösten sich damit, daß niemand sie versteht. Am Basar nehmen nur Schriftsteller teil, die Mitglieder des Verbandes sind, und eigentlich ist jeder DDR-Schriftsteller Mitglied des Verbandes.
Heiner Müller nicht, der ist vor langer Zeit leichtfertig ausgeschlossen worden, und nun hofieren sie ihn, damit er wieder eintritt. Seit kurzem ist auch Jurek draußen. Damals, aus der Partei und aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes frisch ausgeschlossen, war er neugierig, wie wohl der neue Vorstand aussehen würde. Als er die Liste der Namen las, erklärte er gleich noch einen Austritt, nämlich aus dem Verband.
Mittags kommt Jurek mich besuchen. "Laß uns in die Stadt fahren", sagt er. "Die sollen nicht denken, daß wir Ratten sind, die sich verkriechen. Wir wollen uns den Buchbasar ansehen." Ottilie ist mit den enttäuschten Kindern inzwischen zurück und fährt noch einmal mit zum Alexanderplatz.
Die längsten Schlangen haben Christa Wolf, Stefan Heym und, es nützt alles nix, der Wunderknabe Kant. Ich habe meinen Fotoapparat bei mir und mache unauffällig Porträts von den Dichtern, da ist das greise, noch immer schöne Gesicht der Großmeisterin Seghers, das verschlissene von Kant, das feiste von Kahlau, das gütige von de Bruyn, das würdige von Heym und das falsche von der Steineckert. Verzagt sieht Christa Wolf aus, und fast zugewachsen ist das Gesicht von Jurek, der nun doch in einer Ecke, sozusagen schwarz, Autogramme gibt.
Jurek unterhält sich lange mit einem unscheinbaren Mann in Schlips und Kragen, den ich für den hiesigen Aufsichtsbeamten halte. Später stellt sich heraus, daß er der Genosse Höpcke ist, der 1965 im Neuen Deutschland mit einem brutalen Artikel das Feuer auf Biermann eröffnet und ihn damit bis zu seiner Ausbürgerung kaltgestellt hat.
Seit dem Tag ist Höpcke Besitzer eines Briefes mit den wenigen Worten: Sehr geehrter Herr Höpcke, Sie sind ein Arsch. Gruß - Manfred Krug. Heute weiß ich, daß man das einem Kulturredakteur des Neuen Deutschland differenzierter hätte sagen müssen. Ach, man war jung und dumm.
Höpcke wirft mir, während ich vorbeigehe, einen sogenannten vernichtenden Blick zu, den ich mir nach all den Jahren nicht erklären kann. Später wird Jurek mir sagen, daß Höpcke heute der Buch- und Verlagsminister der DDR ist. Ich frage mich, was Jurek mit dem Menschen zu reden hat, dessen Gesicht so nichtssagend ist, daß er damit geradezu auffällt.
Jurek sagt, das Gespräch mit Höpcke sei so interessant gewesen, wie Gras beim Wachsen zuzusehen. Der Minister habe zu der ganzen Affäre keine anderen Ansichten zu äußern gehabt als die, die uns von Anfang an schon aufgeregt hätten. Allerdings habe er dies mit einer Stimme getan, die klingen sollte wie unter vier Augen.
Das einzig Amüsante sei ein Mißverständnis gewesen: Zu Beginn des Gesprächs über die Biermann-, später Schriftsteller- und schließlich Staatsangelegenheit habe Jurek gesagt, daß das Ganze nicht passiert wäre, wenn die verantwortlichen Leute die Folgen richtig berechnet hätten. Was wir heute erlebten, sei das Resultat einer Fehleinschätzung. Überraschend habe Höpcke dieser Meinung zugestimmt, und es sei ihm, Jurek, eine Genugtuung gewesen, beim Verlagsminister über dessen eigene Untaten immerhin Reue zu finden.
Dann, bei der Verabschiedung, habe Höpcke die Rede noch einmal auf diesen Punkt gebracht und gefragt, wen Jurek gemeint habe. Jurek sagt, natürlich die verantwortlichen Politiker im Politbüro, wen denn sonst? Da habe Höpcke verwundert den Kopf geschüttelt, er habe gedacht, die zwölf Schriftsteller seien gemeint gewesen. Gott sei Dank, die Nichtübereinstimmung war wieder vollkommen.
Am Nachmittag besuchen mich Stefan Heym und Frau Inge. Ihn plagt etwas, und es stellt sich heraus, daß es das schlechte Gewissen ist: "Ich habe dich gestern bedrängt und dich vielleicht mutlos gemacht, das war Unsinn. Ich habe es mir überlegt, du bist in einer anderen Situation, du solltest tun, was du tun mußt, ich sollte dir eher Mut machen. Ich war nur traurig über eine junge Freundschaft, die keine Chance hatte, eine zu werden. Und was wird mit Jurek? Ich sehe doch, daß es immer weniger werden."
Da macht Stefan Heym, der Süd-Berliner, diesen Umweg über den Norden, um mir das zu sagen. Die beiden Heyms sind die DDR, die zu verlassen weh tut. Meine Rührung verstecke ich hinter dem Satz: "Wenn die Ausreiseanträge von mehr als der Hälfte aller Einwohner vorliegen, wird die Regierung sich vielleicht als abgewählt betrachten."
4. Mai 1977, Mittwoch. Punkt neun stehe ich im Büro des Kulturministers. Der hatte mich am Montag höchstpersönlich angerufen: "Wir müssen mal über alles sprechen."
Hoffmann ist ein proletarischer Typ, groß, eingepackt in festes Fett, in seinem sibirischen Gesicht zwei Bärenaugen. Ich ziehe meine Jacke aus, weil mir die Hitze hochkommt und weil Hoffmann selbst im Hemd dasteht. Er sagt: "Recht so, reden wir in Hemdsärmeln." Die Ärmel krempelt er hoch, weil er glaubt, ich wäre im Kopf so einfach organisiert wie die Charaktere, die ich gespielt habe, und weil er glaubt, mir seine Zugänglichkeit zeigen zu müssen. Das Gespräch eröffnet er mit den Worten: "Wollen wir den Krieg beenden?", worauf ich keine Antwort wage. Nein geht nicht, und Ja würde heißen, daß ich bisher Krieg mit ihm hatte.
Der Minister erklärt mir die Weltlage, die Schwierigkeiten in den beiden Deutschlands. Die Regierung sei in Zugzwang gewesen, nachdem die Kirche dem Biermann Auftrittsmöglichkeiten gegeben habe. "Was sollten wir tun? Sollten wir ihn einsperren?"
Er wisse sehr wohl, daß ich keiner von den stillen Unterzeichnern gewesen sei, daß ich im Gegenteil nichts unversucht gelassen hätte, weitere Unterschriften zusammenzukriegen. Vergessen. Nun sollten wir einen Schlußstrich ziehen und gemeinsam über einen Neubeginn nachdenken.
"Mein Verbrechen", sage ich, "war nicht größer oder kleiner als das jedes anderen Unterzeichners. Freilich hat sich damals jeder an Freunde gewandt, die Liste weitergereicht. Ich war sogar zu faul, deswegen durch die ganze Stadt zu fahren. Einen Spaziergang habe ich gemacht, in meiner Gegend, vier, fünf Freunde besucht.
Der Schauspieler Drinda, der hat gesagt, er wisse leider nicht, wer Biermann sei und was er geschrieben habe, deswegen könne er sich nicht äußern. Der Architekt Henselmann, dem mit seiner Rente nichts mehr passieren konnte, der hat mich glatt rausgeschmissen und es überall erzählt, um Bewunderung einzuheimsen.
Dann habe ich noch die Mutter des Oktoberklubs, Gisela Steineckert, gefragt, die hatte ich zu mir nach Hause eingeladen. Die nackte Angst kuckte aus ihren leichtfertigen Augen. Die hat gleich am nächsten Tag erzählt, daß sie in meinem Haus in eine konspirative Runde geraten sei, und von ihr stammt die Behauptung, ich hätte Druck ausgeübt.
Der Komponist Matthus wollte es sich noch ein bißchen überlegen, damit ist er bis heute beschäftigt. Der einzige, der auf meine Rechnung kommt, ist Günther Fischer, und der hat am nächsten Morgen in aller Frühe und aller Stille seine Unterschrift zurückgezogen. Wenn das keine Pleite ist."
Seine Verhandlungsroutine, die er in vielen ähnlichen Gesprächen erworben haben muß, ist erstaunlich. Er droht nicht, er erpreßt nicht, er holt Vorschläge aus der Hosentasche, die er sich, wie um mein Herz zu rühren, auf einen zerknitterten Zettel geschrieben hat. Er erniedrigt sich. Jedes Angebot, das er macht, kommt mir wie ein Schlag ins Gesicht vor.
Bald drei Stunden arbeitet er mit mir. Er gibt sich mannhaft, zärtlich, kämpferisch, nachgiebig, er tut mir in der Seele leid. Er sagt: "Wir machen eine Tournee durch die CSSR, durch die DDR, durch die Sowjetunion. Sagen Sie mir, wo Sie privat hinwollen, in jedes Land der Erde, Sie werden reisen."
Ich sage: "Bitte sprechen Sie nicht weiter. Ich weiß jetzt, daß ich nicht hätte kommen dürfen. Ich wollte kein Geschäft machen. Alle wissen, daß der Ausreiseantrag gestellt ist. Alle werden sagen, für ein paar Zugeständnisse ist der Krug im letzten Augenblick umgefallen."
Er sagt, ich solle es mir noch einmal überlegen, eine Woche, zwei oder vier Wochen, ich solle mit der Familie noch einmal beraten. Er gibt mir seine Direktnummer und seine Privatnummer, er hat mir aufgeschrieben, wo er am Wochenende zu erreichen ist. Was ist denn jetzt los? Ich stecke den kleinen Zettel ein, den er wiederum aus der Hosentasche gezogen hat.
Wir stehen an der Tür, geben uns die Hand. Ich gehe. Er ruft noch einmal zurück, steht dicht vor mir, daß ich seinen Atem riechen kann und sagt mit dringlicher, leiser Stimme: "Werden Sie mich anrufen? In jedem Fall?"
"Das werde ich sicher nicht tun. Nur wenn ich es mir anders überlegen sollte", sage ich. Ich stürze durch das Vorzimmer. Auf dem Gang zur Treppe bin ich allein. Es heult nur so aus mir heraus. Zu Hause erzähle ich Ottilie und Jurek, der zu Besuch ist, den Hergang des Gesprächs.
Am Abend um sechs steht ein nervöses Fräulein draußen, das mir nicht in die Augen blickt. Sie ist eine der beiden aus Zimmer 3 im Pankower Rathaus: "Ich komme, um Ihnen zu sagen, daß der Leiter unserer Abteilung plötzlich erkrankt ist, der Termin morgen muß deshalb ausfallen." Die kleine Frau tut mir leid. Ich versuche freundlich zu sein, wünsche ohne Ironie gute Besserung, damit wir den Termin bald nachholen können.
Ottilie ist erstaunlich gefaßt, sie sitzt auf den Steinen der Terrasse und wundert sich offenbar über nichts. Sie ist mit der Geschichte fertig. Ich finde sie unglaublich tapfer.
Jurek und ich halten es neuerdings so, daß wir bei taktischen Gesprächen durch den Garten gehen. Uns ist klar, daß mit der Erkrankung des Pankower Leiters ein langer Nervenkrieg beginnt. Wir müssen etwas tun. Wir schreiben zum ersten und letzten Mal gemeinsam, der Oscar-nominierte Schriftsteller Becker und ich, einen Brief, der schon deshalb eine Rarität ist: _____" Sehr geehrter Herr Minister Hoffmann! Nach unserem " _____" heutigen Gespräch ist mir um 18.00 Uhr mitgeteilt worden, " _____" daß der Leiter der Abteilung Inneres beim Rat des " _____" Stadtbezirks Pankow, der mich für morgen 11.00 Uhr in " _____" sein Büro bestellt hatte, um mir eine Antwort auf meinen " _____" Antrag zu geben, plötzlich erkrankt sei. Dabei hätte mir " _____" gewiß auch sein Stellvertreter diese Antwort geben " _____" können. Sollte die Absage des Termins auf eine Initiative " _____" von Ihnen zurückzuführen sein, weil Sie in unserem " _____" freundlichen Gespräch eine Revidierung meines Standpunkts " _____" gesehen haben könnten, so bin ich mißverstanden worden. " _____" Mein Entschluß ist unumstößlich, und ich werde mich " _____" weiterhin mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln " _____" bemühen, ihn zu realisieren. Ich bitte Sie, diesen " _____" nervenaufreibenden Zustand zu beenden, denn sein " _____" Fortdauern bedeutet keinerlei Klärung und würde mich " _____" zwingen, meinen Antrag an anderer Stelle zu wiederholen. " _____" Hochachtungsvoll! "
Wenn man mich fragen würde, an welcher Stelle, so würde ich antworten: beim Staatsrat, wo denn sonst.
6. Mai 1977, Freitag. Auf dem Tisch liegt ein Brief von Ottilie: _____" Mein Lieber, um 18.00 Uhr hat das Büro Lamberz " _____" angerufen. Die Sekretärin Krause hat die Nummer 4396757 " _____" durchgegeben. Sie erwartet Deinen Anruf bis 22.00 Uhr. " _____" Danach rief sie noch zweimal an. Du sollst Dich morgen " _____" früh melden, sonst tut sie es. Gute Nacht, Deine Ottilie. "
Mit einem Pappstreifen blockiere ich die Telefonglocke, schließe die Gartentore ab, trenne den Draht der Türklingel vom Transformator. Ottilie kommt die Treppen runter, sie sieht zum Erbarmen aus. "Was ist mit dir?" frage ich. Sie sagt: "Mein Vater und seine Frau waren hier."
Das muß furchtbar für sie gewesen sein. Ottilies Vater ist Genosse seit Gründung der Partei, ein "guter" Genosse. Ich kenne keinen, der unerschütterlicher und gläubiger der Partei anhängt als er, ein ehrfurchtgebietender Mann, Kunsthistoriker, ein Mann von hoher Bildung und Herzensgüte. Er hat seiner Tochter angekündigt, daß er mich morgen besuchen wird. Ich fürchte mich vor seinem brechenden Blick und davor, daß er mir sagen wird: "Du kostest mich Jahre meines Lebens."
7. Mai 1977, Samstag. Sonnabend. Was hatten wir früher für Sonnabende.
Um 2.00 Uhr mittags habe ich die Sekretärin Krause noch immer nicht angerufen. Es ist wie im Italo-Western, wenn der Mann in der flirrenden Sonne steht, du hörst nur die Grillen, siehst die Hutkrempe am oberen, das Kinn am unteren Bildrand, jemand patscht nach einer Fliege, und Morricone läßt das Totenlied auf der Mundharmonika spielen. Es dauert ewig, bis was passiert, der Schweiß bricht dir aus.
Ich schreibe: _____" Liebe Schwiegereltern! Ein weiteres Gespräch mit mir " _____" über die Ausreisefrage ist überflüssig. Deshalb möchte " _____" ich in dieser Sache nicht mehr besucht werden. Der " _____" Vorwurf, meine Reaktion sei nichts anderes als " _____" Beleidigtsein, ich hätte nur private Interessen im Sinn, " _____" trifft mich nicht. Ihr wißt, liebe Schwiegereltern, daß " _____" Ihr uns immer und überall willkommen seid, solange es um " _____" etwas anderes als die Ausreise geht. In aufrichtiger " _____" Liebe - Manfred. "
Ottilie findet den Brief in Ordnung, sie erklärt sich bereit, ihn nach Weißensee zu ihrem Vater zu bringen, ihn durch den Briefschlitz zu werfen und wieder zu verschwinden. Als sie das Tor aufschließt, um loszufahren, stehen ihr Vater und Lottchen, seine Frau, vor dem Haus. Ich bitte die Schwiegereltern herein. Ich fühle mich zerschlagen.
Die Kreisleitung der Partei in Berlin-Weißensee hat meinen Schwiegervater, den guten Genossen, aufgesucht und ihn angehalten, mir den Kopf geradezurücken.
Was sie jetzt mit mir machen, werden sie später das Ringen um Manfred Krug nennen. Sie haben um Biermann gerungen, um Brasch gerungen, um Nina Hagen gerungen, jetzt ringen sie gerade wieder mit mir. Die ganze Partei eine Ringer-Riege.
Während der folgenden zwei von allen als heroisch erlebten Stunden wird weitergekämpft, reihum, mit wechselndem Erfolg. Gegen Wutausbrüche, Schreikrämpfe und mit den Tränen wird gerungen. Das Gespräch besteht aus Versatzstücken vergangener Gespräche. Nach zwei Stunden brechen wir ab, sie begreifen, es ist vorbei mit mir.
Wir essen Kotelett mit Salzkartoffeln und Tomatensalat. Dann gehen diese beiden herzensguten Genossen, die so grausam sind, ihrer Tochter schon jetzt zu versichern, daß eine Rentnerreise in den Westen für sie niemals in Frage kommen wird, zur Kreisleitung der Partei und erstatten ihren traurigen Bericht.
9. Mai 1977, Montag. Um 15.00 Uhr bei Lamberz. Die Halle des ZK-Gebäudes ist kahl und gewaltig, düsterer Marmor an den Wänden, links der Fahrstuhl, in der Mitte eine die ganze Wand einnehmende Treppe, die zu einer Reihe eloxalgerahmter Glastüren führt, rechts der lautlose Paternoster. Große Büsten, Marx und Engels darstellend, sind der einzige Schmuck. Ich fahre in den 2. Stock und mache mich auf die Suche nach Zimmer 2309.
Schon die vier harten Schläge, die ich mit dem Knöchel an die Tür haue, sollen etwas von meiner Entschlossenheit zeigen. Frau Krause führt mich wieder in das kleine Wartezimmer, wo ich diesmal nur fünf Minuten ausharren muß. Dann stehe ich Lamberz gegenüber, der mir die Hand gibt und sagt: "Komm rein."
Er ist ein gutaussehender Mann in den sogenannten besten Jahren, grau-blaue Hose, helles Hemd mit grau-blauem Schlips. Wenn man sich Rudolf Prack mit blauen Augen, randloser Brille und im Alter von 45 Jahren vorstellt, aus dem Gesicht das Gutmütige entfernt, ohne es mit zuviel Gewitztheit aufzufüllen, dann hat man ungefähr den äußeren Eindruck von Lamberz.
In seinem angstlösenden rheinischen Anklang sagt er: "Kaffee? Tee? Cognac?" Ich entscheide mich für Cognac, um den leichten Alkoholspiegel, den ich mir auf der Herfahrt aus dem Flachmann reingeholfen hatte, nicht ganz absinken zu lassen. Es ist eine Schande.
Nach langem Hin und Her sagt Lamberz: "Tausende von Ausreiseanträgen werden zurückgezogen. Da redet kein Mensch drüber. Du wirst deinen auch zurückziehen."
Ich: "Nein, das werde ich nicht tun. Ich habe Angst vor dem
Lamberz: "Du solltest Angst vor dem Leben haben, das da drüben auf dich zukäme. Nein, ich werde dich schützen, ich werde bis zum Letzten um Manfred Krug kämpfen."
Ich: "Heißt das, daß du mich mit Gewalt zu meinem Glück zwingen willst?"
Lamberz: "Ja. Manch einen muß man zu seinem Glück zwingen."
Ich sitze vor diesem Mann, den dritten großen "Auslese" im Magen, und werde mir darüber klar, was Macht ist. Der hat mich in der Hand. Ich muß mich beherrschen wie eine Geisel, die ihrem Gegenüber abwechselnd in die Augen und in den Pistolenlauf sieht.
Er trinkt, ich trinke. Der Mann hat eine bessere Kondition als ich, das Gespräch hat mehrmals denselben Lauf genommen. Lamberz ist abwesend. Er sieht aus, als kramte er in seinem Bauchladen. Wir kommen wieder an die Stelle, wo ich sage: "Laß mich gehen."
Plötzlich sagt er: "Kuba. Wir könnten eine Weile irgendeine Arbeit in Kuba für dich ermöglichen."
"Was soll ich in Kuba machen?" sage ich.
Er sagt: "Oder Mosambik."
O Gott, ich weiß den Teufel, was in Mosambik los ist.
Er sagt: "Du gehörst in das sozialistische Lager und nicht zu denen da drüben. Das war jetzt ins unreine gesprochen, das mit Kuba. Ich kann sowieso nicht entscheiden, was mit deinem Antrag wird. Das machen andere Leute. Aber wenn ich gefragt werde, wenn man mich fragt, werde ich sagen: Um Manfred Krug wird gekämpft bis zum Letzten."
Diese Worte, die sich anhören, als ginge es um Stalingrad, scheinen mir die trostlosesten Worte zu sein, die ich bis dahin gehört habe.
Sein Telefon klingelt. Ich stehe nach vier Stunden auf. Die Hosen kleben mir am Hinterteil. 20 Zigarettenstummel liegen im Aschbecher, Lamberz ist Nichtraucher. Wir verabschieden uns. Im Vorzimmer haben sich Leute angesammelt. Der Fahrstuhl nebenan wird für mich aufgeschlossen. Auf dem ZK-Parkplatz halten einige Genossen mit Wagenaufschließen inne und verfolgen mich mit teils belustigten, teils ungläubigen Blicken. Ich steige in meinen Diesel und weiß ungefähr, was sie einander zuflüstern. Ich fahre nach Hause, leicht betrunken vom Cognac, benommen von all den Worten.
11. Mai 1977, Mittwoch. Ich war lange nicht im Garten, weil ich ihn nicht mehr sehen mag. Aber Ottilie holt ihn in die Wohnung. Wo ich hinsehe, stehen Fliedervasen. Die Zeit, da der Garten geschont wurde, ist vorbei.
Die Frau ist durch den ganzen Scheiß durch. Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin. Jahrelanges Jammern habe ich erwartet, Vorwürfe, daß wir leichtfertig ein sicheres Leben weggeworfen hätten.
15. Mai 1977, Sonntag. Minchen Müller-Stahl, sein Bruder Hagen aus dem Westen, Jurek und ich sitzen und trinken Tee. Minchen steht gewohnheitsmäßig auf, geht in den Wintergarten, wo die Schreibmaschine steht. Sie ist leer. Auf seinen fragenden Blick sage ich: "Nix mehr. Ich hab'' aufgehört zu schreiben." In Wahrheit möchte ich ihm meine letzten Bemerkungen über das Hinschwinden unserer Freundschaft ersparen.
Der Zorn, der unsere früheren Gespräche gewürzt und gestrafft hatte, scheint einer gewissen Fahrigkeit zu weichen. Müller-Stahl kriegt keinen Satz zu Ende, wirkt irgendwie somnambul, wie einer, der ins Zimmer kommt und vergessen hat, was er holen wollte.
Durch beharrliches Nachfragen kommen zeitweise Konturen in seine Rede. Es zeichnet sich der Vorwurf ab, ich könne nur denen ein Freund sein, die aus gleichen Erfahrungen auch gleiche Konsequenzen zu ziehen bereit sind.
Jurek pirscht sich an den Vorschlag heran, Müller-Stahl aus unserem Trio der Beleidigten zu entlassen. Bruder Hagen bestärkt nach Kräften. Man könne einem solchen Entschluß nicht bloß deshalb die Tat folgen lassen, weil man sie angekündigt habe oder weil man sich irgendwem verpflichtet fühle. Drüben seien die Bandagen hart und die Zukunft ungewiß. Ich sehe Jurek einsichtig nicken und nicke mit.
Am Ende frage ich Hagen Müller-Stahl, ob und unter welchen Umständen er in die DDR kommen würde. Das sei, sagt er, eine ganz andere Frage. Wohl wahr.
20. Mai 1977, Freitag. Fünf vor drei klopfe ich an die Tür.
Lamberz hat einen vornehmen Anzug an, wir setzen uns auf dieselben Stühle. Lamberz: "Wie immer Cognac?" Ich: "Nein, bitte Wasser." Lamberz: "Wie steht es mit dir?" Ich: "An meinem Entschluß hat sich nichts geändert." Das Gespräch wird nur knapp zwei Stunden dauern. Ich kenne es schon.
Eine Frage überrascht mich allerdings.
Lamberz: "Stimmt es, daß du einen Tonbandmitschnitt von dem Gespräch am 20. November in deinem Haus angefertigt haben sollst?" Ich kriege einen fürchterlichen Schrecken. Wie er auf diese Frage kommt, kann ich mir nicht erklären. Ich sage: "Um Gottes willen! Nein."
Ich habe Sehnsucht nach einem letzten Wort, nach Frieden. Ich sitze da und wage nicht, den Seufzer der Erleichterung hören zu lassen.
Lamberz: "Ich ziehe mein Veto zurück." Nach einer langen Pause: "Ich werde den Innenminister anrufen. Auf Wiedersehen, Manfred."
"Auf Wiedersehen, Werner."
Auszug aus einem Bericht der Staatssicherheit betreffend den Operativen Vorgang "Oldtimer" (Manfred Krug). Als "Quellen" sind genannt: "IMV Salmann und Ehefrau, zuverlässig, überprüft" (das ist der Schöpfer der Kleinplastik "Kreuzschraubenzieher", siehe Teil I, SPIEGEL 12/1996, Seite 86). _____" Sonntag, den 19. 6. 1977: Der IMV und seine Ehefrau " _____" begannen unter kräftiger Mithilfe von Jurek Becker die " _____" Abschlußfeier für den Abend vorzubereiten. Zu diesem " _____" Zwecke wurden die angefertigten kalten Platten aus dem " _____" Restaurant "Stockinger" Schönhauser Allee von Jurek " _____" Becker und der Ehefrau des IMV abgeholt und die " _____" alkoholischen Getränke eingekauft (25 Flaschen Wodka, 60 " _____" Flaschen Sekt). Krug hielt keine Abschiedsrede und " _____" verabschiedete sich nicht einmal von jeder Person und war " _____" peinlichst bemüht, daß die ganze Feier in aller Ruhe und " _____" aller Stille abläuft. Er trank sehr viel und verließ mit " _____" als letzter die Feier gegen 04.00 Uhr. Er hatte kein Wort " _____" des Dankes und keinerlei andere Bemerkungen durchblicken " _____" lassen, die gegenüber dem IMV und seiner Ehefrau für ihre " _____" Bemühungen angebracht gewesen wären, sondern hat das als " _____" "selbstverständlichen Freundschaftsdienst" angesehen. " *HINWEIS:
ENDE
* In Biermanns Wohnung mit dessen Mutter Emma, die aus Hamburg zu Besuch gekommen war. y 1996, Econ Verlag GmbH, Düsseldorf. Der ungekürzte Text erscheint in dieser Woche als Buch unter dem Titel "Abgehauen. Ein Mitschnitt und ein Tagebuch". 264 Seiten; 36 Mark. * 1959 in dem Film "Fünf Patronenhülsen". ** Unter dem Titel "Der Winter unsres Mißvergnügens. Aus den Aufzeichnungen des OV Diversant" erscheint Anfang April in der Reihe btb des Goldmann Verlags auch ein Buch von Stefan Heym, das die Biermann-Ausbürgerung und die Zeit danach zum Thema hat. * Links: auf dem Ost-Berliner Buchbasar am 1. Mai 1977; rechts: bei der Ausstellung "Bücher der BRD" am 20. Oktober 1988.

DER SPIEGEL 13/1996
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