25.03.1996

Politisches BuchKönig des Konjunktivs

Da sitzt er nun, der maßlos ehrgeizige Oskar Specht, mutterseelenallein an einer Tischreihe im Saal, von allen gemieden. Keine zehn Meter entfernt, erhöht auf dem Podium, thront der Bundeskanzler und würdigt den Parteifeind keines Blickes.
Plötzlich stürzen sich Kameraleute und Rundfunkreporter auf den Einsamen. Oskar Specht ist bei der Wiederwahl ins CDU-Präsidium spektakulär gescheitert. Der Anfang vom Ende eines Karrieristen, der in der entscheidenden Stunde als Herausforderer des Kanzlers versagt hat.
Die Schlüsselszene eines - in dieser Woche erscheinenden - politischen Romans über Innenleben und Binnenklima in einer Schaltzentrale demokratischer Macht ist leicht aufzulösen. Der virtuelle Oskar Specht heißt in Wirklichkeit Lothar Späth. Und der einzige Gefährte, der sich seinerzeit, 1989 beim Bremer CDU-Parteitag, zu ihm setzte, die ** Manfred Zach: "Monrepos oder Die Kälte der _(Macht". Klöpfer & Meyer Verlag, ) _(Tübingen; 496 Seiten; 49,80 Mark. ) _(* Auf dem CDU-Parteitag in Bremen ) _(1989. )
Romanfigur Bernhard Gundelach, war sein Regierungssprecher Manfred Zach.
Autor Zach, 48, hat nun den Insider-Roman über jene Ära Baden-Württembergs geschrieben, als dessen CDU-Ministerpräsidenten noch weit über die "enge Puppenstubenheimat" (Zach) hinauszuwirken versuchten. Zwei von ihnen waren Zachs Dienstherren: Späth, der quirlige Weltreisende mit dem Kometenschweif willfähriger Unternehmer und Künstler; und dessen Vorgänger Hans Karl Filbinger, im Roman der erzkonservative Polit-Apostel Rudolf Breisinger, der gern mehr geworden wäre als lediglich stellvertretender Bundesvorsitzender seiner Partei.
Dreh- und Angelpunkt ihres ausgreifenden Wirkens ist das - titelgebende - Schloß "Monrepos", leicht erkennbar als die Stuttgarter Villa Reitzenstein. In dem Machtgehäuse der südwestdeutschen Ministerpräsidenten schreibt der junge Assessor und spätere Spitzenbeamte Zach 16 Jahre lang Reden, Bücher und getürkte Leserbriefe zum Ruhme der Schloßherren. Die vielen Jahre "machen kalt, ungeheuer kalt", erschrickt gelegentlich der Propaganda-Spezialist, der ganz zu Anfang Politik noch für "eine Kunstgattung" gehalten hatte**.
Kalt wird die Politik in Wahlzeiten mal der "Trachtenseligkeit" engmaschig geplanter Heimatfeste (mit mild lächelndem Landesvater) unterworfen, mal dem "stupiden, dröhnenden Hammerschlag" auf den "Amboß der Parteidemagogie".
Selbst der heimische Fasching wird ins Timing einbezogen, so daß die empörte Reaktion der SPD auf eine "Schmutzkampagne" und eine "beispiellos polemische Rede" des Ministerpräsidenten im närrischen Treiben verpufft - wie von den Angreifern ausgeheckt: "Nun lachte das Volk darüber."
Gemeint ist Filbingers "Freiheit statt Sozialismus"-Kampagne, eine "Mobilmachung des Wahns", wie Wahlkampf-Neuling Zach vor knapp zwei Jahrzehnten schnell begriff.
Haushoch ist die Regierungspartei jedesmal der Opposition überlegen, zumal sich der Gegenkandidat mit ungeschickt feinsinnigen Argumenten Blößen gibt. Meppens heißt der Mann - klar: Erhard Eppler.
Specht/Späth hat auch wenig Mühe, Breisinger/Filbinger zu stürzen. Nach den in Zeit und SPIEGEL veröffentlichten Vorwürfen des Dramatikers Rolf Hochhuth, Filbinger habe als Marinestabsrichter noch kurz vor Kriegsende an einem Todesurteil mitgewirkt und selbst noch nach Kriegsende NS-Gesetze angewandt, drohte der Ministerpräsident mit dem Gericht. Als herauskam, daß er an weiteren Todesurteilen beteiligt war, ließ die Partei ihn fallen.
In Zachs Deutung: Nach dem Empfang "eines empörten Briefes an Breisinger", verfaßt von einem seiner Vorgänger, habe der Angegriffene den Fehler gemacht, Hochhuths Vorwurf vom politischen aufs juristische Gleis zu schieben. Doch das mußte er wohl, denn der auf Klärung drängende Briefschreiber war erkennbar Ex-Ministerpräsident Gebhard Müller, nach Abschied aus der Politik Präsident des Bundesverfassungsgerichts.
Die Arbeit an der Seite Späths wird für Gundelach alias Zach zur Suchtkarriere. Der Intimus des "nervösen, hyperaktiven Typus" verfällt dem Rausch eines immerwährenden Aktionismus. Freunde wenden sich ab, das Familienleben gerät daneben. Die Politik frißt ihren Diener auf; über nichts anderes mehr kann er, zwanghaft, nachdenken und reden.
Den Dienstherrn Specht/Späth, Blitzaufsteiger aus schlichtem Stand, treibt die "Jagd nach Selbstbestätigung" um die Welt. Die Mitarbeiter werden gelegentlich "nackt und brutal" gedeckelt, mit Wutausbrüchen offenbar "komplexhaften Ursprungs" (Zach). Um seine immer neuen Einfälle zu bündeln - "tausend Ideen, aber keine Übersicht" -, binden ihn seine Leute in hochkarätig besetzte Symposien über Ökonomie, Ökologie und Technologie ein.
Der Überflieger stilisiert sich zum Tatmenschen und beginnt, mit einem Buch, verfaßt vom Ghostwriter, und modischen Thesen von einer postindustriellen "Versöhnungsgesellschaft" Konfrontationskurs zur "konzeptionellen Einfallslosigkeit" in Bonn zu steuern. Die Parole Spechts/Späths: Alles das propagieren, "was die Bundesregierung machten müßte und nicht macht".
Das könne, wendet Gundelach ein, als Kritik an Kohl gedeutet werden. "Das ist mir wurscht", sagt Specht, der neue "König des Konjunktivs" (Zach).
Der Mitwisser und Mittäter Zach hat es vorgezogen, die oft protokollartig geschilderten Interna zu verbrämen, manche auch leicht abzuwandeln. Die Namen sind kenntlich verfremdet. Die Indiskretion kommt im literarischen Gewand eines behäbigen schwäbischen Bildungsromans daher. Bisweilen tut Zach des Guten zuviel, verliert sich in ermüdenden Einzelheiten und raschelt mit der Kanzleisprache seines Gewerbes.
Doch plastisch beschreibt er eine "kleinbürgerliche Elite der Bundesrepublik", die "sich Gelassenheit, Großzügigkeit und Vornehmheit nicht leisten", sondern ihr Überleben nur "durch das Belohnen von Loyalität und das Bestrafen von abweichendem Verhalten" sichern kann - so die Erkenntnis eines anderen Augenzeugen: des früheren hessischen CDU-Staatssekretärs Alexander Gauland, der Walter Wallmann diente.
Der Zufall will es, daß sich Gauland derzeit selber gegen den Vorwurf dienstlicher Pression wehren muß, der sich aus dem neuen Roman von Martin Walser ("Finks Krieg") ergibt. Ein CDU-Staatssekretär verfolgt da in der hessischen Staatskanzlei einen SPD-Beamten und veranlaßt dessen Versetzung.
Auch den Politiker Späth, der sich mißliebig gewordener Helfer kalt entledigte, ereilt schließlich das Schicksal des Abweichlers. Der SPIEGEL hatte in ihm schon "eine Zukunft ohne Kohl" gesehen. Selbst die Moskauer Literaturnaja gaseta begrüßte Späth 1988, vor einem Zweistunden-Gespräch mit Kreml-Chef Michail Gorbatschow, als mutmaßlich "künftigen Kanzler" - "die Sternstunde im Leben des Oskar Specht", so Zach.
Der Rest war graue Wirklichkeit für Lothar Späth. In der entscheidenden Sitzung des CDU-Präsidiums, als alle auf seine Gegenkandidatur warteten, kniff er vor der Kanzlermacht. "Man stürzt keinen CDU-Kanzler", hatte einer seiner Wirtschaftsfreunde Oskar Specht ermahnt. So stürzte er selber.
Als seine privaten Einladungen durch befreundete Industrielle zu Segeltörns und Asienreisen aufflogen, trat er entnervt zurück. Von all den hektischen Mühen im "weltpolitischen Schweinsgalopp", so Zach, blieb nur der "Staub, den sie aufwirbelten". Y
Die Jagd nach Selbstbestätigung treibt ihn um die Welt
** Manfred Zach: "Monrepos oder Die Kälte der Macht". Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen; 496 Seiten; 49,80 Mark. * Auf dem CDU-Parteitag in Bremen 1989.

DER SPIEGEL 13/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Politisches Buch:
König des Konjunktivs

Video 00:42

88-Meter-Segeljacht Auf der Überholspur

  • Video "Meinungen zur Super League: Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen" Video 03:10
    Meinungen zur "Super League": "Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen"
  • Video "Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen" Video 04:51
    Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen
  • Video "Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee" Video 00:45
    Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee
  • Video "Schrecksekunde in der Ligue 1: Ball trifft Kameramann am Kopf" Video 01:04
    Schrecksekunde in der Ligue 1: Ball trifft Kameramann am Kopf
  • Video "Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron" Video 00:44
    Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron
  • Video "Nationalpark in Indien: Tiger verfolgt Touristenjeep" Video 00:46
    Nationalpark in Indien: Tiger verfolgt Touristenjeep
  • Video "Amateurvideo aus China: Schwimmt da ein Haus?" Video 00:37
    Amateurvideo aus China: Schwimmt da ein Haus?
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Es wird noch viel schlimmer werden" Video 01:58
    Waldbrände in Kalifornien: "Es wird noch viel schlimmer werden"
  • Video "Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien" Video 00:54
    Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Gleichstellung haben wir trotzdem nicht" Video 02:06
    100 Jahre Frauenwahlrecht: "Gleichstellung haben wir trotzdem nicht"
  • Video "Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert" Video 01:24
    Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert
  • Video "Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker" Video 01:03
    Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker
  • Video "Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette" Video 01:18
    Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette
  • Video "Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe" Video 02:10
    Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe
  • Video "88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur" Video 00:42
    88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur