25.03.1996

AstronomieKäfer in der Nacht

Der Komet Hyakutake wurde von einem Amateurastronomen entdeckt - die Profis haben keine Zeit für die Jagd nach den Schweifsternen.
In Europa schmolzen gerade die letzten Gletscher weg, als der Trumm aus den Tiefen des Alls auftauchte. Wie eine lodernde Fackel zog er über den Himmel. Zitternd vor Angst flohen die Steinzeitmenschen in ihre Höhlen.
Nach 20 000 Jahren ist der Schweifstern, der auf einer extrem langgezogenen Bahn um die Sonne kreist, jetzt zurückgekehrt. Anfang dieser Woche rast der Komet "Hyakutake" wieder an der Erde vorbei: ein Geschoß von der Größe des Mount Everest, hundertmal schneller als eine Revolverkugel. Der Komet kommt dabei noch dreimal dichter heran als der Nachbarplanet Venus.
Dann stürzt die Kugel aus Eis und Staub auf das Zentralgestirn zu. Je weiter sich der schmutzige Riesenschneeball der Sonnenglut nähert, desto mehr taut er auf. Von seiner Oberfläche verdampfen gewaltige Mengen Gas und Staub und werden vom Sonnenlicht beschienen - auf diese Weise wächst aus dem Hinterteil der Frostkugel ein bis zu hundert Millionen Kilometer langer leuchtender Schweif heraus.
In einigen Wochen wird der Komet Hyakutake so dicht am Zentralgestirn vorbeifliegen, daß er seine Strahlkraft noch einmal gewaltig steigert. Der Kometenforscher Richard West von der Europäischen Südsternwarte glaubt, daß er sich "zu einem der interessantesten Himmelsobjekte des Jahrhunderts entwickelt". Mit dem Hubble-Weltraumteleskop hoffen die Astronomen sogar seinen kartoffelförmigen Kern zu beobachten und Einzelheiten seiner chemischen Zusammensetzung herauszufinden.
Der Komet ist so außergewöhnlich hell, daß er sogar mit bloßem Auge am Himmel zu erkennen ist - als vollmondgroßer, wolkenähnlicher Klecks (siehe Grafik). Seit 20 Jahren hat es das nicht mehr gegeben. Neben den Berufsastronomen richten deshalb Tausende von Hobby-Sternguckern auf der ganzen Welt ihre kleinen Kaufhaus-Teleskope auf die prachtvolle Erscheinung.
Ein Amateur war es auch, der den Ausnahme-Kometen als erster ausmachte. Jenseits des Planeten Mars entdeckte ihn vor zwei Monaten der japanische Hobby-Astronom Yuji Hyakutake, 45. Bis dahin hatte niemand etwas von der Existenz des Schweifsterns gewußt, der gleichwohl ein ähnliches Schwergewicht darstellt wie der berühmte Halleysche.
Die Amateure kommen den Profis häufig zuvor. Auch den Kometen Hale-Bopp, der im nächsten Jahr die Erdbahn kreuzen wird, haben zuerst zwei amerikanische Hobby-Astronomen gesichtet. Bis zu 20, fast immer nur im Fernrohr sichtbare Schweifsterne werden jedes Jahr entdeckt - jeder zweite von einem Amateur. "Die Suche nach Kometen ist unsere Stärke", erklärt Jost Jahn von der Vereinigung der Sternfreunde, dem Verband der deutschen Amateurastronomen.
Kometenjagd gilt als zähes Geduldsspiel. Nächtelang starren die Freizeit-Astronomen gen Himmel, kritzeln Stern-konstellationen aufs Papier, vergleichen diese mit bekannten Karten, suchen weiter. "Es gibt nur ein einziges Rezept", empfiehlt VdS-Sprecher Jahn: "Beobachten, beobachten, beobachten." Im Schnitt muß ein Amateurastronom 1000 Stunden absitzen, bis er einen Schweifstern gefunden hat.
Seit Kriegsende ist das allerdings in Deutschland keinem mehr gelungen. Mehr Glück haben die Amerikaner, als besonders erfolgreich gelten die Japaner. Jahn: "Die sind am fleißigsten."
Per Fax oder Internet melden die Amateure ihre mutmaßlichen Entdeckungen an den US-Astronomen Brian Marsden in Cambridge. Marsden leitet das "Zentralbüro für Astronomische Telegramme", in dem Himmelserscheinungen aller Art aufgezeichnet werden. Von astronomischen Instituten läßt Marsden die Amateur-Meldungen überprüfen; jede fünfte ist ein Treffer. Der Finderlohn: Jeder neu registrierte Komet wird - wie im Fall des Hyakutake - nach seinem Entdecker benannt. Bereits 800 Kometen sind in Cambridge katalogisiert.
Berufsastronomen beteiligen sich in der Regel nicht an der Kometenjagd. Mit ihren haushohen Spiegelteleskopen dringen die Profis lieber in weit entfernte Regionen des Kosmos vor. Für die Erforschung von Milchstraßen, interstellaren Gaswolken oder Quasaren müssen sie immer kleinere Ausschnitte des Himmels wählen. Nur durch Zufall verfängt sich ab und zu ein unbekannter Komet in ihrem Beobachtungsnetz.
"Niemand betreibt derzeit die systematische Überwachung des gesamten Himmels", kritisiert Constanze la Dous, Leiterin der Sternwarte Sonneberg in Thüringen. Doch in den nächsten Jahren will die Astronomin Batterien kleiner Teleskope aufstellen, die vollautomatisch den gesamten Himmel aufnehmen werden.
Im Rahmen dieses Aspa-Programms ("All-Sky Patrol Astrophysics") sollen jede Nacht rund 100 Millionen Himmelsobjekte erfaßt und von Supercomputern in der Sternwarte Sonneberg ausgewertet werden. La Dous: "Wir wollen im großen Stil Käfer sammeln."
Gäbe es die elektronischen Himmelsspürer bereits, hätte Yuji Hyakutake kaum eine Chance gehabt. Der Hobby-Astronom, seit seinem 15. Lebensjahr ein begeisterter Sternengucker, kann sein Glück noch immer nicht fassen.
In der Nacht zum 31. Januar wollte er nur jenen kleineren Kometen fotografieren, den er bereits einen Monat zuvor entdeckt hatte. Doch ständig zogen Wolken über den Himmel. Um vier Uhr nachts packte er frustriert die Kamera ins Auto.
Noch einmal warf er einen Blick durch sein Teleskop. Da erspähte der Kometenjäger seine Beute - einen milchigweißen Flackerfleck, zu diesem Zeitpunkt noch hundertmal zu lichtschwach für das menschliche Auge. Hyakutake: "Der erste Komet hat mich freundlicherweise zu dem zweiten geführt."
Für kurze Zeit lenkte ihn die himmlische Entdeckung von seinen irdischen Sorgen ab. Der gelernte Fototechniker ist arbeitslos und mit Frau und zwei Kindern bei den Schwiegereltern untergeschlüpft.
Am liebsten würde er als Astronom arbeiten. "Aber für so einen wie mich gibt es keine passende Stelle", bedauert Hyakutake und fragt: "Haben Sie nicht einen Job für mich?"
[Grafiktext]
Positionen des Kometen Hyakutake am Nachthimmel 25.-31.3.1996
[GrafiktextEnde]
___* Aufgenommen von der Europäischen Südsternwarte auf dem Berg La Silla in Chile.

DER SPIEGEL 13/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Astronomie:
Käfer in der Nacht

Video 00:48

Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada Darauf ein royales "Pop"

  • Video "Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales Pop" Video 00:48
    Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales "Pop"
  • Video "Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum" Video 00:52
    Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum
  • Video "Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen" Video 01:09
    Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen
  • Video "Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie" Video 03:48
    Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: "Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie"
  • Video "Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei" Video 00:35
    Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei
  • Video "Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn" Video 02:08
    Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: "Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn"
  • Video "Stögers Kampfansage an die Bayern: Niemand gibt sich geschlagen" Video 02:16
    Stögers Kampfansage an die Bayern: "Niemand gibt sich geschlagen"
  • Video "9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden" Video 01:54
    9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: "Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden"
  • Video "Pen Pineapple Apple Pen: Gaga-Video erobert das Internet" Video 01:58
    "Pen Pineapple Apple Pen": Gaga-Video erobert das Internet
  • Video "Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln" Video 03:33
    Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln
  • Video "Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier" Video 01:04
    Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier
  • Video "US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung" Video 00:46
    US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung
  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit
  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt